Womit hat dieser Tag das verdient? Jeder macht mit ihm, was er will, und das seit über 100 Jahren. 1890 begann seine Geschichte: Damals zogen erstmals Arbeiter durch die Städte und kämpften für ihre Rechte. Lang, lang ist es her. Seit die Industriegesellschaft sich in eine Dienstleistungsgesellschaft verwandelt, ist der Tag mehr und mehr zum Aufräum- oder Ausflugstag mutiert. Wer eine Laube hat, macht sie am 1. Mai sommerfein. Wer keine hat, radelt durchs Umland.Berliner ohne Laube oder Rad fanden Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts einen neuen Sinn für den 1. Mai: "Hasch mich"-spielen mit der Polizei. Die Regeln sind immer die gleichen: Kurz vor Sonnenuntergang treffen sich die Mitspieler am Oranienplatz in Kreuzberg (ein paar Mal auch am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg). Nach den obligatorischen Nieder-mit-dem-Kapitalismus-jawoll!!-Ansprachen gibt es einen Umzug, der irgendwann - ein kleiner Anlass reicht - in einen Austausch von Steinen und Schlagstock-Schlägen umkippt. Eigentlich hat sich die Idee inzwischen abgenutzt. Macht aber nichts. Es gibt immer neue Mitspieler: Wer gestern erst 12 war, ist heute 15 und wirft ein paar Steine gegen die Polizei, um den Freunden zu zeigen, wie mutig er ist.Damit jedoch nicht genug. Nach Arbeitern und Antifas nimmt jetzt eine neue Gruppe den 1. Mai für sich in Anspruch: Prostituierte. Sie wollen für die Gleichberechtigung ihrer Arbeit mit der anderer Werktätiger eintreten. Das Ganze natürlich möglichst spielerisch: Im Zelt der Berliner Kabarett Anstalt (BKA) auf dem Schlossplatz bieten die Huren am Abend des 1. Mai ein Programm aus Politik (wie schwer es ist, in den USA anschaffen zu gehen) über Kunst (eine "Erotic Performance") bis hin zu "Berliner Überraschungen". Anschließend darf noch getanzt werden. Das Ganze nennt sich "Sex Worker Solidarity Day". Eine überraschende Erinnerung an die eigentliche Bedeutung dieses Tages. Ja, es wird viel zu oft vergessen: Selbst im Computerzeitalter gibt es noch viele Menschen, die ihr Brot mit harter körperlicher Arbeit verdienen.