NEURUPPIN. Es ist ein kühler, klarer Morgen in Neuruppin. Über dem Ruppiner See geht die Sonne auf und lässt die aufwendig restaurierte Altstadt leuchten. Auch das Denkmal für den größten Sohn der Stadt wird von der Morgensonne angestrahlt: Lässig lehnt der bronzene Theodor Fontane auf einer Bank an dem nach ihm benannten Platz, die Beine übereinander geschlagen. Der Altstadt aber wendet die Dichterfigur den Rücken zu. Ein demonstrativer Akt sei dies, witzelt mancher Neuruppiner. Fontane habe die Stadt nicht gemocht, in der er 1819 zur Welt kam. Größenwahn habe der Dichter hier vermutet, und Schamlosigkeit.Der Lauf der Zeit will es, dass Fontane heute auf die neuen Sinnbilder für Neuruppiner Größenwahn und Schamlosigkeit schaut: Die Bergemannsche Villa und das Landgericht der Kreisstadt. In der alten Fabrikantenvilla gerade rüber vom Denkmal ist der Sitz der Sparkasse Ostprignitz-Ruppin. Am Vorabend dieses sonnigen Tages wurde hier der Vorstandsvorsitzende des Geldinstituts, Josef Marckhoff, gefeuert. Er hatte sich eine 54 000 Euro teure Feier zu seinem 60. Geburtstag mit Sparkassengeldern bezahlen lassen. Im Landgericht eine Querstraße weiter beginnt am heutigen Freitag der Prozess gegen den früheren Chef der Stadtwerke, Dietmar Lenz, der knapp eine Million Euro aus der Kasse des kommunalen Unternehmens an den Fußballverein der Stadt verschoben haben soll.Nachdem im August 2004 mit der Neuruppiner XY-Bande der größte Fall von organisierter Kriminalität in Ostdeutschland bekannt wurde, muss sich die Stadt im Nordosten Brandenburgs mit immer neuen Enthüllungen auseinandersetzen. Filz und Korruption in Politik, Wirtschaft und Stadtverwaltung haben Neuruppin längst Beinamen wie "Klein-Palermo" oder "Korruppin" eingebracht. "Man kann es natürlich auch positiv sehen", sagt Heinz Stawitzki lakonisch. "Neuruppin war noch nie so bekannt wie heute. Selbst in Bayern haben die schon von uns gehört."Heinz Stawitzki ist Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes. Er steht an diesem Tag mit einigen Parteifreunden vor dem Real-Einkaufsmarkt am Rande der Stadt und verteilt Luftballons, Kugelschreiber und CDU-Flyer. Wenn einer mit seinem Einkaufswagen bei ihm stehen bleibt, verwickelt ihn Stawitzki in ein Gespräch über Baumordnung und Sportplatzneubau. Es ist Wahlkampf in Neuruppin. In gut einer Woche werden hier wie überall im Land Brandenburg Kreistag und Kommunalvertretung gewählt.Ob die CDU nach dem Wahlwochenende zu den stärksten Fraktionen in der Neuruppiner Stadtverordnetenversammlung gehören wird, bezweifeln selbst die Optimisten im Ortsverband. "Es ist schwerer als früher, die Leute zu erreichen", sagt Stawitzki. "Ihr seid doch alle korrupt, hören wir immer wieder. Das Vertrauen ist weg."Vor allem das Vertrauen in die Neuruppiner CDU. Stawitzkis Partei hat in der zu Ende gehenden Legislaturperiode vier ihrer einst sieben Abgeordneten verloren. Drei von ihnen waren in die Skandale der letzten Jahre verwickelt.Da ist zum Beispiel Olaf Kamrath, der derzeit eine Haftstrafe von zwölf Jahren absitzt. Der 40-Jährige war Anführer der XY-Bande, deren Name von ihren Autos mit dem Kennzeichen OPR-XY herrührte. Kamraths Gang verkaufte kiloweise Kokain in Neuruppin, betrieb illegales Glücksspiel sowie ein Bordell und bestach Amtsträger. Vor zwei Jahren wurde Kamrath verurteilt. Doch obgleich sein krimineller Hintergrund ein offenes Geheimnis in der Stadt war, war er 2003 zum CDU-Stadtverordneten gewählt worden. In die CDU-Fraktion hatte ihn deren Vorsitzender Reinhard Sommerfeld geholt. Der Kamrath-Freund wurde vergangenes Jahr wegen Bestechlichkeit zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Er hatte von einem Hotelinvestor ein Darlehen über 100 000 Euro bekommen und ihm im Gegenzug geholfen, eine Bürgschaft der Stadt über 13,7 Millionen Euro für einen Baukredit zu erhalten.Über diese Bürgschaft stürzte vor wenigen Wochen auch ein Politiker der Linken. Otto Theel, von 1994 bis 2004 Bürgermeister von Neuruppin, hatte die städtische Bürgschaft offenbar mit einem Darlehen des Hotelinvestors an seinen Sohn Andreas über 70 000 Euro verbunden. Ex-Bürgermeister Theel, der inzwischen im Brandenburger Landtag saß, wurde deshalb wegen Vorteilsannahme zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Sein Landtagsmandat hat er niedergelegt.Die Neuruppiner Skandalliste lässt sich fortsetzen: Ein weiterer Stadtverordneter ist wegen Veruntreuung von Sozialabgaben angeklagt , ein Neuruppiner Kreistagsabgeordneter muss sich wegen Untreue in einem besonders schweren Fall verantworten, ein leitender Beamter des städtischen Grundstücksamtes wurde wegen Bestechlichkeit verurteilt. Ein Polizist verlor seinen Posten, weil er sich von Kriminellen bezahlen ließ, der Ex-Tiefbauamtsleiter ist der Vorteilsannahme überführt worden, dem designierten neuen Stadtwerkechef droht ein Verfahren wegen Falschaussage, der Hotelinvestor kassierte einen Strafbefehl wegen Subventionsbetrugs und Abgeordnetenbestechung. Und jetzt geht es auch noch um die teure Geburtstagsfete des Sparkassendirektors und die fragwürdige Sportklubförderung durch den Chef der Stadtwerke.Das Ausmaß von Filz und Korruption in Neuruppin verblüfft. Ist die Kleinstadt mit ihren fast 30 000 Einwohnern wirklich korrupter als andere Kommunen? Oder greifen die Strafverfolgungsbehörden in Neuruppin nur härter durch? Stellt man diese Fragen in der Stadt, werden die Stimmen leise, und die Gesprächspartner wollen anonym bleiben. "Ich bin doch nicht lebensmüde", hört man oft. Dann reden sie von Netzwerken und Seilschaften, von Rotariern und alten Genossen, von Wessis und Ossis.Man kennt sich eben in Neuruppin, seit Jahrzehnten. "Neuruppin war immer eine Kleinstadt, hier redet jeder mit jedem und über alle", erzählt einer. "Aber wir haben uns auch immer geholfen, wenn es nötig war, auch damals in der DDR."Es gibt manche in der Stadt, die darin eine Erklärung dafür sehen, dass Neuruppin in den letzten Jahren so stark in die Schlagzeilen geraten ist. Denn anders als in vielen anderen ostdeutschen Kommunen haben in Neuruppin keine "Westimporte" die Schaltstellen der kommunalen Macht besetzt. Die Neuruppiner blieben weitgehend unter sich. Ein solches Beziehungsgeflecht erleichtert es, Entscheidungen zu fällen, Fakten zu schaffen - und Vorschriften zu umgehen.Der Stadt scheint das - zumindest äußerlich - gut getan zu haben. Wer noch das alte Neuruppin aus DDR-Zeiten kennt mit seinen verkommenen Altstadthäusern, dem tristen Neubauviertel und den grauen "Russenkasernen" in der Stadt, der kann ermessen, welche Aufbauarbeit hier in den vergangenen 18 Jahren vollbracht wurde. Die gelungene Wiedererweckung der verlorenen Stadt mag denn auch ein Grund dafür sein, dass die Neuruppiner so lange und gleichmütig dem gar nicht mal so verborgenen Treiben ihrer Oberen zuschauten.Ein Beispiel hierfür liefert der heute beginnende Prozess gegen den früheren Stadtwerkechef Dietmar Lenz. Lenz war so etwas wie ein kleiner König der Stadt. Ihm unterstand nicht nur die Energieversorgung in Neuruppin; seinem Unternehmen waren auch die Fahrgastschifffahrt auf dem Ruppiner See zugeordnet, die Wirtschaftsförderung der Kommune, der Lokalsender Ruppin TV und das Tourismusmarketing. Daneben war Lenz noch Vizepräsident des Fußballvereins MSV Neuruppin.Der MSV spielte einige Zeit ganz oben in der Oberliga mit, stand zweimal kurz vor dem Aufstieg in die dritthöchste Spielklasse, die Regionalliga. Im August 2005 erlangte der Klub kurzzeitig Berühmtheit, als die Mannschaft im DFB-Pokal gegen Bayern München antrat. Der MSV avancierte zum Liebling der Stadtoberen, die Lenz freie Hand dabei ließen, die immer größer werdenden Finanzlöcher des Vereins mit Darlehen der Stadtwerke zu stopfen. Weil der Klub die Darlehen aber nicht zurückzahlen konnte, kam Lenz auf die Idee, das Stadiongebäude des MSV an die Stadtwerke zu verkaufen. Die Kaufsumme hätte man dann mit den inzwischen auf fast eine Million Euro angewachsenen Forderungen gegen den Klub verrechnen können.Aber der Coup platzte, der MSV ging pleite, die Stadtwerke blieben auf ihrer Millionenforderung sitzen. Lenz ist nun wegen Untreue angeklagt, ihm droht eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren.Vermasselt habe das trickreiche Kaufgeschäft, mit dem Lenz den MSV und die Stadtwerke und natürlich auch sich selbst retten wollte, die CDU-Stadtratsfraktion, heißt es in Neuruppin. Vor allem deren Chef Klaus-Eberhard Lütticke habe quer geschossen. So sprechen diejenigen in Neuruppin, die keine Ossi-, sondern eine Wessi-Verschwörung als Ursache dafür sehen, dass ihre Stadt ins Gerede gekommen ist. Denn der CDU-Fraktionschef kommt aus dem Westen und ist zudem Richter am Landgericht, das wie auch die Neuruppiner Staatsanwaltschaft von Westdeutschen dominiert wird."Die wollten sich nicht damit abfinden, dass hier in Neuruppin die Ostler alle Posten haben und die PDS sogar den Bürgermeister stellte", sagt einer, der auch wieder anonym bleiben will. "Und jetzt zeigen sie den Ostlern, wo es langgeht."Zur Keimzelle der Westverschwörung wurde angeblich der Rotary-Klub der Stadt. Hier treffen sich die vermeintlichen Geheimbündler jede Woche: die Direktoren von Landgericht und Amtsgericht waren bis vor wenigen Jahren dabei, der für Korruptionsverfahren zuständige leitende Oberstaatsanwalt ist es noch, ebenso wie der Sparkassenchef und der Rechtsanwalt der Sparkasse. "Da wird alles ausgekungelt", glaubt der anonyme Insider.Die Verschwörungstheorie verfängt bei vielen Neuruppinern. Wer an sie glaubt, lässt auch den Einwand nicht gelten, dass die Justiz bei Rechtsverstößen nun einmal tätig werden müsse, egal, ob der Beschuldigte aus Duisburg oder Neuruppin kommt. Stattdessen erzählt man Geschichten über Leute, denen angeblich von der Justiz übel mitgespielt wurde.Da ist zum Beispiel von Reinhard Selle die Rede, einem Maurermeister aus der Nähe von Neuruppin. Der hatte 1997 für den Rotary-Oberstaatsanwalt ein Haus mit Sauna und Schwimmbad errichtet. Der Bauherr blieb am Ende rund 60 000 Euro wegen angeblicher Baumängel schuldig. Selle klagte, doch der Fall wurde sieben Jahre lang in dem von einem anderen Rotarier geführten Landgericht Neuruppin hin und her geschoben. Schließlich erging doch noch ein Urteil, der Oberstaatsanwalt sollte 2 000 Euro nachzahlen. Dem Maurermeister war das jedoch zu wenig, und er wandte sich ans Oberlandesgericht. Nach zehn Jahren wurde 2007 ein Vergleich geschlossen: Der Oberstaatsanwalt musste etwa die Hälfte der damals einbehaltenen Summe an den Handwerker überweisen. Für Selles Firma kam das Geld zu spät, denn sie war längst pleite gegangen. Ohnehin konnte er damit gerade einmal die Kosten der jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzung begleichen.Auch der aus Sachsen gebürtige Bauunternehmer Wolfgang Schroth berichtet Seltsames über die Neuruppiner Justiz. Er führt seit zehn Jahren einen erbitterten Streit mit der Sparkasse Ostprignitz-Ruppin vor dem Gericht in Neuruppin. Es geht um eine Kreditkündigung, um ein Grundstück - und neuerdings auch um angeblich jahrelange Kontenfehlberechnungen des Geldinstituts, durch die Tausende von Kunden geschädigt worden sein sollen. Allein Schroth beziffert seinen Schaden durch die Fehlbuchungen auf rund 60 000 Euro.Ein entsprechender Schriftsatz liegt seit dreieinhalb Jahren bei Richter Lütticke, dem CDU-Stadtverordneten, der angeblich auch den Stadtwerkechef in die Bredouille gebracht haben soll. Getan hat sich noch nichts in dieser Sache. Einmal abgesehen von einem Schreiben des Richters, in dem er mitteilt, dass er mit dem Sparkassendirektor in derselben Tennismannschaft spielt. "Gleichwohl wird keine Befangenheit gesehen", schrieb Lütticke an den Unternehmer Schroth.In den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" hat Theodor Fontane seiner Heimatstadt nur wenige Seiten gewidmet. Darin beschreibt er auch die nach dem Stadtbrand von 1787 entstandenen breiten, in Gitterform angelegten Straßen Neuruppins, die an drei überdimensionierten Plätzen vorbeiführen. Diese "raumverschwendende Anlage (der) kleinen Provinzialstadt", spottet Fontane, "gleicht einem auf Auswuchs gemachten großen Staatsrock, in den sich der Betreffende, weil er von Natur klein ist, nie hineinwachsen kann."------------------------------"Ihr seid doch alle korrupt, hören wir immer wieder. Das Vertrauen ist weg." Heinz Stawitzki, CDU------------------------------Foto: Das Denkmal für Theodor Fontane in Neuruppin. Schon vor 150 Jahren vermutete der Dichter in seiner Heimatstadt Größenwahn und Schamlosigkeit.