Wenn Benjamin Blümchen trötet, dann trötet er laut und oft. Kinder finden das super, für Mütter und Väter ist das Gebrüll ungefähr so angenehm, wie nachts barfuß auf einen Legostein zu treten. Und es bedarf großer Mühe, Kinder von ihrem Kassettenrekorder wieder los- zueisen. Als ob sie die Geschichten über den sprechenden Elefanten, Bibi Blocksberg oder Winnetou nicht schon auswendig könnten, folgt auf das Ende der Seite A unweigerlich Seite B. Doch die Kassette an sich kann erst mal nichts dafür. Man sollte es ihr nicht übel nehmen, gerade heute nicht. Denn heute feiert die Kassette ihren 40. Geburtstag. Das erste Mal tauchte sie auf der Internationalen Funkausstellung 1963 auf. Der Elektronik-Hersteller Philips präsentierte den "Taschen-Recorder 3300". Ein Kunststoffkastenrekorder, der aussah wie ein silberner Schuhkarton und 300 Mark kostete. Als "sprechendes Notizbuch" wurde das 1,5 Kilogramm schwere Gerät beworben und mit Mikro, Tragetasche und einer "Compact Cassette" geliefert. Zweimal 30 Minuten Aufnahmekapazität hatte die Kassette zu bieten und blieb bei weitem nicht jenen vorbehalten, die etwas zu notieren hatten. "Die Kassette war eine Sensation: Ein universeller Datenträger, preiswert und kinderleicht zu bedienen. Kein Vergleich mit der Langspielplatte oder den Tonbändern der 40er-Jahre", sagt Josef Hoppe, Leiter der Abteilung Kommunikationstechnik im Technischen Museum Berlin. "Nicht nur durch den tragbaren Rekorder, sondern auch durch das Autoradio mit Kassettendeck, das Anfang der 70er-Jahre auf den Markt kam, hat die Kassette einen unglaublichen Verbreitungsschub erfahren. Ganz zu schweigen von den 80ern, als der Walkman erfunden wurde", sagt Hoppe. Thomas Overdick vom Institut für Volkskunde der Universität Hamburg findet in der Geschichte der Kassette sogar Spuren subversiven Handelns. "Kassetten aufnehmen bedeutete in den 70er-Jahren, nicht mehr die Musik zu hören, die die Eltern hörten. Gerade junge Menschen machten sich die Technik zu Eigen: Endlich konnte man die Lieblingstitel der verschiedenen Langspielplatten aufzeichnen."Die Musik-Lobby war mit dieser Entwicklung nicht zufrieden. Britische Plattenfirmen druckten "Home taping is killing music" (Mix-Kassetten töten die Musik) auf die Plattenhüllen und dazu ein Totenkopfsymbol: Eine Kassette mit zwei gekreuzten Knochen. Aufgenommen wurde trotzdem wie wild. Nicht nur von Platten, sondern auch aus dem Radio. Ärgerlich nur, wenn der Moderator in den Lieblingssong quatschte oder das Signal der Verkehrsdurchsage ertönte und man Informationen über zähflüssigen Verkehr auf der Bundesstraße 12 zwischen Pocking und Passau auf Band hatte. In der Popliteratur wurde der Kassette längst ein Zeichen gesetzt. "Ich mach dir mal ein Tape", lässt Nick Hornby seinen musikverrückten Helden in dem Roman "High Fidelity" sagen. Mixtapes bedeuten bis heute sehr viel mehr als zwei Spulen, die ein dünnes Band mit eisenhaltiger Beschichtung abrollen. "Mixtapes sind wie Briefe, die dem Hörer Botschaften übermitteln: Sympathie, Liebe und Erinnerungen", sagt Overdick. Er widmete dem Mixtape eine Wanderausstellung mit dem Titel "Kassettengeschichten". Darin kommen Liebhaber wie Markus aus Hamburg zu Wort: " Nimmt man eine Kassette auf, sitzt man die ganze Zeit dabei: in Echtzeit. Man hört sich alles an und merkt, wenn ein Lied nervt. Dann spult man zurück und fängt wieder von vorne an. CDs sind viel statischer." Doch nicht nur die Compact Disc der 90er-Jahre machte der Kassette das Leben schwer. Heute kämpft sie gegen mp3-Datei und Mini Disc. "Kassetten gibt es eigentlich nur noch für Hörbücher und -spiele", sagt Josef Hoppe. Von den subversiven Mixtapes einmal abgesehen, ist die Kassette in der Tonträgerfamilie so etwas wie die liebe, aber etwas schwerhörige Oma, die ihren Enkeln Geschichten erzählt. Manchmal allerdings zu laut.Kampf gegen CD und Gameboy verloren // Die erste Kassette wurde 1963 auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin von dem Elektronik-Hersteller Philips präsentiert. Sie wurde als "sprechendes Notizbuch" beworben.Ein Jahr später gab es bereits die ersten Hörspiele auf Kassette. Neben Hörbüchern sind gerade Hörspiele für Kinder die einizige Sparte, in der sich die Kassette bis heute bewährt. Grund dafür ist unter anderem die kinderleichte Bedienung.Das "Autoradio Cassetta" von Philips war der erste Recorder für das Auto. Mit der Erfindung der Autoradios Anfang der 70er-Jahre wurde die Kassette zum Massenmedium. Einen zweiten Verbreitungsschub erfuhr die Kassette in den 80er-Jahren, als der Walkman auf den Markt kam.Zu Beginn der 90er-Jahre wurden jährlich noch rund 30 Millionen Musik- und Märchenkassetten verkauft. Mit der Durchsetzung der CD sank der Marktanteil der Kassette von über 60 Prozent auf fünf Prozent. Bei Kinder-Hörspielkassetten führte vor allem die Entwicklung des Gameboys ab 1991 zu Einbußen.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Ob Flower Power oder AC/DC: Kassetten sind Relikte einer längst vergangenen Zeit.