Seit einem halben Jahrhundert wird Bayern von der CSU regiert. Genau so lange versucht die SPD, das zu ändern - eine Rundreise: Träumen ist erlaubt

MÜNCHEN. Da hat sich ein schöner Termin für den Wahlkämpfer Florian Pronold gefunden, um die historische Weitsicht der bayerischen Sozialdemokratie zu belegen. Er steht in der Aula der Grundschule Südost in Günzburg. Das ist ein Niedrig-Energiegebäude mit tausend Euro Ersparnis pro Monat. "Ein Wahnsinn", findet Pronold, Vize-Chef der Bayern- SPD. Er reckt sich ein wenig in den Schultern, so dass seine rote Krawatte mit weißen und blauen Pünktchen erzittert. Dann deklamiert er: "Vor 50 Jahren hat die SPD-Landtagsfraktion in Bayern zum ersten Mal die Einführung der Ganztagsschule gefordert, und nach 49 Jahren hat auch die CSU verstanden, dass das kein sozialistisches Teufelszeug ist."Die Lehrerin, die neben Pronold steht, nickt verständig. Die Grundschule Südost ist zwar keine Ganztagsschule, weil der Bedarf dazu in dem schwäbischen Städtchen fehle, wie sie sagt. Wer kann, holt sein Kind für den Nachmittag nach Hause. In Günzburg können die meisten. Aber wenigstens ist es eine Schule mit Mittagsbetreuung, was im bayerischen Schulwesen auch schon eine gewisse Revolution darstellt. Elf Grundschüler werden an diesem Mittag versorgt. Es gibt Nudelsuppe und süße Eierkuchen mit Erdbeermarmelade.Ach ja, Bayern. Da dauert es länger als anderswo in Deutschland. "Es braucht halt Zeit, aber es ändert sich auch etwas in Bayern", sagt die Lehrerin. "Schule muss nicht nur Lern-, sondern auch Lebensraum sein", sagt Pronold. "Das isch der Punkt", stimmt ihm mit schwäbischem Akzent eine SPD-Stadträtin zu, die an diesem verregneten Vormittag auch in die Schule gekommen ist, um Pronold in Günzburg zu begrüßen. Man ist sich einig. In Bayern ändert sich etwas, aber es muss sich mehr ändern.Es ist Wahlkampf in Bayern. Am 28. September wird der Landtag gewählt, und die SPD als größte Oppositionspartei im Freistaat macht sich Hoffnungen. Wieder einmal. Wie seit 50 Jahren schon. Wann, wenn nicht jetzt, soll es gelingen, der CSU eine Niederlage beizubringen? So fragen die Sozialdemokraten, die seit einem halben Jahrhundert im Landtag von München viel zu sagen, aber nichts zu bestimmen haben. Generationen von SPD-Politikern haben sich an diesem Missstand abgearbeitet. Wilhelm Hoegner war 1957 der letzte Sozialdemokrat im Amt des bayerischen Ministerpräsidenten. Seither regiert die CSU, seit 1962 fortlaufend mit absoluter Mehrheit, seit 2003 mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Bayern ist so schwarz wie die Nacht finster.Florian Pronold will das ändern. Er ist 35 Jahre alt, kommt aus Niederbayern, sitzt für die SPD im Bundestag und hat sich in Berlin einen Namen als Steuer- und Finanzexperte gemacht. Er ist selbstironisch und sagt von sich, er sei ein guter Wirtshausredner. Was in Bayern für einen Politiker schon die halbe Miete ist. Letztes Jahr habe er Markus Söder von der CSU öffentlich einen Kotzbrocken genannt, erzählt Pronold. Er kann sich immer noch daran erfreuen, dass ihm danach Redakteure des Bayerischen Rundfunks hinter vorgehaltener Hand zugestimmt hätten: "Gut, dass Sie sich nicht entschuldigt haben. Das musste ja mal gesagt werden."Seit Tagen wird Pronold von seinem Fahrer Hugo in einem schnellen BMW quer durch Bayern gefahren, von Termin zu Termin, von Schule zu Schule, von Rathaus zu Rathaus. Es sind keine klassischen Wahlkampfauftritte mit Reden in Bierzelten oder auf Marktplätzen. Die kommen erst später. Pronold ist in diesen Tagen so etwas wie der bundespolitische Unterstützer für die wahlkämpfenden Sozialdemokraten in Bayern. Besonders öffentlichkeitswirksam ist das nicht, aber aufbauend für die Genossen.In der Günzburger Grundschule nimmt die kleine Gruppe an einem kleinen Tisch in der Bibliothek Platz. Es gibt Tellersülze mit kaltem Braten, Ei und Gewürzgurkenscheiben. Hausgemacht vom Bauern nebenan. Während er versucht, die glibberige Masse mit einer Gabel in seinen Mund zu befördern, erzählt Pronold von seinem Traum. "Wenn die CSU unter 50 Prozent rutscht, dann ist das eine Kulturrevolution in Bayern, der Super-GAU für die CSU", sagt er. So wie er es sagt, klingt es danach, als würde er in diesem Moment selbst daran glauben.Und tatsächlich könnte das im September so geschehen. Die CSU pendelt in Umfragen um die 50-Prozent-Marke. Das heißt aber noch nicht, dass in diesem Fall die absolute Mehrheit verloren wäre. Denn die SPD kann nicht in dem Maße zulegen, in dem die CSU verliert. Sie liegt derzeit ungefähr bei 19 bis 20 Prozent. Das ist kein besseres Ergebnis als bei der Landtagswahl 2003. Außerdem weiß niemand, ob es die Linke in den Landtag schafft, ob die Freien Wähler einziehen können. Die SPD baut ihre Hoffnungen auf unsicheren Untergrund. Wahrscheinlicher ist, dass es nach dem 28. September in Bayern so bleibt wie es im vergangenen halben Jahrhundert war.Pronold weiß das auch, denn er kennt sich aus. Trotzdem sagt er, dass das Ende im Prinzip kurz bevor steht: "Selbst Fidel Castro hat sich nicht so lange gewehrt wie die CSU." Jetzt müssen die Lehrerin und die Stadträtin und der junge SPD-Bürgermeister kichern. Man stelle sich das bloß einmal vor. Der kubanische Comandante hat es früher eingesehen als die Schwarzen in Bayern. Ein Wahnsinn.Wenn nur die SPD Nutzen aus der Krise der CSU ziehen könnte. Dabei haben es die Konservativen den Sozialdemokraten relativ leicht gemacht. Das fing im Herbst 2005 an, als Edmund Stoiber plötzlich kniff und doch nicht Minister in Berlin werden wollte. Das ging weiter über den parteiinternen Putsch gegen Stoiber, den Machtkampf zwischen Erwin Huber, Günther Beckstein und Horst Seehofer um Parteivorsitz und Ministerpräsidentenamt, das Aus für den Transrapid, die Krise um die Bayerische Landesbank bis hin zur Einführung der achtjährigen Gymnasialstufe, die Schüler, Eltern und Lehrer gleichermaßen gegen die CSU aufbrachte.Doch die Misere der Konkurrenz hatte bisher nur mäßige Auswirkungen auf die Beliebtheit der SPD in Bayern. Wie alle Politiker, die hinten liegen, sagt Florian Pronold: "Ich gebe nichts auf Umfragen."Der bayerische SPD-Spitzenkandidat Franz Maget tut das auch nicht. Zumindest behauptet er das.Die SPD-Landtagsfraktion hat in München zu einem Empfang in ein idyllisch gelegenes Lokal am See gebeten. Maget, ein schmaler Mann, sagt: "Der Himmel reißt auf, wenn die SPD einlädt." Gerade noch hat es ins Weißbierglas geregnet, jetzt strahlt tatsächlich die Abendsonne über dem Englischen Garten.Maget sagt an diesem Abend etwas, was nicht alle Beobachter teilen. Er sagt: "Alle Beobachter spüren, da könnt' was gehen. Und wir haben das im Kreuz. Die Sozialdemokraten wollen den Erfolg in diesem Jahr." Es klingt nach Autosuggestion. So redet er sich und den Sozialdemokraten Hoffnung auf eine bessere Zukunft ein. Denn den Erfolg wollten sie auch beim letzten Mal schon. Damals landeten sie am Ende unter 20 Prozent.Diesmal bereiten sie sich wieder auf den Erfolg vor. Ein Wahlwerbefilm wird gezeigt, in dem der Spitzenkandidat, aufgewachsen im Münchner Arbeiterviertel Milbertshofen, einen Satz von Johannes Rau aufsagen muss: "Ich will versöhnen statt spalten." Später wird ein selbstkomponiertes CSU-Abwahllied vorgetragen. Darin heißt es, Bayern sei viel zu bunt, um auf Dauer schwarz zu sein: "Drum wählt sie ab! Macht endlich Schluss! 2008 wird sich was ändern, unsere Träume werden wahr!"Träumen ist erlaubt. Realitätssinn aber ist nötig. Beim Besuch der Wahlkampfbasis der SPD in einem schlichten Bürogebäude in der Münchner Innenstadt wird schnell klar, dass die Roten den Schwarzen auch in diesem Wahlkampf materiell und finanziell hoffnungslos unterlegen sind. "Wir haben einen Etat von zwei Millionen Euro, die CSU hat elf Millionen", sagt Florian Pronold. Das wiederholt er noch ein, zwei Mal, als wollte er damit schon erklären, dass es am Geld gelegen haben wird, wenn es nicht klappen sollte. Die Büroetage heißt "Erfolgszentrale 2008". Pronold hat sich den Namen ausgedacht. Etwas mehr Bescheidenheit wäre womöglich angebracht, aber für seine Mitkämpfer das falsche Signal.Organisationschef Rainer Glaab zieht die Besucher vor eine Ansammlung von Stelltafeln, in denen kleine Karteikarten stecken. Das ist der Terminplan für die Auftritte der Bundespolitiker von der SPD in den kommenden zwei Monate. Alles, was Rang und Namen hat, muss auftreten. Frank-Walter Steinmeier war vor ein paar Tagen schon da und hat eine Bierzelt-Rede gehalten. "Der Steinmeier zieht richtig", sagt Glaab: "Da planen wir mit tausend Leuten und mehr." Und weil dieses Lob vielleicht ein wenig problematisch klingen könnte, schiebt er nach einer kurzen Pause den Satz nach: "Beim Beck ist es ähnlich. Der kommt in Bayern gut an."So reden sich die bayerischen Sozialdemokraten Hoffnung ein. Inhaltlich haben sie es nicht leicht. Die CSU hat Positionen in der Bildungspolitik übernommen, die früher den Sozialdemokraten vorbehalten waren. Auch sonst fällt es den Sozialdemokraten hier und da schwer, sich von der CSU zu unterscheiden. Beide lehnen den Gesundheitsfonds ab und fordern die Wiedereinführung der alten Pendlerpauschale. Der SPD dürfte das weniger nutzen als der CSU. Denn die Schwarzen können nach einem halben Jahrhundert an der Regierung behaupten: Bayern ist dank der CSU ganz vorne in Deutschland. Was auch nicht ganz falsch ist.Es gibt Ausnahmen. Kissing zum Beispiel ist eine Ausnahme. Die Gemeinde mit 11 000 Einwohnern liegt auf dem Lechfeld bei Augsburg. Die SPD hat bei der Kommunalwahl im März 45 Prozent der Stimmen geholt. Bürgermeister Manfred Wolf kam bei zwei Gegenkandidaten auf 66 Prozent. "Da geht man gern hin", sagt Pronold, der Mann auf Unterstützungsmission. Er weiß, dass die Ergebnisse von Kommunalwahlen nicht auf Landtagswahlen übertragbar sind. Aber 66 Prozent klingen gut.Florian Pronold hält es mit Franz Müntefering. Der hat gesagt: "Opposition ist Mist". Pronold sagt: "Es nur besser zu wissen, macht auf Dauer keinen Spaß. Es ist besser, es besser zu machen." Doch wahrscheinlich wird Pronold auch über den September hinaus keinen Spaß an Bayern haben. Er wird in Berlin bleiben und womöglich nächstes Jahr Landesvorsitzender der bayerischen SPD werden.Für Florian Pronold ist der Kampf gegen die CSU eine Schule fürs Leben. Er sagt: "Die besten Kabarettisten und die besten Sozialdemokraten kommen aus Niederbayern, weil beide unter den härtesten Bedingungen aufgewachsen sind." Pronold ist mit Django Asül zur Schule gegangen. Der ist inzwischen nicht nur einer der besten Kabarettisten in Bayern, sondern auch erfolgreich.Die Bayern-SPD wird auch wieder eine Chance bekommen, Erfolg zu haben. Das nächste Mal schon im Jahr 2013.------------------------------"Es nur besser zu wissen, macht auf Dauer keinen Spaß. Es ist besser, es besser zu machen."Florian Pronold, SPD-Vize in Bayern------------------------------Foto : Aufgewachsen in Niederbayern, "unter den härtesten Bedingungen": Florian Pronold, 35, ist stellvertretender Landesvorsitzender der bayerischen SPD.