Was ist Farbe, was ist Blut? In dieser Ausstellung ist das nicht immer leicht auseinander zu halten. Leinwand um Leinwand schreitet man Hermann Nitschs berühmte Schüttbilder ab. Tiefrot läuft auf ihnen die Farbe herab; voller Wucht hat er den Saft daraufgespritzt, verwischt, gespachtelt, zuweilen scheint er sich in ihm regelrecht gewälzt zu haben. Meist ist es Farbe, aber man kann gar nicht anders als an blutige Opferrituale zu denken, an Bettlaken nach der Hochzeitsnacht oder an die Spuren einer dramatischen Operation.Auf einem frühen Hauptwerk, dem "Kleinen Existenzaltar" von 1960 - sieben fast monochrome Tafeln, in Kreuzform angeordnet - liest man die Aufschrift "Das visuelle Opferschlachtwarmes Stierblut". Doch ist auf diesen Gemälden gar kein Blut auszumachen, eher bezeugen sie den Einfluss der amerikanischen Farbfeldmaler auf den 1938 geborenen Wiener. 1962 kommen auf dem neun Meter langen "Blutorgelbild" dann erstmals Farbe und Blut gemeinsam zum Einsatz. "Beides war für mich immer identisch", sagt Nitsch, während er mit Rauschebart und schwarzem Hut wie ein Hohepriester durch seine Schau im Gropius-Bau führt.Seine Malerei sei nur zu begreifen, wenn man auch seine Aktionen kennt - und umgekehrt, betont er dann.So geht in der Retrospektive dieses kompromisslosen Werks alles ineinander über: die Malereien und Schüttbilder; die Aktionen, die auf Projektionen, Bildschirmen und Foto-Wänden präsent sind; die Altar-Installationen mit den Relikten eines auf ewige Wiederholung angelegten Kunstrituals - vertrocknete, ranzige Mullbinden, blutige Laken, die in ihrer bräunlichen Verfärbung viel weniger blutig wirken als die Leinwandbilder, oder die bekleckerten Malkutten, die nicht unfreiwillig an Schlachterkittel nach dem G ebrauch erinnern; schließlich Vitrinen mit Nitschs tausendseitigen Partituren zu den Performances, dickleibigen Traktaten zu seiner Kunsttheorie und den DVD-Dokumentationen seiner mittlerweile über 120 Aktionen.Im Jahr 1957 formulierte der damals 19-Jährige erstmals die Idee des "Orgien Mysterien Theaters", um das sein Werk bis heute kreist. Alles gehört seither irgendwie zum "OMT", so die offizielle Abkürzung. Christliches und Heidnisches, Kunstreligion und selbst erfundene Schöpfungsmythen durchdringen sich in diesem endlosen Zyklus; auch Richard Wagners Weihefestspiel, die Idee des Gesamtkunstwerks, Nietzsches Geistesekstasen und nicht zuletzt die Psychoanalyse klingen an. Ein wichtiger Ausgangspunkt war zweifellos das amerikanische Action Painting, das 1959 auf der Documenta 2 das europäischen Publikum in Bann schlug. Vor allem Jackson Pollocks monumentale Tröpfelbilder, bei deren Herstellung der Maler sich wie ein Tänzer um die Leinwand auf dem Boden bewegte, werden Nitsch zu seinen Malaktionen angeregt haben.Die großzügig gehängten Riesenbilder der frühen Sechziger gehören zu den eindruckvollsten Erlebnissen der Ausstellung. Denn beobachtet man, wie auf den neun Meter langen Leinwänden die rote Farbe als rhythmischer Regen herabströmt oder sich voller explosiver Kraft verteilt, dann öffnen sich auf einmal die Augen für Nitschs Bedeutung in der Geschichte der Nachkriegsmalerei. Er ist Europas selbstbewusste Antwort auf die New York School; ohne Mühe können sich seine Werke neben den berühmten Drip Paintings Jackson Pollocks, den magischen Farbströmen von Sam Francis oder Morris Louis' konzentrierten Entladungen behaupten - warum hat eigentlich noch kein Museumskurator die Gegenüberstellung gewagt?Das Europäische, genauer: das Deutsch-Romantische oder Österreichisch-Psychoanalytische an Nitsch ist die ganzheitliche Aufladung seiner Bilder und Aktionen. Sie sind ebenso vom Katholizismus mit seinen Kreuzigungen und Mysterienspielen beeinflusst wie vom griechischen Mithras-Kult und anderen antiken Tieropferungen, während sie sich mit gleicher Intensität und Wienerischer Wonne in die Tiefenschichten der Sexualität und des Unbewussten gräbt. Die Farbschüttungen auf die Leinwand verlegte Nitsch bald auf einen größeren Aktionsradius. Er begann nackte Menschenleiber mit Blut zu begießen, Tierkörper auszuweiden und zu zerlegen, rituelle Spektakel zu inszenieren, die zu existenziellen Erfahrungen führen sollten.Gemeinsam mit Otto Mühl, Rudolf Schwarzkogler und Günter Brus schockierte Nitsch das Publikum und schrieb mit dem "Wiener Aktionismus" ein Stück Kunstgeschichte der 1960er. Mehr als in den späteren Projekten stand damals das Geschlechtsteil im Zentrum, das mit Blut übergossen, von Mull oder Tierhirnen garniert wurde. Immer wieder griff die Polizei wegen Sittenwidrigkeit ein, gab es Prozesse und sogar Gefängnisstrafen, tobten Kleriker wegen Blasphemie oder Brigitte Bardot wegen Tierquälerei, wenn Nitsch wieder einmal eine Kreuzigung mit nackten Menschen, verschmierten Priestergewändern und Monstranzen sowie toten Ochsen oder Schweinen in Szene setzte. Doch die Schar der Helfer und "Jünger" in ihren jesuszeitlichen Gewändern wuchs. Schließlich verkörpert das Orgien Mysterien Theater auch ein Gemeinschaftserlebnis, eine kollektive Grenz- und Selbsterfahrung, in der Ekel und Lust, religiöses Pathos, alternatives Gegen-Bayreuth und heiteres Beisammensein zusammenkommen.Im August 1998 verwirklichte Nitsch auf seinem Barockschloss im niederösterreichischen Prinzendorf das bislang ausdauerndste OMT-Spektakel. Das Sechs-Tage-Spiel durchzieht die Ausstellung mit Filmen, Fotos; in einem großen Raum sind Relikte der Mega-Aktion dann zu einer Kapelle mit Altären und Kreuz-Arrangement aufgebaut. 300 Gehilfen gossen tausend Liter Tierblut auf nackte Jünglinge am Kreuz, zerstampften eine Tonne Tomaten, was sich auf 10 000 Quadratmeter Leinen niederschlug. Derweil spielte ein Orchester im Dauerrausch Nitschs atonale Musik; mittags und abends gab es fröhliche Gelage, für die 13 000 Liter Wein veranschlagt waren. Am Ende zogen die Massen heiter und geläutert durch die Landschaft.Wesentlich verändert hat sich diese Aktionskunst seit den sechziger Jahren nicht mehr. Im vergangenen Jahr durfte Nitsch sogar das altehrwürdige Burgtheater einsudeln, den österreichischen Staatspreis hat er auch schon erhalten. Wer sich nach seiner Anweisung ans Kreuz binden lässt oder mit Lust und Ekstase in Blut und Gedärmen wühlt, ist schon Teil der Klassik.------------------------------Schock ist MythosHermann Nitsch war in den frühen Sechzigerjahren der wichtigste Initiator des "Wiener Aktionismus". Bereits 1957 hatte der damals 19-Jährige die Idee des "Orgien Mysterien Theaters" entwickelt. Das bislang größte Ritual-Spektakel war 1998 das Sechs-Tage-Spiel in Prinzendorf.Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, läuft bis 22. Januar. Zu sehen sind rund 300 Exponate: Schüttbilder, Videos, Fotodokumentationen und Relikt-Räume. Geöffnet Mi bis Mo 10-20 Uhr. Der Katalog kostet 25 Euro.------------------------------Foto: In der Pause bitte Blutwurst: Im November 2005 war das "Orgien Mysterien Theater" im Wiener Burgtheater zu Gast.