Die Toiletten im Kit-Kat-Club sind von seltener Hässlichkeit. Neonröhren strahlen gelb verfärbte Fliesen, Plumpsklos und Klobürsten aus rotem Plastik an. Es ist einige Grad kälter als im Club und niemand bleibt offenbar lange genug, um Wände voll zu kritzeln. Dabei hätten die Frauen vermutlich viel zu schreiben an dem legendären, wegen seiner Freizügigkeit wohl legendärsten Club der Stadt.Die heruntergekommenen Toiletten gehören zum Partykonzept. "Die Gäste sollen Sex im Klub haben und nicht wie sonst auf dem Klo", sagt Kirsten Krüger. Sie führt den Kit-Kat-Club gemeinsam mit ihrem Partner Simon Thaur. Den gewünschten Sex haben die Gäste auch im Club. Meist mit sich selbst, oft zu zweit, manchmal in Gruppen. Das Private gehört in die Öffentlichkeit. Jeder ist sich selbst und anderen die Party."Macht dich das scharf?"Es ist Sonnabend, früher Morgen, es läuft Trance, die Tanzfläche ist voll und die Party mit viel Anfassen startet. Ein Mann sitzt jedoch allein oben auf der Bühne und kremt sich fortlaufend ein. Es wirkt, als wolle er sich eine Schutzschicht auftragen. Er ist bis auf die Schuhe völlig nackt. In den Kit-Kat-Club kommt nur, wer "geschlechtsbewusst" gekleidet ist. So nennen es die Betreiber. Man kann Fetisch-Mode tragen, nur Unterwäsche, oder gar nichts. Als einzige angezogene Alternative wird Abendgarderobe akzeptiert.Der Mann mit der Kreme ist 57, er kommt seit ein paar Jahren jedes Wochenende. Weil er hier nackt tanzen kann, sagt er. Das macht er später auch, allein und völlig ekstatisch. Erik, ein Schwuler, dessen Brustpiercing sich in seinem Netzhemd verhakt hat, sucht Hilfe auf der Frauentoilette. Er mag den Klub, weil es nur hier ein "gutes Männerangebot" gibt. Auf der Tanzfläche knutschen zwei Männer, an der Theke verschwindet die Hand eines Mannes im Anzug unter dem Rock einer Frau. Das Motto im Kitty, wie Gäste den Club nennen, heißt: Alles kann, nichts muss. Der Kit-Kat-Club, der seinen Namen dem Film "Cabaret" verdankt, zieht die Schwulenszene ebenso an wie die Techno-, Sadomaso- und Fetisch-Szene. Die Mischung funktioniert seit zwölf Jahren und ist zugleich Partykonzept.Kirsten Krüger ist das Auge des Clubs, sie wacht streng über die Tür. Machos, Emanzen und Spanner bleiben draußen, sagt sie. Ihr Partner Simon Thaur sorgt als "inneres Auge" dafür, dass die "Kuh fliegt", also die Party in Schwung kommt. Er feiere gerne mit, die Orgien seien aber nicht mehr so wild wie früher.Seit 2001 ist der Kit-Kat-Club in der alten Schultheiss-Brauerei im Schöneberger Industriegebiet. Vorher feierten die Gäste in der Turbine in Kreuzberg und im Metropol am Nollendorfplatz. Am liebsten würde man aber umziehen: In die Alexandrinenstraße 12. In dem Haus ist im Moment eine Grundschule. "Da wären wir gerne, mitten in Berlin", sagt Kirsten Krüger. Sie meint das symbolisch. Ihr geht es um mehr Akzeptanz für ausgelebte Sexualität. Deutschland habe leider keine erotische Kultur, sagt sie.Der Club "für zivilisierte Leute", wie es auf der Webseite heißt, ist offensichtlich jedoch mehr Porno als Erotik: Die fluoreszierenden Gemälde an den kahlen Fabrikwänden zeigen große Brüste, große Schwänze und große Erregung. Die meist schwarze Lack-und Lederkostümierung der Partygäste zeigt mehr als sie verhüllt. Gynäkologenstühle stehen am Rand der Tanzfläche, ebenso wie ein Stahlbett und ein Pranger aus Holz. Das als Folterwerkzeug bekannte Gestell nutzen Gäste für ihre SM-Fantasien. Die kleinen Nischen mit Liegen aus rotem Kunstleder sind voll einsehbar, versteckte Ecken gibt es nicht.Zivilisiert heißt nach Kit-Kat-Lesart: Auf Tabubrüche "okay" reagieren, wie Krüger sagt. Das mag Zartbesaiteten schwer fallen. Der Geschlechtsverkehr, der hier statt- findet, ist kein Kuschelsex. Fragen bleiben da nicht aus. Wer feiert hier? Die Kostüme sind der große Gleichmacher, unmöglich dahinter den Arbeitslosen oder die Bankkauffrau zu erkennen. Warum haben die Leute hier Sex und nicht zu Hause? Die Antworten sind so einfach wie kurz: Spaß, Neugierde, Kick.Betrunkene sind übrigens nicht gern gesehen und landen recht schnell vor der Tür. Das überwiegend männliche Publikum nuckelt lieber an koffeinhaltigem Wasser als an Bierflaschen. Sex und Musik sind offenbar Drogen genug.Wird ein Paar intim, ist der Sex-Mob schnell da. Männer gruppieren sich onanierend herum. Stephanie aus Kreuzberg nervt das: "Das Kitty ist manchmal nur noch Treffpunkt der Berliner Wichserszene." Stephanie ist 32, Physiotherapeutin, eine schöne, dunkelhaarige Frau. Warum sie hier ist? "Ich stelle mich gerne zur Schau, ich werde gern bewundert", sagt sie. Aber jetzt ist ihr die Lust vergangen. Mit ihrer Freundin zieht sie an die Theke. Da gibt es neben frischem Obst auch Gratis-Kondome und Handschuhe mit Gleitgel. "Man weiß eben nie was kommt", sagt Stephanie.Gerade zu früherer Stunde bewahrheitet sich das im Kit-Kat-Club. Clubchef Simon Thaur, der auch als Pornoproduzent bekannt, ist, filmt eine Sexszene auf der Theke. Die Darsteller: Ein Kumpel von ihm, der eine eigene Filmsammlung wünscht und dessen Exfreundin. Neben dem unvermeidbaren Sex-Mob schauen auch andere Gäste gebannt auf die Szenerie. "Na, macht dich das scharf?", fragt ein Mann die Frau neben ihm. "Ich bin nur neugierig", antwortet die Frau. Es klingt angestrengt. Die Fingerknöchel der Frau treten weiß hervor, so fest umschließt sie ihre Bierflasche mit der Hand. Der Mann wendet sich ab.Nichts muss, alles kann. Das hat der erfahrene Klubbesucher verinnerlicht. Anfänger müssen es selbst beim Zuschauen noch lernen.------------------------------Was geht und was nichtHier ist man unter: Leuten, die immer noch an die sexuelle Befreiung glauben.Es läuft: Elektro, House, TranceFühlt sich an wie: Pornofilmdreh auf einer Karnevalsparty.Preise: Der Eintritt kostet für Paare 15, für Frauen 8, für Männer 10 Euro. Wer an der Tür richtig gut gefällt, zahlt nichts. Bier 3, Longdrinks ab 5 Euro.Besser nicht: Zu viel anhaben, zu viel trinken, zu viel gucken.------------------------------Karte: Wie komme ich hin? S-Bahnhof Priesterweg, U6 bis Kaiserin-Augusta-Straße.Geöffnet Fr, Sa und So ab 23 Uhr. Sonntags um 8 Uhr beginnt die Piep-Show. Programm unter: www.kitkatclub.de------------------------------Foto: Die Verträge sind gemacht, und es wurde viel gelacht, und was Süßes zum Dessert - Freiheit, Freiheit: der Kit-Kat-Club in Schöneberg.------------------------------Foto: Alles kann, nichts muss: Im Kit-Kat-Club soll es keine Tabus geben. Darauf wird streng geachtet - etwa mit einem Tabu für normale Alltagskleidung.------------------------------In der Club-Serie sind bereits erschienen: Rio (2. 11.), Kaffee Burger (3. 11.), Q-Dorf (4. 11.), Bangaluu (9. 11.), Watergate (10. 11.), Berghain (11. 11.),White Trash Fast Food (16. 11.), Maria am Ostbahnhof (17. 11.), Spindler & Klatt (18. 11.), Week-End (23. 11.), Havanna (24. 11.), 40 Seconds (25. 11.),Matrix (30. 11.), Lido (1. 12.), 90 Grad (2. 12.), Sage (7. 12.)Morgen lesen Sie: FelixAlle Folgen im Internet unter: www.berliner-zeitung.de/clubserie