Sie führte in Parks, auf Kirchplätze und hauptstädtische Foren. Zum Tod des Bildhauers Werner Stötzer in Brandenburg: Die Spur seiner Steine

Welchen Stein immer Werner Stötzer in seinem Leben unter dem Meißel hatte, es war ein Torso. Er hat die fragmentarische Körperform herausgeschlagen aus gelblichem sächsischen Sandstein, aus grauem bulgarischen Marmor und aus schimmernd weißem norditalienischen Carrara. "Am Stein", sagte er einmal in einem Gespräch draußen in seiner Freiluft-Werkstatt hinterm Haus im Oderbruch, "fühle ich mich wie ein Mensch, der vollkommen frei ist von Hemmungen und Zwängen." Vielleicht war das Glück.Er nannte sie gern "Wegzeichen", seine "Märkischen Steine", seine "Engel mit gebrochenem Flügel", die inzwischen moosbewachsenen "Zigeuner von Marzahn". Oder er gönnte ihnen nur karge Bezeichnungen wie "Sitzende", "Stehende", "Liegende". Einigen gab er Flussnamen, etwa "Werra" und "Saale".Werner Stötzer, 1931 geboren im thüringischen Sonneberg, der langjährige Wahlberliner und leidenschaftliche Wahlbrandenburger, ist am Donnerstag im Alter von 79 Jahren im brandenburgischen Altlangsow nach langer schwerer Krankheit gestorben. Sein offener, nur leicht vor Regen, Schnee und Sonne geschützter Arbeitsplatz draußen in seinem Oderbruchdörfchen ist jetzt verwaist. Er lag im wildromantischen Garten hinterm alten Pfarrhaus, wo Stötzer seit 30 Jahren wohnte.Aber die Spur der Steine zieht sich durch Museen - etliche hat die Neue Nationalgalerie - und Parks, über Kirchplätze in Berlin und Brandenburg - von da in den Norden, nach Warnemünde, an die Mole, wo eine weibliche Sandsteingestalt wie Penelope, die auf Odysseus warten, gen Ostsee blickt. Den Stein formte er für all jene Seemannsfrauen, deren Männer nicht mehr heimkehrten. Es hat viele Jahre gedauert, ehe die Rostocker Behörden zu DDR-Zeiten der Aufstellung dieses Denkmals zustimmten. Man hat nicht eingestehen wollen, dass immer wieder Seeleute auf dem Meer blieben. Als wenn es das im Sozialismus nicht geben durfte.Stötzers Steine ziehen sich ebenso in den Süden, nach Würzburg. Dort steht seine "Pieta" auf dem Domplatz. Und seine Menschengruppe, eine Referenz an den nahen Pergamon-Götter-und-Gigantenfries flankiert das Marx-Engels-Forum an der Spree in Berlin-Mitte. In den Ein- und Ausbuchtungen vieler der gerade aufgezählten Skulpturen wächst hie und da Moos. Meist recken sie sich ins Licht, wie Wegmarkierungen durch ein Bildhauerleben, Zeichen zwischen Schönheit und Katastrophe. Und nie verleugnet so eine Figur den Block, in dem sie noch halb ruht.Die Steine sind nun postume Botschafter einer Kunst, die weder Zeit noch Mode kennt. Für Stötzer mündete jede Form ins Fragment. Damit konnte er auch in der öfter rigiden Kunstpolitik der DDR bestehen, sogar zu Ehren kommen. Er sagte manchmal, er habe in der Jugend und auch später noch zu viele Trümmer gesehen, reale und geistige, das führte schließlich zum Torso. Seine abstrahierten Figuren sind denen Brancusis, Giacomettis, Moores nahe. Und denen der preußischen Klassizisten Schadow und Schinkel. Und er verehrte Michelangelo, den späten Renaissance-Universalisten.Die Oberflächen tragen die Spuren der kurzen, gezielten Schläge des Meißels - von außen nach innen und immer rundherum. So hatte auch der Florentiner seine Steine behauen. Stötzer sagte vom Stein, er habe ein Gesetz und dem müsse der Bildhauer folgen. Er zog mit Stift und Kreide in den Steinbruch, zeichnete auf den Stein. So kam es später zu diesem Rhythmus von Bauch und Brust, Schultern, Armen, Schenkeln - und zu jener charakteristischen Neigung der Figur. Die Skulptur wurde unter seinen Händen zum Gleichnis, die Figur zur Körperlandschaft.Stötzer war der Enkel der Wirtin vom Bahnhofshotel im thüringischen Steinach. Das rollende Rrrr, der bedachte Singsang der Sprache waren ihm bis ins Alter geblieben. Einst hatte der gelernte Keramikmodelleur die Puppenfabrik in Sonneberg verlassen und an den Kunsthochschulen Weimar und Dresden, schließlich in Berlin bei Gustav Seitz studiert. 1978 wurde er Mitglied der Akademie der Künste, von 1990 bis 1992 war er deren Vizepräsident. In all den Jahren hat er junge Bildhauer unterrichtet, manche - wie Berndt Wilde - lehrten heute auch. Ebenso seine Frau Sylvia Hagen. Diese Arbeit würdigte die Akademie gestern ausdrücklich: er habe eine Generation von Künstlern geprägt, hieß es.Den Eintritt in die SED hat er abgelehnt, aber an die Idee vom Sozialismus glaubte er lange. Er hat mit den Mächtigen geredet, statt zum Dissidenten zu werden, bis er wusste, es ist zwecklos. Aber ihm ist auch nie eingefallen, Heroen zu machen. Er wollte in seinen Steinen Wider- ständigkeit zeigen und Schönheit. Wie sein Freund, der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka, mochte auch Stötzer keine Formglätte. Er zügelte Emotion durch Strenge - Augenmaß bis in die Finger. Alles mechanisch Beschliffene, meinte er, mache kraftlos. Glattes wäre bei seinen Steinen Lüge. Wohl deshalb haben seine Blöcke nicht dieses Lächeln antiker Skulpturen. "Nur wenn der Stein mit der Hand behauen ist, bekommt er Kraft. Es muss ein Rest Unfassbarkeit bleiben".Manchmal, beim Rotwein und der unverzichtbaren Zigarre, sprach Stötzer von einem Schlüsselerlebnis, das sich in seinen Steinen niederschlagen sollte: Er war Hitlerjunge und fünfzehn, als er mitansehen musste, wie die SS einen Häftlingszug nach Buchenwald trieb und einem der Opfer den Schädel zertrümmerte. Nach Kriegsende sah Stötzer Kollwitz-Zeichnungen, später las er Adalbert Stifter und Günter Weißenborns Texte. Das hatte ihn geprägt für die Arbeit am Stein und auch für das Schreiben. Stötzer schrieb, wenn er meinte, im Stein nicht ausdrücken zu können, was ihm durch den Kopf ging. Er dichtete Prosa, Lyrik, Essays - und der Brecht-Freund und Gefährte Konrad Wolfs und Heiner Müllers sprühte vor kauzig-weisen Parabeln und Anekdoten.Eine davon galt der Thomaskirche in Erfurt. Stötzer war dort zu DDR-Zeiten, es war Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, über die schäbige Kirchentür erbost, der Pfarrer hatte geklagt: Kein Geld. Da entwarf Stötzer auf eigene Faust und Kosten eine Tür mit Szenen zum ungläubigen Thomas aus dem Neuen Testament. Eine Brandenburgische Gießerei machte das für Stötzer etwas günstiger. Er transportierte die Tür dann nach Erfurt - und Pfarrer und Gemeinde fielen aus allen Wolken.Dankbar, aber voller Angst vor der Obrigkeit wegen der illegalen "Spende" lagerten sie das Kunstwerk ein. Erst nach der Wende bauten sie die Tür ein - nachdem Stötzer nochmal dort war und gefragt hatte, wie lange denn seine Arbeit noch im Stroh herumliegen solle. Er wurde zur Tür-Weihe eingeladen. Er hat sogar gesprochen. Eine seiner unnachahmlichen, lebensweisen, anekdotengespickten Reden. Und man hat ihn gefragt, wieso er das für die Kirche mache. Für Gott. Er, der Atheist. In Stötzers Aufzeichnungen findet sich diese Stelle mit der Frage nach Gott. "Woher wollt Ihr wissen, daß ich Atheist bin? Bei meiner Arbeit rufe ich die Götter der Griechen an, die wunderbaren Wasser-, Wiesen- und Windgötter, die Göttinnen der Jagd und der Liebe. Bei gutem und schlechtem Wetter denke ich an den Gott der Christenheit, und nicht nur dann. Und ich denke an die Lehren der Chinesen. Und an den Himmel und die Hölle."------------------------------Seine Blöcke haben nicht das Lächeln antiker Skulpturen.Foto (2): Der Künstler und sein Material: Für Werner Stötzer hatte jeder Stein ein Gesetz, dem ein guter Bildhauer folgen muss. Die Skulpturen sind auch Wegemarken seines eigenen Lebens, Zeichen zwischen Schönheit und Katastrophe. Oben die amorphe "Fliehende" aus Marmor, 1994.