Serie zur Handball-WM: Der Grönländer Hans-Peter Motzfeldt über die Freuden der Exoten und den Irrtum des Colin Powell: "Da hat mein Onkel ihm in die Augen geguckt"

Herr Motzfeldt, sind Sie ein Exot?Wir waren jetzt zwei Mal bei einer Weltmeisterschaft dabei, und von unseren Ergebnissen kann man nicht sagen, dass wir Exoten sind.Sie haben meistens mit fünf bis 15 Toren Abstand verloren.Wir haben einen super Kampf geleistet gegen alle Nationen.Trotzdem haben Sie bei der WM 2001 gegen Deutschland 8:39 verloren. Bundestrainer Heiner Brand hat gesagt, dass er Exoten nicht mag, weil sie eine WM unnötig verlängern.Heiner Brand kann so was sagen, er kommt ja aus der besten Handball-Liga der Welt. Aber wir haben jetzt eine neue, junge Truppe.Ist die grönländische Mannschaft bei der WM 2007 besser als früher?Würde ich nicht sagen. Die meisten Spieler sind viel jünger. Das wird sicher ein Problem. Der Jüngste ist gerade 18 geworden.Sind Sie mit 31 Jahren der Älteste?Der Älteste ist 43: unser Torhüter, Niels Davidsen. Der war auch beim zweiten WM-Spiel gegen Deutschland dabei, damals, 2003. Da hat er das Tor zugemacht. Da haben die Deutschen keine Chance gehabt.Wie bitte?Sieben Minuten haben sie es probiert, aber er hat alles gehalten. Das war unglaublich. Das war eine schöne Zeit, diese sieben Minuten.Wie stand es da?Das war mitten im Spiel. Wir waren hinten mit 18 Toren. Heiner Brand kann darüber wahrscheinlich nur noch lachen. Alle seine Spieler haben es versucht, Pascal Hens, Kretzschmar. Die Deutschen haben probiert, uns zu überrennen, aber Niels hat wirklich viele Bälle gehalten. Das war lustig, in seinem Alter, er war da ja auch schon 39.Am Ende haben Sie dieses Spiel 20:34 verloren. Achtbar, oder?Das ist eine große Steigerung gewesen von unserer ersten WM 2001 zur WM 2003.Erzählen Sie!Bei der ersten Teilnahme, da war eine große Euphorie zu Hause. Wir durften damals mitmachen, weil die Kubaner ihre Teilnahme zurückgezogen hatten. Wir hatten nur einen Monat, um uns vorzubereiten. Es war ein großer Erfolg für uns, einfach dabei zu sein. Und der größte Erfolg war, dass wir dann gegen Amerika gewonnen haben.26:18 haben Sie die USA besiegt.Das war das erste Mal in der Handball-Geschichte, dass eine Nation, die das erste Mal an einer Weltmeisterschaft teilgenommen hat, sofort ein Spiel gewonnen hat.Was war damals in Grönland los?Da stand alles still. Da liefen keine Leute mehr auf den Straßen, da haben alle Familien vor ihrem Fernseher gesessen und uns Jungs angeguckt. Der Sieg war großartig. Da hat mein Onkel viel Spaß gehabt.Ihr Onkel?Mein Onkel war damals Grönlands Premierminister, und er war bei einer großen Feier in Amerika, in Washington. Er hat dort mit Colin Powell und ein paar anderen großen Leuten an einem Tisch gesessen. Und dann hat Colin Powell gefragt, ob in Grönland überhaupt Leute leben. Denn er ist nur mal über Grönland drübergeflogen. Da hat mein Onkel ihm in die Augen geguckt und gesagt: Ihr habt gerade gestern gegen Grönland verloren, bei der Weltmeisterschaft. Er hat das nicht geglaubt. Aber es war so.Und 2003?Da war das Schöne, dass wir uns selbst qualifiziert haben. Viele Jugendliche haben wegen der WM angefangen, Handball zu spielen. Der Handball ist professioneller geworden, es wird jetzt anders gearbeitet im Verband. Die Sponsoren sehen: Wir bieten ihnen die Möglichkeit zu werben. Wir sind ja auf der ganzen Welt.Sind Sie in Grönland ein Star?Kann man schon sagen. Wir sind ja nur knapp 60 000 Leute in Grönland. Und die Leute kennen uns.Ist Handball in Grönland die Sportart Nummer 1?Fußball ist noch die Nummer 1, aber Handball wird immer attraktiver. Man kann es das ganze Jahr in der Halle spielen. Fußball kann man nur zweieinhalb Monate draußen spielen, dann ist der Sommer vorbei. Es gibt auch keinen Rasen, die Leute spielen Fußball auf Sand.Wie sind Sie Handballer geworden?Ich habe angefangen wie jeder: mit dem Fußball. Irgendwann hat mein Kumpel mich gefragt, ob ich nicht mit zum Handball will.Und dann?Dann ging es schnell. Wir haben viele isländische Trainer gehabt, und wir haben viele Talente nach Island geschickt. Das war für mich eine Herausforderung. Ich wollte unbedingt der Beste in meiner Heimat werden. Ich wollte die Möglichkeit haben, nach Island zu ziehen, um ein besserer Handballer zu werden. Ich habe viel trainiert und Videos angeguckt über die isländische Nationalmannschaft, jeden Tag.Haben Sie es nach Island geschafft?Ja, da war ich 17. Drei Jahre war ich dort auf dem Sportgymnasium.Jetzt spielen Sie zum dritten Mal bei einer Weltmeisterschaft mit. Dabei besteht Ihre Nationalmannschaft vermutlich nur aus Amateuren.Einen Profi haben wir.Sind Sie das?Nein. Ich war fast zehn Jahre Profi. Vor einem Jahr bin ich nach Dänemark zurückgezogen. Jetzt arbeite ich in einem Naturkindergarten.Was machen die übrigen Spieler?Die sind Lehrer. Oder Hausmeister. Die trainieren drei Mal die Woche. Die jungen Spieler gehen auf Sportgymnasien in Dänemark.Und alle funktionieren als Team?Wir Grönländer haben unseren speziellen Humor. Unser Zusammenhalt ist sehr stark, weil wir nicht als Profis leben. Wir sind ganz normale Menschen, aber wir haben das Glück, an einer WM teilzunehmen.Was ist Ihr Ziel bei der WM 2007?Wir sind zufrieden, wenn wir alles geben. Dann ist mir egal, ob wir mit 15 oder 20 Toren verlieren.Haben Sie eine Chance, in der Vorrunde ein Spiel zu gewinnen?Äh, nein. Tunesien ist stark. Und Kuwait und Slowenien, unsere anderen Gegner, kennen den internationalen Handball zu gut.Wenn Sie fast immer verlieren, was bringt Ihnen dann die WM?Ich will irgendwann nach Grönland ziehen und als Trainer arbeiten. Wo kann ich bessere Erfahrungen sammeln als bei der WM?Interview: Andreas LeschBisher in der WM-Serie erschienen: Feldhandball (3. 1.), Rumänien (4. 1.), WM 1978 (5. 1.).Alle Folgen und einen WM-Zeitplan finden Sie im Internet unter: www.berliner-zeitung.de/handballwm------------------------------68 Spiele, 270 ToreFoto: Der Routinier: Hans-Peter Motzfeldt (31) hat 68 Länderspiele für Grönland absolviert und dabei 270 Tore erzielt. Er hat eine bewegte Karriere hinter sich. Er spielte in Hafnarfjördur/Island, in Bregenz/Österreich, Kopenhagen/Dänemark und in Gelnhausen/Deutschland. Jetzt ist Motzfeldt für IFK Trelleborg aktiv.Das erste Mal: Bei der WM 2001 beendeten die Grönlander die Vorrunde als Vorletzte ihrer Gruppe. Das Team verlor 15:25 gegen Kroatien, 16:31 gegen Spanien, 20:27 gegen Korea und 8:39 gegen Deutschland. Es feierte auch einen Erfolg: ein 26:18 gegen die USA.Das zweite Mal: Die WM 2003 beendeten die Grönländer als Gruppenletzter. Sie verloren alle Partien: 19:34 gegen Portugal, 17:30 gegen Island, 20:34 gegen Deutschland, 21:26 gegen Australien, 23:28 gegen Katar.Das dritte Mal: Die Qualifikation für die WM 2007 in Deutschland haben die Grönländer mit einem 30:29-Sieg gegen die USA erkämpft. Sie sicherten sich damit den entscheidenden dritten Platz in der panamerikanischen Meisterschaft hinter Brasilien und Argentinien.------------------------------Foto: Drin isser: Stefan Kretzschmar überwindet Grönlands Torhüter im Vorrundenspiel der Weltmeisterschaft 2003.