ELZE. Das Leben dieser Frau hatte wie jedes andere begonnen. Man wächst auf, nach dem Lauf der Dinge wird man erwachsen, heiratet, vielleicht hat man Kinder. So ist es auch zuerst gewesen, dieses Leben, ohne Kinder zwar, aber alles normal. Ja, ganz normal. Nur ist die Normalität der Frau irgendwann abhanden gekommen. Sie ist heute 49 und lebt irgendwo in Deutschland. Mehr darf man nicht wissen.Wir einigen uns darauf, sie Doris Glück zu nennen. Frau Glück verbirgt ihre wahre Identität, ihren Wohnsitz, ihr genaues Geburtsdatum, die genaue Zahl ihrer Geschwister, ihren Mädchennamen. Später einmal, bei einem zufälligen Zusammentreffen auf der Straße, möchte sie nicht gegrüßt werden. Doris Glück will verschwunden bleiben, solange die Dinge nicht geregelt sind. Anderthalb Jahre hat sie in einem Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamtes gelebt, ist daraus entlassen worden und fürchtet nun trotz eines neuen Namens, dass Figuren aus ihrem früheren Leben sie finden könnten. Islamisten, Terroristen, Gotteskrieger.Elze ist eine kleine Stadt in Niedersachsen. Hier arbeitet Martin Rieck als Anwalt. Seine Kanzlei ist der einzige Ort, an dem man Doris Glück sprechen kann. Sie raucht viel in dem kleinen Büro und trinkt viel Limonade, während sie im Mannheimer Dialekt von ihrem Weg aus der deutschen Bürgerlichkeit in den Bosnienkrieg, in ein Mudschaheddinlager, das Zeugenschutzprogramm und dann in die Anonymität erzählt. Manchmal streut sie arabische Brocken in ihre Rede.Es war 1987, als sie nach einer ersten Ehe in Deutschland einen Mann aus Ägypten kennen lernte. Reda Seyam war das, ein Moslem, der rauchte, gern ein Bier trank und am Anfang ein weltliches Leben führte. "Wir heirateten recht schnell", sagt Doris Glück, "nach ein paar Jahren fing er an, regelmäßig in die Moschee zu gehen. Er hörte auf zu rauchen und trank nicht mehr und sah den Frauen nicht mehr hinterher." Seyam, nun schon deutscher Staatsbürger, wurde ein anderer Mann, er wurde tief gläubig, so sah es aus, aber ob es die Wahrheit ist, weiß auch heute niemand. Acht Jahre später sollte Doris Glück von Beamten des Bundeskriminalamtes gefragt werden, ob ihr damaliger Mann von Anfang an ein so genannter Schläfer des El-Kaida-Netzwerkes gewesen sein könnte.Auch Doris Glück näherte sich dem Islam an und trat schließlich förmlich über. Sie bekam den Namen Aischa und sie nahm das Kopftuch, denn der Koran sagt "und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke niederschlagen und ihre Scham hüten und dass sie nicht ihre Reize zur Schau tragen". Frau Glück, damals 38 Jahre alt, hatte aus Überzeugung den neuen Glauben angenommen. "Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass Gott einen Menschen, also eine Frau, in einen Sack steckt, in die Burka, dass man nicht mehr reden darf und sich, wenn fremde Männer im Haus sind, nur noch durch Klopfzeichen verständigen darf."Auf dem Balkan tobte von 1992 bis 1995 der Bosnienkrieg. Ausländische Mudschaheddin, Gotteskrieger, wurden nach Bosnien eingeschleust, um auf Seiten der moslemischen Streitkräfte zu kämpfen. Der Krieg sollte auch schicksalhaft für Doris Glück werden. Ihr Mann wollte, so sagte er, den Glaubensbrüdern in Bosnien humanitäre Hilfe leisten. Im November 1994 ließ das Paar Deutschland und das bisherige Leben hinter sich.In der Stadt Zenica fing es langsam an. Zum Kopftuch kam erst der bodenlange Mantel und dann auch der Gesichtsschleier. Doris Glück wurde nun von ihrem Mann gezwungen, förmlich zu verschwinden. "Früher konnte ich rauchen", sagt sie, "und Männern in die Augen schauen, und plötzlich war mir alles verboten." Reda Seyam reiste viel, und einige Zeit glaubte Frau Glück noch, dass es wegen der humanitären Hilfe wäre. Irgendwann hat sie verstanden, dass er ausländische Islamisten für den Heiligen Krieg nach Bosnien schleuste und wieder heraus. Sie nahmen an den Kämpfen teil oder ließen sich in Trainingslagern ausbilden, und das Haus, in dem das Ehepaar wohnte, war Treffpunkt und Gästehaus. Doris Glück sollte von allem fern gehalten werden, aber seit sie verschleiert lebte, hatten sich ihre Sinne geschärft. Sie erkannte Stimmen wieder, die sie nur einmal durch eine Tür gehört hatte, und identifizierte Leute an ihrem Geruch oder ihrem Gang.Einmal brachte sie ihr Mann, er hatte sich inzwischen eine Zweitfrau zugelegt, in die Berge bei Guca Gora zu einem Trainingslager der Mudschaheddin. "Ich stand mit einer Reihe von Frauen auf einem Platz, und plötzlich wird ein Mann gebracht, mit einem weißen Sack über dem Kopf und gefesselten Händen. Sie banden ihn an einen Baum und gaben den Frauen Waffen. Die Frauen haben den Mann erschossen und anschließend ihren Schleier gehoben und auf den toten Körper gespuckt." Sie hat gesehen, wie ein Gefangener geköpft und ein anderer nicht einfach getötet, sondern auf jedes seiner Körperteile geschossen wurde - bis zum Tod. Sie hat Gesichter gesehen, die noch einmal von Interesse sein würden, aber das wusste sie damals nicht.Erst Ende 1998 war Frau Glück so weit, dass sie sich von ihrem Mann lösen konnte. Er ließ sie nach Deutschland ziehen, während er selbst nach Riad in Saudi-Arabien ging. Sie ließ sich im Breisgau nieder, machte eine Umschulung und flog dann doch noch einmal zu ihrem Mann nach Riad. "Da zeigte er mir ein Video. Das Meer war zu sehen, ein paar Schiffe und eine Ortschaft. Das, sagte er, ist der Platz in Indonesien, an dem wir uns jetzt für den Heiligen Krieg sammeln werden. So wie früher in Bosnien." Doris Glück kannte seine Welt. Einmal hatte ihr Mann gesagt, egal ob ich zwei Frauen habe oder vier, und zehn Kinder oder zwanzig, wenn Allah mich ruft, nehme ich meine Tasche und gehe meinen Weg. Frau Glück flog zurück nach Deutschland. Es war der 28. Januar 2001. An diesem Tag hat sie ihren Mann zum letzten Mal gesehen. Alles schien vorbei zu sein. Aber ihre Vergangenheit sollte sie einholen.Es kam der 11. September 2001. In New York stürzte das World Trade Center ein, und im Breisgau sagte sich Doris Glück, dass sie jetzt von ihren Erfahrungen in Bosnien erzählen müsse. Sie nahm Kontakt zum Verfassungsschutz auf und erzählte von Reda Seyam, der bosnischen Stadt Zenica, dem Dorf Guca Gora, davon, was die Extremisten denken, wie sie vorgehen, wie sie aussehen.Im September 2002 saß Frau Glück in ihrem Auto, als das Handy klingelte. Ihr Kontaktmann vom Verfassungsschutz war dran und sagte, dass die Dinge sich jetzt ändern würden.In Indonesien war ihr Ex-Mann Reda Seyam, sie waren inzwischen geschieden, festgenommen worden. In seiner Wohnung hatte die Polizei Pläne für Anschläge gefunden. Der deutsche Terrorismusexperte Udo Ulfkotte sagt über den ehemaligen Mann von Doris Glück: "Reda Seyam gilt als Extremist, als ein Unterstützer aus dem engsten Umfeld von Osama bin Laden, der die Anschläge vom Oktober 2002 in Bali mit vorbereitet haben soll."Doris Glück fuhr mit ihrem Auto an den Straßenrand und hörte von dem Verfassungsschutzbeamten, dass jetzt das Bundeskriminalamt übernommen habe und mit ihr reden wolle. Über alles, was sie weiß. Wenig später meldete sich eine Beamtin bei ihr zu Hause, ihr Leben sei in Gefahr, sagte sie, und dass sie sofort ins Zeugenschutzprogramm müsse. "Sie stehen gerade am Herd und kochen", sagt Frau Glück, "und dann entsteht aus dem Nichts so ein Wirbel. Ich packte eine Tasche und fuhr bis zur nächsten Autobahn. Über das Handy sagten sie, fahren sie dem und dem Auto hinterher, dann auf einen bestimmten Parkplatz, danach folgen sie diesem anderen Auto." So geschah es. Doris Glück sollte ihre Wohnung nie wiedersehen. Ihr Job wurde vom Bundeskriminalamt gekündigt.Das Zeugenschutzprogramm lief an. Und für Doris Glück begann ein Leben, das sie nicht mehr selbst in der Hand hatte. In den ersten sechs Wochen lebte sie in verschiedenen Hotels. "Irgend jemand checkte mich ein, ein anderer checkte mich aus. Immer mal wieder kam mein Freund. Der wurde mir abends zugeführt, und morgens durften wir uns wieder verabschieden. Ich hatte zuerst keinen Pass. Ich hatte kein Konto. Ich habe gelebt, aber nicht existiert."Schließlich bekam Doris Glück einen Ausweis mit einem neuen Namen, aber keine neue Lebenslegende. Sie bekam eine Wohnung. Jeden Monat überwies das Bundeskriminalamt 1 700 Euro. Es stellte auch ein kleines Auto. Doris Glück durfte einkaufen gehen. Freunde treffen durfte sie nicht. Sie konnte telefonieren, und einmal durfte sie, organisiert vom Bundeskriminalamt, ihre Familie in einem Hotel treffen. Ansonsten musste die Zeugin schweigen lernen. Anderthalb Jahre hat sie in diesem Programm vegetiert, so sieht sie es heute. "Sie müssen immer lügen. Wenn jemand fragt, warum sie in diese Stadt gezogen sind, warum sie nicht arbeiten oder ob sie verheiratet sind, immer müssen sie lügen."Am Anfang hatten ihr die Beamten des Bundeskriminalamtes gesagt, dass das Zeugenschutzprogramm irgendwann enden könne und man sie dann ins wirkliche Leben zurückführen würde. So kam es auch, das Programm endete im März 2004, aber im wirklichen Leben ist Doris Glück bisher nicht angekommen. Sie hat jetzt kaum mehr als ihren neuen Namen. Aber sie braucht auch einen vollständigen neuen Lebenslauf und entsprechende Papiere, die mit dem neuen Namen übereinstimmen. Dafür hat das Bundeskriminalamt nicht gesorgt. Was nach einem Zeugenschutzprogramm passieren muss, ist gesetzlich nur ungenau geregelt. Deshalb klagt Frau Glück jetzt gegen die Bundesrepublik Deutschland. Theoretisch könnte sie arbeiten, aber praktisch kann sie es nicht. Jeden Monat überweist ihr deshalb das Arbeitsamt 600 Euro, das ist Hartz IV plus Mietzuschuss. Für 500 Euro hat sie sich eine besondere Telefonnummer gekauft, bei der niemand den Anschluss feststellen kann.Der Rechtsanwalt Martin Rieck in Elze betreibt den Prozess. "Wir wollen erreichen, dass Frau Glück wieder ins normale Leben zurück- kehren kann", sagt er, "mit einem Lebenslauf, mit einer persönlichen Geschichte. Sie bekommt Hartz IV, aber früher hat sie Arbeit gehabt, die sie ohne das Zeugenschutzprogramm immer noch hätte." So wie es jetzt ist, lohnen sich Bewerbungen nicht. Die Firmen wollen einen Lebenslauf mit allen möglichen Daten. Frau Glück hat auch einen Lebenslauf, aber gewissermaßen einen abgelaufenen. Er passt nicht zu ihrem neuen Namen. Es ist klar, was passiert, wenn interessierte Firmen bei früheren Arbeitgebern nachfragen, wie sich denn Frau Glück so gemacht habe.So endet die Geschichte vorerst. Doris Glück hat dem Staat geholfen und wartet auf ein neues Leben. Sie möchte wieder auf der Straße gehen ohne sich umzudrehen vor Angst.Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag ist in diesem Jahr auf Doris Glück zugekommen. Das Tribunal untersucht Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter anderem in Bosnien. Ein Ermittler hat sich zweieinhalb Tage mit ihr unterhalten. Am Telefon in Bosnien meldet sich dieser Ermittler nur mit "Hallo". Er will unerkannt bleiben. Und überhaupt dürfe er nichts sagen, zu den Aussagen von Frau Glück, doch ein Wort sagt er dann doch dazu: "Glaubhaft."Dem mutmaßlichen Terroristen und Ex-Mann von Doris Glück konnten in Indonesien nur Visavergehen nachgewiesen werden. Nach zehn Monaten Haft wurde er nach Deutschland entlassen. Reda Seyam lebt in Berlin von staatlicher Unterstützung. Der Generalbundesanwalt ermittelt gegen ihn.Das Bundeskriminalamt lehnt es ab, zu den Vorgängen etwas zu sagen.------------------------------"Sie müssen immer lügen. Wenn jemand fragt, warum sie in diese Stadt gezogen sind, warum sie nicht arbeiten, oder ob sie verheiratet sind, immer müssen sie lügen."Doris Glück------------------------------Foto: "Unser Haus war ein Gästehaus für Gotteskrieger." Doris Glück meldete sich beim Verfassungsschutz, berichtete über ihren aus Ägypten stammenden Mann.