Der Zeichner des Gulag, ZDF. Tolle Sätze sagt der Mann. Zum Beispiel diesen: "Ich bin eine Fotokamera in menschlicher Gestalt." Dann lächelt er das freundliche Lächeln eines älteren Herrn, der viel erlebt hat. Und die unvorstellbaren Grausamkeiten, die er mit ansehen mußte, verschwinden hinter seinen freundlichen Augen. Einen seltsamen Menschen haben Hans-Peter Böffgen und Andrzej Klamt da im fernen St. Petersburg aufgetrieben. Dancik Sergejewitsch Baldajew war zur Zeit der Gulags Gefängnisaufseher. Den stalinistischen Terror sah er tagtäglich mit an. Später kam er zur Leningrader Kriminalpolizei und ist heute stolz darauf, in seiner aktiven Zeit "6 000 Leute eingebuchtet zu haben". Baldajew wäre ein ganz normales Mitglied des Sowjetapparates geblieben, hätte er nicht irgendwann angefangen, die Bilder, die aus der Gulag-Zeit noch in seinem Kopf waren, aufs Papier zu bringen. Seine Zeichnungen sind einfach und ganz unstilisiert, sie zeigen das Grauen: Häftlinge, die gequält und gefoltert werden. Von ihrer Ästhetik her erinnern die Zeichnungen ein wenig an die Auschwitz-Bücher des amerikanischen Comic-Künstlers Art Spiegelman. Diese Reportage zeigte uns einen Menschen, der nicht ins Täter/Opfer-Schema paßt: Zwar gehörte er als Aufseher zur Seite der Macht, mit seinen Zeichnungen jedoch bewahrt er heute die Erinnerung an die stalinistischen Verbrechen. In ihren filmischen Mitteln orientierten sich die Autoren an der alltäglichen Umwelt Baldajews: Die Bilder waren genauso karg, sparsam und roh gehalten wie das Wohnzimmer dieses älteren Herrn. Die Autoren enthielten sich jeder moralischen Wertung ­ und wurden damit dieser ambivalenten Biographie auf ihre Weise gerecht.