BERLIN, 27. Februar. Der Fall des polnischen Bischofs Julius Paetz, der wegen sexueller Übergriffe auf Kleriker suspendiert wurde, steht in der katholischen Kirche keineswegs isoliert da. Wie die neue Ausgabe des amerikanischen Magazins "Newsweek" schildert, kämpfen zahlreiche US-Diözesen mit vergleichbaren Problem. Gemeinsam ist allen Fällen, dass die Aufklärung der Sexualdelikte erst durch massiven Druck der Öffentlichkeit in Gang kam.Wenn sich der Erzbischof von Philadelphia, Anthony Bevilacqua an diesem Donnerstag in seiner Kirchenzeitung offiziell für die Übergriffe von Priestern seiner Diözese auf Kinder entschuldigt, so bricht er damit eine unrühmliche Tradition. Jahrzehntelang hatte die amerikanische Kirchenführung versucht, Missbrauchs-Prozesse gegen Geistliche mit Abschlagszahlungen an die Opfer zu verhindern und das Problem selbst durch Versetzung der Täter zu bekämpfen. Die Verurteilung des 66-jährigen Priesters John Geoghan, der im Lauf seiner Karriere über 130 Jungen sexuell missbraucht haben soll, machte dieser Strategie spät aber doch ein Ende. Geoghan muss zehn Jahre lang ins Gefängnis, 80 weitere Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester warten allein in der Diözese Boston auf Klärung.Rund 300 Millionen Dollar soll die Kirche in den letzten zwanzig Jahren an Opfer gezahlt haben, gab ein Berater der US-Bischofskonferenz zu. Vertreter von Opferverbänden sprechen gar von 800 000 Dollar. Der Kirchenrechtsexperte Pater Thomas Doyle schätzt, dass die Kirche in den USA in den nächsten zehn Jahren bis zu einer Milliarde Dollar an Entschädigungszahlungen werde aufbringen müssen.Die polnische Kirche ist von solchen Szenarien noch weit entfernt. Nicht, weil es an Anlassfällen mangelte, sondern weil Kirchenführung und Betroffene den Umgang mit dem Problem erst lernen müssen. Bischof Paetz vor Gericht zu belangen, wagte bisher kein Opfer. So konnte der Vatikan mit seiner Untersuchungskommission im Herbst 2001 den weltlichen Gerichten zuvorkommen. Die römischen Emissäre fanden die Vorwürfe gegen Paetz bestätigt. Der polnische Primas Joszef Glemp reagierte dennoch wie gewohnt - mit Angriffen auf die Presse. Die Zeitung "Rzeczpospolita", die den Fall publik gemacht hatte, habe "dem Thema Sünde etwa im Fall von Milosevic oder den Taliban niemals so viel Raum gegeben wie jetzt im Fall des Erzbischofs", sagte Glemp. Seine Äußerungen bestätigen den Verdacht von "Newsweek", die Kirche verwechsle leicht "Sünde" mit "Verbrechen". Statt zu strafen, bete man für den Sünder. Glemp sagte, man dürfe niemanden vorverurteilen, auch unter den Aposteln habe es Sünden gegeben.Im Vatikan hat man den Ernst der Lage inzwischen erkannt. Im Stillen und lateinisch kryptografiert publizierte der Heilige Stuhl im Herbst 2001 verschärfte Regeln für den Umgang mit Sexualvergehen Geistlicher. Fälle dieser Art dürfen nun nicht mehr in der Diözese geregelt werden. Nach der Voruntersuchung gehen die Akten nach Rom. Die Verjährungsfrist wurde von fünf auf zehn Jahre angehoben. Vergeht sich ein Priester an einem Minderjährigen, beginnt die Frist erst ab dessen 18. Geburtstag zu laufen. Bisher endete die Minderjährigkeit schon mit 16 Jahren.Am besten illustriert der Fall Groer, wie sich die Strategie der Kirche gewandelt hat. Als gegen den Wiener Erzbischof Kardinal Hanshermann Groer 1995 ähnliche Vorwürfe laut wurden, versuchte die Kirche noch zu vertuschen. Angriffe auf die Medien ersetzten die Auseinandersetzung mit dem Fall selbst. Die Antwort war das so genannte "Kirchenvolks-Begehren" zur Reform der Kirche und Abschaffung des Zölibats: Eine halbe Million Menschen unterschrieben."Jeder Fall von Missbrauch durch einen Priester ist eine abscheuliche Beleidigung der Menschenwürde. " Kardinal Anthony Bevilacqua