Das Ende des Friedrichstadtpalastes kam in einer Probe. Inszeniert wurde gerade die Revue "Seekiste", als Leute von der Baupolizei das Gebäude betraten und die Arbeit darin verboten. Es hatte sich an einer Stelle gefährlich gesenkt, die Decke drohte einzustürzen. Das war im März 1980 und danach gab es nie wieder eine Vorstellung im alten Friedrichstadtpalast, der zwischen Berliner Ensemble und Friedrichstraße stand. Einhundertdreizehn Jahre hatte der Koloss durchgehalten, bevor er in den Fäulniszustand trat. 1867 war er als erste Berliner Markthalle erbaut worden, mit Wasseranschlüssen für Fisch- und Blumenverkäufer. Aber die Berliner Hausfrauen wollten keine Markthalle - sie ging gleich wieder bankrott. Aus ihr wurde ein Zirkus, ein Riesenzirkus (8 000 Plätze), eine Radrennbahn und 1918 das Große Schauspielhaus unter Max Reinhardt. Später zog Eric Charell mit seinem Revuetheater hier ein, Erwin Piscator mit der politischen Revue, die Nazis mit dem Theater des Volkes. Das Haus - wegen seiner gewaltigen Säulen im Inneren auch Tropfsteinhöhle genannt - wurde zerbombt, wieder aufgebaut und ab 1947 Friedrichstadtpalast genannt. An seinem Ende glauben viele mitgewirkt zu haben. Die Puhdys hatten hier zuletzt ihr Live-Album eingespielt, das Gestampfe Tausender Fans habe dem Gebäude den Rest gegeben, geht die Legende. Neuerdings will auch City eine Mitschuld tragen. Aber das ist alles Unfug, sagt Achim Kujawa, seit 1976 im Friedrichstadtpalast. Vielmehr musste für den Neubau der Charité der Grundwasserspiegel abgesenkt werden, worauf die 900 Holzpfähle, auf denen der alte Palast ruhte, nicht mehr ganz im Wasser standen und zu faulen begannen. Es handelte sich also um einen DDR-Bauskandal. Der wurde natürlich gründlich beschwiegen, der spätere Neubau dafür umso beredter gepriesen. Der Gedanke aber, Ost-Berlin hätte nach dem Zerfall des alten Hauses die Chance ergriffen, in der damals bereits desolaten Wirtschaftslage ein hoch subventioniertes Vergnügungsetablissement abzuwickeln und ein paar Millionen Mark jährlich sowie den teuren Neubau einzusparen, war absolut jenseitig. Den Genossen war der Friedrichstadtpalast eine Herzensangelegenheit wie Schlager, Show und bunte Abende. Diese Dinge sahen sich die Söhne der Arbeiterklasse selbst gern an. Unterhaltung hieß in der DDR grundsätzlich Unterhaltungskunst, sie gehörte zum sozialistischen Alltag wie die Kantinenversorgung und wurde ernst genommen. Sie war auch viel besser zu durchschauen als die Opern- und Theaterinszenierungen, in denen sich die Aufpasser nie sicher sein konnten, welche Anspielungen die Klassiker so versteckten und wie man - das Erkennen immer vorausgesetzt - die hätte abwehren können. In der Unterhaltung dagegen sollte es ganz unpolitisch um Freude und Erholung "unserer Werktätigen" gehen. Auch Weststars aus dieser Branche waren pflegeleicht, weswegen sie in großer Zahl und trotz Westgagen im Friedrichstadtpalast auftreten durften. Von Katja Ebstein, Roland Kaiser, Shirley Bassey, Bonnie Tyler und Caterina Valente musste man keine hässlichen politischen Statements befürchten, wogegen schon Udo Lindenberg oder BAP mit ihren Liedern die Obrigkeit aufscheuchen konnten. Das Unpolitische war also gewollt - dumm nur, dass sich Unterhaltung ideologisch so gar nicht ausbeuten ließ. "Es gibt natürlich keinen sozialistischen Handstand", hatte Gottfried Herrmann, früherer Direktor des Friedrichstadtpalastes, in der Wochenzeitung "Sonntag" eingeräumt. Doch könne eine artistische Darbietung humanistischen Charakter tragen, oder einen nihilistischen. Von der Artistik also drohte kein Ungemach, als das neue Haus am 27. April 1984 eröffnet wurde, in einem Staatsakt mit dem Ehepaar Honecker an der Spitze und der Nachricht "Ein Geschenk der Arbeiterklasse" im Grundstein. Der sächsische Conferencier O. F. Weidling, witzig und geistreich, lästerte in der Eröffnungsrevue unerschrocken über die Versorgungslage in der DDR und machte Witze wie diesen: Seit die Autobahn nach Rostock auch Transitstrecke sei, lauere hinter jedem Busch ein Polizist. Da habe sich wohl eine neue Erwerbsquelle aufgetan. Seinen Humor teilten die Genossen nicht. Aus der Wiederholung im Fernsehen wurde Weidling komplett herausgeschnitten. Er verlor seine Arbeit im Friedrichstadtpalast. Acht Monate später starb er.Das Ensemble, das vier Jahre auf Tournee war, hatte sich im neuen Haus von 300 auf 800 Mitarbeiter vergrößert und nun einen Intendanten als Chef, statt einen Direktor. Der neue Friedrichstadtpalast für 1 900 Zuschauer (vorher gab es 3 200 Plätze, doch nur 2 000 wurden verkauft) war immer noch Europas größtes Revue-Theater mit der längsten Girlreihe der Welt. Von außen machte das Haus von Anfang an einen unentschlossenen Eindruck, für den sich der Begriff von der "Orientalischen Badeanstalt" gehalten hat. Der Bau-Generaldirektor Ehrhardt Gißke, der einem Reporter der "Zeit" den Baustil benennen sollte, erklärte: "Es ist unser eigener Stil." Er und seine Kollegen hätten ihn nicht anders gefunden als weiland Schinkel den seinen. "Alle Formen, wissen Sie, waren schon mal da, es gibt gar nichts Neues."Na gut, aber innen, innen war Weltniveau: eine Bühne, groß wie ein Fußballfeld, mit allen technischen Raffinessen: Wasserbecken, Drehbühne, Eislauffläche, Lasertechnik. Es war so viel Weltniveau, dass sich die Mitarbeiter erst daran gewöhnen mussten. Zum Schluchzen komisch ist der Bericht von einer Gewerkschaftsversammlung in der Gewerkschaftszeitung Tribüne 1986: Eine Kollegin von der Abteilung Spezialeffekte beklagte, es sei Vergeudung, wenn die teuren Effekte nicht alle genutzt würden. Die Gewerkschaftsgruppe Hydraulik hatte die Gewerkschaftsgruppe Regie eingeladen und ihr erläutert, welche Regieeinfälle überhaupt technisch umsetzbar seien ("Eine gute Sache, dieser Austausch."). Der sozialistische Wettbewerb war nicht richtig angekurbelt, trotzdem wollten alle mit Spitzenleistungen der Unterhaltungskunst für Freude sorgen, wobei die Gala zum XI. Parteitag Maßstäbe setzte. Also auch in einem Revuetheater musste alles seinen sozialistische Gang gehen, trotzdem war der Friedrichstadtpalast beliebt wie kein zweites Haus, ein Jahr im Voraus ausgebucht. Die Berliner beschwerten sich, dass sie nicht rein kamen. In der Berliner Zeitung erläuterte der Intendant die Verteilung der Karten - 47 Großbetriebe hätten Anrechtsverträge, es gebe Bestellungen von Brigaden aus der ganzen DDR, da bleibe nur ein Teil für den freien Verkauf. Und andere Betriebe, kriegen die auch mal einen Anrechtsvertrag? - Nein. Die DDR hatte es gern, wenn auch Erholung und Entspannung kollektiv erfolgten. Doch auch ohne Kollektive war der Friedrichstadtpalast ein Selbstläufer und Zeit seiner Existenz nur einmal wirklich in Gefahr. Das war 1993, als der Berliner Senat ihn abwickeln wollte und ein genrefremder Intendant ihn leer spielte. Danach wurde er unter Sascha Iljinskij privatisiert, erholte sich und geht seit 20 Jahren seinen Weg "von der Nummernrevue zur Handlungsrevue". Dabei hat er fast so viele Besucher wie zu alten Ost-Zeiten. Heute um 19 Uhr: Die Jubiläumsgala. Karten: 2326 2326------------------------------Der Friedrichstadtpalast war für die Söhne der Arbeiterklasse eine Herzensangelegenheit wie Schlager, Show und bunte Abende.------------------------------Foto: Der alte Friedrichstadtpalast, wegen seiner gewaltigen Säulen auch Tropfsteinhöhle genannt, im Jahr 1973.