Hans-Peter Daimler sind wieder einmal die Augen zugefallen. Das passiert ihm öfter. Vor allem, wenn der Richter irgendwelche endlosen Schriftwechsel von 1977 verliest. Wie jetzt. Dann kämpfen auch die anderen im Saal des Kieler Landgerichts mit der Langeweile. Die Verteidiger machen sich lustlos Notizen, die Ankläger spielen mit ihrem Laptop, die Beisitzer und Schöffen starren vor sich hin. Manchmal - wenn ein Name fällt - öffnen sich Daimlers traurige Augen. Dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht, ganz kurz nur und sehr leise, als tauche er für einen Moment in diese Welt zurück, die er so geliebt hat und die nun versunken ist.Wie das Schiff, dessentwegen Hans-Peter Daimler, ein Sproß der Autobauer-Dynastie, seit fünf Jahren in einem Kieler Untersuchungsgefängnis sitzt. Der Vorwurf lautet auf sechsfachen Mord. Wiener Bussi-Kreise Das Verbrechen, wer immer es begangen hat, ist fern von Deutschland vor langer Zeit geschehen. Am 23. Januar 1977, am Nachmittag um vier, reißt eine gewaltige Detonation das unter panamaischer Flagge fahrende Frachtschiff "Lucona" auseinander. Binnen zwei Minuten sinkt der Frachter, zieht sechs der zwölf Besatzungsmitglieder mit sich in die Tiefe. Seitdem liegt das Wrack, 4 200 Meter unter der Wasseroberfläche, im Indischen Ozean, in der Nähe der Malediven.Der Frachtversicherer, die österreichische Bundesländerversicherung (BLV), war seinerzeit überzeugt, daß die "Lucona" anstelle der ausgewiesenen Uranerz-Aufbereitungsanlage nur wertlosen Schrott an Bord hatte, und verweigerte daher erfolgreich die Zahlung der Versicherungsleistung in Höhe von 212 Millionen Schilling. Außerdem ließ sie wegen Versicherungsbetrugs ermitteln.Was die causa jedoch über einen "normalen" Versicherungsfall erhebt, ist die Person des "Lucona"-Charterers: Udo Proksch, in den 70er und 80er Jahren der "bunteste Hund von Wien". Seine Freundschaften und Beziehungen sind in den selbstverliebten Wiener Bussi-Kreisen Legende. Ex-Kanzler Kreisky bezeichnete ihn als Ehrenmann, Außenminister Gratz nannte ihn seinen Freund, Verteidigungsminister Lütgendorf - der sich später mittels Kopfschuß aus der Affäre zog - half Proksch, die militaristischen Neigungen seiner Clique zu befriedigen, andere Minister genossen die rauschenden Partys in jenem "Club 45", der in Prokschs "Hofbäckerei Demel" Wiener Promis, Ost- und West-Agenten sowie Vertreter der Unterwelt zusammenführte. Der Angeklagte schweigt 1988, nachdem die Beziehungen des "Herrn Udo" die Ermittlungen um die "Lucona" um Jahre verzögert hatten, kam zum Versicherungsbetrug der Mordvorwurf hinzu. Proksch habe zusammen mit seinem deutschen Freund Daimler, so erkannte ein Wiener Geschworenengericht für Recht, mit 300 Kilogramm Sprengstoff die "Lucona" versenkt, um die Versicherungsprämie zu kassieren. Im Januar 1992 wurde Proksch dafür letztinstanzlich mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft. Seines "Kumpans" Daimler wurde die österreichische Justiz nicht habhaft. Der Proksch-Freund war 1988 in die Bundesrepublik gegangen, weil er nur dort ein faires Verfahren erwartete.Ein frommer Wunsch, mehr nicht, meinen Daimlers Verteidiger heute. Der Wiener Proksch-Prozeß, die zahllosen Presseveröffentlichungen in der Schweiz, in Österreich und Deutschland, der "Lucona"-Bestseller des Wiener Journalisten Pretterebener und ein - erst kürzlich im ZDF ausgestrahlter - Fernsehfilm zeigen unisono Daimler als eiskalten Komplizen von Proksch, der für die erhofften Millionen buchstäblich über Leichen geht. Daimlers Verteidiger Gerald Goecke: "Ein solcher Umfang an medialer Begleitung eines Verfahrens und die öffentliche Vorverurteilung eines Angeklagten sind in Deutschland seit 1945 nicht vorgekommen." Doch dem Eindruck, daß der Prozeß gegen Daimler nur noch Formsache sei, versucht das Gericht seit nunmehr 238 Verhandlungstagen entgegenzuwirken. Richter Uwe Martensen müht sich um Aufklärung der "Lucona"-Affäre. Die häufige Einvernahme von Sachverständigen, die Bestellung von Gutachten, die Zeugenbefragung im Ausland - all das hat die Kosten des inzwischen dreieinhalb Jahre andauernden Prozesses in die Millionen steigen lassen.Der 61jährige Angeklagte bestreitet, ein Mörder zu sein; im Prozeß schweigt er sich aus. Noch im Ermittlungsverfahren sah es anders aus - da hat er der Kieler Staatsanwaltschaft freimütig Rede und Antwort gestanden. Doch mit Prozeßbeginn versiegte Daimlers Redefluß. Auch Udo Proksch, der hoffnungsvoll aus der Grazer Haftanstalt Karlau gen Kiel schaute, verzichtete schließlich auf eine Aussage im Daimler-Prozeß. Und das, obwohl er angekündigt hatte, im "fairen" Deutschland über die wahren "Lucona"-Hintergründe reden zu wollen. Alles nur Strohfeuer zweier fieser Betrüger oder steckt mehr hinter der angeblich aufgeklärten "Lucona-Affäre"? Daimler-Anwalt Goecke jedenfalls kreidet es dem Kieler Gericht an, daß es sich keinen Deut um die zeitgeschichtliche Situation schert, in die die Affäre eingebettet ist. Die Rolle der Geheimdienste bei den Proksch-Geschäften interessiert den Richter beispielsweise überhaupt nicht. Als auf Drängen der Verteidigung das Gericht beim BND anfragte, erhielt man die lapidare Auskunft, daß zur "Lucona-Affäre" keine Kenntnisse in Pullach vorliegen. "Und das Gericht nimmt das so hin", erregt sich Anwalt Goecke. "Wenn Mitte der 70er Jahre, in der Hoch-Zeit des CoCom-Embargos, eine Uranerz-Aufbereitungsanlage nach Hongkong verschifft wird, in Auftrag gegeben von einem Mann, der über beste Beziehungen nach Libyen und Moskau verfügt und sich im Dunstkreis von Ost- und Westagenten bewegt - sollte das die Geheimdienste wirklich nicht auf den Plan rufen? Zumal der BND kurz nach dem Untergang der ,Lucona` vom Stasi-Überläufer Stiller umfassend über die Wiener Agentenszene aufgeklärt wurde." Kontakte mit Moskau Doch es gibt noch andere Ungereimtheiten im Fall "Lucona", die im Prozeßverlauf an die Oberfläche traten, vom Gericht aber gleichwohl unberücksichtigt gelassen werden. So war nicht festzustellen, welche Häfen die "Lucona" anlief, bevor sie im italienischen Chioggia die angebliche Uranerz-Anlage an Bord nahm. Die Anklage geht davon aus, daß in Chioggia neben dem "Schrott" auch der Sprengstoff an Bord deponiert wurde - dabei wäre es ebenso denkbar, daß das Schiff von anderen Tätern schon vorher für die spätere Sprengung präpariert wurde.Auffällig ist auch, daß der Chef der Wiener Stasi-Residentur im März 1977, also zwei Monate nach dem Schiffsuntergang, zusammen mit anderen MfS-Kollegen eine Auszeichnung für seine Fähigkeiten im Umgang mit Sprengmitteln in Empfang nahm. Die Urkunde darüber wurde um zwei Monate zurückdatiert - auf ein Datum vor der Katastrophe. Zufall? Einen Ansatzpunkt für weitere Ermittlungen böten auch mysteriöse Todesfälle und Mordanschläge, die im Dunstkreis von Proksch und seiner "Lucona" registriert wurden. Angefangen beim Schiffskonstrukteur, der 1988 auf einem Feldweg im schweizerischen Veyvey tot aufgefunden wurde. Sein Auto stand mit geöffneten Türen 25 Kilometer vom Fundort der Leiche entfernt.Bis hin zu Alfred Herrhausen von der Deutschen Bank, den Proksch in den 80er Jahren um Hilfe bei einem Rüstungsgeschäft ersuchte. Herrhausen, der im November 1989 angeblich durch einen RAF-Anschlag ums Leben kam, vermittelte den Österreicher seinerzeit an die Bremer Vulkan-Werft.Von all diesen Details wollte das Gericht bislang nichts wissen. Und so wird es wohl auch bleiben, denn Richter Martensen signalisierte schon, bis zur Sommerpause im Juni den Mammut-Prozeß endlich abschließen zu wollen. +++