Donezk - Beim Treffen vor zwei Tagen war Samoswan recht gesprächig. Nein, er schnitze keine Kerben in seinen Gewehrkolben, erzählte er, während er in einer der letzten noch geöffneten Pizzerien am zentralen Puschkin-Boulevard von Donezk vor seinem Weizenbier saß. „Ich arbeite auf Entfernungen zwischen fünfhundert und tausend Meter. Da ist es sowieso schwer zu sagen, ob der Andere tot ist.“

Er schieße auch nicht auf die Köpfe der ukrainischen Soldaten, die kämpften ja nicht freiwillig und seien meist nur demoralisierte Kinder. „Ich ziele auf die Schultern, ich gebe ihnen noch eine Chance. Auf die Beine ziele ich nicht, die sind schwerer zu treffen.“ Anders gehe er um mit den polnischen Söldnern, die an ihren sandgelben Monturen zu erkennen seien: „Die Söldner schieße ich tot.“ Wie viele Feinde er schon ausgeschaltet habe: weniger als 50, mehr als 50? „Viel mehr.“ Samoswan verzog das Gesicht zu einer unfrohen Grimasse.

Einen Granatsplitter im Rücken

Jetzt, beim Wiedersehen zu Hause, sagt er viel weniger, und kein Wort vom Krieg. Er sitzt neben Mutter und Oma am Kaffeetisch und verzehrt ein Stück Apfeltorte, den die Mutter gebacken hat. Ein 21-jähriger Schlaks mit modischer Kurzhaarfrisur, in seinem Gesicht mischt sich Witz mit Arglosigkeit. So also sieht ein Scharfschütze aus.

Seit zwei Wochen herrscht im Donbass offiziell Waffenruhe. Aber genauso offiziell melden die Rebellen, sie hätten gerade die Donezker Vorstädte Makejewka und Jasinowataja zurückerobert. Die ukrainische Regierungsseite beschwert sich, aus Russland seien wieder zwei Kompanien Elitesoldaten und eine Batterie Tjulpan-Minenwerfer im Kampfgebiet eingetroffen. Der Donezker Flughafen am Nordwestrand der Stadt bleibt umkämpft.

Hier, am südlichen Stadtrand von Donezk, ist dieser Nachmittag still. Aber es ist eine gespannte Stille. Das rumpelnde Dröhnen der Grad-Raketensalven klingt noch in den Ohren. Samoswan ist Scharfschütze im Rebellenbataillon „Oplot“, zu Deutsch: Bollwerk. Sein Kampfname bedeutet übersetzt so etwas wie „Selbsternannter“. Er hat einmal ein Informatikstudium begonnen, aber das hat er längst geschmissen. Er goss Ziermauern aus Beton und verkaufte sie, „Eurozäune“ nannte er sie, das Geschäft lief gut an. Und dann kam der Krieg.

Die meisten Männer, mit denen Samoswan im Mai die vierwöchige Grundausbildung absolvierte, seien 35 bis 45 Jahre alt gewesen. „Männer, die begreifen, was passiert“, sagt er. Das erste Gefecht schildert er als „schrecklich, mit Worten nicht zu beschreiben: Der Magen kreist, die Augenbrauen scheinen vor Druck zu platzen.“ Bei seinem bislang letzten Kampf bekam er einen Granatsplitter in den Rücken. Er habe nur etwas Heißes gespürt und sei noch fünf Kilometer weitergelaufen, erzählt er. Dann habe man ihn ins Krankenhaus geschafft.

Die Verletzung ist auskuriert, übermorgen kehrt Samoswan zu seinem Bataillon zurück. „Es tut weh, wenn er an der Front ist“, sagt Irina Petrowna, seine Mutter. Aber sie hält ihren Sohn nicht zurück. Die Familie ist sich einig: Er verteidigt die Heimat gegen Faschisten und Söldner.

Irina Petrowna ist Mitte 40, eine noch hübsche Frau mit Kurzhaarfrisur, ohne Schminke. Die Einbauküche in ihrem Einfamilienhaus blitzt vor Sauberkeit, die Weinreben im Garten draußen aber hängen schwarz und verdorrt herab. „Zuviel Phosphor in der Luft“, erklärt sie.

Irina ist selbstständig, sie arbeitet als Buchhalterin für mehrere Betriebe, Donezker Mittelstand. Knapp tausend Euro verdient sie im Monat. Krieg und Wirtschaftskrise nagen auch an ihrem Einkommen. Trotzdem ist sie unverdrossen, spricht von dem Malocher-Ethos, der hier im ostukrainischen Kohlenpott schon zu Sowjetzeiten Grubenarbeiter und Geschichtslehrer einte: „Alle stehen um 6 Uhr morgens auf und gehen zur Arbeit. Die Fabrik, das Haus, die Familie sind für uns am wichtigsten. Und“, Irina lächelt, „natürlich der Gemüsegarten.“ Sie erzählt von ihren russischen Verwandten, von russischer Erziehung, von ihrem russisch-orthodoxen Glauben. Von russischen Siegen über die Schweden, Napoleon und Hitler.

Jedem sein Feindbild

Eine ganz normale Donezker Separatistenfamilie. Beim Referendum im Mai stimmten die Leute hier für die Unabhängigkeit und meinten dabei: für Russland. Dass dann der Krieg kam, hat viele enttäuscht, und dass Separatisten die Autohäuser leerräumten, kam auch nicht gut an. Andere aber hoffen jetzt erst recht auf das separatistische „Neurussland“, darauf, dass ihre Kohle, ihr Erz und ihre Arbeitswut ihnen ein Dasein unabhängig von der Ukraine erlauben werden. „Und Russland wird uns nicht im Stich lassen“, sagt die Oma. Sie stammt selbst aus dem westrussischen Brjansk.

Die Patrioten Neurusslands suchen ihre Wahrheiten auf russischen, nicht auf ukrainischen Fernsehkanälen und Internet-Seiten. Dort finden sie auch jene Feindbilder, ohne die kein Krieg auskommt. Sie sind ihnen schon aus sowjetischen Kriegsfilmen bekannt. „Die griechisch-katholischen Pastoren der Ukrainer rufen auf, uns zu töten“, klagt Irina. Ukrainische Politiker handelten schwunghaft mit den Organen verletzter Soldaten, hat sie gehört. Und hinter allem stecke Amerika.

„Wenn die Ukrainer doch nur aufhörten zu schießen und weggingen. Dann wäre Frieden.“ Irina benutzt fast die gleichen Worte wie zwei Tage vorher ihr Sohn. Denn auch der ist kein geborener Krieger, auch er hat Angst und macht kein Geheimnis daraus. Angst vor den modernen Nachtsichtzielfernrohren der gegnerischen Scharfschützen. Vor dem Tod.

Doch dieser Krieg übt auch einen Reiz aus, dem sich Samoswan und seine Kameraden ebenso wenig entziehen können wie die Soldaten auf der anderen Seite der Front. Er entsetzt sie. Und gleichzeitig macht er ihnen Riesenspaß. Bei den Kämpfen um Mariupol Anfang September standen 200 Meter hinter der Front Kämpfer des ukrainischen Freiwilligenbataillons „Asow“, die genauso blutjung und genauso schlaksig waren wie Samoswan. Während sie auf ihren Einsatzbefehl warteten, drehten sie den Lautsprecher eines Autoradios voll auf und begannen, zur Rap-Musik zu tanzen.

Samoswan wiederum hat gehört, die Söldner des Bataillons „Asow“ lungerten am Meer herum und lauerten angetrunkenen Mädchen auf. „Unter einem Vorwand nehmen sie sie fest und vergewaltigen sie“, erzählt er. Er kämpfe auch aus Angst um seine Freundin. Seine Freundin sei sehr schön. Und wenn sie seiner Mutter etwas antäten, werde er dieses Geschmeiß mit bloßen Händen erwürgen.

Am Abend wird sich Samoswan unten, an den Stadtteichen, mit seiner Freundin treffen. Er hängt am Leben. All das Töten und Sterben hat ihn noch nicht süchtig gemacht. Doch er glaubt an diesen Krieg, und seine Familie nicht minder. „Hinter uns steht die Wahrheit, hinter uns steht Gott“, sagt seine Mutter. „Und deshalb werden wir siegen.“