Zum Gottesdienst an diesem Morgen sind in die Synagoge Rykestraße gerade einmal zwanzig Mitglieder der Jüdischen Gemeinde gekommen noch weniger als sonst. Das stört Oljean Ingster nicht. Vor zehn Jahren hat der 71jährige gedacht: "Bald gibt es uns gar nicht mehr." Am heutigen Dienstag bekommt der Kantor für sein Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz. Zu DDR Zeiten sind meistens gerade die nach den Vorschriften für eine Sabbatfeier nötigen zehn Männer zusammengekommen. Die Synagoge Rykestraße ist über Jahrzehnte die einzige jüdische Stätte im Osten Deutschlands, wo freitags und sonnabends regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden. Heute zählen zu den Besuchern vor allem osteuropäische Zuwanderer deutlich mehr als die Hälfte. "Wenn die nicht wären, säßen wir allein hier", sagt Gemeindemitglied Will.Oljean Ingster ist gewissermaßen Dienstältester. Als er 1966 sein Amt als Kantor in der Synagoge Rykestraße antritt, arbeitet er noch als Abteilungsleiter im Funkwerk Köpenick. Aus der für ein Jahr vorgesehenen ehrenamtlichen Tätigkeit sind fast 34 Jahre geworden.Langjährige Wegbegleiter würdigen die Verdienste Ingsters. Andreas Nachama, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sagt, daß er die kleine Gemeinde im Osten zusammengehalten habe. Pfarrer Dietrich Hermisson von der evangelischen Gemeinde in Karow spricht von einem "großen Stück Versöhnungswerk". Der Pfarrer hat Ingster für den höchsten bundesdeutschen Orden vorgeschlagen. Für ihn zähle Ingsters Einsatz beim christlich-jüdischen Zusammenleben und der Zusammenhalt der Gemeinde im Osten. Schon seit den 60er Jahren habe sich Ingster "ganz bewußt" um Christen gekümmert. Hermisson: "Bei seinem Leben keine Selbstverständlichkeit." Oljean Ingster gehört zu den wenigen Überlebenden des Holocausts. Eltern, Schwester und alle Verwandten verjagt aus dem damals oberschlesischen Proszowice kommen in Vernichtungslagern um. Der vom Schulunterricht ausgeschlossene Junge lernt bei einem Onkel hebräisch und jiddisch. Dann folgen Stationen in acht Konzentrationslagern. Ingster redet nicht gern darüber. "Am 2. Mai 1945 bin ich als 17jähriger in Schwerin beim Todesmarsch der Sachsenhausenhäftlinge von US-Truppen befreit worden", sagt der Kantor.Nach seiner Befreiung nimmt er kantoralen Gesangsunterricht, besucht Thoravorlesungen. Von 1971 bis 1990 gehört Ingster dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Ost-Berlin an. Heute engagiert er sich in der Deutsch Israelischen Gesellschaft. Der Kantor setzt auf die "völlig veränderte Situation". Die Kinder der Zuwanderer würden die jüdische Tradition erlernen und an Großeltern und Eltern weitergeben. Ingster: "Es passiert viel." Ingster predigt an diesem Morgen über zwei Thora-Abschnitte von Moses. Es geht um den Glauben an das Gute im Menschen. Die meisten Zuhörer verstehen die deutsche Predigt nicht. Beim anschließenden Kiddusch übersetzt Gemeindemitglied Hans Rosenthal, früher Virologe an der Charité, ins Russische: "Ich wollte Sie darauf aufmerksam machen, daß der Kantor einen Orden erhält." Nastrowje die Gruppe stößt auf seine Gesundheit an. Vom Bundesverdienstkreuz hören viele zum ersten Mal.