HEILBRONN, im März. Über Heilbronn liegt kein Segen in diesen Tagen. Barbara Ehrlich ist sich ganz sicher. Und schuld ist das Theaterstück "Corpus Christi". Ein gotteslästerliches Stück, wie sie findet, das da derzeit auf dem Spielplan des Heilbronner Stadttheaters steht. Es geht darin um Jesus. Einen schwulen Jesus. Ein schwuler Jesus? Das steht nicht in der Bibel!Früher war Frau Ehrlich Testfahrerin für eine Automobilfirma und legte täglich 700 Kilometer zurück. Heute ist sie im Ruhestand und geht gern zu Mahnwachen, da informiert man sich und kann sich einen Reim auf die Dinge machen. In Sachen "Corpus Christi" ging das schon kurz vor Weihnachten los. Frau Ehrlich hatte mit einem Mann namens Lothar über das gottlose Stück diskutiert, und drei Tage später fegte der Orkan "Lothar" über das Land. "Die Bäume", sagt sie, "leiden noch heute".Auch an diesem Montagabend ist Barbara Ehrlich zur Stelle vor dem Stadttheater. "Corpus Christi" soll wieder gegeben werden. Das Bühnenhaus ist ausverkauft, denn bei der letzten Vorstellung hatten die Abonnenten wegen einer Bombendrohung das Stück nur zur Hälfte sehen können. Dieses Mal ist wieder ein Attentat angekündigt, von einer Organisation, die sich "Hamas" nennt, so wie die muslimischen Fanatiker, die den Friedensprozess im Nahen Osten bekämpfen.Fromm und telegenIn Heilbronn droht Hamas mit einer Rakete auf das Schauspielhaus. Die Drohung nimmt die Polizei ernst, den Namen nicht. 28 000 Menschen in der Region haben gegen das Stück unterschrieben, das verführt Provokateure. Deshalb muss das Publikum heute Sicherheitsvorkehrungen über sich ergehen lassen, als ginge es auf einen Transatlantikflug.Draußen vor der Tür finden sich die Gegner ein. Mitglieder von Gebetskreisen, Anhänger der "Partei bibeltreuer Christen" (PBC), versprengte Fromme, die eine Broschüre anbieten, die "vom Minus zum Plus" führen soll und damit den "Heilskontostand" meint. Dazwischen die Fernsehteams. Sat 1 hat auch von der Rakete erfahren und sucht nun nach freikirchlichen Radikalen. Herr Neitzel, der Vorsitzende der PBC, hat leider keine Zeit. Er muss in den Ü-Wagen des ZDF. Neitzel ist telegen mit seinem wilhelminisch gezwirbelten Schnurrbart und seinem gänzlich unbiblischen Politikerdeutsch. Auch sein Stellvertreter ist vor Ort, ein argloser junger Mann namens Oliver Bozo, der darüber Klage führt, dass in der Gesellschaft "das Absolutum verloren gegangen ist". Bozo trägt das Mobiltelefon in einem Halfter am Körper, in der Brusttasche hat er vier Kugelschreiber. Es gibt viel zu tun, wenn das "Grundgesetz wieder christlich geprägt" werden soll.Der Protest gegen "Corpus Christi" in Heilbronn wirkt klein- städtisch, hat aber einen internationalen Hintergrund. In dem Stück des amerikanischen Pulitzerpreisträgers Terrence McNally geht es um Joshua, wie der Messias hier heißt, der schwuler Texaner ist und Heilsbringer und folgerichtig eine zerrissene Person. In New York wie in London kam es zu Kundgebungen wegen Gotteslästerung. Ein muslimischer Geistlicher in England verfügte sogar eine Fatwa, ein Todesurteil, gegen McNally, der kein Moslem ist.Klaus Wagner, der Intendant des Heilbronner Stadttheaters, ist ein dynamischer Siebzigjähriger. Er trägt einen Pullover unter dem Anzug und macht Theater für das Volk. "Sexualität und Religion, das sind immer noch die Themen", sagt Wagner. Der Vergleich mit Claus Peymann liege ihm fern, es falle ihm nur kein anderer Theatermacher ein, der auch so aufklärerisch polarisiert. "Sollen wir uns ärgern, wenn wir die Menschen aufrütteln?" Er will keinen "Ausgleich", wird er später am Abend verkünden. Da ist die Vorstellung schon ohne Störungen über die Bühne gegangen. Es gab Rosen von einem bekennenden Schwulen für das Ensemble und stehende Ovationen der Bürger im trotz Gefährdung fast gefüllten Saal.Heidelberger SolidaritätDann wird diskutiert. "Theater muss kritisieren", deklamiert der Intendant. "Aber die Homosexualität wird in dem Stück gar nicht kritisiert", wendet ein Besucher ein. Kurze Zeit herrscht Ratlosigkeit. Dann prasseln die Urteile. Das Stück sei diabolisch, lautet der Tenor. Liberale Stimmen kritisieren, dass viele Religiöse das Stück nicht gesehen haben.Eduard Miller ist 60, Kranfahrer, Spätaussiedler aus dem Kaukasus und religiös. Er ist mit seinem Sohn hier. Paul Miller arbeitet als Stricker in Lauffen. Der Vater hat einst die Bibel gewählt, weil die Alternative Breschnew hieß. Dieser Entscheidung hält er die Treue, auch gegen den Spott der Arbeitskollegen. Sein Leben sei auf Fels gebaut, sagt Paul Miller und wendet damit einen bekannten Bibelvers auf sich selbst an. Das Stück hingegen baue auf Sand. Die Heilige Schrift enthält alles, was die Millers zum Leben brauchen. Der Theologe nennt das Glauben. Der Soziologe nennt das Komplexitätsreduktion. Theater kann Probleme aufzeigen, für die Christen längst eine Lösung parat haben.Als wäre die Aufregung in Heilbronn ein Lehrstück, gesellt sich zum Intendanten Wagner ein baumlanger Mann in der Kluft eines Motorrradfahrers. Es ist der Intendant aus dem nahen Heidelberg. Er ist aus Solidarität herübergekommen, und auch aus Neugier, weil in Heilbronn etwas passiert.Vor dem Theater befindet sich eine Skulptur. Ein Koloss steckt seinen Kopf in den Fels. Klaus Wagner will "Corpus Christi" bis Mai im Spielplan behalten. Eine anonyme Person hat bereits brieflich neue Gefahren angekündigt und beruft sich dabei auf exklusive Informationen. Um Mitternacht ist an diesem Abend klar, dass Heilbronn von der Exekution der Fatwa verschont geblieben ist."Sollen wir uns ärgern, wenn wir die Menschen aufrütteln?"Klaus Wagner, Intendant