António Lobo Antunes ist neben José Saramago sicher der gegenwärtig im Ausland berühmteste portugiesische Autor. Nicht nur ihre persönliche Feindschaft verbindet die beiden; beide werden auch regelmäßig als Kandidaten für den Nobelpreis gehandelt. Daß Antunes darüber hinaus in seiner Heimat lebhafter Kritik wegen seines rücksichtslosen Umgangs mit der portugiesischen Grammatik ausgesetzt ist, hat seinen Ruhm als Avantgardisten noch erhöht, der die Spießer zu Hause beleidigt und nur von den fortgeschrittenen Kulturnationen Deutschlands oder Frankreichs richtig verstanden wird.Tatsächlich könnte dieser Ruhm unverdienter kaum sein. Seine Romanlabyrinthe, deren Struktur er selbst gerne musikalisch begründet (sogar ausdrücklich nach dem Vorbild von Mahler- und Beethoven-Symphonien angelegt haben will), sind in Wahrheit im wesentlichen von Faulkner inspiriert. Es sind kunstvoll ineinander geschachtelte Innere Monologe, deren Sprecher mitunter wie im neuen Roman "Das Handbuch der Inquisitoren" von Satz zu Satz wechseln; manche Passagen lesen sich wie Hörspielmanuskripte, denen die Regieanweisungen fehlen. Der größte Teil der Redeströme wird von den Figuren gleichsam aus dem Off gesprochen, aber darüber legen sich manchmal auch frisch und laut die Fetzen wirklicher oder erinnerter Dialoge.Raffiniertes HandwerkDas ist gelegentlich virtuos gemacht wie in dem Rencontre des Großgrundbesitzers mit der von ihm geschwängerten Magd, das aus tausend Satz- und Gedankensplittern tausenderlei minimal verschobener Zeitschichten zusammengesetzt wird, die für einen Moment (dem der Vereinigung) zu einem einzigen Bewußtseinsstrom zusammenschießen. Es gibt überhaupt viel Handwerkliches bei Antunes zu bewundern; nur daß es sich eben um kein neu oder frei erfundenes Handwerk handelt. Es ist vielmehr ein längst klassisches, von Dutzend Epigonen schon gut nachbuchstabiertes Kapitel in der Geschichte des modernen Romans, das Antunes noch einmal aufschlägt. Er selbst hat die Abhängigkeit übrigens niemals bestritten, sogar oft erzählt, daß er vor dem Schreiben Faulkner zur Einstimmung läse.Merkwürdigerweise ist diese Selbstaussage jedoch weniger beachtet worden als eine andere, in der er sich gegen die Einordnung seiner Rollenprosa als Innere Monologe wehrt und statt dessen erklärt, seine Figuren sprächen nicht zu sich, sondern zu dem Leser. Das allerdings ist nur ein Scheinargument. Denn tatsächlich ist kein Innerer Monolog jemals wirklich ein innerer, sondern nur seine Fiktion; was in einem Buch steht, wendet sich immer an den Leser. Dieser kann sich entschieden, ob er sich als stummer Gesprächspartner oder als Lauscher mit dem Stethoskop am Herzen der Figuren verstehen will. Im Falle des "Handbuchs der Inquisitoren" verlangt letzteres allerdings ein überaus rasches Umsetzen von Herz zu Herz; die technischen Schwierigkeiten der Lektüre sind gegenüber den früheren Romanen noch einmal beträchtlich gestiegen. Allerdings nicht die intellektuelle oder ästhetische Herausforderung. Auch in dem zugrundeliegenden Handlungsgerüst, der Liebes- und Machtspiele innerhalb eines großgrundbesitzenden Familienclans, hat Antunes ein von Faulkner gut bekanntes Modell übernommen. Wie sich da alles ineinander verfilzt und selbst im Reißen der Bindungen sofort wieder neu verfilzt, die Abhängigkeitsverhältnisse unter der Diktatur sich nach der Revolution sofort wieder, um ein leichtes verschoben, herstellen, ist von einem grandiosen, allerdings auch sachte trivialen Pessimismus. Es ist der Pessimismus, der wie bei Faulkner aus der Kolportage kommt.Das Weltbild der Kolportage ist das der anthropologischen Konstanten, die in allen politischen Verhältnissen dieselben menschlichen Dramen reproduzieren. So steht auch in dem Roman von Antunes als Sünde hinter allen politischen Sünden, als handlungssteuernde Ungerechtigkeit hinter allen sozialen Ungerechtigkeiten, ein höchst privates Versagen. Es ist der jugendliche Liebesverrat des Großgrundbesitzers an seiner ersten Geliebten.Die Keimzelle des Romans besteht, überraschend für einen langjährigen Kommunisten und bekennenden Linken wie Antunes, nicht in einer politischen Analyse, sondern in einer melancholischen Empörung über die Natur des Menschen. Das unterscheidet Antunes von Saramago, mit dem er die linke Biographie teilt, nicht aber die soziale Herkunft. Doch wäre es wahrscheinlich ein undialektischer Fehlschluß, eine Parallele zwischen der bürgerlichen Herkunft von Antunes und dem bürgerlichen Kern seiner Literatur zu ziehen. Man müßte dann auch, schon weniger plausibel, bei Saramago die proletarische Herkunft als Grund für sein dogmatisches Beharren auf der marxistischen Grundkonstruktion seiner Romane annehmen.Doch hat die spiegelbildliche Verehrung etwas Verblüffendes. Wo bei Antunes ein Herz schlägt, arbeitet bei Saramago hinter dem bunten Welttreiben auf der literarischen Bühne immer der Historische Materialismus in einem verborgenen Maschinenraum; bisweilen hört man sein ächzendes Räderwerk durch die Zeilen hindurch. Antunes ist subtil und schwierig an der Oberfläche des Textes, einfältig in der Konstruktion; Saramago dagegen ein Tüftler in der geschichtsphilosophischen Gesamtanlage, aber von verspielter Entspanntheit in der Ausführung. Möglicherweise ist diese Gegensätzlichkeit des literarischen Geschmacks, mehr noch als alle literarische Eifersucht oder Klassengegensätze, geeignet, gegenseitiges Unverständnis zu provozieren: Wer gewohnt ist, Schwierigkeiten zu verbergen, wird niemals Freude finden an jemandem, der sie eitel ausstellt.Schlichtes WeltbildDie Eitelkeit, das genießerische Vorzeigen der angerichteten Kompliziertheit, ist es wahrscheinlich auch, die am Ende die Lektüre des "Handbuchs der Inquisitoren" so mühsam macht. Das Epigonentum wird man Antunes nicht zum Vorwurf machen können; er selbst hat sich nicht als Avantgardist vorgeführt, das haben nur seine Lobredner in Deutschland und Frankreich getan. Man wird ihn auch nicht wegen der sachte reaktionären Schlichtheit seines Weltbildes kritisieren wollen. Die Schlichtheit des zugrundeliegenden Weltbildes hat einem Roman noch nie geschadet; sie ist vielmehr, wie Marcel Reich-Ranicki einmal vermutet hat, eine eher literarisch günstige Voraussetzung. Das Problem liegt in dem Genre der Rollenprosa, das es schlecht verträgt, wenn der Autor als Arrangeur allzu sichtbar wird. Ehe man überhaupt dazu kommt, sich mit den Figuren von Antunes einzulassen, ist man immer schon abgelenkt von der Autorengeste, mit der sie vorgeführt werden.Das Kaninchen, das dem Zylinder des Zauberers entschlüpft, würde man wohl gerne streicheln; nicht aber den Zauberer, der sich mit dem dummen Zylinder stets dazwischen drängelt. Man braucht ihn, den Autor, auch nicht als moralische Aufsichtsperson, denn in Romanen, die sich mit der faschistischen Diktatur beschäftigen, sind gut und böse immer schon verteilt. Auch hier steht Antunes übrigens eher epigonal in einer Tradition, ausnahmsweise der seines eigenen Landes, nämlich des portugiesischen Gutsbesitzersromans, der seine klassisch-sozialkritische Ausprägung schon 1953 in der unübertrefflichen "Biene im Regen" von Carlos de Oliveira gefunden hat.António Lobo Antunes: "Das Handbuch der Inquisitoren". Aus dem Portugiesischen übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand Literaturverlag, München 1997. 460 S., 49,80 Mark.

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