Es war ein Fest für die Yamana-Indianer, wenn ein Wal strandete. Sie nutzten das Fett, mit dem sie sich einschmierten und aßen das Fleisch. Als der Seefahrer Magellan 1520 die Ost-West-Passage zwischen Atlantik und Pazifik entdeckte, sah er die Feuer der Indianer und nannte die Landschaft "Tierra des Fuego" - Feuerland. Adrían Villar Rojas, ein Jungstar der Kunstszene von Buenos Aires, hat mit mehreren Helfern ein Walgerippe aus Fundholz gebaut und aus Lehm den Körper eines toten Tieres nachgeformt. Nun liegt das 25 Meter lange Monstrum in einem verwunschenen Wald von Ushuaia und erinnert an die Ureinwohner, die seit dem späten 19. Jahrhundert planmäßig ausgerottet wurden oder den eingeschleppten Viren zum Opfer fielen. Eine einzige, betagte Yamana soll noch leben.Wenn hier am Ende der Welt eine Biennale stattfindet (bis 24. Mai), dann bietet das genug Stoff für die Künstler. Etwa für Bjørn Melhus aus Berlin. Charles Darwin, der während seiner Forschungsreise auf der "Beagle" 1833 nach Feuerland kam, war von den primitiven Lebensumständen der Indianer abgeschreckt. Kapitän Robert FitzRoy, Entdecker des Beagle-Kanals, hatte auf seiner vorigen Fahrt vier Feuerländer eingefangen und in England zwangszivilisiert. Darwin beschreibt anschaulich, wie drei von ihnen wieder in der Wildnis ausgesetzt wurden, um ihren Stammesgenossen die Segnungen Europas zu bringen. Das Experiment scheiterte kläglich.Einen Spruch von York Minster, einem der anglifizierten Indianer, übertrug Melhus in Morse-Sprache und lässt sie aus seinem dreibeinigen Holzgebilde "Beagle 3" flackern. Zugleich memoriert er ein anderes missglücktes Projekt zivilisatorischer Mission: die verschollene Marssonde "Beagle 2", auf der unterem anderem ein Song von Blur ins All geschickt wurde. Auch davon hat Melhus einigte Takte übernommen, ebenso das Sturmrauschen aus dem Film "Moby Dick". Fast rührend sendet die roh zusammengezimmerte Skulptur ihre Assoziationen zur Landschaft am südlichsten Zipfel Amerikas aus.Argentiniens Strafkolonie"Feuerland hat eine mythische Aufladung", schwärmt Alfons Hug. "Ein utopischer Naturraum, das zieht die Künstler an." Der Deutsche leitet das Goethe-Institut in Rio de Janeiro, lebt seit Jahrzehnten in Lateinamerika und ist einer der besten Kenner der dortigen Kunstszenen. Zweimal leitete er, als erster Ausländer, die Biennale in São Paulo. Seine "Tropen"-Ausstellung, die auch in Berlin zu sehen war, hat in Brasilia und Rio mehrere hunderttausend Besucher angezogen. Nun bat ihn die Stiftung Patagonia Arte, die in Ushuaia ein "Museo Polar" für Kunst und Technologie gründen will, ihre zweite "Bienal del Fin del Mundo" zu kuratieren.Einst war Ushuaia die Hölle Argentiniens, eine Strafkolonie inmitten der unwirtlichen Natur Feuerlands. Ab 1902 errichtete man ein Gefängnis am Beagle-Kanal. In Fußschellen verschiffte man die Gefangenen hierher. Dreitausend Kilometer von Buenos Aires, dazwischen die endlosen Steppen Patagoniens, gelang es kaum jemand, zu entkommen. Die Strafanstalt wurde 1947 geschlossen, jetzt laufen nur noch Touristen durch die Gänge.In Ushuaia beginnt das letzte Insel-Archipel vor Kap Hoorn, es ist tatsächlich der letzte Vorposten der Zivilisation, das "Ende der Welt", womit man heute die Besucher anlockt, die im Nationalpark wandern, Gletscher anschauen oder zu Kreuzfahrten um Kap Hoorn oder zur Antarktis aufbrechen. Schön ist die Stadt nicht, eher eine Ansammlung von Funktionsbauten und Holzhütten, dazwischen Hotels und Souvenirgeschäfte. Rund 70 000 Menschen leben hier. Mühsam muss alles hergebracht werden, was Ushuaia zu einem der teuersten Orte Südamerikas macht.Großartig ist dagegen die Natur. Schroffe, schneebedeckte Berge erheben sich über der Stadt. Mal düster, mal silbrig leuchtet das Wasser des Beagle-Kanals über die Buchten und Felsinselchen, die das Eis irgendwann ausgeschliffen hat. Zwar gibt es einige Schaffarmen auf Feuerland, aber sonst vor allem unwirtliche Tundra oder rötlich-moosige Sümpfe, die Bruce Chatwin in seinem berühmten Reisebericht "In Patagonien" an eine "offene Wunde" erinnerte, "aus der Eiter und Blut fließen". Er mochte Ushuaia nicht und empfing hier das einzige freundliche Lächeln von einer Prostituierten neben der Kaserne."Ich habe immer an unmöglichen Orten gearbeitet", erzählt Hug, der auch schon mit 25 Künstlern in den Regenwald am Amazonas ging. Kürzlich war er mit einer Künstlergruppe zwei Wochen lang in der südafrikanischen Antarktis-Station. Das multimediale Zelt "Icepac" ist nun auch in Ushuaia aufgebaut. Die Forscher FitzRoy und Darwin, die Naturtouristen heute, die auch in Feuerland und Patagonien dramatisch schmelzenden Gletscher, die Nähe zum sechsten Kontinent - das alles passt zum Schwerpunkt "Klima", um den die Arbeit des Goethe-Institut derzeit kreist. Mit dem spanischen Titel "Intemperie" - ungefähr übersetzt: Wetter, Unwetter, Spiel der Elemente - nähert sich Hug assoziations- und bilderreich, aber nicht konzeptuell zwanghaft dem Thema an.Kunst im KraftwerkDas Herzstück der Ausstellung ist ein Wellblech-Hangar in der Militärbasis, von der 1982 die Schiffe und Flugzeuge zum Falklandkrieg aufbrachen. 16 der 42 Künstler zeigen dort ihre Videos. Einige eindrucksvolle Arbeiten sind zu sehen. Im weitesten Sinne spielen Wasser, Eis, Feuer oder die Erde eine Rolle: Patricia Claro abstrahiert das Fließen eines Flusses zu ätherischer Ornamentik; Guido van der Werve lässt in einem magischen Bild einen einsamen Mann vor einem Eisbrecher laufen; Chris Larson schweift mit der Kamera durch ein merkwürdig vereistes Gebäude, während Thiago Rocha Pitta eine blubbernd heiße Ölpest zeigt oder Andrej Zdravic eine Schöpfungsgeschichte mit glühender Lava erzählt. All diese Bilder erzeugen in ihrer anschaulichen Direktheit eine Sogwirkung über die Aggregatzustände des Daseins, die sich auch dadurch verstärken, dass man die Halle nur in arktischer Kleidung ertragen kann.Einige Werke sind im alten Kraftwerk zu sehen, andere im Gefängnis, darunter sehr witzig eine Video-Groteske von Estéban Alvarez, der darin wie ein neurotischer Manager anpreist, wie sich der große Perito-Moreno-Gletscher kommerziell noch viel besser erschließen lassen würde. Leider etwas peinlich in einem kinderbuchartigen Zyklus thematisiert Verónica Gómez ein drängendes Ökoproblem: die 25 kanadischen Biber, die man 1946 aus Interesse an den Fellen auf Feuerland aussetzte, sind zu einer Landplage geworden und richten verheerende Schäden in der Natur an.Musste sich der Kunstbetrieb jetzt auch noch das entlegene Feuerland erobern? "Es muss doch etwas geben, was überall auf der Welt gleich viel wert ist", sagt Hug dazu. "Neben der religiösen Erfahrung und der Wissenschaft ist das eben die Kunst." Darüber ließe sich streiten, aber vielleicht macht eine Biennale am Ende der Welt tatsächlich mehr Sinn als eine der austauschbaren Kunstfestivals entlang der internationalen Trampelpfade. Vor zwei Jahren haben es 30 000 Besucher in Ushuaia gedankt.------------------------------Foto: Christoph Keller aus Berlin stellte seine Wetterkanone "Cloudbuster" in der Militärbasis von Ushuaia auf.