Du brauchst einen Namen, in dem mindestens zweimal der Buchstabe R vorkommt, haben ihre Kollegen gesagt. Das war 1954, als die ehemalige HO-Verkäuferin und frisch gebackene Radio-Reporterin Maria (genannt Mausi) Lenz das Zungen-R ihrer böhmischen Heimat partout nicht ablegen konnte. Spontan wurde der Name "Karin Rrrohn" gekürt. Er wurde zum Markennamen und die Reporterin des Berliner Rundfunks mit ihm berühmt. So berühmt, dass der mittlerweile privatisierte Sender auf die heute 70-Jährige nicht verzichten will. Seit Eröffnung des Tierparks am 2. Juli 1955 berichtet Karin Rohn regelmäßig von dort, seit Ende 1989 informiert sie auch aus dem Zoo.Früher hieß es jeden Sonntagmorgen "Im Tierpark belauscht". Die Sendung hatte in Ost-Berlin Kultstatus - bei einer Umfrage wurde sie noch 1990 von den Hörern des Berliner Rundfunks zur Lieblingssendung erkoren. "Die Idee für die Sendung stammt vom Prrrofessor", sagt "Karin Rohn", auf deren Wohnungsschild Maria Rückert steht. "Der Professor" ist Heinrich Dathe, der Begründer des Parks in Friedrichsfelde. Genau 1 774 Sonntagsgespräche hat "Karin Rohn" mit dem Tierparkdirektor geführt. Dabei war es nicht so leicht, ein Gespräch zu führen: Denn der Professor redete, und in den kurzen Sprechpausen mühte sich die Reporterin, Fragen anzubringen. Die Hörer störte das nicht: "Einer hat mir geschrieben, ich solle den Professor nicht immer unterbrechen, er sei schließlich der Experte", sagt sie. Für Karin Rohn war jedes Tierparkgespräch eine Überraschung: "Vorher wusste ich nie, zu welchem Tier wir fahren werden." Einmal, bevor sie gemeinsam in den Ü-Wagen stiegen, habe Dathe nur kurz angemerkt, es gebe eine neue Harpyie, und dorthin führen sie. "Mein Gott, habe ich da gedacht, was mag das jetzt wieder für ein Viech sein?" Die Harpyie entpuppte sich als äußerst seltener Greifvogel aus Südamerika, der völlig unerwartet Nachwuchs ausgebrütet hatte. Um sich vor ähnlichen Überraschungen zu schützen, machte die Reporterin "Brehms Tierleben" zu ihrer Standardlektüre. Das Buch steht noch heute in ihrem Bücherregal, man sieht ihm an, dass es viel benutzt wurde. Im Tierpark Friedrichsfelde gibt es mittlerweile kaum eine Kreatur, die Maria Rückert nicht kennt. Die heute Respekt einflößenden Nashörner zum Beispiel lernte sie als speckige Nashorn-Babys kennen. "Und die Mutter von Tutume, unseres im vorigen Jahr geborenen Elefanten, hat der Professor 1987 in Simbabwe gekauft, darüber haben wir damals ausführlich geredet", sagt sie. Das letzte Tierparkgespräch gab es im November 1990, kurz nach Dathes 80. Geburtstag. Dass der international renommierte Wissenschaftler damals von einem subalternen Senatsbeamten lapidar aufgefordert wurde, wegen seines hohen Alters das Amt aufzugeben und die Dienstwohnung zu räumen, macht die Reporterin noch heute zornig. Am 6. Januar 1991 starb Heinrich Dathe. Mehr als 3 000 Menschen kamen zu seiner Beerdigung. Der gebürtige Vogtländer, der sich selbst als Sachsen bezeichnete, hatte mit dem Aufbau des Tierparks die Hochachtung und Liebe der Berliner errungen. "Als mir Dathe im November 1954, bei unserem ersten Interview auf dem Balkon des Friedrichsfelder Schlosses, seine Vision eines weiträumigen Tier- und Landschaftsparks mit Wassergräben, Springbrunnen und blühenden Rhododendronbüschen schilderte, habe ich nur an die Fleischmarken in meiner Tasche gedacht und daran, wie viel noch kaputt war in Berlin", sagt sie. Ein dreiviertel Jahr später wurde der Tierpark eröffnet. In 135 000 freiwilligen Aufbaustunden hatten die Berliner die ersten 60 Hektar errichtet.Mappen voller Fotos liegen im Schrank von Maria Rückert. Die Motive ähneln sich: Pfingstkonzerte, Tierparkfeste, Tierparaden. Und jedesmal sind Professor Dathe und Karin Rohn dabei. Auch beim Festumzug zur 750-Jahr-Feier Berlins, der am 4. Juli 1987 über die Karl-Liebknecht-Straße zog - da saßen sie gemeinsam in einer Kutsche. Der Professor und die blonde Reporterin waren eine Institution. "Wir wussten fast alles voneinander", sagt Maria Rückert: "Wir haben gegenseitig unsere Kinder aufwachsen sehen, er wusste über meine Scheidungen Bescheid, und ich war nach dem Tod seiner Frau eine der ersten, der er erzählte, dass er wieder heiraten will", sagt sie. Es war ein Verhältnis voller Achtung und Respekt. Und voller Distanz: Das Du hat ihr der 19 Jahre Ältere nie angeboten. Heute fährt Maria Rückert nicht mehr mit dem Ü-Wagen, sondern mit dem Fahrrad zu ihren Partnern in Tierpark und Zoo. Gleich drei bis vier Gespräche zeichnet sie an einem Tag auf. "Das Tierparkgespräch mit Karin Rohn" heißt die Sendung, in der dann jeweils sonnabends und sonntags früh in zweieinhalb Minuten über Neuigkeiten aus beiden Berliner Tiergärten berichtet wird. "Ich hänge an unserem Tierpark, aber als wahre Tierfreundin gehe ich auch sehr gern in den Zoo", sagt die Reporterin. Die Haie dort findet sie großartig, und über das Elefantenkälbchen Kiri hat sie schon mehrmals informiert. Nach ihren Sendungen erhält Karin Rohn auch heute Post. "Kürzlich schrieb mir ein Bayer, der jetzt in Brandenburg lebt, er habe den seltenen Wiedehopf, über den wir in einer Zoo-Sendung gesprochen haben, in freier Natur gesehen", sagt sie. Die Tierfreundin konnte lange Jahre auch privat nicht von Tieren lassen: Maria Rückert züchtete australische Gespensterschrecken. "Die Tiere, die wie große Heuschrecken mit Panzer aussehen, haben mich fasziniert", sagt sie. Nur die Ernährung gestaltete sich zu DDR-Zeiten schwierig: Denn die etwa 15 Zentimeter großen Wesen waren wählerisch, sie fraßen ausschließlich Blätter von Erdbeer-, Brombeer- und Schmucklorbeerpflanzen. "Wie oft habe ich da vom Bahndamm Brombeerblätter oder vom Friedhof Lorbeer geklaut, die Leute müssen gedacht haben, ich bin bekloppt", sagt sie. Jetzt, als Rentnerin, hat sie für dieses Hobby keine Zeit mehr: Neben ihrer Arbeit im Tierpark und Zoo schwimmt sie täglich tausend Meter, fährt lange Strecken mit dem Rad oder zeigt Nachbarn und ehemaligen Kollegen "ihre Tiere" in Friedrichsfelde. Und regelmäßig wird sie von Senioren eingeladen, die ihre Geschichten hören wollen. Aber Maria Rückert lebt nicht nur von der Vergangenheit. "Der Park ist unter seiner neuen Führung so großartig geworden, wie ihn sich der Professor immer erträumt hat", sagt sie. Mittlerweile seien Antilopen aus Friedrichsfelde schon nach Afrika gebracht worden. Von einem seltenen Zuchterfolg kündet ein Foto, das sie über ihr Bett gehängt hat: Maria Rückert alias Karin Rohn, gerade 70 geworden, hält einen kleinen fauchenden Schneeleoparden im Arm.