Frau Marquardt, seit vier Wochen wissen Sie, dass das Ministerium für Staatssicherheit Sie als IM geführt hat. Ihr Deckname war Katrin Brandt. Wie geht es Ihnen?Schlecht.Was haben Sie heute gemacht?Ich musste ins Büro der PDS, weil die Broschüren für den Wahlkampf vorbereitet werden. Ich sollte mir einen Spruch für mein Faltblatt ausdenken.Und? Ist Ihnen einer eingefallen?Ich habe zynisch vorgeschlagen: "MfS und SED tun heute immer noch weh. " Ein bisschen schlicht, aber passend.Mir ist nicht zum Lachen.Gut, dann werden wir ernst. Sie haben im April 1987, da waren Sie 15, eine Verpflichtungserklärung für das MfS unterschrieben. Wie war das?Aus der Akte geht hervor, dass ich das gemacht habe. Es ist meine Schrift. Ich kann mich aber nicht daran erinnern. Meine Mutter hat mir inzwischen erzählt, dass mir dieser Text diktiert wurde.An was können Sie sich erinnern?An ein Gespräch bei uns zu Hause, in Greifswald in der Küche. Ich wurde gerufen, und da saßen meine Eltern und zwei Freunde meiner Eltern. Mir wurde erklärt, dass das MfS eine wichtige Arbeit macht, dass ich über die Besuche der Freunde bei uns zu Hause mit niemandem sprechen sollte und dass ich sie in der Öffentlichkeit nicht kennen darf.Aus heutiger Sicht würde man sagen, Sie wurden zur Konspiration verpflichtet. Ihre Eltern waren beide IM, und die Wohnung war eine konspirative Wohnung. Wie haben Sie es als Kind empfunden?Ich glaube, es hatte keine besondere Bedeutung für mich. Ich habe in der Öffentlichkeit sowieso wenig über meine Familie gesprochen. Und was meine Eltern mit ihren Freunden redeten, das wusste ich nicht. Wenn diese Freunde kamen, sollte ich immer auf meine Geschwister aufpassen, wir sollten nicht ins Zimmer kommen, und ich durfte an den Tagen niemanden mitbringen.Sie hatten die Aufgabe, Ihre Geschwister zu beschäftigen, wenn die Führungsoffiziere zu Ihren Eltern kamen?So würde man das heute sagen. Damals habe ich das nicht so empfunden. Ich war die Älteste und hatte Verantwortung für meine Geschwister. Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater hat am Theater gearbeitet. Sie waren häufig abends weg. Ich habe auf meine Geschwister aufgepasst, habe ihnen Frühstück gemacht, meine Schwester habe ich in den Kindergarten gebracht, meinem Bruder die Schulbrote geschmiert. Für mich war das nichts Besonderes. Aber ich habe über solche Sachen auch nicht geredet. Ich habe über viele Dinge nicht geredet.Sie wussten, dass die Freunde Ihrer Eltern für das MfS arbeiten und dass auch Ihre Eltern damit etwas zu tun hatten. Was hat das für Sie bedeutet?Nichts. Ich habe mir als Kind oder Jugendliche über das MfS überhaupt keine Gedanken gemacht. Ich wusste, dass sie Kontakte haben und dass das etwas Wichtiges ist. Aber das ist alles. Viele arbeiteten beim MfS. Die Freunde meiner Eltern, der Vater von einem meiner Mitschüler, der Vater von meinem Fußballfreund. MfS war für mich MfS. Es hat nichts bedeutet.Wussten Sie, was Ihre Eltern taten, dass sie Inoffizielle Mitarbeiter waren, dass sie über andere Leute berichtet haben?Nein. Davon hatte ich keine Ahnung. Die haben sich mit denen getroffen. Sie haben sich aber mit vielen Leuten getroffen.In dem Teil Ihrer Akte, der nach Ihrem 18. Geburtstag angelegt wurde, findet sich ein Bericht, in dem Sie über einen jungen Mann sprechen, der über Ungarn in den Westen hätte flüchten sollen, sich aber dann anders entschieden hat und in die DDR zurückgekommen ist.Daran kann ich mich bis heute nicht erinnern. Ich habe versucht, den Fall zu rekonstruieren. Ich habe Mitschüler angerufen und viele Leute gefragt. Aber keiner weiß was. Ich verstehe das nicht. Ich war 18. Es steht da so konkret, ich müsste mich eigentlich erinnern.Glauben Sie, dass die Akten lügen.Das glaube ich so nicht. Aber die Akten zeigen eine andere Realität, als ich sie in Erinnerung habe. Zum Beispiel steht dort, dass ich als Tramperin an der F96 zum Treffen bestellt war und in ein Auto steigen sollte. Sicher saß ich in dem Auto, aber weil mich Jörg ab und zu vom Judotraining oder aus dem Internat abgeholt hat.Es gibt also zwei Wahrheiten? Ihre und die der Akten?Ja, nach meinem Verständnis habe ich mich mit Jörg, einem Freund meiner Eltern, der auch mein Freund war, getroffen und mit ihm über meine Probleme gesprochen. Nach den Akten aber war ich IM Katrin Brandt. Ich habe mich regelmäßig mit Jörg, meinem Führungsoffizier, getroffen. Ich habe erzählt. Er hat das aufgeschrieben und daraus Berichte gefertigt.Sie haben inzwischen den Teil der Akte gesehen, der nur Ihnen zugänglich ist, weil er aus der Zeit vor Ihrem 18. Geburtstag stammt. Was steht in der Akte drin?Sie beginnt schon in der Zeit vor der Verpflichtungserklärung. Darin werde ich beschrieben und eingeschätzt. Es geht um die Frage, ob ich zuverlässig bin, ob ich schweigen kann und so was. Dann kommt die Verpflichtungserklärung. Danach sind knapp zwei Jahre Pause. Dann kommt eine intensive Auseinandersetzung mit mir und meiner Zukunft. Das betrifft dann schon die Zeit, als meine Eltern umgezogen waren nach Frankfurt (Oder) und ich allein in Greifswald im Internat war.Gibt es in der Akte Berichte über andere Leute, haben Sie beim Lesen etwas gefunden, womit Sie anderen hätten schaden können?Es kommen kaum andere Leute vor. Nur einmal eine Aufzählung von Mitschülern und welche Berufe deren Eltern haben.Haben Sie nie einen konkreten Auftrag von Ihrem Führungsoffizier bekommen?Ich kann mich an keinen erinnern. Die Akten sprechen aber hier eine andere, teilweise widersprüchliche Sprache. Es finden sich Aktenvermerke zu Treffs mit mir. Es findet sich aber auch die Formulierung, dass ich gezielt zu speziellen Fragen, die für das MfS von Interesse sind, abgeschöpft wurde. Außerdem ist das MfS im Juli 1989 zur Ansicht gelangt, dass ich kein generelles Vertrauensverhältnis zum Ministerium hätte, sondern nur eines auf ganz bestimmten Ebenen. Sie fanden, dass ich einiges noch lange nicht politisch und politisch operativ begriffen hätte.Sie hatten eine Freundin, die war Pfarrerstochter, Sie waren ab und an in der Evangelischen Studentengemeinde. Und das alles soll die Stasi nicht interessiert haben?Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Das hat sie mit Sicherheit interessiert. Ich habe bestimmt auch darüber erzählt. Aber ich habe es in meinem Verständnis nicht dem MfS erzählt, sondern Jörg.Ist Ihr Name schon einmal in einer Opferakte aufgetaucht?Nur der meines Vaters. Bei einer früheren Mitschülerin. Mit der will ich jetzt noch mal sprechen. Damals kannte man ja meinen Decknamen nicht.Sonst gibt es nichts in der Akte?Einen Bericht über eine Person gibt es. Ich sollte eine Person meiner Wahl einschätzen. Es sollte offensichtlich ein Test sein, ob ich das kann. Das stammt noch aus der Zeit vor der Verpflichtungserklärung. Aus Gesprächen mit meiner Mutter weiß ich, dass sie diejenige war, die mir sagte, dass ich das machen soll.Ihre Mutter war auch dabei, als Sie die Verpflichtungserklärung geschrieben haben?Ja.Das heißt, Ihre Mutter hat Sie der Stasi überantwortet?Das hat sie sicher nicht so empfunden.Und wie empfinden Sie es - heute?Dazu möchte ich nichts sagen.Ihre Eltern sind im September 1987 nach Frankfurt (Oder) umgezogen. Sie wollten unbedingt in Greifswald bleiben. Warum?Ich wollte in meiner Schule bleiben und meine Freunde nicht verlieren und weiter in meinem Verein Judo trainieren. Und dann gibt es noch andere, sehr persönliche Gründe, über die ich nicht sprechen möchte. Es hatte aber mit dem MfS überhaupt nichts zu tun.Wie fühlten Sie sich damals, mit 15?Ich hab mich sehr erwachsen gefühlt.Auch verlassen?Verlassen nicht. Ich habe ja verlassen. Und hinter mir gelassen.Haben Sie sich einsam gefühlt?Einsam schon, manchmal.Ihre Mutter hat in einer Stellungnahme zu ihrer Stasi-Akte geschrieben, sie habe ihre Tochter in Greifswald bei den Freunden vom MfS in guten Händen gewusst.Meine Mutter hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich mich ohne Vorbehalte und ohne Bedenken mit Stasi-Leuten getroffen habe. Sie wollte, dass es jemanden gibt, an den ich mich wenden kann, wenn sie weg ist. Ich bekam einen Vormund, und weitere Freunde meiner Eltern kümmerten sich um mich. Auch Jörg.Was war die Stasi für Ihre Mutter? Eine Erziehungsberatungsstelle?Das müssen Sie meine Mutter schon selber fragen. Ich weiß inzwischen aus Gesprächen mit ihr, dass für sie die Stasi-Leute eben auch Freunde waren. Sie hat sich ihnen anvertraut und sich vielleicht selber nicht mehr eingestanden, dass ihre Führungsoffiziere immer im Dienst waren.Und als Sie allein in Greifswald waren, haben Sie sich mit Jörg, Ihrem Führungsoffizier, wie wir heute wissen, getroffen?Ja. Ich war auch bei ihm zu Hause. Wenn ich raus konnte aus dem Internat, bin ich rumgefahren und hab geschaut, wer Zeit für mich hat. Ich fand es im Internat schrecklich. Es war so autoritär. Zu Hause musste ich zwar viel Verantwortung übernehmen, aber meine Mutter hat immer mit mir geredet. Es war interessant, es kamen viele Leute, auch vom Theater, wo mein Vater gearbeitet hatte. Jetzt gab es nur noch Befehle und Anweisungen. Mit Jörg und anderen Freunden konnte ich darüber reden. Auch über meine Familie.Wie häufig haben Sie ihn gesehen?So oft ich wollte und er Zeit hatte.Der Teil der Akte aus den Jahren 89 dreht sich um Ihre Zukunft. Um was geht es?Zuerst geht es darum, dass ich nicht zur NVA gehen kann und warum. Ich wollte unbedingt Sportoffizier werden, wegen des Judo-Trainings. Ich war sehr gut in Judo. Der Sport war mir zu dieser Zeit das Wichtigste überhaupt. Ich war DDR-Meisterin in meiner Gewichtsklasse. Ich wollte Weltmeisterin werden. Es ging dann nicht, weil die NVA in dieser Laufbahn keine Frauen genommen hat. Ich sollte dann Funkoffizier werden oder Politoffizier. Das wollte ich auf keinen Fall. Für mich ist, so steht es auch in den Akten, eine Welt zusammengebrochen. Aus der Akte kann man dann weiter ersehen, dass das MfS mit meinen Eltern darüber geredet hat, mich in Richtung Theologie zu orientieren.Ihre Eltern haben mit der Stasi Ihre Zukunft geplant?So steht es in den Akten.Hatten Sie denn Interesse an einem Theologiestudium?So weit ich mich erinnere, nicht. Ich war 17 und hatte Probleme in der Schule und im Internat. Nachdem ich bei der NVA nicht Sportoffizier werden durfte, war ich orientierungslos. Ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt mit meinem Leben anfangen sollte. Von klein an hatte ich zur NVA gewollt, obwohl alle versucht hatten, mich davon abzuhalten. Mein Opa, weil er im Krieg war und das Militär sein Leben zerstört hat, und meine Mutter, weil sie Pazifistin ist. Aber ich wollte unbedingt zur Armee. Auch weil ich das aufregend fand. Ich dachte, dort wäre es nie langweilig. Auch, wenn ich mal keinen Sport mehr machen würde.Es war Ihnen wichtig, dass Ihr Leben nicht langweilig ist?Ja. Ich war das ja auch als Kind gewohnt. Ich habe im Theater mitgespielt. Bei einer Aufführung von Tschechow habe ich einen Puppenwagen geschoben und habe gesungen. Ich hatte Jeans an und ein T-Shirt mit einer Amerikaflagge drauf. Da war ich zehn ungefähr. Ich bin oft abends mit im Theater gewesen, die Erwachsenen haben mich für voll genommen, und morgens konnte ich dann später in die Schule gehen.Zurück zum Studium. Von der NVA zur Theologie. Es kann selbst für die Stasi nicht ganz einfach gewesen sein, diese Legende aufzubauen. Wie wurde das inszeniert?Den Akten kann man entnehmen, dass ich selbst große Zweifel hatte, ob das gut wäre und ob ich das schaffen würde. Aber letztlich wollte ich es. Ich erinnere mich an eine Situation in der Schule: Manch ein Lehrer hat mich schlecht behandelt, nachdem ich nicht mehr zur NVA wollte. Besonders der Mathe-Lehrer. Er holte mich an die Tafel, und ich konnte nichts und sagte am Ende bockig: "Außerdem studiere ich sowieso Theologie. " Das hat bei diesem 300-prozentigen Lehrer wie eine Bombe eingeschlagen. Und von diesem Zeitpunkt an fand ich das Theologiestudium cool.War Ihnen damals klar, warum Sie Theologie studieren sollten?Damals nicht. Nein. Aber aus den Akten geht klar hervor, dass man mich als IM in Greifswald an der Fakultät installieren wollte.Dazu kam es nicht mehr. Sie hatten Glück. Im November 1989 fiel die Mauer. Da hatten Sie noch nicht mal Abitur. Was wäre geschehen, wenn das MfS - wie es üblich ist - mit 18 die Verpflichtungserklärung hätte erneuern wollen? Hätten Sie unterschrieben?Das weiß ich nicht. Aus heutiger Sicht möchte ich natürlich gerne Nein sagen, um Gottes willen, ich wäre doch kein Spitzel geworden. Aber ich weiß nicht, ob ich das getan hätte. Ich hatte keine Vorbehalte gegen das MfS. Jörg war mein Freund, er gehörte zu meinem Alltag.Mit welchem Argument hätte man Sie überzeugen können? Hätte es genutzt, an Ihren Klassenstandpunkt zu appellieren und Sie vor den Feinden des Sozialismus zu warnen?Wie bitte? Über so was hab ich damals nicht nachgedacht. Die DDR war meine Heimat. Ich hatte nichts gegen sie. Ich war auch in der FDJ. Aber ich hatte damals völlig andere Sachen im Kopf. Ich habe für ein "Bravo-Poster" zehn Mark ausgegeben. Als ich ins Internat kam, habe ich zum ersten Mal richtig Musik gehört. Da hatten Leute einen Rekorder. Das gab s bei uns zu Hause nicht. Das konnten wir uns nicht leisten. Ich habe darunter gelitten, dass mein Internatsleiter ein Arschloch war und darunter, dass ich an meinem 18. Geburtstag nicht mal einen Schluck Wein trinken durfte. Das waren meine Probleme, das war meine Lebensrealität. Wir haben uns damals über Parolen der SED lustig gemacht. Ich bin im Herbst 1989 zu den Demonstrationen gegangen. Da habe ich grade mal angefangen, politisch nachzudenken. Ich habe mir angeschaut, was ich wollte. Über den Sozialismus habe ich mir kaum Gedanken gemacht. Den gab es einfach. Ich hatte nichts dagegen. Haben Sie denn mit 16 über die soziale Marktwirtschaft nachgedacht?Ich hab mich mit 16 schwarz angezogen und fand mich existenzialistisch. Ich habe Sartre gelesen. Was haben Sie gelesen?In den Akten steht, dass "Ruth Werner" mein Lieblingsbuch war. Das war eine Spionin.War es Ihr Lieblingsbuch?Gelesen hab ich s. Aber eigentlich war ich Lenin-Fan. Zur Jugendweihe habe ich mir eine Biografie von ihm gewünscht. Meine Mutter war entsetzt.Das Abitur haben Sie im Frühjahr 1990 gemacht. Dann sind Sie Punkerin geworden, haben in Greifswald ein Haus besetzt und gegen Neonazis gekämpft. Sie waren beim Neuen Forum und bei der SDP. Wieso sind Sie bei der PDS gelandet?Weil die PDS in unserem besetzten Haus eine Kiste Bier vorbeigebracht hat. Nein, im Ernst: Ich habe in der PDS Leute gefunden, die über Zukunft diskutieren wollten und mir geholfen haben, die Gegenwart zu verstehen. Ich fand Leute, mit denen ich reden konnte. Alle anderen Organisationen haben sich in dieser Zeit fast ausschließlich mit der Vergangenheit beschäftigt. Das hat mir nicht gereicht.Sie wurden schon 1991 Mitglied im Bundesvorstand der PDS. Wer kam auf die Idee?Ich hatte ein Gespräch mit Gregor Gysi. Ich habe dann mit den "Jungen Genossen" in der PDS darüber diskutiert. Mit dem Ergebnis, dass ich es versuchen sollte. Ich wurde dann gewählt.Wer wollte, dass Sie stellvertretende Bundesvorsitzende werden?Darüber haben viele mit mir gesprochen. Auch Gregor Gysi.Und wer wollte, dass Sie für den Bundestag kandidieren?Gregor Gysi.Was wollten Sie?Ich war verunsichert, aber fühlte mich geschmeichelt. Ich fand es aber auch sehr spannend.Warum haben sich die Großen der PDS so für Sie interessiert?Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich hatte nicht das Gefühl, für die PDS wichtig zu sein. Das haben andere vielleicht anders gesehen.Anfang der 90er-Jahre sind viele, gerade junge Leute weggegangen. Auch Sie hatten oft Zweifel, ob die PDS die richtige Partei ist: wegen des Finanzskandals, wegen der Vergangenheit, weil sie zu angepasst ist, zu wenig oppositionell . Sie sind geblieben. Warum?Die Sache hat ja zwei Seiten. Klar, ich war gut fürs Image der Partei. Ich war jung, ich konnte reden, ich war unbelastet. Aber auch ich habe ja viel gelernt und inhaltliche Vorstellungen entwickelt und umsetzen können. Ich bin viel rumgekommen, ich habe Leute kennen gelernt, hab was erlebt. Ich bin rausgekommen aus Greifswald. Ich war im Fernsehen, bei Biolek und bei Drei nach neun. Da will man nicht einfach gehen und sagen, war ne schöne Zeit - tschüss. Es sind Freundschaften entstanden, ein soziales Umfeld, in dem ich mich aufgehoben fühle. Das verlässt man nicht so einfach. Ich habe vielen Leuten etwas zu verdanken.Sie haben sich nie missbraucht gefühlt?Missbraucht wäre ein zu harter Begriff. Gebraucht schon. Aber das hat sich verändert. Vor einigen Jahren, ich war noch stellvertretende Parteivorsitzende, musste ich schmerzlich begreifen, dass Leute mich fallen lassen, wenn ich nicht so funktioniere, wie sie sich das vorstellen. Da habe ich zum ersten Mal begriffen, dass man mich nicht respektiert und ernst nimmt.Welche Konsequenz haben Sie gezogen?Ich lasse mich nicht mehr von Klüngeln vereinnahmen oder von Leuten für deren Interessen benutzen. Es sei denn, ich kann dahinter stehen. Ich laufe nicht mehr Leuten hinterher. Hinterfrage mehr.Und heute ist die PDS Ihre Partei?Ja. Sonst wäre ich nicht Bundestagsabgeordnete. Ich habe die Möglichkeit, Themen, die mir wichtig sind, zu bearbeiten und mit eigenen Positionen in die Öffentlichkeit zu gehen. Dazu gehören Rechtsextremismus, Neue Medien, Technologiepolitik. Aber es gibt Tendenzen in der PDS, wenn die mehrheitsfähig werden, dann wäre das nicht mehr meine Partei.Zum Beispiel?Wenn ausländerfeindliche Positionen - die es in Teilen der Partei gibt - sich durchsetzen würden.Sie haben die Stasi-Vergangenheit anderer immer scharf kritisiert. Sie haben Offenheit verlangt und haben auch diejenigen kritisiert, die sich angeblich nicht erinnern konnten oder immer nur so viel zugegeben haben, wie die Aktenlage sie gezwungen hat. Haben Sie anhand Ihrer eigenen Geschichte Ihre Meinung geändert?Nein, ich fühle mich eher bestätigt in meiner Meinung über das MfS. Was ich mich aber fragen muss, ist, ob ich nicht zu schnell über Leute geurteilt habe. Ich sehe jetzt an meiner eigenen Geschichte, dass es Akten gibt und die eigene Wahrnehmung und dass das zweierlei sein kann. Das war für mich früher unvorstellbar. Ich habe zu wenige Fragen gestellt und zu wenig zugehört. Ich habe auch immer Offenheit gefordert und tue das immer noch. Und sehe jetzt, wie schwer das ist. Über vieles will und kann ich nicht reden, weil es sehr persönlich ist. Und plötzlich verlangt man von mir, dass ich erzähle, was in meiner Kindheit abgelaufen ist.Niemand erwartet, dass Sie Ihr Innerstes nach außen kehren. Die Öffentlichkeit hat nur auf zweierlei ein Recht: Zu wissen, ob Sie jemandem geschadet haben. Und zu erfahren, was das für ein Mensch ist, der für sie politisch Verantwortung übernommen hat. Als Wähler oder Wählerin darf man fragen, wie gefestigt ist dieser Mensch, wie beeinflussbar, wie glaubwürdig, wie korrumpierbar. Wären Sie nicht Abgeordnete, müssten Sie über Ihre Vergangenheit keine Auskunft geben.Ich habe ja jetzt damit begonnen.Hat nach der Wende jemand mit Ihnen über diese Stasi-Geschichte gesprochen? Jörg, Ihr Führungsoffizier, Ihr Vater oder Ihre Mutter.Nein.Hätten die das tun müssen?Ja. Spätestens, als ich 1998 für den Bundestag kandidiert habe. Ich habe damals meine Mutter gefragt. Sie hat gesagt, das sei nur ihre Arbeit gewesen, ich hätte damit nichts zu tun gehabt.Sie hätten sich auch selbst Klarheit verschaffen können, indem Sie Ihre Akte beantragen.Daran habe ich nie gedacht.Ist Ihnen in den späteren Jahren - als Sie über das MfS nachgedacht haben, als Sie in der PDS darüber Debatten führten - nie der Gedanke gekommen, dass Jörgs Interesse an Ihnen nicht nur freundschaftlich, sondern dienstlich war?Nein. Ich kann es nur immer wieder sagen: Ich habe das nicht mit mir in Verbindung gebracht. Ich bin aus Greifswald weggegangen, ich habe ein neues Leben angefangen. Ich habe bewusst mit alten familienverbundenen Erinnerungen abgeschlossen. Ich wollte darüber nicht nachdenken.Wie geht es weiter, was werden Sie jetzt tun?Ich werde weiter mit meiner Mutter reden, ich werde vielleicht mit Jörg - wie ich jetzt weiß, meinem früheren Führungsoffizier - reden, ich rede mit Freunden, ich will Akten sehen. Ich muss rausfinden, was mit mir gemacht wurde. Und was ich gemacht habe.Das Gespräch führte Brigitte Fehrle//ANGELA MARQUARDT wurde am 3. September 1971 in Ludwigslust geboren. Sie wuchs in Greifswald auf. Ihre Mutter war Lehrerin für Staatsbürgerkunde, ihr Vater arbeitete im Kernkraftwerk. Sie hat drei jüngere Geschwister. Als Angela Marquardt acht war ließ sich ihre Mutter scheiden, fand später einen neuen Partner. Marquardts Stiefvater war Sänger am Theater in Greifswald. Im Sommer 1987 zog das Ehepaar Marquardt nach Frankfurt/Oder. Angela weigerte sich, mitzukommen und blieb mit knapp 16 Jahren allein in Greifswald. Sie besuchte an ihrer Schule die Russischklasse und kam dann ins Internat. Abitur machte sie im Frühjahr 1990.NACH DER WENDE schloss sich Angela Marquardt in Greifswald einer Punker-Clique an. Sie besetzte ein Haus. Sie plante Aktionen und Demonstrationen gegen Rechtsradikale. Nach Versuchen mit dem Neuen Forum und der SDP landete sie schließlich bei der PDS. In der Berliner Parteizentrale interessierte man sich für sie. Marquardt wurde 1991, sie war noch nicht 20, Mitglied im Parteivorstand, 1995 stellvertretende Parteivorsitzende. Seit 1998 ist sie Bundestagsabgeordnete. Vor vier Wochen wurde bekannt, dass das MfS sie als Inoffizielle Mitarbeiterin geführt hat. Sie hat mit 15 Jahren eine Verpflichtungserklärung unterschrieben. Derzeit befasst sich der Immunitätsausschuss des Bundestages mit dem Fall.Nach meinem Verständnis habe ich mich mit Jörg, einem Freund meiner Eltern, der auch mein Freund war, getroffen und mit ihm über meine Probleme geredet. Nach den Akten aber war ich IM Katrin Brandt.Foto: BERLINER ZEITUNG/JANE DULFAQAR, BARBARA WREDEAngela Marquardt: "MfS war für mich MfS. Es hat nichts bedeutet. "

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