BERLIN. Nur drei Tage nach dem Start von Googles neuem Internet-Zugangsprogramm Chrome wächst die Kritik an dem Suchmaschinen Giganten - Experten prangern Sicherheitslücken an und äußern schwere Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) rät sogar vom Gebrauch des neuen Browsers ab. "Google Chrome sollte nicht für den allgemeinen Gebrauch eingesetzt werden", sagte Sprecher Matthias Gärtner gestern der Berliner Zeitung. Es sei problematisch, dass Google ein Produkt in der Testversion aufgrund seiner Marktmacht einer breiten, zum Teil technisch wenig versierten Öffentlichkeit zugänglich mache.Chrome sei zwar "bequem, aber kritisch", nicht nur weil das Programm noch nicht ausgereift ist, sondern auch wegen der Datensammelwut von Google. Auch der Sicherheitsexperte Daniel Bachfeld des Branchendienstes heise.de und des Computermagazins c't warnte gestern davor, das Programm zu nutzen: "Ich rate davon ab, mit Google Chrome außer zu Testzwecken zu surfen", sagte Bachfeld dieser Zeitung."Beängstigender Datenpool"BSI-Sprecher Gärtner empfiehlt, die Nutzungsbedingungen sehr genau zu lesen. Darin steht unter anderem, dass Google Daten mitliest, die in die Adresszeile eingegeben werden. Das ist technisch nötig, damit der Suchmaschinenkonzern bereits mit der Eingabe des ersten Buchstabens mögliche Internetseiten empfehlen kann.Ein Google-Vertreter sagte dem Internetportal C-Net, dass zwei Prozent aller Daten, die in die Adresszeile eingegeben werden, zusammen mit der IP-Adresse, das ist die Kennzeichnung eines Computers im Internet, abgespeichert würden. Dem können Nutzer nur entgehen, indem sie in den Browser-Einstellungen fast sämtliche neuen Funktionen von Chrome deaktivieren.Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Google mit dem Browser nun alle wichtigen Bereiche im Internet vom E-Mail-Programm über die Suche bis zu rein internetbasierten Textverarbeitungsprogrammen abdeckt, warnte der BSI-Sprecher: "Aus sicherheitstechnischen Gründen ist die Anhäufung von Daten bei einem Anbieter kritisch". Bachfeld empfiehlt normalen Nutzern - die nicht über die Kenntnisse verfügen, Google bei seiner Datensammelwut durch bestimmte Einstellungen der Programme auszutricksen - den Gebrauch von Google-Produkten stark einzuschränken. "Die Größe des Datenpools, über die das Unternehmen dann verfügt, ist beängstigend und wird Begehrlichkeiten wecken, möglicherweise auch bei Ermittlungsbehörden", sagte Bachfeld.Bankinfos nicht geheimDass die Daten auch bei Google nicht sicher sind, dafür ist auch Chrome ein Beispiel. Laut c't haben sich bereits zwei schwere Sicherheitslücken aufgetan: "Unter Umständen hat man nach zwei Klicks schon Schadsoftware auf dem Rechner. Zum Beispiel, wenn in einer E-Mail ein Link angewählt wird. Google Chrome lädt dann ohne weitere Nachfrage das Programm herunter, das sich hinter diesem Link verbirgt", sagte Bachfeld. Gravierend sei auch, dass beim Start eines neuen Benutzer-Fensters, eines sogenannten Tabs, unter Umständen automatisch ein Programm gestartet wird. "Dabei kann es sich auch um einen Virus oder ein anderes schädliches Programm handeln, das sich dort zuvor eingeschlichen hat." Es sei damit zu rechnen, dass in den nächsten Tagen und Wochen noch weitere Sicherheitslücken zum Vorschein kämen.Der renommierte US-Technologieblog TG Daily fand bereits eine weitere Schwachstelle: So soll Chrome in seinen Vorschlagslisten auch Daten von zuvor benutzten gesicherten Internetseiten einblenden. Nach dem Besuch bei einer Online-Bank sei es zum Beispiel möglich, finanzielle Daten abzurufen - auch, wenn sich der Benutzer längst schon wieder auf der Seite abgemeldet hat.Experte Bachfeld sagte, angesichts der zahlreichen Lücken müsse es als fahrlässig bezeichnet werden, dass Chrome von Google schon herausgegeben worden sei und sogar auf der Startseite der Suchmaschine beworben werde. Auch an anderen Stellen zeigen sich Defizite. So wurde die Google-Werbung, dass Chrome bei fehlerhaften Webseiten nicht mehr abstürzt, in Tests bereits widerlegt.Offenbar haben trotzdem zahlreiche Webnutzer auf Chrome umgestellt. Nach dem US-Branchendienst Market Share nutzten gestern in der Spitze bis zu 1,73 Prozent aller Surfer weltweit den Browser. Damit ist Chrome - wenn auch mit großem Abstand zu den führenden Produkten Internet Explorer von Microsoft und Mozilla Firefox - aus dem Stand der Sprung auf Platz drei gelungen.------------------------------Zehn Jahre GoogleJubiläum: Vor zehn Jahren, am 7. September 1998, wurde Google von Larry Page und Sergey Brin gegründet. Schon zwei Jahre später wurde ihre Suchmaschine Marktführer. Der Konzern hat jedoch inzwischen ein ganzes Universum an Diensten aufgebaut. Jüngster Neuzugang ist Googles Internet-Browser Chrome. Die Liste der Erfolge ist bereits lang: Die Karten-Dienste Google Maps und der virtuelle Globus Google Earth dienen als Plattform für unzählige ortsbezogene Anwendungen. Googles Büroprogramme, die über das Internet laufen, treten gegen Mi- crosofts Office-Paket an. Und der E-Mail-Dienst Gmail konkurriert erfolgreich mit ähnlichen Angeboten.------------------------------"Beim Datenschutz bestätigen sich die schlimmsten Befürchtungen." Daniel Bachfeld------------------------------Foto: Ist der Lack schon ab? Besuch mit Googles Web-Browser Chrome auf einer Internetseite, die schwere Sicherheitslücken anprangert.