Sonntag in Schierke. Wie an jedem Morgen hängt Monika Wenzel Skianzüge, Anoraks und dicke Pullover auf den Ständer vor ihrem Laden, doch wenn sie in den grauen Himmel guckt und auf die menschenleere Straße, weiß sie im Grunde ihres Herzens, daß sie abends alles genauso wieder hineinräumen wird. Seit Wochen ist es so. Niemand braucht einen Skianzug bei vier Grad Wärme im Januar, und die, die vielleicht einen brauchen würden, kommen nicht nach Schierke, wenn kein Schnee liegt. Wozu auch. Viel mehr als Schnee hat der kleine Ort im Harz winters nicht zu bieten. Ein paar Kioske mit dem üblichen Touristentrödel, die neugebaute Billig-Kaufhalle, zwei Läden mit Trachtenmode. Dazu einige Cafés und ein paar mehr Gaststätten, gutbürgerlich-deutsch zumeist à la Rinderroulade mit Rotkohl und Kartoffeln. An Hotels und Pensionen lockt das Schild "Zimmer frei". Aber es ist niemand da, der sich locken ließe. "Ohne Schnee ist Schierke fürn Arsch", formuliert die Inhaberin von "Monikas bunter Stube" ein wenig drastisch. Die erste Frage heißt: Is· Schnee? Am nächsten Tag schneit es. Dikke, nasse Flocken, aber sie bleiben liegen. Die Fichten im Kurpark tragen Weiß, auf den Zaunpfählen türmen sich weiße Häubchen. Mit Schnee ist Schierke ein Wintermärchen. Himmlische Ruhe, Idylle pur. Der Wetterbericht in der Lokalzeitung verheißt einen Kälteeinbruch. Die Leser im Ort wollen es nur zu gerne glauben. "Ja, es sieht gut aus", sagt die Dame in der Rezeption des Hotels "Fürstenhöhe" ins Telefon. Endlich wieder eine positive Antwort auf die Standardfrage "Is· Schnee?", die jeder Berliner stellt, ehe er sich auf den Weg in seinen nächstliegenden Wintersportort macht. Es ist wieder Hoffnung in Schierke. Zumindest, was das Wetter betrifft.Die Hoffnung war auch groß, als in Deutschland die Mauer fiel. Zu DDR-Zeiten hatte der Ort das Pech, im Sperrgebiet zu liegen; auf dem Brocken saßen die Sowjets und wollten möglichst ungestört ins Feindesland lauschen, und überdies war die Grenze zum Westen so nahe, daß es der Genehmigung der "zuständigen Organe" bedurfte, um hier auch nur einen gewerkschaftlichen Ferienplatz zu bekommen. Damit entfiel die Notwendigkeit, Schierke zu einem Vorzeige-Erholungsort der Werktätigen zu entwikkeln wie etwa Thüringens Oberhof. Der Ort, der bis in die vierziger Jahre als "Sankt Moritz des Nordens" gerühmt wurde und noch 1950 die ersten DDR-Meisterschaften in sämtlichen Wintersportarten ausgerichtet hatte, versank in der Bedeutungslosigkeit. Sprungschanze und Eissporthalle wurden im Laufe der Jahre abgerissen, an die Bob- und die Schlittenbahn erinnern nur noch nostalgische Wegweiser. Für Schlittschuhläufer blieb immerhin die Natureisbahn am Kurpark, falls gerade mal Frost ist. Aber es ist kein Frost. Die Schierker Eishockeymannschaft trainiert und spielt heute in Braunlage, der sieben Kilometer entfernten, gutsituierten Schwester im Westen, die alles hat, was Schierke nicht hat. Neidvoll blicken dessen Einwohner hoch zur Schanze auf Braunlages Wurmberg, die von hier aus gut zu sehen ist. Eine eigene wird Schierke wohl nie wieder kriegen.Es war in den Augen der Schierker die letzte Rache der letzten DDR-Regierung, daß sie den Teil des Harzes, in dem ihr Dorf sich befindet, zum Nationalpark deklarierte. Dies geschah im September 1990, kurz vor Ultimo also, und die Volksvertreter hatten es entsprechend eilig, die Angelegenheit vom Tisch zu kriegen. Die Gemeinde konnte in der Hast nicht mehr gefragt werden, obwohl mehr als 90 Prozent ihres Territoriums mit dem entsprechenden Gesetz faktisch unter Naturschutz gestellt wurden. Im Reservat befinden sich seither die besten Wintersportgebiete, das heißt: keine Skilifts, keine Schanze, keine Seilbahn auf den nahen Wurmberg. Loipen und Abfahrtshänge am Nordhang des Brockens, der schneesichersten Gegend weit und breit, sind tabu. Kein Sankt Moritz mehr im Harz.Eine Idiotenwiese für AlpineHabt euch nicht so, sagen die Naturschützer: Mehr als drei Monate im Jahr ist hier sowieso kein Winter, und die Alpin-Fans fahren ja doch nach Tirol. In der Tat ist der kaum hundert Meter lange Hang unterhalb der Kirche von Schierke nicht eben die letzte große Herausforderung für Abfahrtsläufer, auch wenn er sogar über einen eigenen Skilift und eine Schneekanone verfügt, und auf den Resten der Bobbahn bedarf es selbst zum Rodeln einer gewissen Abenteuerlust. Das weiß auch Kurdirektor Rüdiger Ganske, der hier vor der undankbaren Aufgabe steht, Schierke wieder zu einem attraktiven Wintersportort zu machen und dabei möglichst alles so zu lassen, wie es ist. Das ist auch für potentielle Investoren nicht besonders ermutigend. Zwei Hotels im Ort mit immerhin 500 Betten, knapp der Hälfte der gegenwärtigen Kapazitäten, stehen noch immer leer. Auch für kleinere Heime aus sozialistischen Zeiten hat sich noch kein Betreiber gefunden. Das Hotel "Fürstenhöhe", das die Einheimischen gelegentlich noch aus alter Gewohnheit "Mehring-Heim" nennen, hat den Sprung gewagt. Berliner Unternehmer steckten eine Menge Geld in das alte Haus, das sich einst als "vornehm. Hotel und Pension I. Ranges" empfahl. Doch nach vierzig Jahren DDR und vier Jahren im Besitz einer westlichen Billig-Kette war es in den letzten Rang abgerutscht. Jetzt ist es renoviert, nicht alles ist schon fertig, was eine für gelernte DDR-Bürger reizvolle Mischung aus neuer Vornehmheit und FDGB ergibt. Lampen wie aus dem Palast der Republik in riesigen Zimmern friedlich vereint mit Halogen-Spots im Bad, das Rema-Radio mit Zeiger neben dem Grundig-Fernseher. Aus DDR-Zeiten hat das Hotel auch den großen Saal geerbt, einen kulturhausähnlichen Anbau, teuer, aber nutzlos. Es ist selten, daß jemand einen großen Saal benötigt. Mehr Personal als Gäste im HotelIm Februar etwa, wenn Schulferien sind und Schnee liegt, oder im Herbst zur besten Wanderzeit ist die "Fürstenhöhe" ausgebucht wie die meisten Herbergen in Schierke. Doch auch in einem schlechten Monat wie diesem Januar, wo viele Gäste ihre Buchung stornierten, müssen das Personal bezahlt und die Heizung warmgehalten werden. Vom Kredit ganz zu schweigen. Das ist dann schon eine Durststrecke, die "nicht ohne Schmerzen" zu überwinden ist. Wochentags, weiß Regina Koch, Rezeptionschefin im Hotel, "war das Personal gegenüber den Gästen deutlich in der Überzahl". Abends ist in Schierke tote Hose. Die Offerten reduzieren sich auf den Besuch der ansässigen Gaststätten, wer etwas Ausgefallenes erleben will, muß auf den Chinesen zurückgreifen, den einzigen Exoten in der Schierker Gastronomie. Regina Koch ist nach einschlägigen Erfahrungen in ihrem Haus allerdings auch skeptisch, ob weitergehende Kulturangebote überhaupt angenommen werden. Der Versuch, im Hotel Folkloreabende zu veranstalten, scheiterte aus Mangel an Interessenten, und selbst der Weihnachtstanz fand ein vorzeitiges Ende, weil das Personal gegen neun unter sich war. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, daß den Leuten das Geld nicht mehr so lose in der Tasche liegt. Schon die Fahrt mit der historischen Bimmelbahn zum Brockengipfel kostet die Familie, ein Paar Wiener und eine Brause für die lieben Kleinen inbegriffen, einen Hunderter. Da überlegt sich Papa schon, ob er abends nicht doch lieber die Büchse Bier vom Billig-Markt mit ins Zimmer nimmt.Schierke ist heute vor allem das Ziel von Tagesausflüglern und Kurzurlaubern. Und wenn die Leute weniger Geld haben, fürchtet Regina Koch, werden sie vermutlich eher ganz auf den Zweiturlaub in Schierke verzichten als auf Mallorca. Wird die Errichtung einer Mehrzweck-Sporthalle, die lange geplant ist und nun endlich gebaut werden soll, die Gäste zu längerem Verweilen bekehren? "Es ist wenigstens ein Anfang", sagt Rüdiger Ganske.Für den Kurdirektor ist schon klar, daß man etwas tun muß, um die Leute im Ort zu halten. "Der gute Ruf und die günstige Lage Schierkes", sagt er, "bringen heute noch genug Urlauber in den Ort. Auf die Dauer aber wird das nicht funktionieren, wenn man ihnen nichts bietet." Dabei will der passionierte Skiläufer, der zu DDR-Zeiten Verbandstrainer der Langläufer war, keineswegs die Landschaft einbetonieren oder mit Bettenburgen vollbauen. Warum aber soll eine Seilbahn zum Wurmberg dem Naturpark mehr schaden, als wenn die Leute mit dem Auto dorthin fahren? Die Fronten sind verhärtet. Für ein Schwimmbad im Ort oder ein kleines Kurgastzentrum hat die Gemeinde kein Geld. Privatleute warten erst mal ab. Es sind halt unsichere Zeiten. Und so beißt sich die Katze in den Schwanz: Ohne Tourismus kein Geld, ohne Geld kein Tourismus. Wenn der Winter ausfällt, wird es eng.Aber jetzt hat es ja erst einmal wieder geschneit.

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