KREUZBERG. Die See wird der Jubiläumsausgabe ihr Gesicht geben. Ende August/Anfang September erscheint die Nummer 100 der "Kreuzberger Chronik" unter dem Motto "Kreuzberg am Meer". Was sich dahinter verbirgt? "Lassen Sie sich überraschen", sagt Herausgeber Hans W. Korfmann.Seit zehn Jahren gibt es die Chronik. Schon mit seinem Papier erinnert das lange schlanke Heft an Buchseiten, die Texte, viele von Korfmann selbst unter Pseudonymen verfasst, haben oft literarische Qualität. Der Autor schreibt auch für die FAZ, die Zeit, die Süddeutschen Zeitung und die Frankfurter Rundschau. Die erste Nummer startete mit Eugen Elend, Friedhofsgärtner an der Bergmannstraße, dem gerade seine Frau weggestorben war. Die Chronik berichtete auch von Bruno S., dem verletzlichen Akkordeonspieler aus der Stadtklause am Anhalter Bahnhof, der in etlichen Filmen mitspielte, von Christiane König, die sich ihren Traum erfüllte und Vertikalseilartistin wurde, und von der Chansonette Marga Behrends, die noch mit fast hundert im Wasserturm auftrat.Menschen, die das Leben im Stadtteil zwischen Bergmannstraße und Chamissoplatz prägen, jener Gegend, die der frühere Postzustellbezirk 61 war. Dazu kommen Reportagen wie zuletzt über den türkischen Fußballverein Türkiyemspor, Beiträge zur Geschichte und Kulturtipps. Auch den Straßennamen im Kiez wird nachgegangen. Gastrokritiken tragen schon mal Titel wie "Heimlich bei McDonald's". Hintergrund des Titels ist der Streit um die erste Filiale des Burgerbräters in Kreuzberg - ökologisch korrekte Stadtteilbewohner hatten dagegen mobil gemacht. Allerdings ohne Erfolg - der Laden ist gut besucht.An der "Kreuzberger Chronik" hängt Korfmanns Herz. Schließlich waren seinerzeit nicht wenige Profis skeptisch. Denn das kostenlose Heft, das so anders als andere Kiezblättchen ist, hatte keine großen Geldgeber im Hintergrund und bekommt bis heute keine Zuschüsse. Die Chronik finanziert sich aus den Anzeigen von Geschäftsleuten aus dem Kiez, die Handvoll Autoren und Fotografen arbeiten vor allem "aus Sympathie" mit, wie Korfmann sagt. 3 000 Exemplare werden monatlich gedruckt, einmal jährlich gibt es eine Doppel-Nummer. "Wenn alte Männer auf dem Titelbild sind, bleibt das Heft schon mal länger liegen", erzählt Korfmann. Nicht, dass es ihn anficht. Genauso wenig wie das Foto von einer Barbusigen, das empörte Leserbriefe einbrachte. "Wichtig ist doch nur, dass damit spannende Geschichten erzählt werden", sagt er.Für den Erfolg der Chronik spricht nicht nur, dass die allermeisten Anzeigenkunden dem Blatt bis heute treu geblieben sind. Nur in ihren Geschäften liegt das Heft aus. Inzwischen gibt es auch Nachahmer in Prenzlauer Berg, Tempelhof, Prenzlauer Berg und Wilmersdorf. Nur in Friedrichshain erscheint ein ähnliches Heft mit Korfmanns Zustimmung. Der hatte sich anfangs über den Ideenklau geärgert. Mittlerweile ist er milder geworden: "Das zeigt ja nur, dass unser Projekt funktioniert."Inzwischen hat Korfmann sein Blättchen vorsichtig reformiert - die 99. Ausgabe erschien in etwas verändertem Layout. Dass sich die Geister daran scheiden, weiß der Herausgeber. "Die Kreuzberger nach der Midlife-Crisis sind eben doch schon sehr konservativ." Aber nach zehn Jahren sei es höchste Zeit für ein neues Outfit. Neu ist die erweiterte Straßenrubrik, unter der jetzt auch Häuser und Höfe vorgestellt werden. Und die Kolumne "Mein liebster Feind", in der sich der Satiriker Dr. Seltsam und der frühere Tip-Chefredakteur Karl Hermann Wortgefechte liefern - der eine beginnt, der andere antwortet in der nächsten Ausgabe.Weil zehn Jahre eine lange Zeit sind, soll das Jubiläum gefeiert werden. Am 6. September, im zweiten Hinterhof des Mehringdamms 51. Dort, wo die "Kreuzberger Chronik" ihren Sitz hat. Bei der Nachbarin Ana Lichtwer, Begründerin des sozialen Kiezprojektes Berliner Büchertisch und der Chronik freundschaftlich verbunden, wird es von 18 bis 22 Uhr Lesungen geben. Auch auf dem Hof wird gefeiert, vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. Korfmann: "Da bin ich wieder mal ganz Optimist."------------------------------"Wenn alte Männer auf dem Titelbild sind, bleibt das Heft schon mal länger liegen." Hans W. Korfmann, Herausgeber------------------------------Foto: Chronik der Kreuzberger Chronik: In seinem Büro hat Herausgeber Hans W. Korfmann jede Ausgabe des Kiezblättchens an die Wand gepinnt.