Ohne Mausi wäre alles anders gekommen. Ohne diese Sommerliebe Anfang der sechziger Jahre in Neapel, wäre Giorgio Carioti heute wohl kaum in Berlin. Und ohne Mausi gäbe es auch das "Quasimodo" nicht, den wohl bekanntesten Berliner Jazzclub an der Charlottenburger Kantstraße. Seit 25 Jahren gehört dem gebürtigen Genuesen der verrauchte Keller mit Noppenfußboden, wo schon Dizzy Gillespie, Miriam Makeba und John Scofield spielten. Zum Jubiläum am 23. Juni hat sich der Clubchef einen besonderen Traum erfüllt: Jazz-Gitarrist Pat Metheny kommt. Zum ersten Mal.Ursprünglich hatte Giorgio Carioti in England studieren wollen. Nur wegen dieser Mausi aus Weißensee, nahm der angehende Wirtschaftsstudent und Jazz-Fan 1961 auf seinem Weg zur Universität den Umweg über Berlin. Und blieb. Zwar wurde das mit Mausi nichts - es gab da einen Verlobten, den sie zu erwähnen vergessen hatte - aber Carioti verliebte sich in die Stadt. "Die Mauer war gerade gebaut und Berlin der Angelpunkt der Welt", erzählt der 60-Jährige. Wirtschaft, so dachte sich Carioti damals, könne er auch an der FU studieren. "Leider kamen mir die Sechziger dazwischen", sagt er, "obwohl ich noch normaler war als manche." Dreizehn Jahre brauchte Carioti, um das Examen zu machen. Er jobbte als Reiseleiter, Hilfsarbeiter und Dolmetscher, demonstrierte ein wenig, diskutierte mit Rudi Dutschke über Sport und landete schließlich als Thekenmann in der Studentenkneipe eines Freundes.Ein bisschen Blues als Beilage"Quartier von Quasimodo" hieß der Keller unter dem Delphi-Kino. Wegen Paris und dem Glöckner-Film mit Anthony Quinn und Gina Lollobridgida. "Der Laden war ein Loch", sagt der Kettenraucher Carioti, der auch in 39 Jahren Berlin seinen Italo-Akzent nie verloren hat. "Da wurde gesoffen und geraucht, Penner und Junkies hingen rum, und als Beilage gab es ein bisschen Blues." Der Freund hatte bald keine Lust mehr auf das Lokal mit der Super-8-Kamera, die Chaplin-Filme an die Wand projizierte. "Also habe ich weitergemacht." Carioti vergraulte die Stammgäste - "Ich hatte einfach keinen Bock, jeden Abend zu saufen" - verkürzte den Namen auf Quasimodo und ließ Jazz, Funk und Blues spielen: "Ich hatte den ersten Club in Berlin, in dem richtig Musik gemacht wurde." Seit der Renovierung 1984 hat sich das "Quasi" nicht mehr verändert. Schlicht, schwarz und stickig ist es, gar nicht schick wie die neuen Clubs in Mitte. "Die Leute sollen wegen der Musik hierher kommen und froh sein, wenn sie etwas zu trinken kriegen", sagt Carioti. In den Osten hat es ihn nie gezogen. Die wenigen Clubs, die dort Jazz und Blues spielten, seien keine Konkurrenz. "Berlin ist groß genug."Trotzdem könne Carioti vom Jazzkeller allein nicht mehr leben. "Die Jazz-Puristen, die mit der Musik groß geworden sind, gibt es kaum noch", sagt er. Die Helden, wie Miles Davis, seien alle tot. "Und was Neues kommt nicht nach." Der Jazz-Impresario lässt jetzt nicht mehr jeden Abend Bands auftreten. Das ist zu teuer. Ab und an vermietet er den Club an Firmen, die Volksbank etwa, für Betriebsfeiern. "Das sind die profitablen Abende." Danach sei auch wieder Geld für teure ausländische Künstler da.Cappuccino im eigenen CaféDie Miete zahlt das Café im Erdgeschoss. Hier trinkt der Chef seinen Cappuccino, wenn er gegen Mittag aufgestanden ist. Reich werde er nicht, sagt er. "Wenn ich das wollte, würde ich was anderes machen. Einen Pub oder so." Aber das will Carioti nicht. Und Mausi aus Weißensee? "Die hat einen ganz anderen geheiratet. Jürgen, den sie mir damals als Verlobten vorstellte, ist jetzt bei der Industrie- und Handelskammer um die Ecke. Ich sehe ihn alle zwei Tage, und wir nicken uns freundlich zu."Mehr über das Quasimodo unter www.quasimodo.deBERLINER ZEITUNG/KARL MITTENZWEI Eine Jazz-Kathedrale im Keller: Wie minimalistisches Chorgestühl sehen die Sitzplätze in Giorgio Cariotis Club "Quasimodo" aus.