Die Spanier sind im Kommen. So scheint es jedenfalls bei den Filmstarts in Deutschland. Im August lief Pedro Almodóvars "Sprich mit ihr" an. Jetzt gelangten Julio Medems "Lucía y el sexo" und Bigas Lunas "Son del mar" in die Kinos. Nach wie vor ist zwar die Wahrnehmung des spanischen Kinos im Ausland auf "Oscar"-Preisträger Almodóvar oder Altstars wie Carlos Saura fixiert. Doch hat sich auch der Blick für die übrige vitale Filmszene geschärft. Vor zwei Jahren war Medems "Die Liebenden des Polarkreises" ein Überraschungserfolg. Benito Zambranos Mutter-Tochter-Drama "Solas" gewann den Publikumspreis der Berlinale 1999. Regisseure wie Bigas Luna ("Jamón, Jamón"), den Filmer sexueller Leidenschaft, oder Apologeten des Grauens wie Alex de Iglesia ("Allein unter Nachbarn") haben zum Teil Kultstatus, erst recht Alejandro Amenabar ("Tesis"), dem 2001 mit dem subtilen Horrorfilm "Los otros" (The others) der Durchbruch gelang. "The others" war auch der große Gewinner der Goyas, des "spanischen Oscars" der spanischen Filmakademie. Die Globalisierung hat dabei längst auch Spaniens Filmmarkt erfasst. Der Anteil internationaler Koproduktionen steigt ständig, wobei die mit Lateinamerika weit intensiver sind als die mit europäischen Ländern. Finanziell wie künstlerisch aber verwischen sich die Grenzen. So besetzte Almodóvar in "Alles über meine Mutter" und "Sprich mit ihr" die Hauptrollen mit den Argentiniern Cecilia Roth bzw. Darío Grandinetti.Im Jahr 2001 erlebte Spaniens Filmindustrie nach sieben Jahren mäßigen Wachstums einen Boom: Sie produzierte 117 Filme. Zwei davon, "The Others" und Santiago Seguros Detektivklamotte "Torrente 2 - Mission in Marbella", überflügelten an der Kasse sogar die US-Konkurrenz. Auch "Lucía y el sexo" oder "Johanna die Wahnsinnige" waren populär. Der Marktanteil des spanischen Kinos wuchs von 14,5 und gar 10 Prozent in den Vorjahren auf 19 Prozent, was aber das Verdienst nur weniger Filme ist. Die Spanische Filmakademie warnte daher: Profitiert hätten bloß einige größere Produktionsfirmen, während 80 Prozent nur einen Film jährlich lieferten und das Gros der Branche weiter unter Kapitalmangel leide.Ähnlich ungleich verteilt sind die Gewichte im Vertrieb: Unter 15 Verleihfirmen in Spanien teilen sich fünf transnationale Multis mehr als 80 Prozent des Marktes. Zwar stieg mit dem Prestigegewinn des iberischen Kinos auch deren Interesse am Vertrieb spanischer Filme. Doch ihr Fokus liegt auf dem Vertrieb von US-Produktionen, die sie mit riesigem Aufwand in die Kinos pushen. Trotz des Erfolgs einiger spanischer Verleiher gilt der Vertrieb national wie international als Achillesferse der spanischen Filmindustrie.So kippte die Stimmung in der Filmbranche schon kurz nach der Euphorie Ende 2001 wieder, als der Marktanteil im ersten Quartal 2002 erneut auf 10 Prozent fiel. Bei 500 neuen Filmen pro Jahr sehen viele Branchenvertreter die Ursachen in einer Marktübersättigung. Der Generaldirektor des staatlichen Filminstitutes ICAA, José María Otero, erklärt den Geldmangel der Produktionsfirmen durch Zahlungsrückstände der TV-Sender, wo viele Filme ungesendet "auf Halde" liegen. So wird die immense Bedeutung der Sender als Koproduzenten oder Käufer der Ausstrahlungsrechte ein Risikofaktor. Allein 2001 trugen sie 27 Prozent der durchschnittlichen Filmbudgets. Vor allem die Pay-TV-Firmen "Via Digital" und "Sogecable" (Canal Plus) engagieren sich, so bei "Lucía y el sexo" und "The others". Heute ist aber auch hier das Geld knapp, da der spanische Markt zu eng für zwei Pay-TV-Kanäle ist. Um ein Debakel abzuwenden, kündigten "Sogecable" und "Via Digital" im Mai ihre Fusion an.Spaniens Kulturpolitiker versuchen die Filmindustrie zu stützen, mit mäßigem Erfolg. Erst 2001 verabschiedete die konservative Regierung ein Gesetz über die Einrichtung eines "Dienstes zur Verteidigung des freien Wettbewerbs". Hinzu kam ein Fonds für die Werbung und den Vertrieb audiovisueller Werke. Dessen Geld aber kommt aus anderen Bereichen der staatlichen Filmförderung, die seit Jahren bei 32 Millionen Euro stagniert. Aus der riskanten Vorfinanzierung von Projekten zog sich der Staat fast vollständig zurück.Die marktliberale Politik der Regierung José María Aznars setzt eine Tendenz fort, die sich bereits in der Schlussphase der Vorgängerregierung von der sozialdemokratischen PSOE, abzeichnete: die Koppelung von Fördermitteln an den Kassenerfolg der Filme, was stets auf Kosten von Produktionen jenseits des Mainstreams geht. Verkauft wird diese Politik als Konsequenz aus dem Publikumsschwund des spanischen Kinos in den 80er-Jahren, als vor allem das Autorenkino gefördert wurde. Das Ergebnis war damals ambivalent: International gewann das spanische Kino an Prestige, nicht aber in Spanien selbst.Zugleich ist der Anbruch des digitalen Zeitalters auch in Spanien unübersehbar. Er zeigt sich nicht nur in Abhängigkeiten von TV-Sendern. Immer mehr spanische Regisseure arbeiten aus Kosten-, aber auch aus ästhetischen Gründen mit Digitalkameras. So wurde "Lucía y el sexo" als Europas erster Spielfilm mit einer speziellen, hochauflösenden Digitaloptik gedreht. Die Arbeit mit diesen Kameras, so Medem, erlaube mehr Intimität von Regisseur und Schauspieler: "Den nächsten Film mache ich mit einem transportablen Computer. Denn man tut alles, um sich auf das Wichtige zu konzentrieren - die Geschichte."Im Jahre 2001 erlebte die spanische Filmindustrie nach sieben mäßigen Jahren einen Boom: Sie produzierte 117 Filme.