Zu Hitlers Wählern zählten Millionen Arbeiter, Arbeitslose, Kleinrentner, verarmte Bauern, Dienstboten, Mägde, (damals beamtete) Lokführer und Postboten, Verkäuferinnen und Stenotypistinnen. Von diesen hat der heutige, nicht zugewanderte Deutsche bestimmt manch einen unter seinen Vorfahren. Wer seine Familie und sein Weltbild jedoch sauber halten möchte, der rede sich stattdessen ein: Bosse, Junker, Banker und das Monopolkapital persönlich verhalfen diesem Führer zur Macht.

Mit solchen Schurken bin ich nicht verwandt! Das beruhigt, auch wenn 1933 bis 1938 zumindest jeder zweite Erwachsene zu Hitlers Jubeldeutschen gehörte. „Bedeutet überhaupt nichts“, beschwichtigen die Freunde der ewigen Volksunschuld: „Im Grunde blieben diese Leute harmlos, eine von den Faschisten fanatisierte, verängstigte und manipulierte Masse, die einem begabten Demagogen auf den Leim ging.“

Statt historischer Tatsachen sind angenehme Selbstbilder gefragt. Etwa so: Hitler meinte es mit den Frauen nicht gut, verfolgte Schwule, Gewerkschafter, Konservative, Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale, adelige Offiziere, Bummelanten und chronisch Kranke, er hasste Juristen, war intellektuellenfeindlich und kein Freund der Kirchen. So lassen sich zwei, drei Opfergruppen finden, mit denen es sich jeder Gegenwartsdeutsche identifikatorisch gemütlich machen kann. Wenn es nur dabei bliebe! Doch der nationale Waschzwang und die purgatorische Dauererregung fordert immer neue Opfer. Momentan sollen in Berlin wieder Straßen umbenannt werden. Weg mit der Treitschkestraße! Weg mit dem Hindenburgdamm! Dabei geht es den Aktivisten weder um Antisemitismus noch um Militarismus, sondern nur um eines: Wir gehören zu den guten, zu den geschichtlich wohlriechenden Deutschen. (Übrigens: Der Hindenburgdamm wurde 1925, zur Zeit der Republik, kreiert, die Treitschkestraße 1906.)

Wer die Vergangenheit nach den Maßstäben der Gegenwart immerzu neu herausputzt, verhindert das Nachdenken über das Leben und die geistigen Horizonte und Irrtümer früherer Epochen. Sofern Straßen nach Menschen benannt wurden und werden, spiegeln sich darin die Moden und Prioritäten der jeweiligen Epoche. Insofern sind Namensgebungen geschichtliche Dokumente – eingraviert in die Städte und Dörfer. Dasselbe gilt sinngemäß für Negerkönige, Zwerge, Hexen, böse Bucklige und Stiefmütter in älteren Kinderbüchern oder Märchen.

Am Wochenende las ich meiner Enkelin den „Froschkönig“ vor. Sie liebt dieses Grimm'sche Märchen wegen des selbstbewussten Froschs („plitsch, platsch“), des Happy Ends und des wundervollen Anfangs: „In den alten Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hatte, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien.“ Nach den Maßstäben politischer Putzteufel hätte dieses Märchen niemals erfunden werden dürfen. Auch wenn es heutzutage aussichtslos ist, wünsche ich mir: Sprechen wir über die Eigenheiten und Fehler unserer Vorfahren, anstatt diese aus dem Gedächtnis zu tilgen, und fragen wir uns dabei hin und wieder: Wie wird man in 100 Jahren über uns urteilen?