KAIRO. Oft ist die Berührung fast beiläufig: Eine Hand taucht aus dem Nirgendwo auf, streicht am Po herunter und gleitet kurz zwischen die Beine. Dann ist sie wieder weg. Es gibt sie in der U-Bahn, im Bus, auf offener Straße. Die Hand ist oft so frech und erniedrigend, dass das Opfer zunächst ein paar Sekunden lang gelähmt ist. Bis die Frau reagieren kann, ist der Täter, der Belästiger, schon in der Menge untergetaucht und der Schrei der Empörung - "Schande!" ruft man in diesen Fällen auf Arabisch - verhallt kläglich im Straßenlärm.Sexuelle Belästigung ist eine Plage in Ägypten: 63 Prozent der Männer geben einer Studie zufolge an, schon einmal eine Frau zudringlich angegangen zu sein. 83 Prozent der Frauen waren schon einmal Opfer. "Ich glaube, die anderen 17 Prozent geben es nur nicht zu oder finden die Übergriffe so normal, dass ihnen gar nicht bewusst ist, dass es Belästigung ist", sagt Asser Yasser. Der 39-jährigen Bloggerin geht es darum, die Einstellung der Frauen zu verändern. Sie begann ein Internettagebuch zu schreiben und schnell loggten sich andere zornige Opfer von Zudringlichkeiten bei ihr ein. Sie organisierten kürzlich eine Demonstration, und jetzt arbeiten sie an einen Dokumentarfilm.Das große Thema im LandYasser liegt mit ihrem Engagement im Trend. "Die Frauen haben endlich genug davon und tun etwas", sagt sie. Sexuelle Belästigung ist inzwischen das große Thema in Ägypten, alle sprechen darüber. Es gibt unzählige Frauen-Initiativen, Flugblatt- und Radio-Kampagnen und mehrere Anti-Belästigungs-Projekte. Sie organisieren eine Hotline und virtuelle Stadtpläne, in denen besonders gefährdete Gegenden eingezeichnet sind. Fitnessstudios und Frauenorganisationen bieten Selbstverteidigung für Frauen an.Yasser begann sich zu engagieren, nachdem sie eines Nachmittags in Mokattam, einem neuen Kairoer Mittelschichtsviertel, zum Kiosk ging. Da sei ein Auto mit jungen Männern langsam an sie herangefahren, erzählt sie. Sie hätten das Fenster heruntergekurbelt und sie auf das Unflätigste beschimpft. "Es ging denen nicht darum, dass sie mich anmachen wollten. Ich war auf dem Weg zu einer Totenfeier und ganz in Schwarz gekleidet. Es ging denen darum, mich zu erniedrigen." Yasser hat den Eindruck, dass viele junge Männer gar nicht anders können: "Wir leben in einer Kultur der Belästigung", sagt sie. "Die Jungen machen das, um sich vor ihren Freunden zu beweisen. Außerdem denken sie, dass den Frauen die Belästigung gefällt oder aber sie finden, dass sie es nicht besser verdient haben", sagt sie.Asser Yasser ging zur Polizei und zeigte die Jugendlichen an. Es kam zum Prozess. Nach einem Gesetz aus den 30er-Jahren steht jede Art von Belästigung unter Strafe, verbale wie körperliche. "Die Männer wurden freigesprochen. Aus Mangel an Beweisen", sagt sie. Doch sie lässt sich nicht entmutigen, denn langsam scheint sich die Einstellung der Gerichte - angestoßen durch die öffentliche Diskussion - zu verändern.Für das bislang größte Aufsehen sorgte eine Massenbelästigung am ersten Tag des Zuckerfestes 2008. Etwa hundert Männer stürzten sich damals auf der Straße der Arabischen Liga, einer beliebten Einkaufsmeile, auf Passantinnen. Sie rissen ihnen die Kleider vom Leib, beschimpften und begrapschten sie. Es gab einen Aufschrei der Empörung. Viele riefen nach mehr Polizei und härteren Strafen für die Belästiger. Einem der Männer konnte die Tat nachgewiesen werden und er musste für ein Jahr ins Gefängnis.Beachtung fand auch ein anderer Fall: Die junge Filmemacherin Noha Rushdy brachte einen Minibus-Fahrer vor Gericht, der sie belästigt hatte, er bekam sogar drei Jahre Haft. Bisher erstatten aber wenige Frauen Anzeige. Sie fürchten, dass die Polizisten sie anschauen und sagen: "Na, so wie du rumläufst, bist du selber schuld." Frauen hätten oft das Gefühl, dass man sie für die Übergriffe verantwortlich mache, nicht den Täter, sagt Asser Yasser.Sexuelle Belästigung hat es in Ägypten schon immer gegeben, allerdings, sagt Nihad Abu Al Quomsan vom Ägyptischen Zentrum für Frauenrechte, hat sie in den vergangenen Jahren extrem zugenommen. Sie macht die allgemeine Hoffnungslosigkeit der Jugendlichen dafür verantwortlich. Viele junge Männer könnten außerdem nicht heiraten, weil sie nicht genügend Geld verdienten. Und Sex vor der Ehe ist nicht vorgesehen. Der Triebstau, die Sexualnot, führe zu noch größerer Frustration.Oft spielt auch die soziale Herkunft der Frauen eine Rolle: Sowohl bei der Massenbelästigung am Zuckerfest als auch im Fall des Minibusfahrers, der die Filmemacherin anfasste, kamen die Opfer aus der gebildeteren, reicheren Schicht. Die Täter hingegen waren junge Männer aus der Unterschicht. Deshalb interpretieren viele in Ägypten die Belästigungen auch als ein Aufbegehren der Armen gegen die Reichen: Die benachteiligten Jungen können endlich Macht zeigen. Allerdings gibt es durchaus auch Belästiger aus gutem Hause. Die jungen Männer, die Asser Yasser beschimpften, waren Schüler teurer Privatschulen."Ich glaube, dass auch Eifersucht eine Rolle spielt", sagt die Ägypterin Halima. Sie arbeitet in einem Telefonladen in einem Stadtviertel mit hoher Arbeitslosigkeit: "Die Mädchen sind besser in der Schule und bekommen leichter Jobs. Die Jungen leiden darunter und zahlen es uns heim, indem sie die Straßen für uns ungemütlich machen."Bis vor nicht allzu langer Zeit war sexuelle Belästigung im Bewusstsein der Politiker und der Gesellschaft ein Kavaliersdelikt und damit eine akzeptable Freizeitbeschäftigung für gelangweilte Jugendliche. Das ändert sich nun Schritt für Schritt. "Es ist uns gelungen, innerhalb von vier Jahren aus dem Stadium der absoluten Negierung zu einer offenen Diskussion in der Gesellschaft zu kommen", sagt Nihad Abu Al Qumsan vom Zentrum für Frauenrechte. Sie veröffentlichte damals die erste Umfrage zum Thema Belästigung und trat die Diskussion damit los.Die erste Reaktion vieler Frauen auf die Übergriffe ist der Griff zum Kopftuch. Auf den Straßen der Kairoer Innenstadt sieht man nur noch sehr wenige Frauen, die ihre Haare zeigen. Und wenn, dann tragen sie oft ein deutlich sichtbares Kreuz an einem Kettchen um den Hals: Sie geben sich als Mitglieder der christlichen Minderheit der Kopten deutlich zu erkennen."Es gibt eigentlich noch ziemlich viele Frauen, die kein Kopftuch tragen", sagt dagegen die Journalistin Manal Sabri, die selber unverschleiert geht. "Allerdings kannst du dir die Freiheit nur erlauben, wenn du dir ein Auto leisten kannst. Ohne Kopftuch auf der Straße macht in vielen Gegenden einfach keinen Spaß."Kopftuch tragen hilft nichtAsser Yasser schüttelt den Kopf. "Das Kopftuch hilft nicht gegen Belästigung", sagt sie, "das ist zu einfach gedacht von den Frauen." Sie erinnert daran, dass bei der Massenbelästigung am Zuckerfest sogar Frauen mit Gesichtsschleier die Kleider weggerissen wurden. "Ich habe eine Umfrage unter vielen, vielen Belästigungsopfern gemacht. Die zeigt, dass Frauen mit Kopftuch sogar besonders häufig Opfer von Zudringlichkeiten werden", sagt sie. Die Täter glaubten wohl, dass Verschleierte schüchterner seien und sich nicht so schnell wehren würden. "Sie suchen sich immer die Schwachen aus", sagt die Bloggerin.Einen Vorteil haben Kopftuchträgerinnen allerdings, besonders wenn sie mit Bussen und Bahnen unterwegs sind: die Stecknadeln, mit denen sie das Tuch zusammenhalten. "Bevor ich in den Bus einsteige, ziehe ich eine von den Nadeln, und wenn mich einer anfasst, steche ich zu!", sagt die Angestellte Sayyida Harb, "das macht der dann nicht so schnell wieder."Doch ihre Kollegin Mervat Abdel Meguid lehnt solche Methoden ab. "Nein, Nadelstechen im Bus ist nur was für Schwache. Ich schreie, wenn mich einer anfasst", sagt sie selbstbewusst. Sie hofft auf einen grundlegenden Wandel in Ägypten: "Wir leben in einem zivilisierten Land, da muss die Gesellschaft aufstehen, um etwas gegen diese elendige Mode der Belästigung zu tun."------------------------------Viele unfreiwillige SinglesDie hohe Arbeitslosigkeit und der Wohnungsmangel führen dazu, dass sich sehr viele junge Männer in Ägypten nicht leisten können zu heiraten. Neun Millionen Ägypter über 35 Jahre, so schätzen Familienforscher vorsichtig, leben deshalb unfreiwillig als Singles.Sex vor der Ehe ist in dem muslimischen Land verboten. Unverheiratete Paare dürfen zum Beispiel auch kein Hotelzimmer mieten.------------------------------Foto: Immer mehr Ägypterinnen belegen Kurse zur Selbstverteidigung, wie hier in der Stadt Zagazig, nördlich von Kairo.