Seit 30 Jahren jagt ein Hauptkommissar eine besondere Spezies von Verbrechern: Die Tresorknacker: "Schränker" sind Männer mit Ehrgefühl

Es gibt wohl keinen Tresor in dieser Stadt, von dem Jürgen Salow nicht weiß, wo er steht und wie sicher er ist. Salow ist Experte: Der heute 56jährige Hauptkommissar verfolgt seit 30 Jahren eine besondere Sorte von Räubern. Es ist die Spezies der Geldschrankknacker, in der Branche auch Schränker genannt. Aber auch Salow ist etwas Besonderes. Er ist ein Polizist, der seine Räuber mag. Der, wenn er sie gefaßt hat, auch noch Mitgefühl empfindet. Als Schränker Josef eine Legende in der Branche 1994 mehr als fünf Jahre Haft für "nur vier Dinger bekam", da fand Salow das "viel zu heftig. So viel hat Josef nicht verdient." Josef ist jetzt 47 und hat schon 18 Jahre hinter Gittern gesessen. Salow hat ihn insgesamt dreimal dingfest gemacht. Zur Zeit ist Josef in der Justizvollzugsanstalt Tegel und darf dort in der Schlosserei Geldschränke bauen. Auch im Gerichtssaal per duIm August vergangenen Jahres ist dem Polizisten Salow wieder ein Schlag geglückt. In dieser Woche wird vor dem Berliner Landgericht das Urteil gegen den 45jährigen Schränker Hartmut M. erwartet. Der gelernte Rohrschlosser aus Saalfeld an der Saale soll 14 Tresore in Lebensmittelfilialen ausgeräumt haben. Mit Sauerstoff, Propangas und Schneidbrenner zog er nachts los, um sich die Tageseinnahmen mittels eines "Drei-Loch-Systems" zu holen. "Das ist eine Technik, auf die sich bundesweit kein anderer Schränker versteht", lobt Salow M.s Können. Der Polizist kennt Hartmut M. schon lange und ist auch im Gerichtssaal mit ihm per du. "Das ist ein guter, ein hochspezialisierter Mann." Salow muß es wissen. Er hat selbst einmal den Beruf eines Geldschrankschlossers erlernt. Auch wenn Salow von anderen Schränkern spricht, schwingt Achtung mit. "Diese Männer haben Ehrgefühl. Sie sind sozusagen die Creme unter den Verbrechern." Ein Schränker ist bei seinen nächtlichen Diebeszügen nie bewaffnet und hat noch keinem Menschen Leid zugefügt. Ein Schränker legt Wert auf ein gepflegtes Aussehen und verpfeift keinen anderen Schränker. So hat auch Rohrschlosser Hartmut M. vor dem Richter die ganze Schuld auf sich genommen. Obwohl das eigentlich nicht geht. "Tresorknacker brauchen immer einen, der Schmiere steht", sagt Salow. "Sie sind ja wegen des Lärms beim Schweißen und der dunklen Schweißerbrille vollkommen taub und blind." Hartmut M. nannte nur einmal einen Komplizen beim Namen. Aber dem kann keiner mehr etwas tun. Der ist schon lange tot.Salow sagt, er kenne alle Schränker in der Stadt. Höchstens 20 gebe es in Berlin, von denen derzeit ein gutes Drittel sitzt. Sie alle sind Handwerker von Beruf und ähnlich wie Hartmut M. oft aus Spielleidenschaft auf die schiefe Bahn geraten. Die Szene ändert sich kaum. "Wer raus kommt, macht weiter", sagt Salow. Und werde früher oder später wieder erwischt. "Mir ist noch keiner durch die Lappen gegangen." Einladung zum Bier Es ist wie ein Spiel zwischen Katze und Maus, bei dem den einen oder anderen Täter auch mal der Übermut packt. Einmal ließ sich ein Schränker am Tatort fotografieren: Von hinten, die Hose bis zu den Knien heruntergelassen. Das Foto packte er zum Ärger Salows in den leeren Geldschrank hinein. Es sollte ihm ein Vierteljahr später zum Verhängnis werden. Salow hatte den Hintern bei sämtlichen Vernehmungen vorgezeigt und gefragt, ob man ihn kenne. Ausgerechnet der Ehefrau des Schränkers, in einem anderen Zusammenhang verhört, entfuhr dann ein überraschtes "Aber ja doch, das ist der Hintern meines Mannes". Salow weiß meistens, wer welchen Tresor knackte. Er sieht es an der "Handschrift". Aber es dauert mitunter lange, bis er es dem jeweiligen Einbrecher nachweisen kann. Um Hartmut M. zu schnappen, hat Salow zehn Jahre gebraucht. Einmal, 1991, hatte er ihn fast schon gehabt. In einem Lebensmittelgeschäft war eine Alarmanlage losgegangen, allerdings noch bevor der Knacker am Geldschrank war. Er sei nur pinkeln gewesen, erzählte der Rohrschlosser vor Gericht. Und kam wegen versuchten Diebstahls mit 6 000 Mark Geldstrafe davon. "Lächerlich", so Salow. Daraufhin ließ er in 16 Filialen Wärmemelder installieren, die still die Polizei alarmieren. Ein Vierteljahr später, am 23. August 1998, wurde Hartmut M. samt Beute und Werkzeug gefaßt. Salow fuhr sofort zum Tatort. "Es war mir eine schöne Freude." Ohne Zweifel wird Hartmut M. lange Zeit hinter Gittern verschwinden. Weil Tresore knacken kein Kavaliersdelikt, sondern besonders schwerer Diebstahl ist. Die mutmaßlichen Gehilfen dürften dank M.s Aussage besser wegkommen. Einer wurde bereits aus der Untersuchungshaft entlassen. "Da muß M. das eben alleine ausbaden", sagt Salow. Es klingt ein bißchen traurig. Vielleicht wird er den Rohrschlosser beim ersten Freigang auf ein Bier in die Kneipe einladen. Das macht Salow öfter so mit Leuten, die er mag. Mit Schränker Josef ist er öfters auf ein Bier gegangen.