MÜNCHEN - Die Älteren wollen sich nicht recht aufregen. Ach was, sagt SPD-Urgestein Egon Bahr, Schwierigkeiten mit den Amerikanern habe es doch immer wieder mal gegeben. Der 91-Jährige sitzt am Sonnabend tief in seinem Sessel, um gemeinsam mit dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger, mit Frankreichs früherem Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing und Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt zu diskutieren. Als Reminiszenz an 50 Jahre Münchner Sicherheitskonferenz ist der Auftritt geplant. Aus dieser langfristigen Sicht mag das Verhältnis zwischen den USA und Europa wirklich schon immer von Höhen und Tiefen geprägt gewesen sein.

In München zeigt sich, dass man sich acht Monate nach Beginn der NSA-Affäre in einem ziemlichen Tief befindet. US-Außenminister John Kerry und Verteidigungsminister Chuck Hagel führen die US-Delegation an, die in München für eine „Renaissance der transatlantischen Beziehungen“ werben will. Sie vollbringen bei ihrem gemeinsamen Auftritt das Kunststück, zwar sehr charmant um Europa und speziell Deutschland zu werben, erwähnen aber nicht mit einem Wort die Ursache für das aktuelle Zerwürfnis, die gigantische Bespitzelung der Verbündeten durch die NSA.

Elf Mal gebraucht allein Hagel den Begriff „Partnerschaft“. Die Beziehungen zwischen den USA und Europa seien für die Regierung Obama die wichtigste und engste Verbindung, betont Kerry. Offensichtlich möchte man nicht zurückblicken, sondern – typisch amerikanisch – nur nach vorne schauen. Und vor den Verbündeten liegt nach Kerrys Sichtweise das Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA. Eine riesige Sache sei das, von der beide Seiten sehr profitieren könnten. Kerry spricht von Millionen neuer Jobs beiderseits des Atlantiks. Deshalb solle man sich auch nicht abschrecken lassen durch Ankündigungen der Republikaner, ein solches Abkommen im Senat zu blockieren.

Die Irritationen sind spürbar

Die deutschen Teilnehmer der Sicherheitskonferenz hingegen sehen noch Klärungsbedarf, bevor auch sie nach vorne blicken wollen. Ihre Enttäuschung über die bisherigen Reaktionen der US-Regierung auf die NSA-Affäre verbergen sie nicht mehr. Da sei wenig bis nichts an Selbstkritik zu hören gewesen, heißt es in deutschen Regierungskreisen. Ausgerechnet der neue Bundesinnenminister hat den kritischen Ton vorgegeben für München. Thomas de Maizière (CDU), ein Transatlantiker, kritisiert auf offener Bühne die US-Haltung zur NSA so deutlich wie vor ihm kein anderer deutscher Regierungsvertreter.

Als Bundesregierung verlange man endlich Aufklärung darüber, was die NSA in Deutschland und Europa treibe. „Die Aufklärung, die wir bekommen haben, ist unzureichend“, sagte de Maizière. Er selbst sei als Kanzleramtschef auch einmal für den Bundesnachrichtendienst zuständig gewesen, deshalb habe er eine Vorstellung davon, was Dienste könnten und was nicht. Nach allem aber, was man bislang gehört habe, sei es maßlos, was zulasten deutscher Staatsbürger getan worden sei. Der entstandene Schaden stehe in keinem Verhältnis zu möglichen Erkenntnissen, die die USA durch die Spähpraxis erhalten hätten.

Die Belastung der gegenseitigen Beziehungen spiegelt sich nach Angaben von Teilnehmern in den direkten Gesprächen wider, die deutsche und US-Politiker in München führten. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) treffen sich bilateral zu Gesprächen mit ihren jeweiligen US-Pendants. Auch in den Begegnungen zwischen deutschen und US-Politikern beim Mittagessen oder während der abendlichen Empfänge seien die Irritationen spürbar gewesen, heißt es.

So bleibt von diesen drei Tagen in München vielleicht am stärksten in Erinnerung, wie häufig alle Seiten in ihren Reden immer wieder die Bedeutung des transatlantischen Verhältnisses und der Atlantischen Allianz hervorheben. Um sich eines Bündnisses zu versichern, das gegenwärtig in einem ziemlichen Tief steckt. Mal wieder.