Ulrike Poppes Büro befindet sich in einer Potsdamer Eigenheimsiedlung mit gestutzten Hecken und Gartenzwergen hinter den Zäunen. Das Büro ist kahl, an der Wand stehen Umzugkisten. Ulrike Poppe packt sie gar nicht erst aus. Das hier ist nur ein Übergangsbüro, bis das neue, im Zentrum von Potsdam, fertig geworden ist. Die ehemalige Bürgerrechtlerin, Mitbegründerin von Demokratie Jetzt und Mitglied der ersten frei gewählten DDR-Volkskammer, ist seit zwei Monaten Stasi-Beauftragte in Brandenburg. Ihr Titel lautet "Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur", Abkürzung lakd. Die Sekretärin hat Kräutertee und Kaffee gekocht. Ulrike Poppe nimmt Kaffee.Frau Poppe, wie oft haben Sie heute schon das Wort Staatssicherheit gehört?Sie stellen Fragen! Überhaupt noch nicht. Es ist ja noch früh. Ich habe auf dem Weg hierher im Auto Deutschlandfunk gehört, und da ging es um Griechenland.Und in der letzten Woche?In der letzten Woche relativ häufig. Da war ich in Bautzen, wo ehemalige Häftlinge, Historiker, Lehrer und Vertreter von Aufarbeitungsinitiativen zu einem Forum zusammenkamen.Worüber haben Sie geredet?Warum es Nostalgie gibt, warum manche die DDR-Verhältnisse verklären oder sich dagegen wehren, den Diktaturcharakter der DDR anzuerkennen.Verstehen Sie, dass es DDR-Nostalgie gibt?Ja. Oft bezieht sie sich ja auf Dinge, die es jenseits des Systems gegeben hat. Den Witz, die Ironie, die Widerstandskultur.Diese Nostalgie gibt es auch bei Jüngeren. Woher kommt das?Teilweise ist das wohl so eine Art von Protesthaltung. Gegen den Westen. Gegen den Staat. Gegen die Kapitalisten, die Banken. Für manche scheint die DDR auch etwas Exotisches zu sein. Oder sie fühlen sich solidarisch mit den Eltern oder Großeltern, die am Abendbrottisch von ihren lustigen Brigadefeiern erzählen. Die zerfallenden Städte, die schneidende Luft in Bitterfeld und das Meinungsdiktat sind schnell vergessen. Und nicht für alle hat sich ja das Leben nach 1990 verbessert.Wie sind Sie durch die letzten 20 Jahre gekommen?Gleich nachdem die Volkskammer aufgelöst wurde, ging ich zur Evangelischen Akademie und habe Veranstaltungen zum Thema Aufarbeitung, Schuld und Sühne, Widerstand, Erinnerungskultur durchgeführt. Eigentlich wollte ich noch einen Ausbildungsabschluss nachholen, was mir zu DDR-Zeiten versagt worden war. Andererseits bot mir die Akademiearbeit eine wunderbare Lernchance.Warum konnten Sie zu DDR-Zeiten keinen Abschluss machen?Ich habe Lehrer studiert, und während des Studiums musste ich ein Praktikum in einer Neubauschule in Marzahn machen und da wurde mir klar: Das kann ich nicht. 36 Schüler! Und die Lehrer, die nicht autoritär vorgingen, brachen völlig ein. Deswegen bemühte ich mich um einen Fachrichtungswechsel. Ich wollte Forensische Psychologie studieren. Das hätte auch fast geklappt, aber die FDJ-Leitung der Humboldt-Uni legte ein Veto ein. Ich ließ mich exmatrikulieren, denn mit Beendigung des Studiums hätte ich an einer Schule unterrichten müssen. Danach scheiterten alle weiteren Versuche, noch einmal einen Abschluss zu bekommen, weil ich dann schon zu sehr im Visier der Staatssicherheit war.Sie wurden pausenlos überwacht, Sie waren im Stasi-Knast Höhenschönhausen. Haben Sie mit Menschen, die dafür verantwortlich waren, darüber gesprochen?Ja, mit einigen. Mit einem hauptamtlichen Mitarbeiter hatte ich lange Gespräche. Er ist mit 18 zur Staatssicherheit gegangen, als er 38 war, war die DDR vorbei. Der litt unter seiner Schuld und seinen Irrtümern. Ihm hätte ich gewünscht, dass er die Kraft für einen Neuanfang hätte aufbringen können. Aber das hat er nicht geschafft. Er ist nicht mehr am Leben.Wurden Sie von Freunden verraten?Mehr oder weniger. Ibrahim Böhme hatte ich spätestens seit 1988 in Verdacht. Monika Haeger auch, sie kam Anfang der Achtzigerjahre zu "Frauen für den Frieden". Manchmal gaben wir ihr unseren Wohnungsschlüssel, sie hat auf die Kinder aufgepasst, die Katzen gefüttert, die Blumen gegossen, wenn mein Mann und ich nicht da waren. Ihre Berichte waren sehr ausführlich und mit einem bösartigen, denunziatorischen Eifer geschrieben. Über sie ist das Buch "Geschützte Quelle" erschienen, das erste Buch über einen IM.Wieso haben Sie ihr den Schlüssel gegeben, wenn Sie schon den Verdacht hatten?Was war da schon in unserer Wohnung! Für Dokumente, die die Stasi nicht finden durfte, hatten wir Geheimfächer angelegt. Eine doppelte Rückwand im Schrank für die Kinderkleidung und eine doppelte Deckenverschalung im Flur.Haben Sie Frau Haeger gefragt, warum sie über Sie berichtet hat?Ja. Sie war ein Heimkind. Die Stasi war ihr Vater- und Mutterersatz, hat sie gesagt. Die hätten ihr immer geholfen. Sie stand ständig am Rand zum Selbstmord und galt in der Gruppe eher als Sozialfall. Sie wollte wohl wichtig sein, Macht haben. Ihr Führungsoffizier gab ihr offenbar das Gefühl, sie sei die Mata Hari in der Opposition.Was ist aus Frau Haeger geworden?Sie absolvierte eine Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfin und kam dann wohl in einer Kanzlei unter. Soviel ich weiß, ist sie an einer Krankheit gestorben.Hat sich Frau Haeger oder einer der anderen, die auf Sie angesetzt waren, später bei Ihnen entschuldigt?Sehr wenige. Die meisten haben versucht, sich zu rechtfertigen. Mit den Argumenten: "Ich habe ja nicht geschadet", "ich habe manche Informationen bewusst verschwiegen". Aber das stimmte oft mit den Akten nicht überein. Mit den meisten ist der Kontakt abgebrochen.Die Stasi hat auch versucht, Sie anzuwerben. Woher hatten Sie die Kraft, Nein zu sagen?Ich habe ja nicht gleich Nein gesagt. Ich war sehr jung und bewegte mich in Kreisen, die für die Stasi interessant waren. Eines Tages bekam ich eine Vorladung zur Kriminalpolizei. Mir wurde gesagt, es liege eine Anzeige vor wegen asozialen Verhaltens. Ich war gerade ohne Arbeit. Später wurde ich an zwei Herren verwiesen, die noch ein Gespräch mit mir führen wollten. Die zeigten ihre Ausweise von der Staatssicherheit und konfrontierten mich mit der Legende, ein westlicher Geheimdienst sammle Daten über mich. Das machten sie so glaubhaft, dass ich mir nicht sicher war, ob es nicht vielleicht doch stimmt. Deswegen habe ich nicht gleich nein gesagt und einem zweiten Treffen zugestimmt.Und dann?Ich sollte eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen und sie wurden sehr ärgerlich, als ich das ablehnte. Glücklicherweise wusste ich von Freunden, dass man auf keinen Fall etwas unterschreiben darf. Ich habe dann sofort überall herumerzählt, dass die Stasi mich zu gewinnen versucht und das zweite Treffen telefonisch abgesagt. Damit war die Sache erledigt.Sie wurden 1983 verhaftet, Ihre Kinder waren damals noch sehr klein. Hatten Sie keine Angst um Ihre Familie?Doch, das hat mich immer beschäftigt. Meine Schwiegermutter machte mir Vorwürfe. Sie meinte, wenn man Kinder hat, bringt man sich nicht in Gefahr. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob das verantwortbar ist. Als mein Sohn frisch eingeschult war, hat mir eine Hortnerin erzählt, dass die Stasi in der Schule war und der Direktorin gesagt hatte, er sei das Kind einer Staatsfeindin. Mein besonderer Hass würde sich auf die Volksbildung richten. Da bin ich heulend nach Hause gelaufen und wusste nicht, ob ich noch so weitermachen kann. Gelöst hat sich das, als ich merkte, dass die Klassenlehrerin Pädagogin genug war, um meinen Sohn nicht für seine Eltern zu bestrafen.Wie alt waren Ihre Kinder, als die Mauer fiel?Acht und zehn Jahre alt.Wie war das für sie? Sie müssen gerade Pioniere geworden sein.Die waren nicht Pioniere. Mein Sohn war sogar der einzige in seiner Klasse, der nicht Pionier war. Ich hatte das nicht verboten. Im Gegenteil. Ich wollte nicht, dass er Außenseiter ist. Er sollte sich ruhig ein eigenes Bild machen. Ich war ja selbst Pionier. Aber er wollte nicht. Er liebt die Freiheit, auch heute noch. Er schlägt sich als Musiker durchs Leben.Wie sehen Ihre Kinder heute die DDR?Sehr kritisch. Sie sind auf der Seite derer, die sie gestürzt haben.Und Sie? Haben Sie gerne in der DDR gelebt?Ich kannte nichts anderes. Ich bin dort aufgewachsen, hatte meine Familie und meine Freunde dort. Die DDR war ein verkrachtes System, menschenrechtsfeindlich. Aber sie war noch mehr, sie bestand auch aus hervorragenden Menschen.Als Mitbegründerin von "Demokratie Jetzt!" war es eine ihrer Forderungen, "dem Sozialismus seine eigentliche, demokratische Gestalt" wiederzugeben. Was würde die Ulrike Poppe von heute der Ulrike Poppe von damals dazu sagen?Heute klingt dieser Satz für mich etwas befremdlich. Da scheint noch die Hoffnung von Reformierbarkeit auf. Wir hatten hier den Sozialismus im sozialdemokratischen Sinn im Blick. Im Sommer 1990 pries Gorbatschow den schwedischen Sozialstaat als ein Modell des wahren Sozialismus. Das hatte nichts mehr mit dem real existierenden Sozialismus à la Honecker zu tun. Später haben wir uns entschieden, Sozialismus ganz zu streichen. Vielleicht ist dieser Begriff wirklich verbraucht. Für mich heißen die Systemalternativen nicht Sozialismus oder Kapitalismus, sondern Diktatur oder Demokratie.Viele ehemalige Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley, mit der Sie damals in Hohenschönhausen saßen, sind enttäuscht über die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre. Können Sie das verstehen?Ich verstehe manche Enttäuschung. Aber ich hatte nie die Erwartung, dass der Westen das Eldorado der Gerechtigkeit ist. Mir ist wichtig, dass schlechte Politik abwählbar ist und dass man sich politisch äußern und engagieren kann, ohne dafür Gefängnis zu riskieren.Sind Sie noch mit Bärbel Bohley befreundet?Ich habe wenig Kontakt mit ihr. Wir sind unterschiedliche Wege gegangen. Bärbel ist nach Bosnien gezogen. Ich blieb in Berlin. Durch unsere gemeinsame Zeit bei "Frauen für den Frieden" und in der Initiative "Frieden und Menschenrechte" fühle ich mich ihr sehr verbunden. Aber später hatten wir in einigen politischen Fragen recht verschiedene Auffassungen.Sie sind seit mehr als zehn Jahren mit einem Soziologen und Politikwissenschaftler aus dem Westen verheiratet. Hat das auch dazu beigetragen, dass Sie besser als beispielsweise Bärbel Bohley in der neuen Gesellschaft angekommen sind?Ich glaube, entscheidender war die Arbeit an der Akademie.Was sagt Ihr Mann dazu, dass Sie sich jetzt wieder mit der DDR-Vergangenheit beschäftigen?Er hat mir zugeraten. Andererseits ist er auch etwas misstrauisch, wenn sich die Debatten zu sehr auf die Auseinandersetzung mit der DDR fokussieren, und er freut sich, wenn ich mich auch nach wie vor für aktuelle politische Themen interessiere.Sie sind jetzt viel in Brandenburg unterwegs. Wie reagieren die Menschen auf Sie?Die Leute, die zu Veranstaltungen kommen, sind an den Aufarbeitungsthemen interessiert und reagieren meist freundlich. Aber in Briefen, wo sie das Gesicht nicht zeigen müssen, kommen oft kritische Töne, sogar Beschimpfungen. In einer Veranstaltung mit der wohl recht beliebten ehemaligen Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke herrschte die Meinung vor: Auch diejenigen, die das DDR-System gestützt haben, haben das oft in redlicher Absicht getan und dürfen nicht pauschal verurteilt werden. Mit ehemaligen Häftlingen verläuft die Diskussion völlig anders. Da gibt es ganz andere Erwartungen an mich. Manche hoffen, dass ich mit eisernem Besen durch Brandenburg fege und alle ehemaligen Systemträger aus den Ämtern werfe.Würden Sie gern?Nein, das widerspricht meiner Auffassung von Demokratie. Ich maße mir nicht an zu entscheiden, wer politischer Ämter würdig ist und wer nicht. Das ist Sache der Wähler. Allerdings will ich dazu beitragen, dass die Wähler sich bewusst und in Kenntnis der politischen Vergangenheit der Kandidaten entscheiden können.In der ersten Hälfte der Neunzigerjahre hat in Brandenburg eine heftige Auseinandersetzung stattgefunden: um die Stasi-Kontakte des damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe. Seit die SPD 1994 trotzdem die absolute Mehrheit errang, hat keine Partei das Thema mehr aufgegriffen. Wieso?Tja, das wüsste ich auch gerne. Stolpe war zweifellos beliebt. Vielleicht haben sich manche gesagt, wir sind doch alle unsere Kompromisse eingegangen. Damit ist Stolpe einer von uns.Haben Sie mit Manfred Stolpe geredet?Begegnet sind wir uns schon. Wir kennen uns auch von früher. Aber über ein "Guten Tag" ist das nicht hinausgegangen.Hat er Ihnen zu Ihrem neuen Amt in Brandenburg gratuliert?Nein. Warum sollte er? Ich hab ihn seitdem nicht getroffen und gesprochen.Er hätte es ja auch unaufgefordert machen können.Es gibt für ihn keine Veranlassung.Hat Gregor Gysi gratuliert?Nein.Marianne Birthler?Ja.Angela Merkel?Nein.Kerstin Kaiser?Alle Fraktionsvorsitzenden haben mir nach der Wahl die Hand geschüttelt.Kerstin Kaiser ist die Linke-Fraktionschefin in Brandenburg. Sie war IM und hat später Reue bekundet. Ist sie beispielhaft für einen offenen Umgang mit der Vergangenheit?Sie ist ein Beispiel für offenen Umgang - soweit ich das beurteilen kann.Das klingt jetzt aber nicht sehr überzeugt.Ich kenne ihre Akten nicht. Und es könnte ja auch eine Art Sühne sein, dass jemand sagt, ich verzichte auf eine öffentliche Position, es gibt auch noch andere berufliche Möglichkeiten für mich.Warum kennen Sie Frau Kaisers Akte nicht?Als Mitglied der Überprüfungskommission werde ich Einblick erhalten.Herrscht in Brandenburg ein anderes Klima als in anderen ostdeutschen Ländern?Ich kann nur vermuten, dass es so ist, nach dem, was ich höre und bisher erfahren habe.Woran machen Sie den Unterschied fest?Zum Beispiel an Diskussionen an Schulen in Berlin und in Brandenburg. In Brandenburg habe ich erlebt, dass Lehrer die DDR vehement verteidigen.Spiegelt das nicht vor allem den Unterschied zwischen der Großstadt und dem Land wider?Vielleicht auch das. Ich lebe seit 1971 in Berlin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich in eine ländliche Region wirklich einfühlen kann. Aber mir ist vieles vertraut. Ich bin im Bezirk Potsdam aufgewachsen. In Oranienburg.Sie haben neulich gesagt, es muss ein angstfreies Klima geben, um sich offen mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Gab es das 1990?Ja, für kurze Zeit, in den frühen Neunzigerjahren. Dann versiegte das Interesse. Die alten Mentalitäten beherrschten wieder die Atmosphäre.Gibt es heute so ein Klima in Brandenburg?Ein angstfreies? Nein. Höchstens in bestimmten Kreisen. Wahrscheinlich gibt es auch nicht überall das Bedürfnis, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.Bei Ihrer Ernennung kam eine Frau in den Saal und hat gerufen, das wird Krieg geben. Wovor haben die Menschen Angst?Vor den Opfern brauchen sie keine Angst zu haben. Da gibt es keine Rachegelüste. Da ist nur Bitterkeit. Sie sind oft verbittert, dass diejenigen, die schuld sind an ihrem Leid, wieder Karriere machen und politisch das Sagen haben. Vielleicht haben manche Kommunalpolitiker Angst, dass etwas aus ihrer Vergangenheit öffentlich wird, das kann sein. Aber wer sich für ein politisches Amt oder Mandat entscheidet, muss auch bereit sein, die eigene politische Vergangenheit offen zu legen.Stimmt es, dass Sie Drohungen bekommen haben?Drohungen ist vielleicht übertrieben. Manche Leute machen sich einfach Luft. Aber solche Anrufe habe ich auch schon an der Akademie bekommen. Einmal, als ich eine Tagung vorbereitete, in der es um Geheimdienste in Ost und West ging, erhielt ich sogar eine Morddrohung.Wer droht Ihnen?Der letzte war ein ehemaliger NVA-Angehöriger. Er würde ganz in der Nähe wohnen und komme gerade von einem Kameradschaftsabend, sagte er. Wir waren ein paar Hundert Leute und wir waren alle der Meinung, wir hätten schießen müssen, damals in Leipzig. Chinesische Lösung, rief er durch den Hörer, ja, China steht jetzt gut da, Industriewachstum und so, die haben das genau richtig gemacht.Und was haben Sie ihm gesagt?Ich habe gefragt, was meinen Sie, was geworden wäre, wenn in Leipzig geschossen worden wäre. Auf jeden Fall ginge es uns heute besser, hat er gesagt. Die Welt würde anders aussehen.Es gab sieben Stasi-Fälle im Brandenburger Landtag, ein Enttarnter war beim Wachregiment Feliks Dzierzynski, vier waren schon bekannt. Trotzdem wurden sie plötzlich zum Politikum. Verstehen Sie die Furcht vor verzerrter Darstellung, die es jetzt gibt?Ja, die verstehe ich. Dass diese sieben Stasi-Fälle mehr oder weniger in einen Topf geworfen wurden, war ungerecht.Haben sich Betroffene an Sie gewendet?Ja. Ich bin auch für Menschen ansprechbar, die bei der Staatssicherheit waren oder beschuldigt werden, für sie gearbeitet zu haben.Manche von denen sehen sich als Opfer von Stasi-Akten? Sind sie das?Sie sind nicht Opfer der Akten. Die Akten sind Papier, nicht mehr. Man kann höchstens Opfer werden von Journalisten, die Unterlagen falsch interpretieren und skandalisieren. Manchmal höre ich die Meinung: Hätten wir doch die Akten geschlossen gehalten, dann wäre dieses Gift nicht über uns gekommen. Ich halte das für einen Irrtum. Ohne die Akten hätten wir wahrscheinlich eine viel höhere Anzahl schwer stasibelasteter Politiker, die ehemaligen MfS-Mitarbeiter könnten mit ihrem Geheimwissen handeln, Leute erpressen, die Verdächtigungen würden nicht abreißen und man könnte sich nicht dagegen wehren.Was macht diese Arbeit eigentlich mit Ihnen? Sie sind ja dazu verdonnert, permanent zurückzuschauen.Darüber habe ich auch nachgedacht, als ich vor der Entscheidung stand, das Amt anzutreten. Aber ich schaue ja nicht nur zurück. Fragen nach individueller Verantwortung, nach Selbstbehauptung und Anpassung sind auch Gegenwartsfragen.Sechs Jahre werden Sie dieses Amt ausüben. Was wird sich in Brandenburg nach dieser Zeit verändert haben?Jürgen Habermas hat 1994 bei einer Anhörung in der Enquetekommission des Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gesagt, man müsste einen antitotalitären Konsens entwickeln. Nun, nach dem Ende der Blockkonfrontation, sei dies ein erreichbares Ziel. Soweit sind wir noch lange nicht. Aber ich möchte dazu beitragen, solch einen Konsens zu formen.Seit Anfang der Woche sind Sie als als Nachfolgerin von Marianne Birthler im Gespräch. Könnten Sie sich vorstellen, die Poppe-Behörde zu leiten?Ich bleibe erstmal in Brandenburg.------------------------------Zur PersonUlrike Poppe wurde 1953 in Rostock geboren und wuchs in der brandenburgischen Stadt Hohen Neuendorf auf. Ihr Vater war Historiker, ihre Mutter Slawistin. Ein Pädagogikstudium an der Humboldt-Universität brach sie ab. Sie arbeitete im Kinderheim, im Krankenhaus und im Museum für Deutsche Geschichte.Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann Gerd Poppe engagierte sie sich in der Oppositionsbewegung der DDR, war Mitbegründerin von "Netzwerk für den Frieden", der "Initiative Frieden und Menschenrechte" und "Demokratie Jetzt". Von der Staatssicherheit wurde sie jahrelang beschattet, dreimal gab es eine Hausdurchsuchung in ihrer Wohnung. 1983 kam sie mit Bärbel Bohley wegen Landesverrats für sechs Wochen ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen.Nach dem Mauerfall saß Ulrike Poppe am Runden Tisch und gehörte zur ersten frei gewählten Volkskammer. Bis Februar 2010 war sie als Studienleiterin für Politik und Zeitgeschichte an der Evangelischen Akademie tätig. Als nach den Wahlen in Brandenburg Abgeordnete der Linksfraktion als ehemalige inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit geoutet wurden, wurde sie zur ersten Aufarbeitungsbeauftragten ernannt. Ulrike Poppe hat zwei erwachsene Kinder und ist heute mit dem Politologen Claus Offe verheiratet. Sie wohnt am Berliner Kollwitzplatz.