PEKING. Für das Treffen hat Zeng Jinyan einen Coffee-Shop in einem großen Pekinger Einkaufszentrum vorgeschlagen. Zuhause könne sie zur Zeit keinen Besuch empfangen, hatte sie gesagt, und ihr Mann Hu Jia werde natürlich nicht mit dabei sein. Aber dann kommen sie doch gemeinsam, Hand in Hand, ein junges Ehepaar, das hier scheinbar seinen Stadtbummel mit einem Milchkaffee abrundet."Wir waren im Krankenhaus",erklärt Zeng. Sie ist schwanger, und weil die Polizisten heute einen guten Tag haben, durfte ihr Mann sie zum Arzt begleiten. Zurück zu ihrer Wohnung haben sie einen kleinen Umweg gemacht. Möglich, dass sie dafür später Ärger mit den Männern bekommen, die in Sichtweite des Cafés sitzen und Karten spielen. Andererseits kennt man sich ja. Zum Frühlingsfest kochten Zeng und Hu ihren Bewachern sogar die traditionellen Neujahrsmaultaschen, weil die sich bei ihnen über ihren Feiertagsdienst beschwert hatten.Hu, 34, lebt seit gut einem Jahr im Hausarrest. Nicht offiziell, kein Gericht hat ihn verurteilt. Solche Formalitäten sind zweitrangig, wenn an irgendeiner mächtigen Stelle im chinesischen Staatsapparat entschieden wird, dass jemand die unsichtbare Linie übertreten hat, die einen engagierten Bürger vom politischen Aktivisten trennt.Hu passierte das unabsichtlich, denn ursprünglich wollte er nichts weiter, als die Ausbreitung von Aids in China bekämpfen. Doch nun, da er auf der anderen Seite steht, da rund um die Uhr vier Polizisten seine Haustür bewachen und seine Frau auf Schritt und Tritt verfolgen, gibt es für ihn kein Zurück. "Bei der Polizei haben sie eine Arbeitsgruppe für meinen Fall, zudem bei der Stadtregierung, der Staatssicherheit und dem Komitee für Politische und Legislative Angelegenheiten", sagt Hu. "Wenn ich so viele Gegenspieler beschäftige, muss meine Arbeit ja irgendwie von Bedeutung sein."Auch seine zehn Jahre jüngere Frau ist den Behörden aufgefallen: In einem Internet-Blog schreibt sie über Menschenrechtsverletzungen in China. Das amerikanische Time-Magazin nahm Zeng jüngst in seine Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt auf. "Wir nennen uns aus Spaß VITs", sagt Zeng, "very important troublemakers". Jetzt sind die beiden sehr wichtigen Störenfriede für den diesjährigen Menschenrechtspreis des Europäischen Parlaments vorgeschlagen worden. Die nach dem Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow benannte Auszeichnung für "geistige Freiheit" und "gegen Intoleranz, Fanatismus und Unterdrückung" wird Mitte Dezember in Straßburg übergeben. Sollte die Wahl auf Hu und Zeng fallen, würden sie in keinem Fall zur Preisverleihung reisen dürfen."Wir hoffen, dass die Nominierung nicht nur die Anerkennung unserer Arbeit widerspiegelt", sagt Hu, "sondern auch Druck auf die chinesische Regierung ausübt, die Menschenrechtslage in China zu verbessern". Angesichts der Olympischen Spiele im kommenden Jahr sei es wichtig, dass die Welt nicht nur auf Chinas enorme wirtschaftliche Entwicklung schaue, sondern auch auf deren Schattenseiten.Hu, der in Peking Informatik studiert hat, verzichtete nach seinem Abschluss 1996 auf einen gut dotierten Job und ging stattdessen in Chinas armen Westen, um sich im Umweltschutz zu engagieren. Er erklärte Bauern, wie unkontrollierte Abrodung zu Verwüstung führt, und bemühte sich, das Überleben der bedrohten tibetischen Hochlandantilopen zu sichern.Einige dieser Projekte wurden von internationalen Organisationen unterstützt, und so lernte Hu in jenen Jahren globale Probleme kennen, über die in China noch kaum gesprochen wurde - zum Beispiel Aids. Chinas Zeitungen behandelten das Thema damals vor allem auf ihren Auslandsseiten als Krankheit der Afrikaner und Drogensüchtigen. Über Aids in China schrieben sie nicht. Dabei bemühten sich engagierte Ärzte und Bürger Ende der neunziger Jahre, darauf aufmerksam zu machen, dass es in der Provinz Henan Dörfer gab, in denen der Anteil der HIV-Infizierten beinahe afrikanische Verhältnisse erreichte. Hu hörte im Jahr 2000 davon und gründete darauf mit Freunden eine unabhängige Organisation zur Gesundheitsfürsorge, das Aizhixing Institute of Health Education. So wollten sie für Aufklärung sorgen.Je mehr sie sich mit dem Thema befassten, desto deutlicher erkannten sie den Skandal, der sich von der Öffentlichkeit unbemerkt mitten in China ereignete: Kommerzielle Firmen nahmen den Menschen Blutspenden ab, verwendeten dabei die immer gleichen Nadeln und verkauften das Blut an Krankenhäuser, die es ungetestet verwendeten. So breitete sich HIV schnell aus. In kurzer Zeit waren rund eine Millionen Menschen betroffen. Die Behörden schauten tatenlos zu.Erst als Hu und seine Mitstreiter chinesische und internationale Organisationen auf die Katastrophe hinwiesen und die Vorfälle publik machten, wurde Peking endlich aktiv. Das Gesundheitsministerium gründete einen Krisenstab, die Staatspresse berichtete über die kriminellen Machenschaften.Doch statt für ihren Einsatz Anerkennung zu ernten, sahen sich Hu und andere dem Vorwurf ausgesetzt, Staatsgeheimnisse verraten zu haben - ein Vergehen, unter das in China theoretisch die Verbreitung jeder Information fallen kann, die nicht von offiziellen Nachrichtenagenturen verbreitet wird.Pekings Angst vor dem Verlust der Nachrichtenhoheit war größer als die Furcht vor einer Aids-Epidemie. Aus Hus Engagement gegen Aids wurde ein Kampf mit dem System. 2002 begann die Polizei, ihn zu verfolgen. Regelmäßig wurde er verhört, bedroht, schikaniert. Hu reagierte mit Verweisen auf chinesische Gesetze und mit Vaclav Havels These, die Voraussetzung für alle Reformen bestehe darin, dass es möglich sein müsse, die Wahrheit zu sagen. Wenn Hu geglaubt hatte, damit ein Argument auf seiner Seite zu haben, hatte er sich getäuscht. Im Februar 2006 wurde er von der Polizei gekidnappt und eingesperrt. Eine Anklage gab es nicht, dafür aber die Drohung, ihn aus dem Fenster zu werfen, wenn er nicht aufgebe. Hu blieb standhaft, er wurde damals nach 41 Tagen wieder frei gelassen. Kurz darauf begann jedoch sein Hausarrest.Er war gerade jung verheiratet. Hu hatte Zeng bei der Arbeit in Henan kennen gelernt, wo sie als Studentin im Roten Kreuz engagiert war und Freiwillige für Einsätze in den Aids-Dörfern geworben hatte. Nun begann sie, im Internet ein Tagebuch über Hu, seine Mitstreiter und das Leben unter Hausarrest zu führen. Weil sie geschickt zu formulieren gelernt hat, entkam ihr Blog bisher der Zensur.Trotz seiner Erfahrungen sieht Hu die Zukunft seines Landes nicht pessimistisch. Er denkt, dass es in China in den nächsten Jahren riesige Veränderungen geben wird. "Es gibt zwar noch viel Unterdrückung, aber den Behörden gehen die Argumente aus, mit denen sie das rechtfertigen können", sagt er. "Mein Fall ist ein gutes Beispiel, die Polizei kann mich kidnappen, aber rechtlich hat sie nichts gegen mich in der Hand. Kein Gericht würde mich verurteilen. Früher wäre jemand wie ich auf Nimmerwiedersehen im Arbeitslager verschwunden."Stattdessen schlagen die Behörden ihm nun immer wieder vor, ins Exil zugehen. Im Februar durfte er für einen Monat seinen Hausarrest unterbrechen, um mit Zeng nach Hongkong zu fahren. Die Polizei hoffte, er würde nicht zurückkommen. "Es war eine ungeheure Freiheit", sagt Hu. "Aber unser Platz ist hier." Sobald es wieder möglich ist, wollen sie neue Projekte starten."Wenn wir offen darüber reden würden, was wir machen wollen, könnten wir es gleich vergessen", sagt Zeng. Sie trinken ihren Milchkaffee aus und gehen. Vor dem Café packen die Bewacher eilig ihr Kartenspiel zusammen. Zeng will noch einen Abstecher zur Polizeistation machen, sie möchte einen offiziellen Grund dafür erfahren, warum sie im Mai am Flughafen festgehalten wurde, als sie zu einem Lehrgang in die Schweiz fliegen wollte.Dann werden sie zurückkehren in die Siedlung am Stadtrand von Peking, in die sie vor einigen Jahren gezogen sind. Nicht nur wegen der modernen Häuser, sondern auch wegen ihres hoffnungsvollen Namens: Ziyou Cheng - Freiheitsstadt.Mit einer Videokamera haben Hu und Zeng einen Dokumentarfilm über ihren Hausarrest gedreht. Heimlich filmten sie die täglichen Rituale ihrer Bewacher, vulgäre Zivilpolizisten, die sich mit Spielereien und Pöbeleien ihre Langeweile vertreiben und im ständigen Streit mit den Anwohnern leben, weil ihre Zigarettenstummel, Bierflaschen und Essensreste die Wohngegend verschmutzen. Der Film trägt den Titel: "Die Gefangenen aus der Freiheitsstadt".------------------------------"Die Polizei kann mich kidnappen, aber rechtlich hat sie nichts gegen mich in der Hand. " Hu Jia, Regimekritiker------------------------------Foto: Hu Jia (l.) geriet wegen seines Engagements gegen eine Aids-Epidemie in China ins Visier der Behörden. Seine Frau Zeng Jynian führt ein Internet-Blog.