Lou Reed hat die längste Zeit seines Lebens als eher unangenehmer Zeitgenosse gegolten. Selbst sein Mentor und Velvet-Underground-Erfinder Andy Warhol fragte sich in seinem Tagebuch einmal - im Eintrag vom 25.April 1985 -, warum Lou ihn nicht mehr gern habe. Und mit dem hassgeliebten Partner John Cale und der dazugehörigen Vergangenheit versöhnte Reed sich erst über Warhols Grab, zwei Jahre später. Der Tod heilt alle Wunden.Wenn man ihn das erste Mal vor vielen Jahren als aufgeschwemmten Giftzwerg erlebt hat, der auf Rufe nach "Walk on the Wild Side" eine Saalschlacht anzettelte, kann man sich heute nur wundern, wie sehr der Mann in den letzten Jahren gereift ist. Zwischendurch schien es andererseits, als wäre er vollends ins Lager der Künstlerdarsteller gewechselt, abgehangen in der Welt von Theaterdesignern wie Robert Wilson und verloren an die Lyrikerprätention von Poe-Abenden. Vor zwei Jahren spickte er ein großzügiges Berliner Konzert allerdings publikumsfreundlich mit Hits, mit Velvet-Underground- und Solo-Klassikern. So schien am Montag, genau 20 Jahre nach Warhols betrübtem Eintrag, im ausverkauften Tempodrom einiges möglich.Diesmal jedoch zeigte sich Reed in aller Schlichtheit als großer Künstler, als einer, der den Auftritt ganz ohne die populären Lieder bestreitet, der ganz ruhig und lässig einen zauberhaften Themenabend mit Stücken aus der B-Ebene gestalten kann. Es ging um Auflösung, Verlöschen, Vergehen, auch in dem Sinne, dass man sich als Pop-Ikone wohl kaum mehr zurücknehmen kann als Reed es vorführte. Ausgesucht höflich, beinahe bescheiden in beiger Hose und bordeauxrotem T-Shirt bewegt er sich höchst ökonomisch. Der 63-jährige Körper ist schmal und trainiert, nur von Nahem erkennt man im ledrigen Gesicht, dass der Mann einen Gutteil seines Lebens unter selbstzerstörerischsten Umständen und sogar in Neukölln verbracht hat. Bestens aufgeräumt stellt er immer wieder die Musiker vor und kündigt Songs in der Hoffnung an, sie möchten dem Publikum gefallen. Die Stimme bricht ein wenig knarzend in den zarten und dunklen Tönen, was irgendwie berührend ist, zumal Reed überhaupt auf breite Lagen verzichtet und mit minimalem Umfang den Gesang auf sein gar nicht mehr arrogantes, aber nicht weniger charismatisches Näseln reduziert. Die meisten Stücke münden in längerem, verhaltenem Gitarren-Feedback, das jedoch nichts mit Krach zu tun hat, mit Exzess oder Übertretung. Es verlängert nur den in den Texten festgeschriebenen Zerfall ins Musikalische. Selbst wenn es laut wird, wird es nicht laut.Fast buddhistisch heiter schubbert der Schlechte-Laune-Song "Mad" und seine Refrainzeile "Das macht mich so sauer" daher. Mit der Freundlichkeit eines Herbstnachmittags am Friedhof erinnert Reed in den schmerzlichen Songs "Our House" und "Slip Away" an die beiden wichtigsten Toten in seinem Leben, den Dichter Delmore Schwartz und Andy Warhol. Entspannt deutet er in "Ecstasy" ein wenig Kaputtheit an, singt falsch im Chor mit seinen Musikern. Da klatschen tatsächlich ein paar Leute mit, denen nicht klar ist, dass sie einen "Vanishing Act" hören, wie Reed ihn sich im gleichnamigen Song wünscht. "Es muss so schön sein, einfach zu verschwinden, einen Trick zu haben, um sich aufzulösen", lauten dessen Eingangszeilen, die Reed zu wenigen einsamsten Keyboardtönen singt - ein Moment, in dem das ehemalige Rock'n'Roll-Tier in der Musik ganz erloschen ist.Reed hat mittlerweile wieder eine richtige Band, die er - ein früher undenkbarer Zug - offenbar sehr gern hat und schätzt. Kunstvoll begleitet Mike Rathke seine ausgetüftelten Verzerrungen an der sauberen Gitarre, Bassist Fernando Saunders mischt sich mit souligem Falsett ein und Drummer Tony "Thunder" Smith sitzt für sich in einem Plexiglaspavillon. Für die schönsten Effekte sorgt jedoch Jane Scarpantoni am Cello, die gelegentlich einen kammermusikalischen Ton anstimmt, aber noch öfter an John Cales Velvet-Underground-drones auf der Bratsche erinnert. Vor allem ist ihr Cello, ob es brummt, ziept oder quietscht, die ideale Untermalung für Reeds Variationen über Vergänglichkeit und Schmerz.Dass Reed sie nicht mit Bitterkeit, Arroganz oder Härte vorträgt, sondern in abgeklärter Zärtlichkeit, ist nicht nur eine große konzeptuelle Leistung. In diesem wunderbaren, lebensfreundlichen Gestus liegt die durchaus überraschende, tiefe Schönheit des Abends. Welcher naturgemäß mit "Perfect Day" endet, ohne jeden Zynismus als Widmung ans jubelnde Publikum, für das wohl auch ein perfekter Tag zu Ende geht. Die Sonne schien. Lou Reed ist versöhnt. Und sein Auftritt war superschön.------------------------------Foto: In Würde verwittert: Lou Reed bei seinem Berliner Konzert.

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