BERLIN. Thilo Sarrazins ganzer Stolz passt auf eine halbe Seite Papier. Es ist ein Schaubild - eine Grafik und eine kleine Liste. Es ist der Vergleich zwischen den 16 deutschen Bundesländern. An der Spitze steht Nordrhein-Westfalen, es ist das größte Land der Republik, früher von der SPD regiert, jetzt von der CDU. Es gibt in dem Schaubild einen sehr langen taubenblauen Querbalken neben dem Wort Nordrhein-Westfalen, der das politische Versagen dieses Landes in den vergangenen zehn Jahren symbolisieren soll: plus 13,3 steht an dem Balken, fett gedruckt. Um diesen Prozentsatz sind die Ausgaben dort seit 1995 gestiegen. Das hat Thilo Sarrazin, der Volkswirt Dr. Thilo Sarrazin, ausrechnen lassen. Ein Bundesland nach dem anderen folgt auf dieser Skala, Saarland, Bremen, Hessen, Baden-Württemberg. Sie alle haben lange taubenblaue Balken, die bedrohlich nach rechts wachsen, sie alle haben ihre Etats aufgeblasen, haben immer mehr Geld ausgegeben, für Personal, für Bauten, für Straßen, für Soziales.Ganz unten in dieser Tabelle steht Berlin. Berlins Balken ist nicht taubenblau wie die anderen, sondern blütengelb. Er wächst nicht nach rechts wie die anderen, sondern nach links. Es steht nicht plus 13,3 dran, sondern minus 11,7 Prozent. Um so viel also sind Berlins Ausgaben seit 1995 gesunken. Die Hauptstadt, so lautet die Botschaft, ist Deutschlands Vorbild in Sachen Haushaltsdisziplin, Verantwortung, Zukunftssinn und Nachhaltigkeit: "Das ist meine Lieblingsgrafik", sagt Thilo Sarrazin, Sozialdemokrat und Finanzsenator von Berlin.Sarrazin, 61 Jahre alt, ein ergrauter Herr mit stets etwas spöttisch-herablassendem Blick, wird heute, am Donnerstag, in einem Gerichtssaal in Karlsruhe sitzen und darauf bauen müssen, dass die Verfassungsrichter in ihren roten Roben vor ihm seine Lieblingsgrafik kennen und sie genauso beeindruckend finden wie er selbst. Es geht vor dem Bundesverfassungsgericht um die Klage Berlins auf Schuldenhilfe aus dem Bundeshaushalt, und zwar möglichst in zweistelliger Milliardenhöhe. Die Richter entscheiden, ob Berlin einen Anspruch darauf hat oder nicht.Dieser Moment der Entscheidung, diese vormittägliche Szene vor Gericht in Karlsruhe, ist die Schlüsselszene in der Berliner Landespolitik der vergangenen Jahre. Das gesamte Handeln der Regierungskoalition aus SPD und Linkspartei/PDS seit Ende 2001 stand nicht etwa nur unter dem Zwang des Sparens wegen nicht mehr beherrschbarer Verschuldung. Es bestand einzig und allein im Sparen.Jener blütengelbe Lieblingsbalken des Finanzsenators Sarrazin bezeichnet unter anderem eine zehnprozentige Gehaltskürzung im öffentlichen Dienst, einen fast ausnahmslosen Einstellungsstopp, das Streichen der Wohnungsbauförderung, den Wegfall der Lernmittelfreiheit, die Erhöhung von Kita-Gebühren, das Kürzen der Hochschulförderung, das Aus für ein Sinfonieorchester. Es gibt kein Ressort, das verschont worden ist. Es gibt so gut wie keinen Bereich und kaum einen Berliner, der nicht irgendwie von Sarrazins Sparideen betroffen ist.Dies alles geschah, um in Karlsruhe Erfolg zu haben. Genauer gesagt - um überhaupt Erfolg haben zu können. Denn nur mit beeindruckenden Eigenanstrengungen gibt es laut bisheriger Rechtsprechung einen Anspruch auf Entschuldungshilfe. Dies ist die Grundlogik der Berliner Koalition seit fünf Jahren, seit Thilo Sarrazin im Amt ist. "Die Klage auf Entschuldungshilfe war unvermeidlich", sagt er, "selbst wenn die Erfolgschancen minimal wären, hätten wir die Pflicht gehabt, es zu versuchen." Er sitzt am Tag vor der Entscheidung in seinem Dachgeschossbüro, in einem Verwaltungsaltbau an der Fischerinsel. Er hat auf dem schwarzen Besuchersofa Platz genommen und sagt durchaus vergnügt, der Tag der Entscheidung sei für ihn kein großartiges Ziel, auf das er hingearbeitet hätte, sondern nichts weiter als ein "unvermeidliches Durchgangsstadium".Es ist ein Tag, der vermutlich Klarheit schafft über die künftigen Bedingungen für politisches Handeln in Berlin, aber die eingeschlagene Richtung gar nicht ändert. Das klingt ziemlich entspannt. Doch wie wichtig er in Wahrheit die Entscheidung nimmt, ist schon daran zu erkennen, dass er gleich mit dem Zug nach Karlsruhe aufbricht - weil sich die Flieger am frühen Morgen ja im Nebel verspäten könnten.Ohne Sarrazin - und ohne die Unterstützung Klaus Wowereits, des Regierenden Bürgermeisters - gäbe es keinesfalls diese Konsequenz in der Konsolidierungspolitik. Dabei ist Sarrazin gar kein richtiger Politiker, jedenfalls keiner der bekannten Spezies. Er sei zuerst Staatsdiener, dann Ökonom, dann Parteimitglied, sagt er über sich. "In dieser Reihenfolge." Warum er in der SPD ist? "Weil ich 1973 eingetreten bin." Und weil die SPD einen wie ihn brauche. Nämlich einen, der weiß, dass "die Wahrheit überparteilich" ist, wie er sagt. Einen, der seine Partei irritiert und nervt, indem er ihre geliebten, aber oft schlecht begründeten Grundüberzeugungen konterkariert.Er treibt das so weit, dass es gelegentlich scheint, als ob er schon deswegen Sozialdemokrat geworden wäre, um sich von seinen Parteifreunden besser abheben zu können. In der SPD wirft man ihm oft neoliberales, elitäres, technokratisches Denken vor; in der FDP etwa würden seine Thesen viel weniger auffallen. Er sei, sagt er, höchstselbst die bürgerliche Opposition, die seine Partei nötig habe, gerade im links dominierten Berliner SPD-Milieu. Er sagt das mit einer Eitelkeit, die schwer erträglich wäre, bliebe sie nur eine Pose.Doch sie ist eben mehr als das. Sarrazins Eitelkeit, sein Ehrgeiz bestehen nicht einfach nur im pauschalen Widerspruch zur sozialromantischen Grundströmung, die er um sich wähnt. Denn er widerspricht auf hohem, auf höchst rationalem Niveau. Er beschränkt sich nicht auf seinen Hauptberuf als Finanzer, als kameralistischer Experte, als Rechner. "Alles, was ein Finanzminister tut, wirkt sich ja irgendwo anders aus", sagt er. Und wenn er sich, wie häufig, in die Fachgebiete anderer Senatsmitglieder einmischt, dann tut er das stets exzellent vorbereitet.Seinem SPD-Kabinettskollegen Klaus Böger etwa, zuständig für Bildung, wirft er nicht einfach nur die vergleichsweise reichliche und damit teure Versorgung Berlins mit Lehrern vor - sondern er belegt sie ihm detailliert anhand der Pisa-Studie, die er mindestens so gut kennt wie die Genossen Fachleute. Seiner SPD-Kabinettskollegin Ingeborg Junge-Reyer, zuständig für Stadtentwicklung, wirft er nicht einfach nur ideologische Verweigerung von Wohnungsprivatisierungen vor - sondern er lässt nach monatelanger Recherche eine zwanzigseitige Studie schreiben, in der die These widerlegt wird, dass privatisiertes Wohneigentum unsozialer sei als öffentliches. "Ich habe als Mittel nichts als mein Wort, meine Expertise und meine robuste Gemütsverfassung", sagt er. In manchen Fragen der Landespolitik gibt es inzwischen eine Zeitrechnung, bevor sich Thilo Sarrazin mit einem Problem beschäftigte, und eine Zeit danach. Die Debatten nach der Zeitenwende finden regelmäßig auf einem höheren Niveau statt.Parteifunktionären wie dem SPD-Landesvorsitzenden Michael Müller sind solche unberechenbaren Zwiste in den eigenen Reihen zuwider. Er nutzt daher jede Gelegenheit, um Sarrazin zurechtzuweisen, denn er fürchtet einen Imageschaden, fürchtet Stimmenverluste für die SPD. Sarrazins Image in der eigenen Partei steht in einem seltsamen Gegensatz zu dem Ansehen, das er bei den Journalisten in der Hauptstadt genießt, bei den Rathaus-Reportern und Landtagskorrespondenten. Von ihnen wird er geradezu verehrt. Kaum etwas ist ja glaubwürdiger als Kritik, die bei Bedarf auch die eigene Klientel trifft.In den Kneipen-Hinterzimmern von Berlin-Mitte sitzen daher ein ums andere Mal Journalisten beieinander und hören dem Senator zu, der sie regelmäßig mit so genannten Hintergrundinformationen versorgt. Sarrazin sagt bei solchen Gelegenheiten Sätze wie: "Mit unseren Aufwendungen für Zinsen könnte man 68 Opernhäuser betreiben." Oder: "Die deutsche Hauptstadt hat eine Steuerkraft irgendwo zwischen Dortmund und Duisburg." Oder: "Berlin ist von seinen sozialen Problemlagen her eine höchst durchschnittliche Großstadt." Derlei hört man von keinem Politiker, der auf Selbstlob trainiert ist und Wahlen gewinnen will. Vielleicht ist dies gerade das Bemerkenswerteste an einem Mann wie Sarrazin: dass man von ihm auch im Amt eines Ministers kein Geschwätz hört."Geld ist niemals Selbstzweck", sagt er, der das Geld Berlins zusammenhalten muss. "Man gestaltet mit Geld. Jede Änderung eines Inputs bedeutet einen Anstoß."Thilo Sarrazin macht der Hauptstadt keine Hoffnungen, dass es nach einem möglichen positiven Urteil der Verfassungsrichter wieder neue Spielräume für allerlei wünschenswerte Investitionen gebe. Es gehe darum, wie man knappes Geld intelligent, also effizient ausgebe. Im Schlaraffenland, sagt Thilo Sarrazin, gebe es doch vor allem Unschönes: Bluthochdruck, Diabetes, Völlegefühl.------------------------------"Allein mit unseren Aufwendungen für Zinsen könnte man 68 Opernhäuser betreiben." Thilo Sarrazin------------------------------Foto: "Geld ist niemals Selbstzweck", sagt Thilo Sarrazin. "Es geht darum, wie man knappes Geld intelligent ausgibt."