BIESDORF Es gibt Orte, die viele Menschen nicht gerne besuchen. Friedhöfe gehören dazu. Trotzdem, irgendwann muß jeder einmal dorthin. Dann sollte wenigstens das Ambiente stimmen - wie beim Friedhof Biesdorf.Der bedrückende Kloß im Hals will nicht verschwinden. Auch die U-Bahn, die im Fünf-Minuten-Takt vorbeirattert, kann daran nichts ändern. Der Friedhof an der Straße Alt-Biesdorf ist eben das, was er ist: ein Friedhof. Auch wenn er schön und hundert Jahre alt ist.Petra Zimmer hat sich an die Gegenwart des Todes gewöhnt. Die 36jährige trägt seit fünf Jahren die Urnen nach der Trauerfeier von der Kapelle zum Grab. "Eine noch, dann habe ich's für heute geschafft", seufzt sie. Sechs Beerdigungen sind am Freitag angesetzt. Es sei nicht leicht, wenn man stündlich mit der Verzweiflung von trauernden Menschen konfrontiert wird. Ein wenig Lockerheit leistet sich die Frau jedoch im Sommer: Sie trägt Römerlatschen zu ihrem schwarzen Kostüm.Das Aussehen des Friedhofs hat sich in den letzten Jahren zum Guten verändert. "Als wir das 9,6 Hektar-Areal übernahmen, war alles halb verfallen", erinnert sich Angelika Kastl vom Marzahner Naturschutz- und Grünflächenamt. "Zu DDR-Zeiten erledigte eine Rentnerin zusammen mit nur einem Mitarbeiter die notwendigsten Arbeiten." Grabsteine restauriert Angelika Kastl berichtet von zehn riesigen Grabsteinen aus der Zeit um 1900, die nach der Wende restauriert wurden, und von der Renovierung der historischen Kapelle, die jetzt mit moderner Technik versehen ist: Sargaufzug und Bodenheizung. Sie erinnert sich aber auch an eine nächtliche Todesmesse, die Grufties in dem Gebäude abhielten. "Am nächsten Morgen mußten wir vor der ersten Trauerfeier innerhalb von Stunden verkohlte Schnitzel beiseite schaffen, Brandflecke überkleben und die beschmierten Wände neu streichen."Die Trauergäste selbst haben manchmal merkwürdige Wünsche. Zum Beispiel der Volksmusik-Fan, der mit den Klängen einer Blaskapelle zu Grabe getragen wurde. "Einmal haben wir auch an einer Gruft einen Tisch mit Sektgläsern aufgestellt, weil die Hinterbliebenen auf den Verstorbenen anstoßen wollten", sagt Friedhofsleiter Gerhard Kramp."Wir sind eben ein Dienstleistungsunternehmen", resümiert Angelika Kastl. Da wird schon mal am Wochenende eine Trauerfeier angesetzt, wenn die Hinterbliebenen es wünschen oder Prominente beigesetzt werden. Erst im vorigen Jahr zum Beispiel wurde ein Star-Friseur aus München in seiner Heimat Biesdorf zur letzten Ruhe gebettet. Das Grab von DDR-Starschauspieler Jochen Thomas ist auf dem Gelände ebenso zu finden wie das von Günter Mittag, einst SED-Wirtschaftslenker. Angelika Kastl denkt mit Schrecken an den Menschenauflauf bei dessen Beerdigung zurück: "20 Angehörige, doppelt soviel Reporter und jede Menge Polizei drängten sich hier. Sogar der Staatsschutz war da."So makaber es klingt - Finanzmittel werden nach der Zahl der Bestatteten festgelegt. 376 wurden 1994 in Biesdorf zur letzten Ruhe gebettet, 270 sind dieses Jahr schon beigesetzt worden. 80 Prozent davon werden eingeäschert. Seit das Krematorium in Baumschulenweg umgebaut wird, werden die Verstorbenen durch halb Ostdeutschland chauffiert - nach Neubrandenburg, Dessau oder Frankfurt/Oder. Trend zur Anonymität Erst nach einigen Wochen kann dann die eigentliche Bestattung in Biesdorf stattfinden. Dabei gibt es einen neuen Trend: anonym ist billiger. Die sogenannten Urnengemeinschaftsanlagen (kurz UGA) sind besonders gefragt. Urne reiht sich dort an Urne. 400 Stück auf 60 Quadratmetern. Ohne Kreuz. Ohne Grabstein. Ohne Blumen."Einmal pro Woche kommt es vor, daß zu einer Beisetzung nicht einmal ein Verwandter erscheint", sagt Gerhard Kramp. Eine traurige Entwicklung, meint der 63jähige. "Vor der Wende hatten wenigstens die Nachbarn mal eine halbe Stunde Zeit für das Begräbnis." +++