KOPENHAGEN/BERLIN. Hanns Peter Nerger kann man sich nicht in Jeans vorstellen. Seit 15 Jahren leitet er die Berlin Tourismus Marketing GmbH, BTM, und zu jedem Termin, jedem Pressegespräch, jedem Interview kam er im Anzug. Immer mit Einstecktuch, mit schwarzer Krawatte, Seidensocken und Slippern aus weichem Leder. An diesem Spätsommertag in Kopenhagen trägt der 61-Jährige einen schwarzen Anzug, in dem er noch eleganter aussieht als sonst.Nerger wird Ende des Jahres sein Amt aufgeben. Er ist an diesem Tag zum letzten Mal als Berlin-Tourismus-Chef in Kopenhagen. "Für mich ist Kopenhagen eine der schönsten Städte Europas", sagt er, während das Taxi an Giebelhäusern vorbeifährt. Vier Jahre hat er hier mal gelebt, in den achtziger Jahren.Die dänischen Reisejournalisten, die sich im Restaurant Cassiopeia in der Innenstadt versammelt haben, sind leger gekleidet. "Ach Lene, grüß Dich", sagt Nerger zu einer ehemaligen Kollegin. Auch die meisten Journalisten kennt er noch von früher. Er redet Dänisch mit ihnen. Es geht um deutschen Wein, die dänische Krone, Nerger zeigt Fotos von den Katzen seiner Freundin. So locker tritt er in Berlin nicht auf.Es scheint an diesem Tag, als ob Berlin keine Werbung brauche. Die Dänen kennen die Stadt, halten sie für spannend, kreativ. Doch Nerger sagt: "Berlin vermarktet sich nicht von allein". Entscheidend sei, dass die Touristen nach ihrem ersten Besuch wieder kommen. "Wir müssen ständig neue, unbekannte Seiten der Stadt zeigen." Manchmal sei er selbst überrascht, was Touristen anzieht. So habe das Dunkelrestaurant im Bezirk Mitte - in dem die Gäste nicht sehen können, was sie essen - zu einem spürbaren Anstieg der Besucherzahlen geführt.390 000 Dänen kamen im vergangenen Jahr nach Berlin. Im Jahr 1993, als Nerger bei der BTM anfing, waren es 90 000. Damals waren die Besucherzahlen eingebrochen. "Nach dem Mauerfall wollten alle nach Berlin. Die Hoteliers dachten, das geht immer so weiter und verlangten völlig überzogene Zimmerpreise. Doch dann war die erste Neugierde gestillt und Berlin als Reiseziel nicht mehr so gefragt", sagt Nerger. Damals wurde er aus Lübeck, wo er für den Tourismus in Schleswig-Holstein warb, nach Berlin geholt. Das Fremdenverkehrsamt der Senatsverwaltung wurde aufgelöst und die Berlin Tourismus Marketing GmbH gegründet. Mit Nerger als Geschäftsführer.Die Marketing-Gesellschaft, deren Etat von derzeit knapp 13 Millionen Euro aus Landesmitteln, Eigeneinnahmen und Zuschüssen der Hotels finanziert wird, kann große Erfolge vorweisen: Der Tourismus ist mit einem Bruttoumsatz von gegenwärtig 8,4 Milliarden Euro und knapp 255 000 Vollzeitbeschäftigten inzwischen der wichtigste Wirtschaftszweig Berlins. Die Umsätze wachsen jedes Jahr. Und Nerger konnte in beinahe jedem Jahr seiner Amtszeit gestiegene Besucherzahlen vermelden. 2007 kamen rund sieben Millionen Touristen nach Berlin. Die Stadt ist nach London und Paris das beliebteste europäische Städtereiseziel.Nerger gelang es, die zerstrittenen Hoteliers zu einen, über den Verein BTM-Partnerhotels sind sie nun zu 40 Prozent an der BTM beteiligt. Er überzeugte den Senat, zusätzliche Werbekampagnen zu finanzieren. Er schloss mit Städten wie Dresden oder Prag Allianzen und bot in Übersee Rundreisen an. Und er setzte bei der Vermarktung von Berlin auf bestimmte Zielgruppen, er warb etwa bei Homosexuellen für die Stadt.Der Tourismus-Werber ist auch auf Krisen vorbereitet. Wenn ein Ausländer in Berlin angegriffen wird, ruft er die Botschaft an und setzt sich mit dem Opfer in Verbindung. Vor allem US-Amerikaner würden fremdenfeindliche und antisemitische Übergriffe genau verfolgen, sagt er.Hanns Peter Nerger verbringt einen Großteil seiner Arbeitszeit im Flugzeug. Er schätzt, dass er in den 15 Jahren etwa zehn Millionen Kilometer im Flugzeug zurückgelegt hat. Für diese Strecke müsste man die Erde 250 Mal umrunden. Urlaub macht Nerger in Deutschland: Rottach-Egern im Mai, Timmendorfer Strand im September.Zwei Mal pro Woche ist Nerger unterwegs. Morgens wird er von dem Taxifahrer abgeholt, der ihn immer abholt und zum Flughafen bringt. In der Senatorenlounge der Lufthansa checkt Nerger ein. Das geht schneller als am normalen Schalter. Aus diesem Grund sitzt er im Flugzeug auch meist ganz vorne, so kann er die Maschine nach der Landung rasch verlassen. Sobald seine Termine beendet sind, fliegt er wieder nach Berlin. In Kopenhagen hält er sich an diesem Tag nur zwei Stunden auf. Als die Journalisten den inoffiziellen Teil der Veranstaltung mit einer Runde Bier beginnen, verabschiedet er sich. "Auch nach New York fliege ich morgens hin und abends zurück", sagt Nerger. "Das hat den Vorteil, dass man keinen Jetlag kriegt."Hanns Peter Nerger sagt, er könne sich im Flugzeug entspannen und zu jeder Zeit schlafen. Er isst und trinkt nichts während des Fluges. "Auf Langstrecken allenfalls ein stilles Wasser." Er liebe das Fliegen, sagen auch seine Mitarbeiter.Im Flugzeug arbeiten - das war der erste Job, den Hanns Peter Nerger hatte. Er war Flugbegleiter bei der Lufthansa, Mitte der sechziger Jahre fing er dort an. Nach der Mittleren Reife hatte er die Schule verlassen, er hatte keine Lust, das Abitur zu machen.Das Leben von Hanns Peter Nerger, dem erfolgreichen, stets eleganten Tourismusmanager, hat kompliziert begonnen. Zwei Jahre nach Kriegsende wurde er im hessischen Kronberg geboren. Ein uneheliches Kind, das im Kinderheim aufwuchs und in Internaten.Seine Mutter, Elinor Nerger, stammte aus Berlin, sie muss eine schöne, faszinierende, eigenwillige Frau gewesen sein. "Meine Mutter war eine Außenseiterin. Sie war am liebsten allein", sagt Nerger. Das änderte sich nicht, als sie Bruno H. Schubert aus der Henninger-Bräu-Dynastie in Frankfurt am Main, kennenlernte. Einen verheirateten, wohlhabenden Mann. "Von diesem Mann will ich ein Kind. Aber heiraten werde ich ihn nicht", habe seine Mutter gesagt. So erzählt es das Kind, das sie tatsächlich bekam, ihr Sohn Hanns Peter, und mit dem sie auch nicht leben wollte.Oder sie konnte nicht mit dem Baby leben, sie arbeitete als Kellnerin in einem Kasino der Amerikaner. "Aber sie hat mir immer Trockenmilch ins Kinderheim gebracht", sagt Nerger. Er scheint es seiner Mutter nicht zu verübeln, dass sie ihn weggegeben hat. Bis zu ihrem Tod vor vier Jahren hat er sie regelmäßig besucht.Die Großmutter väterlicherseits holte den Jungen nach vier Jahren aus dem Heim und nahm ihn zu sich, bis er alt genug für ein Internat war. Nerger besuchte verschiedene Internate, zuletzt die teure Odenwaldschule im hessischen Heppenheim. Einer seiner Mitbewohner war damals Daniel Cohn-Bendit, der inzwischen für die Grünen im Europäischen Parlament in Brüssel sitzt. Die Jungen diskutierten stundenlang über Politik, malten Transparente. Nach der Mittleren Reife ging Nerger ab, er hasste die Schule.Seinen Vater hatte Hanns Peter Nerger bis dahin nicht persönlich kennengelernt. Er kannte ihn nur, wie ihn damals jeder in Frankfurt am Main kannte, sagt Nerger. Als erfolgreichen Unternehmer, Generalkonsul von Chile, als Lebemann. Die Amerikaner hatten Bruno H. Schubert nach dem Krieg eine Lizenz zum Bierbrauen erteilt. Schubert baute einen Konzern mit inzwischen 40 Brauereien und Mälzereien weltweit auf.Nerger sagt, sein Vater bereue es inzwischen, sich erst so spät um ihn gekümmert zu haben. Sie trafen sich zum ersten Mal, als der Sohn erwachsen war. "Ich sage ihm immer, er solle sich nicht grämen. Er kann es nicht mehr rückgängig machen." Ihm selbst sei es nicht schwer gefallen, eine herzliche Beziehung zum Vater aufzubauen.Sein Vater ist 89 Jahre alt, ihm zuliebe verlässt der Sohn die Berlin Tourismus Marketing GmbH. Er wird in Zukunft die Umweltschutz-Stiftung seines Vaters in Frankfurt leiten. Seine Stelle in Berlin verlassen zu können, ist für ihn auch ein Zeichen der Unabhängigkeit. Unabhängig zu sein war für ihn immer wichtig. "Das ist vielleicht eine Lehre aus dem Kinderheim. Ich wollte so schnell wie möglich groß werden und meine eigenen Entscheidungen treffen", sagt er. Seine Freundin und er leben in getrennten Wohnungen, Kinder hat Nerger nicht.In die Tourismusbranche, die er jetzt verlassen wird, ist Hanns Peter Nerger durch Zufall geraten. Nach der Zeit, in der er als Flugbegleiter arbeitete, wollte ihn sein Vater, den er inzwischen kennengelernt hatte, zu seinem Nachfolger aufbauen. Doch die derbe Welt der Brauer gefiel Hanns Peter Nerger nicht. Er studierte an einer Verwaltungsakademie und leitete anschließend das Schulamt in Groß-Gerau. Irgendwann wurde der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Zentrale für Tourismus auf ihn aufmerksam und machte ihn zu seinem Assistenten. Wer Nergers Vater ist, erfuhr sein Chef erst nach einem Jahr. Auch in diesem Punkt war Nerger seine Unabhängigkeit wichtig.Vielleicht fällt ihm deswegen auch die Teamarbeit so schwer. Er trifft seine Entscheidungen am liebsten allein, heißt es. Meist waren es die richtigen. Ende Dezember übergibt er die Geschäfte an seinen Nachfolger Burkhard Kieker, bisher Marketingchef der Berliner Flughäfen.------------------------------"Auch nach New York fliege ich morgens hin und abends zurück. Das hat den Vorteil, dass man keinen Jetlag kriegt. " Hanns Peter Nerger------------------------------Foto: Heimkind, Vielflieger, Brauereierbe - und seit 15 Jahren Chef der Berlin Tourismus Marketing GmbH: Hanns Peter Nerger.