SCHMÖCKWITZ. Fledermäuse nisten im alten Gemäuer, im Haus gibt es keine geraden Wände, mehr als 36 Fenster müssen regelmäßig geputzt werden, damit das Wohnzimmer hell bleibt - und aus dem großen Speicher unterm Dach tropft noch immer Wasser in die Wohnung. Trotzdem können sich Jutta und Wolfram Schleicher nicht vorstellen, woanders zu wohnen als in ihrem Wasserturm. Vielleicht lässt es sich damit erklären, dass er Bauingenieur ist und sie Hydrologin. Sie selbst sagen, dass es auch die vielen Zufälle waren, weshalb sie bis heute an dem Experiment festhalten.Alles begann Mitte der 80er Jahre. Das junge Paar suchte Wohnraum - zu DDR-Zeit ein sehr knappes Gut. Als Wolfram Schleicher seine Eltern in Schmöckwitz bei Eichwalde (Dahme-Spreewald) besuchte, stand er vor dem Mauerwerk und blickte auf das zwölfeckige Dach, in dem sich der Hochbehälter für das Wasser befindet. Neugier trieb ihn in das Innere des Turms: Drinnen ein großer Hohlraum, durch den die alten Druckrohre des Wasserspeichers gingen. Er blickte hinauf in 20 Meter lichte Höhe. Wind pfiff durch viele Löcher, Feuchtigkeit nagte an der Fassade. Er erinnert sich an eine weiße Taube, die plötzlich hochflog, gegen einen Dachbalken stieß und tot herunterfiel.Blick von oben auf die StasiFür den jungen Mann, damals Ende 20, hätte das ein Zeichen sein können, nämlich lieber die Finger von dem maroden Bauwerk zu lassen. "Aber ich konnte nicht mit ansehen, wie dieses historische Gebäude verrottete", sagt der heute 52-Jährige. Seit mehr als 20 Jahren ist der Wasserturm nun Teil seines Lebens und für ihn und seine Frau auch zur Lebensaufgabe geworden.Es war in der Vorwendezeit eine höchst ungewöhnliche Idee, in der planwirtschaftlich regulierten DDR einfach einen Wasserturm zu kaufen und ihn zum Familienheim umzubauen. Das 1913 erbaute Gebäude war zu jener Zeit zwar Volkseigentum, wurde aber von der Wasserwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr genutzt.Schleicher hatte Glück: Die Wasserwirtschaft war froh, dass ihr jemand die Arbeit abnahm und sich um den Turm kümmern wollte. Auch die Stasi-Generäle, die ihre Häuser in Ort hatten und monierten, dass dieser Schleicher von oben doch einen guten Einblick in ihre Privatsphäre habe, konnten besänftigt werden. "Wir wurden überprüft und für harmlos befunden", sagt Schleicher. Ende der 80er Jahre erhielt er die Genehmigung das Dach zu sanieren.Es sollte acht Jahre dauern, bis das Paar mit den beiden Kindern in den Wasserturm einziehen konnte.Heute, nach vielen Umbauten, sitzen die Schleichers im Wohnzimmer. Licht fällt durch die 36 kleinen Fenster, die beim Putzen so viel Fleiß erfordern. Die Wände sind geneigt. Mit jeder Etage wird es weniger Platz, denn der Turm wird nach oben hin schmaler. Eine Wand musste extra ausgestemmt werden, damit der hohe Kühlschrank senkrecht stehen kann und nicht vornüber fällt. "Mir kommt hier alles entgegen", sagt Jutta Schleicher, wenn sie sich umschaut.Dann erzählt die 49-Jährige, dass es schwer gewesen sei, passende Möbel zu finden für die runden Räume. Etwa 100 Quadratmeter misst die gesamte Wohnfläche. Einen Keller mit Stauraum gibt es auch nicht.Restaurierung und Umbau dauern nun schon 25 Jahre, doch noch immer ist vieles unfertig. Vielleicht hat das Paar deshalb die vielen kleinen Fortschritte dokumentiert. "Wir haben alles selbst gemacht, bis auf den Gas- und Elektroanschluss", sagt Wolfram Schleicher stolz. Der Bauingenieur legt dicke Fotoalben auf den Wohnzimmertisch. Er guckt selbst ein wenig ungläubig auf die Bilder. Einmal, da hockt er mit nacktem Oberkörper auf dem Dach, in 35 Meter Höhe, es war Sommer und es gab diesen schönen Ausblick auf den Grünauer Forst. Wagemutig seien sie gewesen, bei der Renovierung. "Dass da nichts passiert ist, grenzt eigentlich an ein Wunder", sagt Schleicher. Obwohl, einmal sei er vom Dach gefallen, glücklicherweise auf eine Holzvorrichtung, die ihm vermutlich auch das Leben rettete, denn drum herum prangten Stahlwinkel.Ein weiteres Problem zu DDR-Zeiten: Das Material zur Sanierung war ziemlich knapp. Vor der Wende gab es keinen Baumarkt um die Ecke. Biberschwänze zum Decken des Dachs wurden über Annoncen zusammengesammelt. Von außen brachten die Männer Flaschenzüge an, um Ziegel oder Holz nach oben zu bewegen. Beim Dachdecken halfen Freunde und Bekannte aus der Kirchgemeinde. "Ich glaube, es hat vielen gefallen, dass wir da etwas eigenes machten, etwas außerplanmäßiges", sagt Jutta Schleicher. Das habe wohl die Leidenschaft geweckt.Um in dem Turm wohnen zu können, mussten in dem hohen und leeren Raum unter dem Wasserbehälter die alten Druckrohre rausgerissen werden. Es dauerte drei Jahre, bis dort dann die Wohnetagen eingezogen waren. Heute hat der Turm fünf Ebenen, zwei davon sind ungenutzte, sogenannte Dunkeletagen.Der eigentlich leere Wasserspeicher macht noch immer Sorgen. In der Winterzeit friert darin Wasser. Es wird auch in diesem Frühjahr wieder schmelzen und tropft dann in die Etage darunter, die deshalb nicht genutzt wird. "Wir hatten mal die Idee, da einen Pool einzurichten", sagt Jutta Schleicher. Doch so einfach ist das nicht, das Chlor würde den Behälter zu sehr angreifen. Und das wäre auch eine kostspielige Spinnerei gewesen. Ziel sei es, möglichst bald die undichten Stellen trocken zu legen, dann kommt unter den Wasserbehälter ein neues Zimmer mit Tageslicht.Die Umbauarbeiten am Turm seien sicher teurer gewesen, als ein neues Mehrfamilienhaus zu bauen, sagt Wolfram Schleicher. Bereut habe er die Entscheidung aber nie. Er würde es immer wieder so machen, auch wenn das alles viel Mühe, Schweiß und Nerven gekostet habe. "Verrückt muss man nicht sein", sagt er, "aber es hilft."Und damit meint er nicht die körperliche Belastung durch die Umbauarbeiten. Damit meint er die Bürokratie. In Schleichers Arbeitszimmer stapeln sich dicke Aktenordner, mit den vielen Regelungen. Es war schwer, den Überblick zu behalten, man sei durch sämtliche Mühlen des Ost- und Westrechts gegangen. "Zahlen mussten immer wir", sagt Schleicher. Das Ehepaar guckt sich an, lacht. "Es hat uns ziemlich zusammengeschweißt, so etwas kann man nur gemeinsam überstehen", sagt Jutta Schleicher.Die 24-jährige Tochter Anne, eine ausgebildete Schauspielerin, wohnt noch im Turm, sie hilft dem Vater bei der Büroorganisation. Sohn Richard, 26, ein angehender Wirtschaftsingenieur, ist für das Studium nach Wien gezogen. Und Jutta Schleicher arbeitet inzwischen als Naturheilpraktikerin: Im Yogaraum bietet sie Kurse an.Das eigenwillige Paar legt Wert darauf, viele Dinge anders zu machen als andere. Wolfram Schleicher, der inzwischen Eisenbahnbrücken baut, feierte sein Bürojubiläum nach genau 2 222 Tagen. Als die Praxis von Jutta Schleicher geplant wurde, war klar: Der Grundriss wird weder quadratisch noch rund. Der wird trapezförmig.------------------------------In Brandenburg leben 2,5 Millionen Menschen. In unserer Serie stellen wir ungewöhnliche Orte zum Wohnen und Wohngemeinschaften vor.------------------------------Foto: Hohes Haus: Der Turm misst 36 Meter und hat fünf Etagen.Foto: Hausmusik in einem Turm ohne gerade Wände: Wolfram Schleicher (52) hört Tochter Anna (24) am Klavier zu, seine Frau Jutta (49) spielt dazu Flöte.