Seit Jahrtausenden machen Menschen Verderbliches haltbar. Um die neuesten Tricks geht es diese Woche in Berlin: Die Kunst der Präparation

Dinosaurierknochen, ausgestopfte Störche und Kaimane, vitrinenweise eingelegte Lebern, Nieren, Herzen und sogar in Giessharz eingebettete Gallensteine - Berlin archiviert in seinen Museen und Sammlungen eine Fülle von Präparaten. Besonders interessant ist diese Vielfalt für Präparatoren selbst, die in dieser Woche zu ihrer 48. Internationalen Arbeitstagung in der Stadt sind.Schon immer haben Menschen verderbliche Dinge haltbar gemacht, um Vorräte anzulegen oder Materialien, wie zum Beispiel Tierhäute, nutzen zu können. Auch besonders geschätzten Gegenständen verhelfen findige Handwerker seit Jahrtausenden durch spezielle Behandlung zu langem Leben. Mumien ägyptischer Pharaonen sind eindrucksvolle Beispiele früher Präparationskunst. Auch Jagdtrophäen haben eine alte Tradition. Im 17. Jahrhundert stieg die Zahl der Präparationsverfahren an, als Naturalienkabinette aufkamen - Sammlungen von Fossilien, Tieren und Pflanzen, die dem Naturstudium dienten und aus denen heutige Naturkundemuseen hervorgingen."Beim Präparieren gibt es nicht so viele Innovationen wie in anderen wissenschaftlichen Disziplinen", sagt Frank Weigner, Präparator am Institut für Tierpathologie der Freien Universität in Berlin-Dahlem und einer der Organisatoren der Tagung, die der Verband Deutscher Präparatoren ausrichtet. Die Organisation hat rund fünfhundert Mitglieder."Teilweise werden Verfahren angewandt, die mehr als hundert Jahre alt sind." An den bestehenden Techniken feilen Präparatoren jedoch beständig, kombinieren Methoden und ersetzen Materialien, um immer perfektere Präparate zu kreieren.Je nachdem, was konserviert wird, unterscheidet man den geowissenschaftlichen Präparator, der Gestein und Fossilien bearbeitet, vom biologischen Präparator, der Tiere und Pflanzen erhält. Medizinische Präparatoren arbeiten in anatomischen, pathologischen oder rechtsmedizinischen Instituten, stellen Dokumentationspräparate sowie Lehrmaterial her und assistieren bei Obduktionen.Die Anforderungen an Präparatoren sind vielfältig: Sie benötigen handwerkliches Geschick, gestalterisches Fingerspitzengefühl und sie sollten wissenschaftlich versiert sein, um Forscher bei ihren Projekten unterstützen zu können. Medizinische Präparatoren müssen neben Fachwissen Takt im Umgang mit Toten und ihren Angehörigen besitzen. Erlernen lässt sich der Beruf in einer dreijährigen Ausbildung an Museen, Sammlungen sowie an der Höheren Berufsfachschule für präparationstechnische Assistenten in Bochum."Die Tagungsbeiträge kommen aus allen Fachrichtungen - präsentiert werden sie im Institut für Tierpathologie, im Museum für Naturkunde und im Medizinhistorischen Museum der Charité", berichtet Weigner. Neben Vorträgen stehen Exkursionen auf dem Programm - zum Museumspark Rüdersdorf etwa oder zur Gipsformerei in Charlottenburg, wo Abformungen von Kunstplastiken hergestellt werden.Die Gipsplastik ist ein wichtiger Schritt bei der Herstellung von Dermoplastiken, den klassischen ausgestopften Tieren. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden haltbar gemachte Tierhäute wie Kopfkissen gestopft. Um Körperformen besser darzustellen, ging man später dazu über, den Tierkörper zu modellieren. Per Gipsabguss wird eine Kopie aus weniger hartem Material, etwa Kunststoff, hergestellt. Darüber werden die behandelten Tierhäute anschließend gespannt.Seit den Siebzigerjahren konserviert man Tiere und ihre Organe auch durch Imprägnierungsverfahren. "Dabei ersetzen wir das körpereigene Wasser durch Konservierungsmittel - etwa Polyethylenglykol (PEG), einen wachsartigen Stoff", erläutert Weigner.Eine ähnliche Methode ist die Plastination, bei der statt PEG Kunststoff eingesetzt wird. Das Verfahren wurde von Gunther von Hagens entwickelt, der in der Ausstellung "Körperwelten" plastinierte menschliche Körper zeigt. Während der Tagung werden im Institut für Tierpathologie Plastinate tierischer Organe und Organsysteme ausgestellt, die als Lehrmittel für Studenten und Auszubildenden dienen.Im Museum für Naturkunde wird die Sonderausstellung "Meisterwerke der Präparation" im Rahmen der Tagung eröffnet. Gezeigt werden prämierte Exponate der Präparatoren-Weltmeisterschaft 2008. Zu sehen ist etwa ein PEG-imprägnierter Komodowaran von Robert Stein und Jürgen Fiebig, Präparator am Naturkundemuseum und Mitorganisator der Tagung. Fiebig ist einer von fünf biologischen Präparatoren des Museums und verantwortlich für die Vogelsammlung, die mit mehr als zweihunderttausend Exponaten die größte Deutschlands ist.Insgesamt lagern im Naturkundemuseum rund dreißig Millionen Präparate. Der Großteil schlummert in Depots, nur ein Bruchteil wird in Dauer- oder Sonderausstellungen präsentiert. An Ausstellungsobjekten arbeiten drei Präparatoren, während Fiebig und ein Kollege für die wissenschaftliche Sammlung zuständig sind.Einfach und platzsparend werden Präparate für die Sammlung konserviert. "Vögel präparieren wir nur als Vogelbälge, ohne Glasaugen und in einer leicht nachzubildenden Haltung, die nicht ihre natürliche sein muss", berichtet Fiebig. Die riesigen Magazine des Museums ähneln Bibliotheken, in denen Wissenschaftler aus aller Welt Material für Untersuchungen leihen können. Auf Anfrage werden Präparate verschickt; wertvolle, schwer zu versendende Objekte können allerdings nur vor Ort untersucht werden.Ausstellungspräparate hingegen präpariert man aufwändig. "Sie sollen möglichst lebensecht wirken, um Besucher emotional anzusprechen und auf weiterführende Erklärungen neugierig zu machen", sagt Fiebig. In einem der Säle des Naturkundemuseums geht es um die unterschiedlichen Präparationsmethoden.Nur wenige hundert Meter vom Museum in der Invalidenstraße entfernt, auf dem Campus der Charité am Standort Mitte, können Museumsgänger im Medizinhistorischen Museum rund 750 Präparate des menschlichen Körpers betrachten. Die Sammlung geht auf den Arzt und Wissenschaftler Rudolf Virchow zurück und umfasst rund zehntausend Objekte. "Wir bewahren überwiegend Feuchtpräparate auf, in Flüssigkeiten wie Formalin, aber auch Trockenpräparate von Knochen", sagt Navena Widulin, eine medizinische Präparatorin und Mitorganisatorin der Tagung.Präsentiert werden die Präparate dicht an dicht, das gesunde Organ neben dem krankhaft veränderten - so, wie sie schon der leidenschaftlichen Präparator Virchow zeigte. Da die eingelegten Körperteile zum Teil zweihundert Jahre alt sind, finden sich Krankheiten darunter, die heute hierzulande nicht mehr verbreitetet sind - zum Beispiel Typhus und Lepra. Die Präparate werden für den Hochschuluntericht genutzt und an Institutionen verliehen, die in Ausstellungen medizinische Themen illustrieren möchten.Neben der Dauerausstellung kann in Virchows ehemaliger Schaffensstätte auch die kürzlich eröffnete Sonderausstellung "Vom Tatort ins Labor - Rechtsmediziner decken auf" besichtigt werden. "Die Ausstellung beginnt mit dem nachgestellten Tatort", sagt Widulin. "Dann verfolgen wir den Fall vom Sektionssaal über das Labor bis hin zum Gericht." Es geht um neun Todesursachen. Alle werden dargestellt anhand von Präparaten, die noch zu DDR-Zeiten in der rechtsmedizinischen Abteilung der Charité angefertigt wurden."Vieles von dem, über das wir uns auf der Tagung unter Kollegen austauschen, mag Außenstehenden makaber erscheinen", sagt Widulin. "Doch für medizinische Präparatoren gehört die Herstellung eines Präparats von der Entnahme aus dem Leichnam bis zur Aufstellung im Glas zum Berufsalltag." Die Tipps erfahrener Kollegen helfen dabei, die Präparate so natürlich wie möglich zu gestalten - ob es nun Kniegelenke sind oder Komodowarane.------------------------------Präparatoren benötigen handwerkliches Geschick, gestalterisches Fingerspitzengefühl und sie müssen wissenschaftlich versiert sein, um Forscher unterstützen zu können.------------------------------Foto: Diesen Komodowaran (Varanus komodoensis) haben Jürgen Fiebig und Robert Stein vom Berliner Naturkundemuseum konserviert. Ihre Arbeit brachte den beiden bei der Weltmeisterschaft der Präparatoren im vergangenen Jahr in Salzburg einen Titel in der Kategorie "Gruppenarbeit" ein.------------------------------Foto: Den Bechsteinara (Ara ambigua) präparierte Robert Stein. Damit siegte der Berliner bei der Weltmeisterschaft 2008 in der Kategorie "Große nichtjagdbare Vögel".