Kroatiens dunkle Königin war barfuß. Auf dem Cover des kroatischen Wochen-Magazins Globus, das Severina Vuckovic im März zur Nummer eins der "100 schönsten Kroatinnen" gewählt hat, trug die Sängerin ein schwarzes Kleid. Links und rechts flankierten sie zwei Schönheiten in kurzen Röcken, doch Severina saß fast wie eine Dame auf einem Sockel, und ihre Füße waren tatsächlich nackt. Wären da nicht diese aufgewölbten Gummiboot-Kusslippen - man würde "Seve", der "Königin der Skandale", vielleicht sogar zutrauen, dass sie auf dem Bild so breit grinst, weil sie beim Fotoshooting über die Ironie dieser Szene schmunzelte.Mit ihren Stöckelschuhen hat die 34 Jahre alte Severina immerhin in ihrem Heimatland eine nationale Debatte ausgelöst. "Moja Stikla", "Meine Stöckelschuhe", heißt das Lied, mit dem sich Severina im März beim nationalen Vorentscheid durchsetzte für den Eurovision Song Contest, früher schlicht "Grand Prix" genannt. Am 20. Mai wird Severina Kroatiens Gesicht in Athen sein. Eine Aufgabe, wegen der die kroatische Öffentlichkeit elf Jahre nach Ende des Krieges gegen Serbien darüber diskutiert, was kroatisch ist. Und ob Severina kroatisch genug ist, um für Kroatien aufzutreten.Nur oberflächlich geht es dabei um Fragen wie jene, ob ein Lied mit Zeilen wie "Afrika-Paprika" eines Eurovision-Songs würdig ist. In sämtlichen kroatischen Medien meldeten sich nach Severinas Sieg prominente Kroaten zu Wort, mehrheitlich schockiert über das Liedchen. In dem geben sich Sinnfreiheit, Folklore und sexuelle Anspielungen ein Stelldichein. "Wie das Land, so das Lied" titelte die Tageszeitung Vecernji List selbstironisch. Viel Aufregung, die Severina so kommentierte: "Ich bin froh, dass wir die Politik von den Titelseiten verdrängt haben, denn das erscheint mir unterhaltsamer und fröhlicher."Erfahrung mit Titelseiten und Schlagzeilen hatte Severina schon vorher reichlich. Die Sängerin, die ihre erste Platte mit 17 Jahren aufnahm, ist schon allein haarfarblich das dunkle Pendant zur blonden kroatischen "Schnee-Königin", der Ski-Weltmeisterin Janica Kostelic. Janica wird wie ihr Bruder Ivica erfolgreich von Vater Ante trainiert und steht für den Stereotyp des familiären, natürlichen, launisch-genialen Kroaten. Severina dagegen ist auf das Schlüpfrige und Verruchte abonniert.Vor zwei Jahren geriet ausgerechnet von ihr, die früher mit ihrer Nähe zur Kirche kokettierte, ein privater Sexfilm ins Internet. Zu sehen waren sie und ein verheirateter "Bekannter" bei einer Performance, die mühelos den Anforderungen der Pornobranche genügte, wie kürzlich auch die Bild-Zeitung festgestellt hat. Wegen des Films und der Standbilder daraus, die Google noch heute mühelos findet, interessierte sich plötzlich auch die Landbevölkerung für Modems und das Internet. Was auch immer noch aus ihr werden sollte - ihr Platz in der Mediengeschichte Kroatiens ist Severina schon mal sicher.Trotz des Skandals verließ die Popsängerin aber nicht etwa das Viereinhalbmillionen-Land. Nach einer kurzen Auszeit nahm sie die nächste Platte auf und ist heute präsenter denn je. Manchem Kommentator gilt "Seve" als einziger kroatischer Star, als "kroatische Angelina Jolie" gar. Solch ein Vergleich mit der internationalen A-Liga ist dabei so typisch für Kroatien und den Balkan wie die Frage, ob Severinas Song überhaupt kroatisch ist.Dass sich halb Europa, auch dank Bild und anderen Boulevard-Blättern, vor dem Songwettbewerb Kroatiens Star beim Oralverkehr ansehen wird, beunruhigt das Volksempfinden nicht so sehr. Wichtiger ist die Sorge, Severinas Song könnte Turbofolk sein. Dieses Genre verbindet Folklore-Elemente, schnelle Pop-Beats und extrem sexy Sängerinnen zu einer Mischung, die Balkan-Discos zum Brennen bringt, und es gilt als serbisch. Turbofolk hat einen nationalistischen Beigeschmack, Turbofolk ist Balkan. Und "der Balkan", so eine Redensart in Zagreb, "der fängt erst auf der anderen Seite des Flusses an".Tatsächlich wird Turbofolk aber in vielen Clubs auch in der kroatischen Hauptstadt gespielt. Umfragen zufolge hören ihn rund 70 Prozent der Jugendlichen im Land. Beunruhigt sind davon vor allem deren Eltern. Den typischen Turbofolk-Hörer stellen sie sich als stiernackigen Kriminellen mit Pistole im Hosenbund, aufgedonnerter Freundin im Arm und strammem Patriotismus im Herzen vor. Ganz falsch liegen sie damit nicht, wie die regelmäßigen Berichte über Schießereien und Schlägereien in den entsprechenden Clubs zeigen.Doch wie nah steht Severina diesen Kreisen? Immerhin trägt sie den Spitznamen "Seve Nacionale", den sie Auftritten bei nationalen Sportevents und Parteitagen verdankt. Nur: Severina ist für die rechte Regierungspartei HDZ aufgetreten, aber auch für die postkommunistische SDP, die zwischen 2000 und 2003 mal an der Macht war. Und so mussten nach Severinas Sieg Ethnologen, Kulturjournalisten und Musiker in TV-Diskussionsrunden klären, ob Severina und "Moja Stikla" einfach tumber Pop oder serbischer oder kroatischer Turbofolk oder gar nicht nationalistisch ist.Allerdings ist es schwer zu sagen, was nationalistisch oder "rechts" ist in einem Land, in dessen meistgelesener Zeitung Vecernji List der bekannte Kolumnist Milan Ivkosic erläutert, dass "nur kaputte Menschen und kaputte Uhren nach links gehen". Eine widersprechende Kollegin vom Wochenmagazin Globus - dem kroatischen Time Magazine, das aber manchmal eben auch 100 halbnackte Landesschönheiten abdruckt - kanzelte Ivkosic barsch ab. Die "ungezügelte Doktorin" könne seinen "harten, festen, rechten Fundamentalismus" ruhig in eine "stählerne Umarmung" schließen, schrieb Ivkosic und war mit seinem Sexismus in Kroatien so mehrheitsfähig wie mit seiner Formel: links ist gleich anti-national ist gleich pro-serbisch.Das Bedürfnis nach symbolischer Abgrenzung gegen den Nachbarn und ehemaligen Kriegsgegner ist ungebrochen groß. Deshalb wird auch genau beäugt, wie Severina im Nachbarland ankommt. Serbiens Vorentscheid endete in einer Massenschlägerei. Weil nun kein serbischer Interpret nach Athen fährt, darf Severina direkt ins Finale. Viele Beobachter rechnen damit, dass die serbischen Fernsehzuschauer telefonisch am 20. Mai für Seve stimmen werden - eine post-jugoslawische Solidarität, die einigen Kroaten nicht schmeckt.Dieses Gerangel um nationale Symbolik verwundert angesichts der Tatsache, dass in der Politik längst Sachfragen dominieren. In der Außenpolitik etwa: Will Kroatien der wirtschaftliche "Leader" der Region sein vor Ländern wie Serbien, Albanien, Bosnien, Rumänien und Bulgarien? Oder lieber EU-Nesthäkchen? Ist der Prozess gegen den General und "Volkshelden" Ante Gotovina vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag europäische Siegerjustiz ? Oder notwendige Geschichtsaufarbeitung?Innenpolitisch steht der "Krieg gegen die Korruption" auf der Tagesordnung, der dann doch immer wieder verschoben wird, oder das Problem der häufig psychisch kranken Kriegsveteranen. Rund 30 000 leiden Schätzungen zufolge seit dem "Heimatländischen Krieg" an posttraumatischem Stress-Syndrom. Ihre Staats-Renten sind extrem niedrig, selbst für kroatische Verhältnisse mit Durchschnittslöhnen von rund 600 Euro.Immer wieder geschieht es deshalb, dass einer der "Verteidiger" öffentlich auf seine Lage aufmerksam machen will - indem er sich mit einer Kettensäge den Hals aufschneidet, sich anzündet oder wie im März erst mit einer Handgranate vor dem Verteidigungsministerium auftaucht und droht, sich in die Luft zu sprengen.So verlaufen die Risse durch die historischen Kontinuitäten im so westeuropäisch anmutenden Kroatien vielleicht schroffer, als es vor allem Europa, aber auch viele Kroaten wahrhaben wollen. Wer in Deutschland würde etwa vom deutschen Teilnehmer beim Eurovision Song Contest erwarten, deutsche Kultur als solche abzubilden? Deutschland schickt die Countryband Texas Lightning von Olli Dietrich da hin! In Kroatien scheint es aber dieses Bedürfnis nach einer Repräsentation ohne Brüche zu geben. Es muss enttäuscht werden von einer Figur wie Severina, deren Biografie zu wechselhaft ist, die sich zu oft neu erfunden hat, um in einem solchen Selbstbild aufzugehen.Dabei durchdringt etwa die Porno-Ästhetik, die Severina bedient, den Alltag in diesem erzkatholischen Land. Pralle Lippen und pralle Brüste sind zumindest medial fast überall, in der Werbung, in Magazinen und im Fernsehen. Fast jede Woche entdeckt eine Zeitung, dass von dieser Moderatorin oder jener Sängerin "private" Bilder ins Internet geraten sind, ganz aus Versehen natürlich.In der Realität mag Sex vor der Ehe toleriert sein. Fragt man junge Menschen, erklären die allerdings, dass er häufig auf Parkplätzen im Auto vollzogen werden muss. Würde die feuchte Phantasie all der jungen Männer wahr werden, könnten sie tatsächlich mal Severina oder eine ihrer vielen jüngeren Schwestern im Geiste mit nach Hause nehmen - da würden sich dann aber die Eltern, Oma, die Schwester, deren Mann und der achtmonatige Neffe über den Besuch freuen. Die wohnen nämlich alle in derselben Wohnung. Das ist leicht übertrieben, aber viele junge Kroaten bleiben so lange bei der Familie wohnen, bis sie selbst eine gründen. Und eine Wohnung mit 90 Quadratmetern ist in den Städten groß.So ist dieses Land, das sich darüber sorgt, ob Severina die richtige Kroatin zum Vorzeigen ist, obwohl es ihren Instinkt bei Trends anerkennt: die Eurovision-Wettbewerbe 2004 und 2005 gewannen die Ukraine und Griechenland jeweils auch mit folkloristischen Songs. Die Zusammenarbeit mit dem bosnischen Musiker Goran Bregovic, der "Moja Stikla" den letzten Schliff gab, wird da unter Professionalität verbucht. Bregovic hat als Musiker und Filmkomponist für Regisseur Emir Kusturica seine Sicherheit mit Balkan-Klischees bewiesen.Vielleicht ahnen die Kroaten, wie gut Severina sie repräsentiert. Trotzdem oder gerade deshalb haben sie Zweifel. Zumindest war das so, bis Bild die Sexbilder wieder ausgrub. Als Severina dieser Tage von einem kroatischen Journalisten darauf angesprochen wurde, reagierte sie trotzig. Bill Clinton werde trotz Sexskandals noch immer mit "Mister President" angesprochen, sagte sie: "Das ist vielleicht weniger wichtig, weil er ein Mann ist. Aber wir Frauen kämpfen seit 50 Jahren für unsere Rechte. Wissen Sie, wir gehen zur Schule, wir arbeiten", sagte Severina Vuckovic.Das ging in Richtung Deutschland, und so etwas bringt Sympathien - bei den vielen Kroaten im Ausland wegen des Inhalts, bei den Menschen im Land zumindest, weil Angriffe aus dem Ausland solidarisieren. Diese wie jene Kroaten sind potenzielle Anrufer, wenn am 20. Mai per Telefon abgestimmt wird.In den vergangenen Wochen ist Severina auch international aufgetreten, sie hat "Moja Stikla" in Belgien, in Malta, in der Türkei gesungen. Das Internet ist voll von ihr. Wie ein gewaltiges aufgeregtes Summen, und die Tonlage geht in Richtung Euphorie. Vielleicht könnte das reichen, die Bedenken im Land gegen sie als Repräsentantin wegzuwischen. Nichts tun Kroaten so gerne wie mit einem der ihren einen Sieg feiern.------------------------------Foto: Severina Vuckovic bei einem Auftritt in Belgrad im März 2006