ISTANBUL. Diakon Dorotheos steht mächtig unter Zeitdruck. Dabei will die Hetze so gar nicht zu dem ehrwürdigen Greis passen, dessen kluge Augen hinter dicken Brillengläsern funkeln. Schwer atmend steht der Diakon im prächtig renovierten Korridor des orthodoxen Priesterseminars auf Halki, doch weder Professoren noch Studenten behelligen den Diakon. Die Schule steht seit 37 Jahren leer.Halki, oder wie die Türken sagen Heybeliada, ist die zweitgrößte der Istanbuler Prinzeninseln. Die Schule, die sie beherbergt, war bis 1971 eine der wichtigsten Bildungseinrichtungen der orthodoxen Welt. Das Seminar des Ökumenischen Patriarchats Konstantinopel war 1844 mit Erlaubnis des Sultans gegründet worden und wurde schnell zu einem Zentrum des orthodoxen Lernens im Osmanischen Reich. In seinen besten Zeiten studierten 150 Studenten am Seminar auf Halki. Sie kamen aus allen Ecken des islamisch geprägten Staates: aus Palästina und dem Balkan, von diesseits und jenseits des Schwarzen Meeres, aus Ägypten, von den griechischen Inseln.Besuch deutscher BischöfeDoch das ist lange her. Die säkulare türkische Republik hat dem multireligiösen Leben den Riegel fest vorgeschoben. Heute hallt die Stimme des Diakons durch leere, aber außerordentlich gepflegte Räume. Der Gärtner muss beaufsichtigt werden, das Telefon klingelt, die Messe will gelesen sein, und dann auch noch Besucher! Viel Arbeit für die drei Mönche, die auf Halki die Stellung halten. Sie warten darauf, dass der Druck der Europäischen Union auf die Türkei Wirkung zeigt: Gemeinsam mit der EU wollen sie erreichen, dass die Schule wieder eröffnet wird. Am kommenden Montag erwarten sie ermutigenden Besuch: den Kölner Kardinal Joachim Meisner (siehe Kasten).Doch nicht nur für die Wiedereröffnung wird auf Halki fast rund um die Uhr gebetet, und nicht nur deshalb lesen die Geistlichen für den Gärtner und für den Koch täglich zweimal die Messe. Es gilt noch größeres Unheil abzuwenden. Nach türkischen Gesetzen fallen Kirchen und Schulen der religiösen Minderheiten, sobald sie nicht mehr genutzt werden, entschädigungslos der Staatskasse zu. So erklärt sich, dass die 30 Diakone, Priester und Bischöfe des Griechisch-Orthodoxen Patriarchen regelmäßig sämtliche circa 80 griechischen Kirchen Istanbuls aufsuchen. Wohl selten haben frommes Gebet und Messe die Kirche so direkt geschützt.Diakon Dorotheos klopft sich den Staub von der schwarzen Filzjacke, die er über die Kutte gezogen hat, und nervös fährt seine Hand durch den weißen Bart. Nein, fotografieren lassen will er sich in diesem Aufzug nicht. Und Auskunft? Sein Chef, Metropolit Apostolos von Moschonisa, ist dienstlich unterwegs, und der Mönch, der für einige Wochen aus Griechenland zur Verstärkung des Teams angereist ist, spricht nur griechisch und kann wenig zur Schule sagen. Zwar kennt Diakon Dorotheos die Leidensgeschichte des Seminars nur allzugut, doch darf er keine Stellungnahmen abgeben.Dazu ermächtigt ist Pater Dosi-theos, Pressesprecher des Patriarchen Bartholomäos I., der als der Primus inter pares der orthodoxen Patriarchen gilt. Wie sein Chef selbst ist Dositheos einer der letzten griechischen Geistlichen Istanbuls, die noch in dieser Stadt geboren worden sind. Der Pater ist ein Spätberufener und hat erst nach Irrwegen wie Biologiestudium in Deutschland und Arbeit in der Pharmaindustrie, die auch Versuche mit Tieren umfasste, den Weg in den Schoß der Kirche gefunden.Umso größer ist heute Pater Dositheos' Engagement für die Kirche und für den Glauben. Neben seiner sonstigen Arbeit liest er allsonntäglich die Messe in der Mariä-Verkündigungskirche im Armenstadtteil Dolapdere. In die riesige Kirche kommen jetzt nur noch elf griechische Familien, daneben eine kleine Gruppe türkischer Kryptochristen von der Küste des Schwarzen Meeres."Noch in den fünfziger Jahren waren wir hier in Istanbul 120 000 griechisch orthodoxe Christen", sagt Dositheos, "heute sind davon nur noch circa 2 000 übrig." Die ehemals griechische Stadt beherrbergt jetzt weniger Griechen als jede andere Metropole in Europa. Vertrieben hat sie eine Politik mal größerer, mal kleinerer Nadelstiche, zu der die Plünderung von griechischen, aber auch jüdischen Geschäften gehörte, die Massenausweisung griechischer Staatsbürger, Diskriminierung in der Bürokratie und schleichende Enteignung von Immobilien der christlichen Gemeinden. Die Schließung des Priesterseminars auf Halki ist in dieser Serie ein ganz zentraler Punkt.Im Jahre 1971 putschte das Militär zum zweiten Mal und gab als Grund dafür Aktionen radikaler linker Studenten und Gewerkschaften an. Obwohl niemand behaupten kann, die Theologen auf Halki hätten die linke Bewegung angeführt, wurde das Priesterseminar zusammen mit allen anderen privaten Hochschulen geschlossen. Da half es auch nichts, dass der Gründungsvertrag der Republik Türkei, der Vertrag von Lausanne von 1923, den religiösen Minderheiten den Schutz ihrer Institutionen zugesichert hatte. Die türkischen Gesetze fordern, dass nur ein türkischer Staatsbürger Patriarch von Istanbul werden kann und legen zugleich die Axt an die Ausbildung des Nachwuchses."Unser Patriarch selbst hat noch am Seminar studiert", sagt Pater Dositheos im Patriarchats-Gebäude, das am Goldenen Horn im Stadtteil Fener liegt. Bereits vor Jahren hat der Patriarch die USA und die EU gebeten, dafür zu sorgen, dass sich die Regierung in Ankara in Sachen Priesterseminar endlich bewegt. Das brachte ihm nicht nur Freunde ein. Mehrere Jahre lang demonstrierte die rechtsextreme "Partei der Nationalistischen Bewegung" (MHP) gegen den Patriarchen, wann immer er sich in der Öffentlichkeit zeigte. Und Kemal Kerinçsiz, der Rechtsanwalt, der einst Nobelpreisträger Orhan Pamuk wegen "Beleidigung des Türkentums" vor den Kadi brachte, hat auch den Patriarchen angezeigt. Er betreibe die "Untergrabung türkischer Souveränität".Auf Halki hat Diakon Dorotheos den Gast an Stelios Karaman weitergereicht. Der dreißigjährige Stelios ist Lehrer auf der Insel Büyükada, der größten Istanbuler Insel, die griechisch Prinkipo genannt wird. Auf ihr gibt es noch eine griechische Grundschule. Am Wochenende setzt Stelios auf die Nachbarinsel über und bringt die Bibliothek des Seminars auf Vordermann. Publikationen aus aller Welt finden als Spenden noch immer ihren Weg ins Seminar, darunter auch die neueste Nummer der Schweizer Kirchenzeitschrift. "Der Katalog ist jetzt vollständig im Computer", doch Stelios ist sich nicht sicher, ob je wieder Studenten kommen. Denn selbst wenn das Verbot nun endlich fallen sollte, die griechische Gemeinde Istanbuls ist viel zu klein, um auch nur noch eine Generation lang weiter bestehen zu können. Der Lehrer Stelios selbst ist dafür ein beredtes Beispiel. "Mit sieben anderen Istanbuler Griechen ging ich zum Studium nach Athen", berichtet Stelios, "nur zwei von uns kamen zurück, und die Absetzbewegung geht immer weiter."Ein internationaler OrtDeshalb sagt Pater Dositheos: "Die Schule wird nur mit Sinn erfüllt, wenn wir Schüler und Professoren aus aller Welt aufnehmen dürfen." Tatsächlich ist die Präsenz der orthodoxen Kirche an ihrem historischen Zentrum wahrscheinlich nur noch auf diese Weise zu sichern. Auch vor seiner Schließung war das Seminar international. 70 Prozent seiner Schüler und Lehrer kamen von außerhalb der Republik Türkei: aus Griechenland und vom Balkan, aber auch aus den USA und aus Europa, aus all den orthodoxen Bistümern, die unter Verwaltung der Patriarchen von Konstantinopel stehen.So soll es wieder werden, und auf Halki arbeiten Diakon Doro-theos und sein Abt, als wäre morgen schon Eröffnung.------------------------------Deutscher Bischof reist in die TürkeiKardinal Joachim Meisner reist am Montag in die Türkei. Er will sich für christliche Institutionen einsetzen. In Tarsus bittet er, die 1948 beschlagnahmte St.-Paulus-Kirche solle als Pilgerkirche genutzt werden dürfen. In Istanbul drängt er darauf, das Priesterseminar der Griechisch-Orthodoxen Kirche wieder zu öffnen.Das Priesterseminar steht seit Jahren auf der EU-Forderungsliste. Die Kommission betrachtet die Öffnung als Meilenstein für mehr Religionsfreiheit in der Türkei.------------------------------Karte: Istanbul, Prinzeninseln------------------------------Foto: Seine Heiligkeit Bartholomäos I., Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, Mitte, feiert die Messe mit Vertretern anderer christlicher Gemeinden.