Jeden Morgen schließt Yusuf Yilmaz die Sehitlik-Moschee auf, bevor die Gläubigen zum Morgengebet kommen. Die Moschee liegt am Columbiadamm in Neukölln, man kann das prächtige Gebäude von weitem sehen. Yilmaz war auch am Freitag gegen sechs Uhr da. Doch diesmal roch es merkwürdig, nach Verbranntem. Auf der hinteren Seite des Gebäudes loderte ein Feuer, daneben stand eine Propangasflasche. "Ich habe die Flasche mit den Fingern weggezogen und das Feuer gelöscht", sagt Yilmaz, er vertritt gerade den Hausmeister.Yilmaz, 29 Jahre alt, hat Glück gehabt, dass die Flasche nicht explodiert ist. Die Polizei ermittelt wegen vorsätzlicher Brandstiftung. Die Propangasflasche sowie eine Sackkarre, die die Täter stehen gelassen haben, wurden sichergestellt. Woher die Flasche kam, ist unklar. Sie ist laut Polizei in einem schwarzen, rucksackähnlichen Behältnis vom Columbiabad mit der Sackkarre transportiert worden.Wer auch immer hinter der Brandstiftung steckt, hat sich einen auffälligen Zeitpunkt gewählt. Berlin ist in Alarmbereitschaft wegen eines möglichen Anschlags durch islamistische Terroristen. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) rief im Fernsehen gar zur Wachsamkeit auf gegenüber "seltsamen Menschen, die arabisch oder sonst eine fremde Sprache sprechen". Es war eine merkwürdige Äußerung. Ausgerechnet von Körting, der sich engagiert für den Dialog mit dem Islam einsetzt und selbst oft Moscheen besucht. Und zwei Tage später brennt die größte Moschee Berlins.Der Vorsitzende der Moschee, Yavuz Akgül, steht ein paar Stunden später vor der verkohlten Wand. Ruhig und routiniert beantwortet er die Fragen. Es ist bereits der vierte Brand seit vergangenem Juli, sagt er. Immer an der gleichen Stelle, der über den Friedhof rund um die Uhr für jedermann zugänglich ist. Hinter dem vergitterten Fenster befindet sich der Waschraum für die Leichen.Hat er einen Verdacht? Akgül schüttelt den Kopf. "Das muss die Polizei herausfinden." Er ist Systemingenieur, spricht perfekt Deutsch und ist 38 Jahre alt - und damit jünger, als viele der Gemeindemitglieder, die zum Gebet gekommen sind. Er bemüht sich, den Brand herunterzuspielen. "Wenn man uns provozieren will, dann haben sich die Täter den falschen Ort ausgesucht, wir werden das nicht zulassen", sagt Akgül fast trotzig. Er weiß, wie aufgeheizt die Stimmung auf beiden Seiten ist. Seit dem Buch von Thilo Sarrazin fühlen sich die Muslime unter Generalverdacht. Jetzt auch noch der Terroralarm.Akgül und Yilmaz ärgern sich, dass stets von islamischen Terror gesprochen wird, als sei der Islam eine gewalttätige Religion. Das sei falsch. "Bei der irischen IRA sprach man doch auch nicht vom katholischen Terrorismus", sagt Akgül. Trotzdem hat sich Akgül entschieden, seinen Ärger über den Innensenator hinten anzustellen. Er will nicht, dass Muslime und Nicht-Muslime gegeneinander aufgehetzt werden. Körting hat sich inzwischen entschuldigt. Unglücklich sei die Formulierung gewesen.Die Sehitlik-Moschee hat das Freitagsgebet, zu dem bis zu 1200 Menschen kommen, gleich genutzt, um auch die Gläubigen zur Ruhe zu ermahnen. Macht keine Gegenaktionen, lasst eurer Blut weiter ruhig fließen, habe der Imam gesagt, berichtet Akgül. Auch die Eltern seien darauf hingewiesen worden, auf ihre Kinder ein wachsames Auge zu werfen.Nun gilt die Moschee am Columbiadamm eher zu den Vorzeige-Moscheen des Bezirks. Regelmäßig gibt es Führungen, auch für Polizeibeamte, mit der benachbarten Genezareth-Gemeinde wird Nikolaus gefeiert.Die Predigten der Moschee sind meist aus der Türkei vorgegeben, so will es der Dachverband DITIB, der der türkischen Religionsbehörde unterstellt ist. Aktuelle Bezüge sind selten. Der Aufruf zur Ruhe zeigt, wie ernst die Gläubigen die Lage einschätzen. Besonders die jüngeren Gemeindemitglieder sind anfällig für radikalen politischen Islamismus, wie er in anderen Neuköllner Moscheen gepredigt wird. Während vom Verfassungsschutz beobachtete Organisationen wie Milli Görüs aktiv um junge Leute werben, wurde in der Sehitlik-Moschee die Jugendarbeit jahrelang vernachlässigt. Der junge Gemeindevorsteher will das ändern.------------------------------Rechtsradikale ÜbergriffeZum vierten Mal schon hat es in der Sehitlik-Moschee gebrannt. Ob dahinter ein islamfeindliches Motiv steckt, ist unklar.Die Polizei sucht nach Zeugen, die die Brandstifter dabei beobachtet haben, wie sie am Freitagmorgen die Gasflasche vom Columbiabad zur Sehitlik-Moschee am Columbiadamm transportiert haben.Meldungen unter der Telefonnummer 030/ 46 64 90 90 40.Vergangene Woche gab es eine Sachbeschädigung des Vereinshauses der türkisch-islamischen Gemeinde in Spandau. Rechtsradikales Gedankengut sei auf Türen und Wände aufgetragen worden. Die Täter sind unbekannt.Schmierereien wurden kürzlich auch in zwei Geschäften im Einkaufszentrum Spandau entdeckt. Sie lauteten: "Man kauft nicht bei Kanaken."------------------------------Foto: Yusuf Yilmaz (l.) hat das Feuer entdeckt und gelöscht. Der Moscheen-Vorsitzende Yavuz Akgül will, dass sich seine Gemeinde nicht provozieren lässt.