Shakespeare in Pastell: Kenneth Branaghs "Verlorene Liebesmüh": Singende Petits Fours

Wenn Shakespeare mit der kleinen Komödie "Verlorene Liebesmüh" den Streit von Intellekt und Gefühl zu reflektieren beabsichtigte, so ist dieser in Kenneth Branaghs Verfilmung von Beginn an entschieden: Unter allen Rauschzuständen ist Verliebtheit der beglückendste. Von diesem Befund zeigt sich der Film so merkwürdig überwältigt, dass jedermann darin spontan zu Tanz und Gesang anhebt. Eben noch haben der König von Navarra und seine Getreuen drei Jahre Weltflucht im Dienste ihrer humanistischen Studien geschworen, da fahren sie auch schon senkrecht in den siebten Himmel. Vier rosige Edelfrauen des benachbarten Königreichs haben sich herbeirudern lassen und bringen alle asketischen Vorsätze ins Wanken. Branagh sagt "Showtime", und schon verwandelt sich das Königreich von Navarra umstandslos in ein Hollywood-Studio der 30er-Jahre, einschließlich künstlicher Seen, künstlicher Wälder und künstlicher Wimpern. Die Darsteller stehen symmetrisch aufgefädelt wie in einem Busby Berkeley-Musical, nur sind sie nie in den Genuss eines fundierten Tanztrainings gekommen. Branagh selbst spielt den geistreichen Höfling Berowne, sein weiblicher Konterpart ist Natasha McElhone, die eben noch Mrs. Dalloway verkörperte und nun Mühe hat, sich in eine Art Creme-Törtchen zu verwandeln. Es gibt in diesem Film nicht viel Originäres zu sehen, womit noch nichts gegen ihn gesagt ist. Dass Branagh zum ersten Mal darauf verfiel, mit Shakespeare vor die Kamera zu galoppieren, ist nun auch über zehn Jahre her. Seit Woody Allens "Everyone Says I Love You" ist man auf Tanz und Gesang gefasst, sogar im europäischen Film. Alain Resnais hat in "On connait la chanson" mit französischen Liedern kuriose Verfremdungseffekte erreicht, und Lars von Trier gewann mit dem hingetanzten "Dancer in The Dark" soeben eine Goldene Palme in Cannes. Branagh lässt also ebenfalls tanzen, scheint sich aber nichts Besonderes dabei zu denken. Für das Denken ist Shakespeare zuständig; Branagh ist sein übereifriger Diener, sobald es ums Gefühl geht. Ist Liebe nicht wundervoll, fragt er mit Gershwin, Cole Porter, Irving Berlin und den rastlosen Gelenken seiner Darsteller. Ja, Liebe ist wundervoll - aber gibt nicht der Dichter selbst erschöpfend Auskunft über diesen Umstand? Wenn hier zwei gegengeschlechtliche Viererpärchen zu singen und zu schweben beginnen, wird nicht mehr erreicht als eine swingende Verdoppelung des Gesprochenen. Nicht, dass man sich nicht gerne forttragen lässt. Man möchte bloß nicht so gezerrt werden. Die demonstrative Seligkeit, der Bonbonton von Kostümen und Gesichtsausdrücken, die papierenen Monde wollen nur vordergründig ironisch, wollen ja eigentlich doch beim Wort genommen sein. "Verlorene Liebesmüh" ist völlig frei von Hintersinn, deswegen kann der Film in seinen besten Momenten nicht mehr als gelungene Situationskomik erreichen. Die Szene etwa, in der die Männer einander beim heimlichen Anschmachten ihrer jeweiligen Geliebten ertappen, ist präzise verschachtelt und gibt dem einzigen talentierten Tänzer (Adrian Lester spielt den Höfling Dumain) Gelegenheit zu einem geschmeidigen Auftritt, der sich tatsächlich mit den bewunderten Vorbildern messen kann. Ein britischer Kritiker hat übrigens das Auftreten amerikanischer Schauspieler bemängelt. Es sei bekannt, dass kein Amerikaner einen Satz Shakespeares geradeaus sprechen kann. Das mag etwas pessimistisch gedacht sein; wahr ist aber, dass Alicia Silverstone die Führungsrolle unter den Frauen einnimmt wie ein wonniger Cheerleader. Im Gepäck hat sie einen Teddybären, mit dem sie synchrones Wimpernklappern übt. Irgendwann in dieser sorglosen Shakespeare-Verkleisterung muss Branagh aufgefallen sein, dass man sich an ihr den Magen verderben kann. Um einen düsteren Kontrast vorzeigen zu können, hat er daher die Handlung in die 30er-Jahre dieses Jahrhunderts verlegt, ähnlich wie in Richard Loncraines "Richard III": Szenen aus historischen Wochenschauen künden von der Mobilmachung, und tatsächlich, ein Krieg unterbricht den Spaß. Aber nur ganz kurz. Verlorene Liebesmüh (Loves Labours Lost) Großbritannien 1999. Regie & Drehbuch nach Originalvorlage: Kenneth Branagh, Darsteller: Kenneth Branagh, Alessandro Nivola, Adrian Lester, Natasha McElhone, Alicia Silverstone u.a.; 89 Minuten, Farbe.