ATHEN, 17. August. Das Schwimmstadion war für wenige Minuten in ein sanftes Licht getaucht. Hinter jener Tribüne, von der aus tausende Medienvertreter die Wettbewerbe verfolgen, versank die Abendsonne am Horizont und sandte einen letzten roten Schimmer in die Arena, in der bereits die Strahler der Flutlichtmasten dominierten. Genau die richtige Atmosphäre, um mit dutzenden Fernsehkameras bezaubernde Bilder zu produzieren. So sah man also in ein mädchenhaftes, strahlendes Gesicht, dessen große runde Augen vor Freude feucht schimmerten. Es war um 20.11 Uhr am Dienstag in Athen, als Cornel Moculescu, der Generaldirektor des Schwimm-Weltverbandes, die hoch gewachsene Schwimmerin mit einer goldenen Medaille schmückte.Dann erklang eine Hymne. Fahnen wurden aufgezogen. Sanft blendete die TV-Regie von einer Einstellung zur nächsten. Man sah noch einmal, wie acht Frauen die letzten von 200 langen Metern durchkraulten. Wie eine der Frauen die Arme in die Höhe reckte, einen Schrei ausstieß und erneut ins Wasser eintauchte. Noch eine Blende, nun leuchtete wieder das Gesicht der Siegerin - Camelia Potec aus Rumänien.Hatte die Regie da nicht etwas verwechselt? Sollte in diesen Minuten nicht Franziska van Almsick dort oben stehen und ihren erschöpften Körper von Tränenschüben erzittern lassen? War das nicht so vorgesehen im olympischen Drehbuch? Sollte diese Siegerehrung nicht der ergreifende Höhepunkt einer einzigartigen Karriere sein? In einer Hollywood-Produktion, da hätte die Geschichte der Franziska van Almsick sicher so geendet. Nicht aber im wahren Leben. Beinahe zwanzig Jahre treibt Franziska van Almsick Leistungssport. Seit dreizehn Jahren gehört sie zur Weltspitze. Seit zwölf Jahren jagt sie dieser verdammten olympischen Goldmedaille hinterher. Seit zwei Jahren hat sie nur noch für diesen einen Tag trainiert. Ach, was heißt hier Tag: für diese Abendstunde, für diese zwei Minuten, für diese 118 Sekunden. Sie hat seit den Europameisterschaften 2002 in Berlin, als sie den immer noch gültigen Weltrekord markierte, über nichts anderes mehr gesprochen als über dieses letzte sportliche Ziel. Verzehrt hat sie sich nach diesem Sieg. Ihre Mühen wurden nicht belohnt. Die vielen tausend Kilometer Trainingsfron, die Höhentrainingslager, dieses ewige Kachelzählen. Alles umsonst. Platz fünf, mehr als zwei Sekunden über ihrem Weltrekord. "Über die Zeit kann ich nur lachen", sagte Franziska van Almsick. Es war viel darüber debattiert worden, ob sie sich noch einmal frei machen könne von der Last der Erwartungen. Vor zwei Jahren ist ihr das gelungen, aber um präzise zu sein: Damals in Berlin, im Europasportpark an der Landsberger Alle, hat Deutschland nicht wirklich einen Weltrekord erwartet. Ihre grandiosen Vorstellungen kamen einigermaßen überraschend. Erst danach wurde sie wieder vereinnahmt von den Medien, obgleich sie gemeinsam mit ihrer Managerin Regine Eichhorn die öffentlichen Auftritte auffällig dosierte. Doch mit jedem Tag, mit dem dieser 17. August 2004 näher rückte, wuchs die Anspannung. "Sie kann sich den Erwartungen nicht entziehen", hatte Eichhorn noch am Montag formuliert. Nicht den eigenen, warum sollte sie auch, und nicht denen der Öffentlichkeit. Andererseits ist es ja nicht so, als wäre diese enorme Aufmerksamkeit nicht willkommen. Ihre Autobiografie wird in wenigen Tagen erscheinen. Athen ist darin nur das Schlusskapitel, und pünktlich zum großen Finale hat der Verlag darauf hingewiesen."Die ganze Nation hat vor der Glotze gesessen", sagte van Almsick. "Ich bin mal wieder an diesem Erwartungsdruck gescheitert." Druck? Den hat Camelia Potec nicht verspürt. So völlig lastenfrei krault es sich bestimmt besser, das glaubt schon der Laie zu verstehen. Und während van Almsick längst in den Katakomben des Schwimmstadions verschwunden war, zeigte die Siegerin wahre Größe. "Franziska", sagte also Camelia Potec, "tut mit unheimlich leid." Sie formulierte mehrfach ihr Mitgefühl. Denn Franziska van Almsick ist nicht irgendeine Rivalin für sie. "Franziska war immer ein Idol für mich", sagte Potec. "Sie hat alles, sie kann gut schwimmen, sie sieht gut aus, sie bewegt sich gut, ich wollte immer so werden wie sie." Nun ist Camelia Potec, 22, sogar schon ein bisschen weiter als ihr deutsches Idol. Vier Mal hat sie es bei Olympischen Spielen versucht, die Franziska van Almsick. Vier Mal vergeblich. 1992 wurde sie in Barcelona auf den letzten Metern von der Amerikanerin Nicole Haislett überspurtet. 1996 hat ihr in Atlanta die deutschstämmige Claudia Poll, eine später des Dopings überführte Costa-Ricanerin, die Goldmedaille gestohlen. 2000 in Sydney schaffte es van Almsick nicht ins Finale. Doch sie kam zurück, zwei Jahre später in Berlin, bei der EM - ein Triumph ohnegleichen. Damals hat sie sich entschlossen, ein viertes olympisches Abenteuer zu riskieren. Ihr Arbeitseifer wurde in höchsten Tönen gelobt. Sie hat mit einer Psychologin zusammengearbeitet. Sie hat alles versucht. Sie hat an sich geglaubt. Es hat wieder nicht gereicht. So einfach ist das, und doch so kompliziert. Kein Trainer konnte ihr helfen auf den letzten vier Bahnen, die sie in ihrer Karriere als Einzelschwimmerin hinter sich brachte, und auch keine Psychologin. "Berlin konnte nicht getoppt werden", hat Jutta van Almsick gesagt, ihre Mutter. "Doch ich bin nicht enttäuscht. Sie hat es doch großartig gemacht. Dazu gehört Mut, sich noch einmal so zu schinden." Sie hat es gewagt und hat verloren. Im Olympic Aquatic Centre waren am Dienstagabend hunderte Plätze frei, als sich Franziska van Almsick quälte. Auch auf den besseren Plätzen, auf der Ehrentribüne, klafften viele Lücken. Es wurde erst danach voll und laut in der Arena. Erst als Michael Phelps schwamm, dieser unersättliche Amerikaner, der hier eigentlich acht Goldmedaillen holen wollte. Nun wurde es die zweite im vierten Rennen, den 200 Meter Schmetterling. Eine silberne und eine bronzene hatte er zu diesem Zeitpunkt außerdem. 80 Minuten später sprang Phelps erneut ins Wasser. Und wieder gewann er Gold, diesmal mit der US-Freistilstaffel. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Als Franziska van Almsick 1992 in Barcelona zum ersten Mal durch ein olympisches Freibad kraulte, war Phelps sieben Jahre alt. Als van Almsick 1994 in Rom ihren ersten legendären Weltrekord schwamm, war Phelps neun. Jetzt verkörpert Phelps die Gegenwart des Schwimmens, und wohl auch die Zukunft. Franziska van Almsick aber ist schon Vergangenheit. "Ich glaube, ich bin ein bisschen tot", hat sie gesagt. Das klingt brutal, keine Frage, aber so ist das im Sport. Täglich werden neue Helden geboren, täglich neue Mythen begründet, neue Dramen geschrieben. Täglich treten aber auch Hauptdarsteller von der großen Bühne ab. Und jenes Karussell, das sich alle vier Jahre mit rasender Geschwindigkeit dreht und in 301 Entscheidungen tausende tragische Geschichten abwirft, das nennt man Olympische Spiele. Dieser irre Kreislauf ist es, der fasziniert. Franziska van Almsick wird als die Unvollendete in die Sportgeschichte eingehen. Als eine begnadete Athletin, eine großartige Stilistin. Natürlich, sie hat noch eine Chance in Athen, schon am Mittwoch mit der 4 x 200-Meter-Freistilstaffel. Doch nach den bisherigen Auftritten der deutschen Schwimmerinnen ist es unwahrscheinlich, dass ein Wunder geschieht, dass sie doch eine Goldmedaille in den Händen halten darf. Ihre Medaille. Wunder sind selten. Und eigentlich haben sie alle schon ihren Abschied kommentiert nach jenen 118 Sekunden, die so viel Wehmut hinterließen. "Diese Hatz mit der Presse, ich bin froh, dass es vorbei ist", sagte ihr Vater im Fernsehinterview. "Sie wird damit leben können, sie wird heute und morgen traurig sein", formulierte ihre Mutter. Dann fügte sie an: "Uns geht es gut." Vier Worte nur und doch eine Botschaft, die Trost spendet. Was ist schon eine Strecke von 200 Metern für jemanden, der das Leben noch vor sich hat.------------------------------"Sie hat alles, sie kann gut schwimmen, sie sieht gut aus, sie bewegt sich gut, ich wollte immer so werden wie sie." Camelia Potec, die Siegerin, über Franziska van Almsick------------------------------Foto: Athen, Dienstagabend nach dem Finale. Franziska van Almsick verlässt die Schwimmhalle.