Bei der ersten Begegnung trug Sanije Torka Hut, Perücke und einen roten Schal, und sie war stark geschminkt. Sie hatte sich sorgfältig inszeniert - als eine Frau von Anfang Sechzig, die nicht übersehen werden wollte. Man sei sich auf Anhieb sympathisch gewesen, erinnert sich die Regisseurin Alexandra Czok, als sie von ihrem ersten Treffen im November 2005 in einer spanischen Kneipe im Prenzlauer Berg erzählt. Czok wurde 1970 in Leipzig geboren; sie plante einen neuen Film, der Sanije Torkas Geschichte erzählen sollte. Torka, Jahrgang 1944, war einst das Vorbild für die außerordentlichste, die unangepassteste Heldin, die es je gab in einem Defa-Film: die Sunny aus Konrad Wolfs auch international gefeiertem Drama "Solo Sunny". Renate Krössner spielte diese junge, wilde Sunny, die "einen Eckenpinkler" eben "einen Eckenpinkler" nennt, wenn es ihr passt, und schläft, mit wem sie gerade Lust hat. Sunny ist Sängerin und will auch sonst, dass die Leute ihr zuhören. Weil sie ihre eigenen Vorstellungen vom Glück hat, eckt sie an in der DDR.Der unruhige Teil der DDR-Jugend war nicht sonderlich erpicht darauf, der sozialistischen Lebenswelt auch noch im realitätsverbundenen Kino zu begegnen. Doch im Fall von "Solo Sunny" war das etwas anderes; man liebte diesen Film und ehrte ihn durch Entlehnung ganzer Sätze. "Is' ohne Frühstück" - jene knappe Bemerkung, mit der die Sunny aus Wolfs letztem Film einmal einen Liebhaber für nur eine Nacht abserviert - war einfach zu cool, als dass man sie nicht gern hin und wieder selbst ins Gespräch eingeflochten hätte. Nicht wenige Leute ignorierten die offiziell abgesegnete DDR-Kultur aus Renitenzgründen, aber manche von ihnen haben "Solo Sunny" allein 1980 vier Mal gesehen.Natürlich kennt auch Alexandra Czok "Solo Sunny". Wie der Film auf sie gewirkt habe, will ich wissen - sie sei ja erst zehn Jahre alt gewesen, als er in die DDR-Kinos kam. Sehr authentisch, antwortet Czok - sie habe Sanije schon gekannt, als sie "Solo Sunny" dann sah. Sie hatte das Gefühl, der Film sei ungeheuer dicht dran an der Heldin. Aber die Sunny - das sei eben nur eine Episode in Sanije Torkas Biografie. Nicht ihr, sondern der Unbekannten wollte die Regisseurin nachspüren.Damals trafen sich beim Spanier nicht einfach zwei Frauen, sondern zwei Welten. Czoks Gegenüber erzählte von einem Leben, das völlig neu und fremd war für die gut zwanzig Jahre jüngere, im Leipziger Neubaugebiet Grünau aufgewachsene Frau. Wie die Defa-Sunny so lebte auch Sanije à la Bohème im Prenzlauer Berg. Sie war zu DDR-Zeiten Sängerin und erwies sich, in ihrer Lebensweise wie ihren Glücksvorstellungen, als - sagen wir - äußerst unbequem für die Mitmenschen. Dass sich wieder jemand für sie interessierte, kam Sanije Torka zunächst etwas komisch vor. Aber sie war neugierig genug, sich auf das Gespräch mit Alexandra Czok einzulassen.Die beiden Frauen einigten sich schnell darauf, dass so ein Film nur einen Einblick in Torkas Leben geben würde. Er würde niemals eine sogenannte ganze, "wahre Geschichte" erzählen können. In "Solo für Sanije" arbeitet Alexandra Czok deswegen bewusst mit Auslassungen, und sie verzichtet auf Kommentare. Das bedeutet keineswegs, dass sie keine Haltung hat zu ihrer Protagonistin. Aber Sanije Torka sollte ihre Geschichte selbst erzählen und dabei nach Möglichkeit wenig unterbrochen werden. Das war eine Chance auf die Deutungshoheit; Torka hat sie genutzt - und gibt sich dabei sehr umgänglich. Inzwischen schweigt sie wieder. Seit drei Monaten muss sie sich in einem Krankenhaus behandeln lassen. Biografien wie die ihre haben ihren Preis.Ihren ersten "Auftritt" in einem Film hatte Sanije Torka 1960. Damals drehte Jürgen Böttcher "Notwendige Lehrjahre", eine Dokumentation über ein Kinderheim - es war also ein ungewollter Auftritt. Inmitten einer Gruppe junger Menschen fallen einem die wachen schwarzen Augen eines Mädchens auf, das lebhaft wirkt und durchsetzungsfähig. Und gleichzeitig sehr allein, fast so, als wäre es von einem Ballon umgeben. Aber erst später fügen sich diese Bilder mit anderen zu einem größeren Bild. Sanije Torka wurde am 15. Januar 1944 in Beelitz bei Potsdam geboren. Die Eltern waren Ostarbeiter, Krimtataren. Ostarbeiter durften keine Kinder haben. Sie legten das Baby vor dem Jugendamt ab. Dem Findelkind wurde der Name Eva-Maria zugeteilt, den Sanije als Erwachsene wieder ablegte, um ihren richtigen Namen zu benutzen. Sie kam zu Pflegeeltern, die sie schlugen, und dann sie von einem Kinderheim ins nächste. "Und von einem Jugendwerkhof in den nächsten", ergänzt Alexandra Czok.In eins der Kinderheime kam Sanije Torka wegen einer Fotorolle, die sie geklaut hatte. Sie hatte gedacht, es wäre eine Rolle Drops, doch als sie die Dose öffnete, sah sie nur schwarze Bilder. Gut ging es ihr während der Dreharbeiten zu "Notwendige Lehrjahre", weil für die Jugendlichen ein paar Veranstaltungen organisiert wurden, wie der gemeinsame Tanz mit den Jungen. In den Erziehungsanstalten wurde jede noch so kleine Abweichung von der Regel mit Strafe geahndet; es gab oft Schläge. Das pädagogische Ziel lautete: Anpassung ans Kollektiv. Aber Sanije Torka war eben nicht nur ein Heimkind - schlimm genug -, sondern auch ein "Russenkind". Und dieses Russenkind wollte keiner haben; kleine blonde, helläugige Heiminsassen fanden eher neue Eltern. Dass es in der DDR auch Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus gab, weiß man, auch wenn manche heute noch so tun, als wäre das nicht wahr. Sanije Torka stand vergebens mit ihrer Freundin Mohrchen am Zaun, wenn Frauen kamen, um sich ein Heimkind auszusuchen. Einmal versprach eine dieser Frauen, sie käme wieder und würde beide Mädchen zu sich holen, um die Freundinnen nicht zu trennen. Die Mädchen warteten tagelang am Zaun. Die Frau ließ sich nie wieder blicken.Zu seinem Schutz erfand das Mädchen einen Vater, einen russischen Offizier. Eines Tages kam eine Erzieherin zu den Kindern und sagte, dass dieser Vater erlogen sei - da gab es dann erst mal "den Gruppenarsch voll", wie Torka es ausdrückt: "Das war alles nicht schön, aber ich bin trotzdem groß geworden." Sie heiratete sehr jung, weil sie sich nach einer Familie sehnte; die Ehe scheiterte. Als die Mauer fiel, atmete sie auf - auch weil sie sich nicht mehr einsam fühlen musste mit ihrer Herkunft. Es gab ja plötzlich viele Exoten, ob nun Ausländerkinder oder Bohème-Existenzen.Dabei war das Leben in der DDR nicht immer schlecht zu ihr. Sanije Torka feierte gewisse Erfolge als Sängerin, auch von Schlagern, die ihr nichts bedeuteten - diese Musik war zu wenig für ihre Kraft und Energie. Sie hätte sich trauen sollen, Rock 'n' Roll zu singen, sagt sie einmal im Film. Aber es lag wohl weniger am Mut - es fehlte wohl eher jemand, der sie an die Hand nahm und sagte, jetzt probierst du das mal, das kannst du. Sie war in Filmen zu sehen, sie hatte eine Schauspielausbildung. Die Eignungsprüfung bestand sie im ersten Anlauf; Jahre zuvor hatte sie eine Lehre als Schlosserin begonnen, aber nicht abgeschlossen. Sanije wurde in "exotischen" Rollen besetzt: als französische Prostituierte in "Zum Beispiel Josef" (1974), einem Kinofilm über ein Findelkind, einen Arbeiter der Warnow-Werft, der aus dem Westen in die DDR gewechselt war. In "Visa für Ocantros" (TV; 1974) war sie als arabische Sängerin zu sehen. Im "Polizeiruf 110 "Schuldig" (1978, TV) als Neureiche mit Pudelperücke. Sanijes Idol war Marilyn Monroe. Mit dreizehn, vierzehn Jahren schon konnte sie ihre Schultern wie die Monroe vorschieben. Sie wollte blond sein. Aber sie war nun mal schwarz. Selbst für Film und Fernsehen war Sanije Torka bald zu fremd.Schön und leicht war das Leben mit der Musik, erinnert sich Torka. Eigentlich konnte sie nicht singen, aber sie konnte sehr gut so tun, als ob. Sie konnte ausstrahlen. Mit einem hohen Maß an Selbsterkenntnis sagte sie einmal: "Ich kam in die Branche, weil ich wollte, nicht weil ich kann." Irgendwie geriet sie ins "Spitzenprogramm der DDR-Unterhaltungskunst" namens "Musikexpress", wo längst vergessene Semi-Größen wie Andreas Holm oder Thomas Lück in den ersten (Kultur-) Häusern des Arbeiter-und-Bauern-Staats auftraten. Wunderbar war es, wenn Torka an der Ostsee, etwa im Sommer im Rostocker Hotel "Warnow" gastierte. Den ganzen Tag in der Sonne liegen, Blicke fangen, Männer provozieren, und es gab unerhört gutes Geld für die Auftritte. Sie war da so etwas wie ein Star. "Das war es, was ich wollte: Als Sängerin musst du deinen Erfolg nicht teilen." Und anders als die empfindsame Defa-Sunny, sagt sie, sei sie abgebrüht gewesen: Es habe sie nicht gestört, wenn die Leute quatschten, während sie sang. Das leichte Leben hatte seine Begleiterscheinungen: Vom Alkohol wurde sie lockerer, dazu kamen Tabletten, meist Schlafmittel - verrührt mit Süßstoff habe das eine wirksame Mischung ergeben. Sanije Torka war wohl eine neugierige Frau. Manchmal sei sie gar nicht mehr hochgekommen. Die Kehrseite der Lebenslust - das ist die Todessehnsucht.Als "Solo Sunny" 1980 in die DDR-Kinos kam, waren viele Kollegen sauer auf Sanije Torka, vor allem Conferenciers - die kommen nämlich besonders schlecht weg in diesem Defa-Film: als schmierige Unterhaltungsfritzen. Die meisten Kollegen hatten damals erkannt, dass diese schwierige, schöne Sunny nicht frei erfunden war. Sanije Torka wurde auf Konrad Wolfs Film angesprochen: "Das bist doch du!" Aber es durfte nicht öffentlich erwähnt werden, auch nicht im Vorspann zu "Solo Sunny", dass ihr Leben dem Film als Grundlage diente. Den Drehbuchautor von "Solo Sunny", Wolfgang Kohlhaase, kannte Sanije Torka schon seit Jahren. Man war sich im Ostberliner Künstlerclub "Die Möwe" begegnet und hatte immer Kontakt gehalten. Nun war Sanije Torka erstaunt, so viele der Geschichten, die sie Kohlhaase irgendwann erzählt hatte, in diesem Film zu finden. Aber es hat ihr auch nicht gerade missfallen - das merkt man, wenn sie darüber spricht. Menschen mit Biografien, die diese Bezeichnung mehr als verdienen, sind selten einfache Naturen. Aber warum soll man auch bequem sein? "Ich bin eine Führernatur", sagt Torka über sich. Kohlhaase zahlte ihr eine Art Honorar. Dass die Sache heute irgendwie seltsam wirkt, liegt daran, wie die DDR nun einmal war. Eine wie Sanije durfte nicht so herausgestellt werden. Und einen Film wie "Solo Sunny" konnte nur jemand wie Konrad Wolf machen: überzeugter Kommunist, Präsident der Akademie der Künste der DDR, Sohn eines verdienten proletarisch-revolutionären Schriftstellers - da bestand kein Abweichlerverdacht. Aber diese Frau Torka wurde nicht zur Premiere von "Solo Sunny" eingeladen."Sanije war die heimliche Muse der DDR-Künstler", sagt Jutta Voigt. "Eine derbe Muse". Ende der Siebzigerjahre hatte die Journalistin für die Zeitschrift "Temperamente" ein Interview mit Sanije Torka geführt. Sie war einer unzähmbaren Frau begegnet, in der "Möwe". Dort habe man damals gesessen und geguckt, "wer eben so kommt". Torka, damals Ende 20, war eine überaus auffallende Erscheinung. "Miniröcke war man gewohnt, aber Torkas Rock war sehr kurz. Sie hatte sehr schwarze Haare und sehr schwarze Augen. Ziemlich breite Schultern. Sie war schön, aber diese Schönheit war irgendwie mit Brutalität gepaart. Sie wirkte absolut gefährlich. Hatte eine starke erotische Ausstrahlung." Torka habe, so Voigt, überhaupt nicht zerbrechlich gewirkt, sondern stark: "Sanije kam herein kampfbereit. Bereit, es mit jedem aufzunehmen. Und sich zu nehmen, was sie wollte. Das war schon was. Eine schwer erziehbare Schönheit. Die auch mit Instinkt zu tun hatte." Aber exotisch war nicht nur Torkas Erscheinung, sondern auch ihr Charakter: "Diese Art totaler Offenheit. Sie hatte keine Hemmungen. Und eine Ehrlichkeit, die weh tun wollte. Sie zielte. Und sie konnte jeden durchschauen, sofort. Sie war schlagfertig. Hielt nichts zurück." Es faszinierte Jutta Voigt, dass Sanije so anders war als sie selbst. Voigt war damals Redakteurin bei der Wochenzeitung "Sonntag" und, wie sie selbst sagt, keine gar zu eckige Persönlichkeit. Heute kommt ihr die Sanije von damals vor wie eine wilde Katze, die sich ins Warme geschlichen hat. Aber so wie Sanije Torka mit anderen umging, verfuhr sie auch mit sich selbst: schonungslos. "Ich mag keene Frauen, die so sind wie ich, ich reiche mir. Ist bei Männern genauso", hat sie Jutta Voigt damals gesagt. Voigts Interview durfte nicht erscheinen. Denn wie Sanije waren "unsere Menschen" ja nicht; so eine Frau passte nicht ins Bild, das die DDR-Funktionäre behaupteten von den Bürgern des Arbeiter- und Bauernstaats."Sanije fehlt die Begabung zum Kompromiss", sagt Alexandra Czok. "Vielleicht liegt das daran, dass sie so viele Kompromisse schließen musste." Das war schließlich eine Frage des Überlebens. Sanije habe auch keine dauerhaften Freundschaften haben können, weil sie immerfort die Heime wechselte. Einer der Kompromisse, die Torka schloss, steht wie ein hässlicher Klotz in ihrer Biografie: Nach einer missglückten Republikflucht lässt sie sich von der Staatssicherheit als IM verpflichten. Sie hatte sich in einem Zug Richtung Hamburg hinter einem Tank versteckt, aber ihre Stiefelspitzen guckten unten vor, und so wurde sie von den "Schutz- und Sicherheitsorganen" gefasst. Sie berichtete bis 1985 über Freunde, Bekannte und Kollegen an das MfS. Alle hätten das gewusst, es sei ein offenes Geheimnis gewesen. Alexandra Czok hat Sanije in der Birthler-Behörde mit der Kamera beobachtet, während diese die Akten durchblättert - auf der Suche nach dem Datum, an dem sie gewissermaßen entpflichtet wurde von ihrer IM-Tätigkeit. Dieses Datum zu finden ist Sanije Torka ungeheuer wichtig. Wichtiger als die Berichte, die sie für das MfS geschrieben hat. Ein paar private Fotos fallen aus ihrer IM-Akte; Sanije Torka möchte gern eins davon für sich haben. Das gehe nicht, sagt die Birthler-Mitarbeiterin, das sei alles registriert.Warum stellt man sich nur immer vor, dass jemand, der schön ist, nicht so viele Kompromisse schließen muss? Dass ihm das Leben einfach gelingt, auch wenn der Anfang so schrecklich war wie in dieser Geschichte? Wie schön Sanije Torka war, davon legen die alten Fotos Zeugnis ab. In Alexandra Czoks Film ist sie immer noch eine beeindruckende Frau: eloquent, gepflegt, auf eine nicht unangenehme Weise füllig. Und nicht ohne Humor: An die Tür ihres Gefängniszimmers in Reinickendorf hatte sie einen Zettel geklebt: "Ich bin schlank".Alexandra Czok hat Sanije Torka bei der Fahrt durch das weit gewordene Berlin begleitet, auf dem Weg zu ihrer kleinen Wohnung und wieder zurück ins Frauengefängnis Reinickendorf. Dort hat Sanije elf Monate im offenen Vollzug verbüßen müssen - sie hat immer wieder gestohlen. Weil sie sich dabei lebendig fühlte, wie sie sagt. Weil sie sich spürte. Sie hat das Fach Klauen regelrecht studiert in der Staatsbibliothek, lieh sich Bücher mit Fällen. Ihre Diebeszüge plante sie wie einen Arbeitstag; nicht selten verschenkte sie die geklauten Sachen danach. Freitags klaute sie nie, da fuhr sie zu ihrer Freundin.Das mit dem Klauen begann schon in den Kinderheimen: Andere Kinder erhielten Geschenke und Süßigkeiten von den Eltern, die sie besuchten - es waren ja nicht alles Findelkinder oder Waisen. Aber sie gaben Sanije nichts ab. Andere Kinder führten ihre neuen Kleider vor; Sanije fand das ätzend. Sie hat sich genommen, worauf sie ein Anrecht zu haben meinte. Später klaute sie manchmal im "Exquisit". Diese Läden boten gehobene Mode an zu überhöhten Preisen; mit ihnen wollte die DDR Kaufkraft abschöpfen. Sanije hätte, was ihr gefiel, durchaus bezahlen können, sie hatte das Geld. Aber sie wollte sie nicht bezahlen. Es machte ihr auch Spaß, "schlimme Sachen" zu tun. "Traut sich ja nicht jeder."Die ersten Szenen von "Solo für Sanije" zeigen auch eine Inszenierung: Torkas Fingernägel sind rot lackiert, sorgsam trägt sie Wimperntusche auf. Sie macht sich zurecht. Die Szene wurde im Gefängnis gefilmt - für wen macht sie sich schön? Zwanzig Drehtage brauchte es für "Solo für Sanije", zehn davon im Knast, im Sommer 2007. Es war nicht absehbar, dass Torka zu dieser Zeit im Gefängnis sein würde. Es hatte sich so ergeben. Die Frau wirkt aufmerksam, sogar fürsorglich gegenüber ihren Mitgefangenen. In Milieus wie diesem ist es besser, nicht aufzufallen. Für Sanije muss das eine erhebliche Aufgabe gewesen sein. Sie hat sie, wenn man das überhaupt so formulieren kann, gemeistert."Im Knast", sagt Torka, "habe ich mich gleich zu Hause gefühlt. Eingegliedert." Es ist ein seltsamer Satz von einer Frau, der man so deutlich ansieht, dass sie auf ihrer Besonderheit besteht. Da sind diese Kostümwechsel, da ist diese stete Begutachtung der eigenen Beschaffenheit vor dem Spiegel. Nach der Wende lief es nicht gut für Sanije Torka, Langzeitarbeitslosigkeit. Aber "das Leben im Westen gefällt mir besser, auch wenn ich arm bin", sagt sie in "Solo für Sanije", "es ist nicht so eng und miefig." Es sind die Brüche, die Fragmente, die dem Bild dieser Frau immer genauere Konturen geben. "Eine Alleingeherin", nennt Alexandra Czok ihre Protagonistin.Czok ist eine hochgewachsene, kluge Frau. Mit neunzehn Jahren verließ sie die DDR in Richtung Westen, drei Monate bevor die Mauer fiel. Ihre Mutter und sie hatten einen Ausreiseantrag gestellt; einen Vater gab es nicht. Alexandra fing auf zehn Quadratmetern in Hannover neu an. Mit ihrem kleinen, zweieinhalbjährigen Sohn und ihrer Freundin lebt sie jetzt einen Teil der Woche in Leipzig und den Rest bei und mit dem Kindsvater, der chinesischer Herkunft ist, in Berlin. Eine Patchworkfamilie, die in zwei Städten und Kulturen zu Hause ist. Czoks Sohn hat einen deutschen und einen chinesischen Vornamen. Die Freundin betreibt ein kleines Programmkino. Alexandra Czok war zunächst Kamerafrau. Sie hat mal einen Film über den Dokumentarregisseur Peter Voigt gemacht, der 1953 als jüngster Assistent Bertolt Brechts am Berliner Ensemble anfing. Seit dem Jahr 2000 arbeiten Voigt und Czok auch gemeinsam. Voigts Frau, Jutta Voigt, hat der Regisseurin irgendwann das Interview gegeben, das sie in den 1970ern mit Sanije Torka geführt hatte. Czok wollte die Frau, die sich da äußerte, kennenlernen. Eine Telefonnummer wurde übergeben. Dann trafen sich die zwei Welten im Prenzlauer Berg.Sanije Torkas Situation ist schwierig. Die Verweigerung liegt ihr tief in der Seele. Im Film spricht sie kurz über ihre Depressionen; es klingt, als sei ihr das nur so rausgerutscht. "Sie braucht viel Aufmerksamkeit", sagt Alexandra Czok. Da wird ein Film wie dieser schnell zum Balanceakt zwischen dem, was tatsächlich war, dem, was auch und anders hätte gewesen sein können, und der Erzählung darüber. Sanije Torka hat gern ihre Geschichten erzählt. Und sie hatte gern die Kontrolle. Sie mochte es nicht, wenn zu tief nachgefragt wurde. Nur kurz erwähnt sie einmal, dass sie ihr Kind, einen Jungen, einst zur Adoption freigab: "Das war leichtfertig". Die Arbeit an "Solo für Sanije" war für keinen leicht.Dass Filmemacher eine Schutzverpflichtung haben gegenüber ihren Protagonisten, weiß die Regisseurin natürlich. Alexandra Czok nimmt sich Zeit, bevor sie auf eine Frage antwortet. Sie spricht vorsichtig und überlegt. "Im Grunde braucht Sanije eine Beschäftigung", meint sie. "Eine Ersatzhandlung fürs Klauen auch. Aber was für eine könnte das sein?" "Solo für Sanije" könnte gut eine halbe Stunde länger sein. Man wüsste gern noch mehr über diese Frau. "Das ist schön", freut sich Alexandra Czok, "dass es so wirkt. Aber wäre der Film länger, würde manches nur geschwätzig wirken. Und man kann einen Menschen auch nicht zu Ende erklären. Und ein Mensch kann sich nicht selbst zu Ende erklären." Sie blickt aus dem Fenster, in den blauen Sommerhimmel über dem Prenzlauer Berg. Bald geht es wieder nach Leipzig. Was meint das Wort "normal"? Das Leben ist ein Balanceakt und die Welt überall."Solo für Sanije" hat am 30. Juli Premiere im Kino Babylon-Mitte. Ab 10. September läuft der Film regulär im Kino.------------------------------Foto (2): Original und Kopie: Sanije Torla in den Siebzigerjahren (links) und Renate Krössner 1979 im Film "Solo Sunny".Foto: Sanije Torka im Jahr 2007 im Frauengefängnis Reinickendorf. Weil sie klaute, wurde sie zu elf Monaten im offenen Vollzug verurteilt.