HAMBURG. Im ersten Stock des Flachbaus am Steindamm 103 in Hamburg riecht es nach frischer Farbe und Zigarettenrauch. Handwerker tragen Bohrer und Parkettbretter über die grauen Granitstufen, rauchen und verschwinden hinter schweren Bürotüren. An den meisten Klingelknöpfen stehen zwar noch keine Namen. Dort heißt es nur Wohnung fünf oder Wohnung sieben. Aber ein Blick durch den Türspalt zeigt, hier werden moderne Bürowohnungen gebaut: lichtdurchflutete Zimmer, dunkles Parkett, weiße Wände. Bald sind alle Wohnungen entkernt und bezugsbereit. Dann wird im Steindamm 103 nichts mehr daran erinnern, dass dieses unscheinbare Gebäude eine tragische Geschichte hat.Das Haus in dem Hamburger Stadtteil St. Georg ist bekannt geworden, weil hier vor mehr als zehn Jahren der Terrorist Mohammed Atta gebetet hat. Er war einer der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September und einer der Piloten, die erbarmungslos ein Passagierflugzeug in das World Trade Center in New York lenkten. Hier, in der ehemaligen Al-Quds-Moschee, hatte der Ägypter Atta als Student eine spirituelle Heimat gefunden und Schutz vor der dekadenten westlichen Welt. Hier hat er sich mit seinen Mitverschwörern getroffen. Die Männer teilten sich zwar auch eine Wohnung in Harburg und beteten in der von ihnen gegründeten Islam AG an der Uni Harburg. Doch es war hier, in dem Flachbau am Steindamm, unweit der Sex- und Drogenszene von Hamburg St. Georg, wo Mohammed Atta sein Testament geschrieben haben soll. Auch wenn die Anschläge vom 11. September Tausende Kilometer entfernt in Afghanistan geplant wurden, galt die Al-Quds-Moschee lange Zeit als eine Art Neben-Zentrum des islamistischen Terrors. Und auch als ein Ort, der Deutschland mitschuldig machte.Norbert Müller kräuselt seine Stirn, wenn er den Namen Mohammed Atta hört. Persönlich hat er Atta nie kennengelernt. Zwei oder drei Mal hatte der Hamburger Rechtsanwalt und konvertierte Moslem zwar in Attas Moschee gebetet, aber schnell herausgefunden, dass diese Richtung des Islam nicht seine Sache ist. Mit Attas Gemeinde allerdings hatte Müller, als Vorstandsmitglied der Hamburger Schura, dem Rat islamischer Gemeinschaften in der Hansestadt, viel zu tun. Jahre vor dem 11. September war die Al-Quds-Moschee ein Gebetsort für marokkanische Arbeiter und sogar ein Gründungsmitglied der Schura. Doch dann entwickelten die Mitglieder der Moschee immer radikalere Tendenzen. Salafismus oder Dschihadismus nennt Müller das. Irgendwann ließ die Moschee von sich aus die Mitgliedschaft bei der Schura ruhen. Man wollte weder mit dem deutschen Staat noch mit Schiiten und Sufis zusammenarbeiten. Das war die Ideologie zu Zeiten Mohammed Attas.Müller ist es bis heute unangenehm, dass die Schura die Lage damals nicht richtig eingeschätzt hat. "Die anderen Moscheen haben das einfach nicht auf dem Schirm gehabt", sagt Müller. Die Hamburger Schura hatte sich vor allem um Integration bemüht, so dass sie die Entwicklung der radikalen Moschee lange nicht bemerkte. Nach der Zäsur des 11. September unternahm Müller den Versuch, die Moschee wieder einzugliedern. Vor allem die marokkanischen Arbeiter wollten ein normales Verhältnis zu den anderen Muslimen. Doch gegen die Argumente der radikalen Studenten aus dem Umfeld Attas konnten sich diese einfacheren Gläubigen intellektuell nicht durchsetzen, sagt Müller. 2004 kam dann der Ausschluss aus der Schura.Nach dem 11. September haben viele Gläubige die Al-Quds-Moschee verlassen. Die Moschee wurde vom Verfassungsschutz überwacht und Journalisten belagerten das Haus. Sie änderte daraufhin ihren Namen in Masijd Taiba Moschee, was schöne Moschee bedeutet. Doch in ihrer Grundausrichtung blieb sie radikal, salafistisch. "Wer dort hinging, wollte genau das Programm haben", sagte Müller. Vielen sei es nur um eines gegangen: "Dschihad". Atta war zwar tot, doch die Moschee wurde zum Pilgerort für seine Verehrer.Manfred Murck, Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, sitzt in seinem Büro am Johanniswall und tippt mit dem Kugelschreiber ungeduldig auf den Schreibtisch. Er wirkt so, als ärgere er sich noch immer darüber, dass im März 2009 eine Gruppe von Dschihad-Anhängern unbemerkt von Polizei und Verfassungsschutz Hamburg verlassen konnte. Damals brachen elf junge Muslime, darunter zwei Frauen, aus Hamburg auf, um sich in den Bergen von Waziristan für den Dschihad ausbilden zu lassen. Sie werden unter dem Namen "Die Reisegruppe" bekannt. Zwei der Männer hatten Atta noch persönlich aus der Al-Quds-Moschee gekannt. Mindestens einer von ihnen ist später durch einen Drohnenangriff ums Leben gekommen, zwei weitere sitzen in Deutschland in Haft. Ihre Aussagen über geplante Anschläge sollen im November 2010 eine Grundlage für die verschärften Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland gewesen sein.Für Manfred Murck ist der Vorfall deshalb so ärgerlich, weil der Verfassungsschutz und andere Sicherheitsbehörden damals meinten, sie hätten einen guten Einblick in die islamistische Szene. Er erinnert sich noch an den Schock, als er erfuhr, dass drei der Attentäter von 9/11 aus Hamburg stammten. "Da bleibt das Gefühl, du bist in der Verantwortung, du trägst Schuld", sagt Murck. Wichtig sei es aber gewesen, "die Arbeit des Amtes auf die neue Gefahrenlage einzustellen", sagt Murck. Deshalb hatte er sich zwei Ziele gesteckt: Der Verfassungsschutz sollte sich Informationen über die gesamte Islamisten-Szene beschaffen und eine weitere "Hamburger Zelle" verhindern.Zunächst hoffte man wohl, dass die Moschee dafür nützlich sei. Man hatte die Islamisten im Visier und sah darin eine Voraussetzung, weitere Planungen rechtzeitig erkennen und verhindern zu können. Doch nach dem Aufbruch der "Reisegruppe" - alles soll laut Murck in zwei bis drei Monaten geplant und durchgeführt worden sein - sei klar geworden, dass die Moschee weiter als Radikalisierungszentrum funktionierte, dass von ihr eine ständige Gefahr ausging. Im August 2010 wurde sie geschlossen.Das Problem wurde damit aber lediglich verlagert. Wenige Monate später sorgte eine sogenannte "Problem-Moschee" im Hamburger Vorort Pinneberg für Aufregung. Hier, so hieß es, beteten nun einige Mitglieder aus dem ehemaligen Atta-Umfeld. Sie wurden als radikal bezeichnet. Es gab Morddrohungen gegen den Chef der Jüdischen Gemeinde vor Ort, und als dann noch der Rapper Deso Dogg in der Moschee auftrat und Dschihad verherrlichende Text darbot, waren die Tage der Pinneberger Moschee gezählt. Auch sie wurde geschlossen.Was heute aus der Gemeinde Mohammed Attas geworden ist, kann Murck weitgehend nachzeichnen. Etliche der Mitglieder wurden nach dem 11. September ausgewiesen. Andere seien freiwillig weggezogen, wieder andere habe der Verfassungsschutz "aus seiner Aufmerksamkeit" entlassen. Ein Teil sei aber noch dem gewaltorientierten Islamismus zuzurechnen. Ein Einziger, Mounir al-Motassadeq, wurde wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zum Mord in 246 Fällen vom Oberlandesgericht in Hamburg zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt.Heute zählt Murck in Hamburg rund 2000 Mitglieder islamistisch eingestufter Organisationen oder Gruppen, etwa vierzig davon sind Anhänger des weltweiten Dschihad. Insbesondere dieser Szene sei durch die Schließung der Taiba-Moschee eine zentrale Anlaufstelle genommen worden - doch verschwunden sind die Anhänger nicht.Eine neue Moschee soll vor Kurzem von Mitgliedern der ehemaligen Taiba-Mosche angemietet worden sein. Der Gebetsraum befindet sich ausgerechnet in Harburg - in jenem Stadtteil Hamburgs, in dem Mohammed Atta wohnte und studierte. Bevor er loszog, um ein Flugzeug in das World Trade Center zu rammen.------------------------------Foto: New York am Vormittag. Weiß-grauer Qualm hüllt die Spitzen des World Trade Center ein. Die New Yorker Feuerwehr rückt an, die Menschen in Sicherheit zu bringen und die Brände zu ersticken. Doch Löscharbeiten in den beiden mehr als 400 Meter hohen Türmen sind schwierig bis unmöglich. Auch Treppenhäuser und Fahrstühle sind von dem Einschlag der beiden Flugzeuge schwer in Mitleidenschaft gezogen. Tausende sitzen in den oberen Etagen fest. Menschen springen vom Dach und aus den Fenstern in den sicheren Tod.------------------------------Foto: Mohammed Atta, gefilmt am Flughafen in Maine, kurz vor dem Anschlag

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