Ausgehen, das hieß für Christine Buxot jahrelang vor allem: gut organisiert sein. Eine Freundin finden, die auf die Kinder aufpassen konnte, die Kinder hinfahren, weiter zum Treffpunkt. Wenn sie sich jetzt verabredet, geht die allein erziehende Mutter einfach ein paar Wohnungstüren weiter, zu ihrer Nachbarin Ulla Beardi etwa, und fragt, ob ihre beiden Zweijährigen heute mal zusammen spielen könnten. Kein stundenlanges Herumtelefonieren, kein Hin- und Herfahren.26 Frauen und 13 KinderSeit Mai ist für Christine Buxot das Ausgehen so unkompliziert. Da zog sie zusammen mit 25 anderen Frauen und 13 Kindern in einen Neubau am Ortolanweg 88 in Neukölln. Zehn ihrer Nachbarinnen sind über 50 Jahre alt, die älteste ist 73. Das Mietshaus ist das erste Wohnprojekt des Vereins "Offensives Altern". Vor 20 Jahren gründeten mehrere Frauen den Verein ebenso alt ist die Idee, ein Haus zu bauen, in dem Kinder, junge und alte Frauen miteinander leben."Es geht darum, sich gegenseitig zu unterstützen", sagt Ruth Kreft. Die 65-Jährige ist seit zehn Jahren Vereinsmitglied. "Wir Ältere wollen nicht im Altenghetto wohnen. Und den allein erziehenden Frauen helfen wir mit den Kindern." Keine Frau, die in eine der 24 Wohnungen zieht, verpflichtet sich, bestimmte Aufgaben zu übernehmen. "Aber es sollte die Bereitschaft da sein, sich mit den anderen auseinander zu setzen", sagt Ruth Kreft. Sich am sonntäglichen Brunch im Garten vor dem Haus zu beteiligen, gehört zum Beispiel dazu. "Für mich ist das Haus einfach ein vertrauenswürdiger Raum", sagt Ulla Beardi. Eine Gemeinschaft habe sie für sich und ihr Kind gefunden, in der "mehr Wärme möglich ist als woanders."Das liegt für die 49-Jährige auch daran, dass nur Frauen in dem Haus wohnen. Ein Mann bekommt vom Verein "Offensives Altern" keinen Mietvertrag. Die Gründe dafür haben die Frauen auf einem Faltblatt zusammengefasst: Ältere Männer seien oft eigenbrötlerisch, steht da zum Beispiel, und nicht bereit, von ihrem traditionellen Frauenbild abzurücken. Frauen, die schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht hätten, sollten einen Raum bekommen, in dem sie ohne Männer sein können. Kaum eine der Frauen am Ortolanweg hat einen Partner. Wenn für eine doch ein Mann wichtig wird, "kann der auch für eine Weile hier wohnen", sagt Ruth Kreft. "Aber nicht mit Sack und Pack."Außer dem Haus am Ortolanweg gibt es nur ein zweites Berliner Projekt für generationsübergreifendes Wohnen, in das Männer nicht einziehen dürfen. Acht solcher Projekte sind dem "Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter" bekannt, 16 weitere sind in Planung. "Die Zahl nimmt zu", sagt Gunhild Riemann vom "Forum". "Die Familien sind nicht mehr so intakt wie früher, und die Menschen suchen sich immer öfter selbst die Gemeinschaft, in der sie leben wollen". Bis Jung und Alt wirklich unter einem Dach wohnen, vergehen allerdings meist Jahre. Da die meisten Gruppen kein Geld haben, selbst ein Haus oder Grundstück zu kaufen, gründen sie einen Verein und suchen eine Genossenschaft, die Projektträger und später Vermieter wird. Die Miete darf dann für die kommenden 25 bis 30 Jahre nicht über den Mietspiegel steigen.Manche Hausgemeinschaften bauen selbst an ihrem künftigen Zuhause. Die Mitglieder des Vereins "Lebenstraum" haben eine Kriegsruine in Moabit entdeckt, die sie zwei Jahre lang mit Senatsgeldern in Stand setzen. Im kommenden Sommer sollen allein erziehende Frauen und Männer mit ihren Kindern in die 24 Wohnungen einziehen, und alte Leute. "Ich will, dass mein Kind in einem selbst gewählten Familienverbund aufwächst", sagt Heidi Albrecht, 43. Sie wird mit ihrer vierjährigen Tochter einziehen. Mit einem Mann eine Wohnung zu teilen, kann sie sich nicht mehr vorstellen. Dennoch ist ihr wichtig, dass ihr Kind mit Männern aufwächst: "Sonst wäre das wie ein Schonraum."WOHNPROJEKTE 16 neue Gemeinschaften sind geplant // Acht Wohnprojekte, in denen junge und alte Menschen unter einem Dach leben, gibt es zurzeit in Berlin.16 weitere Gruppen und Vereine sind gerade dabei, ein geeignetes Haus zu suchen und Gelder zu beantragen.Informationen zu den Projekten gibt es beim Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter, Tel. : 85 60 37 06