MOSKAU. "Es ist schon unbequem genug, auf zwei Stühlen sitzen zu müssen", erklärte Sergej Iwanow vor einer Woche in München. Der russische Verteidigungsminister und Vorsitzende des Russischen Sicherheitsrats sollte auf die Frage antworten, ob er im März nächsten Jahres für das russische Präsidentenamt kandidieren wolle. "Wenn ich jetzt noch über einen dritten Stuhl nachdenken würde, verlöre ich den Verstand", entgegnete er. "Ich bin Verteidigungsminister und das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe."Sergej Iwanow ist nicht länger russischer Verteidigungsminister. Er habe seine Aufgabe "würdig" erfüllt, lobte ihn Russlands Präsident am Donnerstagabend. Deshalb würden seine Kompetenzen nun erweitert. Sergej Iwanow ist jetzt Erster Stellvertretender Ministerpräsident Russlands. Verteidigungsminister könne er unter diesen Umständen allerdings nicht bleiben, so Wladimir Putin, denn: "Auf zwei Stühlen kann man nicht sitzen."Putin und Iwanow: Sie sind sich einig bis in die Wortwahl und einig auch in der Frage, wer Wladimir Putin im Amt des russischen Präsidenten nachfolgen wird. Davon kann alle Welt ausgehen, nicht erst seit Donnerstagabend. Ob sich Sergej Iwanow selbst für dieses Amt bereit hält, wird er vorläufig nicht verraten. Er hält nichts von einer verfrühten Kandidatur. Sie lenke nur ab von wichtigeren, drängenderen Problemen, erklärte er unlängst.Ausgeschlossen hat Iwanow eine Kandidatur für das Präsidentenamt indes nie. So lange er Verteidigungsminister sei, habe er seine Pflichten auf diesem Posten zu erfüllen. Ein Nachdenken über andere Aufgaben behindere ihn nur darin. Das war die Antwort Iwanows auf die beharrlich wiederkehrende Frage nach seiner politischen Zukunft.Würde man Iwanow vorhalten, dass sich seine Situation nun, da er das Amt des Verteidigungsministers abgegeben hat, geändert habe, dass er jetzt frei sei, seine Kandidatur bekannt zu geben, man stieße auf Unverständnis. Er würde antworten: als Erster Stellvertretender Ministerpräsident habe er lediglich andere Pflichten und Aufgaben, denen er sich mit eben der Gewissenhaftigkeit widmen werde, die von ihm erwartet wird.Gewissenhaftigkeit, Ausdauer, Beharrlichkeit, Akkuratesse - das sind die Eigenschaften, die Iwanow zugeschrieben werden und er stellt sie, wie es von ihm erwartet wird, in den Dienst einer Aufgabe: Pflichterfüllung.Das ist die Schule des sowjetischen Geheimdienstes. Iwanow hat sie durchlaufen. Nach dem Linguistik-Studium an der Universität Leningrad ließ er sich Mitte der 70er- Jahre vom KGB anwerben, absolvierte eine entsprechende Ausbildung zunächst in Minsk und besuchte dann die KGB-Hochschule in Moskau. Iwanow blieb nach dem Abschluss seiner Ausbildung 18 Jahre lang im Dienst des KGB und seines Nachfolgers FSB - als Agent in Großbritannien, Finnland und Kenia, wie es heißt. Seine damalige Aufgabe: die Gegenspionage.Aus dieser Zeit kennen sich Wladimir Putin und Sergej Iwanow. Als Putin 1998 zum Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB aufstieg, bot er Iwanow die Position des Stellvertreters an. Iwanow leitete die Abteilung für Analyse, Prognose und strategische Planung. Seine Berichte lagen auf dem Schreibtisch des Präsidenten.Nach der Wahl Putins zum Staatsoberhaupt im März 2000 beruft er Iwanow zum Verteidigungsminister und zusätzlich zum Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates. Dieses Gremium, das Boris Jelzin 1992 bildete, ist in der russischen Verfassung nicht vorgesehen. Unter Wladimir Putin entwickelt es sich zum Zentrum aller strategischen außenpolitischen Entscheidungen.Welcher Art sein Verhältnis zu Sergej Iwanow ist, hatte Putin zu Anfang seiner Amtszeit in knappen Worten erklärt: "Wem ich vertraue? Sergej Iwanow."Wem vertraut ein ehemaliger Geheimdienstagent? Wem vertraut der Präsident? Ein langjähriger Freund, Sergej Roldugin, erzählt eine Geschichte aus der Leningrader Zeit Putins: "Eines Tages kam Wolodja mit seinem Chauffeur zu mir auf die Datscha. Wir saßen zusammen und unterhielten uns. Dann gingen wir zu Bett. Da sehe ich, dass er neben sich ein Luftgewehr legt. Ich sagte: Wowka, was machst du? Glaubst du, diese Flinte wird dich retten? Er antwortete: Sie wird mich nicht retten, aber sie wirkt beruhigend auf mich."Sergej Iwanow ist der erste Name, der fällt, als Putin im Jahr seines Amtsantritts nach den Männern seines Vertrauens gefragt wird. Die anderen sind: Nikolaj Patruschew, der amtierende Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes, Dmitri Medwedjew, Erster Stellvertretender Ministerpräsident und Igor Setschin, Chef der russischen Präsidialadministration. Allesamt stammen sie aus Leningrad, mit Ausnahme von Medwedjew sind alle ehemalige Geheimdienstmitarbeiter. Die "Petersburger Tschekisten", die "Silowiki" (Mächtigen), sagt der Volksmund. Vertrauen, sagt die Soziologie, ist ein Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität.Die russische Soziologin und Historikerin Olga Kryschtanowskaja nennt den Kreis um Putin "das Politbüro - ein homogener Orden, dessen Träger Mentalität und Ideologie eint. Iwanow hat schon immer dazu gehört." Ihn in den engsten Machtzirkel des Kreml zu berufen, hätte es keiner weiteren Beförderung mehr bedurft. Nun aber sei er nicht mehr nur für einen einzelnen Bereich der Regierung verantwortlich.Es sei nicht einmal wichtig, um welche Aufgaben sich Iwanow in Zukunft kümmern werde, sondern vielmehr, welche nicht mehr in seinen Verantwortungsbereich fallen, schrieb die russische Tageszeitung "Kommersant" am Freitag. "Der Abgang aus dem Verteidigungsministerium schafft Iwanow einen Berg von Problemen vom Hals, die seine Aussichten für die Präsidentenwahl 2008 ernsthaft getrübt haben."Als erster "Zivilist" hatte Iwanow das Amt des russischen Verteidigungsministers im November 2000 angetreten. Aus dem Geheimdienst war er zuvor im Rang eines Generalleutnants entlassen worden. Als Zivilist sollte Iwanow zur Entmilitarisierung der russischen Gesellschaft beitragen, so erklärte Putin seine Personalentscheidung.Eine Restrukturierung der russischen Armee war zu diesem Zeitpunkt längst überfällig, Streitkräfte und Verwaltung sollten verschlankt werden. Von Iwanow erwartete Putin die Umsetzung dieser Reform. Die Armee sollte professioneller, mobiler und kampffähiger werden. Ihre Reformierung allerdings stößt bis heute auf Widerstand in den eigenen Reihen. Zudem erwies sich die Rekrutierung von geforderten 143 000 Zeitsoldaten, die ab 2008 die Verkürzung des Wehrdienstes um ein Jahr auffangen sollen, als nahezu undurchführbar. Iwanows größtes Hindernis blieb seine mangelnde Autorität. Die Generäle verweigerten sich.Sein eigentliches Anliegen, die Zivilisierung der russischen Streitkräfte, scheitert. Tausende russische Rekruten werden Jahr für Jahr Opfer von Misshandlungen durch ihre Vorgesetzten. 16 Todesfälle verzeichnete die russische Armee allein im vergangenen Jahr. Was in sowjetischer Zeit totgeschwiegen wurde, gelangt nun an die Öffentlichkeit. Die meisten Skandale um Rekrutenmisshandlung fallen in die Amtszeit Sergej Iwanows.Der reagiert zynisch: "Es gibt keine Krise in der russischen Armee", sagt er. Die Zahl von "Unfällen unter Jugendlichen" sei in der Armee geringer als im Zivilleben. Öffentliche Aufrufe, sich dem Militärdienst zu entziehen, wertet Iwanow als Vaterlandsverrat. Als "erster Zivilist" im Amt des russischen Verteidigungsminister bleibt Iwanow eine Fehlbesetzung.Iwanows Popularität sinkt auf einen Tiefpunkt, als sein Sohn 2005 von der Anklage der fahrlässigen Tötung freigesprochen wird. Er hatte eine Rentnerin überfahren und getötet, die bei grüner Ampel die Straße überqueren wollte. Die Sachverständigen sprechen Alexander Iwanow von jeder Schuld frei, die Rentnerin habe den Unfall verursacht. Die Reporterin Olga Romanowa berichtet für ihren Fernsehkanal REN TV von dem Fall. Im November 2005 wird ihr gekündigt.Er habe keinen Einfluss auf die Entscheidung des Gerichts genommen, erklärt Iwanow, sondern seinen Sohn nur "beraten". Alle einschlägigen Untersuchungen bewiesen im übrigen, dass in 60 Prozent der Fälle die Fußgänger schuld seien. Diesen "Fall" wird Iwanow nicht los werden. Sollte er für das Präsidentenamt kandidieren, dürfte aber dafür gesorgt sein, dass kein russischer Reporter ihn wieder ausgraben wird.Doch auch die behutsamste Berichterstattung wird aus Iwanow keinen Volkstribun mehr machen. Dass er von der Bürde befreit ist, zu jedem Fall von Rekrutenmisshandlung vor den Kameras Stellung nehmen zu müssen, macht ihn nicht zum Sympathieträger. Iwanow, der im kleinen Kreis charmant, eloquent, auch humorvoll sein kann, entwickelt in der Öffentlichkeit das Charisma eines Steuerprüfers.Die russischen Medien handeln deshalb auch seinen Amtskollegen, den zweiten Stellvertretenden Ministerpräsidenten Dmitri Medwedjew, weiter als Kandidaten für das Präsidentenamt. Auch er gehört zum engsten Kreis der Vertrauten des Präsidenten. Aber er ist jünger und sein Auftreten ist gefälliger. Die Regierungszeitung Iswestija titelte am Freitag wohlwollend: "Von den Ersten gibt es jetzt zwei."Eine schöne Formulierung. Sie meint Medwedjew und Iwanow, ist aber ebenso zutreffend auf das Pärchen Iwanow und Putin anzuwenden. Letzterem wird es am Ende egal sein, wer unter ihm Präsident wird.------------------------------"Es gibt keinen Kronprinzen. Die Entscheidung wird vom russischen Volk am 2. März getroffen." Sergej Iwanow------------------------------Foto: Sie sind sich ähnlich und immer einig - Präsident Wladimir Putin (l.) und sein alter Weggefährte Sergej Iwanow.