Gestern, sagt er, waren sie noch da. Sie hatten Schreibtische, Telefone, Computer. Sie hatten eine Seite im Internet und ein Produkt, das sie verkauften. Sie waren eine Firma. Heute war die Nummer abgeklemmt. Vor zwei Wochen, sagt er, waren sie noch 150. Dann verteilte der Chef neue Arbeitsverträge. Sie sollten eine Zeit umsonst arbeiten. Während er versucht, die Firma zu verkaufen. Da waren sie noch 15.Am nächsten Morgen kam Haydn Long mit einem Karton zur Arbeit. Den stellte er auf seinen Schreibtisch. Dann packte er seine Sachen. "Ich dachte", erinnert sich Long, "wenn ihr mich nicht bezahlen könnt, sollte ich nicht hier sein. " Jetzt sitzt er hier in Schwarz, in einer dunklen Ecke in einer Bar in Chelsea, Downtown Manhattan. An seinem Hals hängt ein roter Phosphorstab, der leuchtet. Es ist ein Signal. Er sucht.Sie suchen alle. Sie stehen an der Bar, halten sich an Wodkagläsern und Bierflaschen fest, hauchen den Rauch von Zigarillos. Ihre Augen oszillieren. Sie sprechen in Wortkolonnen, tauschen zu Werbespots vertonte Lebensläufe aus und wedeln mit Visitenkarten, die sie zu einer Melodie der Selbstverherrlichung verteilen. Einige tragen die Hörstöpsel ihrer Handys im Ohr, als erwarteten sie ein neues Angebot noch in dieser Nacht. Sie sind gefeuert, alle, und sie feiern. Sie nennen es Pink-Slip-Party, in Erinnerung an die rosa Zettel, auf denen in Amerika einst Kündigungen geschrieben wurden. Als Arbeitslosigkeit noch nicht sexy war. Sie sind zurückgekehrt in die Wirklichkeit, ausgespuckt von einer New Economy, in der so vieles unwirklich war. Die Aktienkurse. Die Gehälter. Die burn rates, mit denen sie das Geld verbrannten. Sogar der Crash. Jetzt stehen sie hier getaucht in rotes Licht, maskenhaft lächelnd, als sei nichts passiert. Als gebe es kein Problem, das sich nicht bei einem Cosmopolitan an der Bar lösen ließe.Etwas Neues war entstanden, etwas, das die Welt schrumpfte wie die Eisenbahn, das Auto, das Telefon. Eine New Economy, die immer mehr Menschen mit immer schnelleren Computern verband. Mit Fabriken, die nicht mehr nach Arbeit rochen. Eine goldene Ära schien angebrochen. Sie flogen wie Ikarus in eine Sonne, die sich zu einem @-Zeichen geformt hatte.Jetzt flattern sie. Der Markt spielt nicht mehr mit. Er verstößt sie so spastisch, wie er sie umarmte. Und manchmal genauso grundlos. Es gibt jetzt keine zweiten Chancen mehr. Es gibt jetzt nur noch Unternehmen, die eine Zukunft haben, und Unternehmen, die einen Konkursverwalter haben. Die Amerikaner haben einen Ausdruck, der dieser Krise einen Klang gibt. Crunch time. Zeit des Knirschens.Im gedämpften Licht eines japanischen Restaurants im Stadtteil Tribeca steht ein gebeugter Mann und stützt sich auf Krücken. Sein rechter Unterschenkel steckt in einem Metallgerüst. Am anderen Ende des Raumes schüttelt James Marciano das Eis in seinem Wodka und beobachtet den Mann. "Den kenne ich", sagt Marciano, "der ist mit seiner Firma untergegangen. Ich habe nie viel von ihm gehalten. " Er leert sein Glas mit einem Schluck und schreitet diagonal durch den Raum. "Hey Jim", ruft Marciano und klopft dem Verletzten auf die Schulter, lächelnd. "Das passiert, wenn man aus dem Fenster springt. " Marciano trägt Khakihosen und ein weißes T-Shirt unter einem blauen Pullover mit V-Ausschnitt. Er ist unrasiert und ungekämmt. Auf seinen Brillengläsern haftet ein Muster seiner Fingerabdrücke. Marciano ist Chef und Gründer von TheSquare. com. Er nennt sein Unternehmen eine online community, eine exklusive Internetgesellschaft, in die nur Absolventen von Eliteuniversitäten aufgenommen werden. Neben Marciano steht ein ehemaliger Klassenkamerad, ein venture capitalist, der das Geld auftreibt, das andere für ihre Träume ausgeben. Er hat den ganzen Tag verhandelt. Er sieht blass aus, als hätte er lange kein Tageslicht gesehen. "Wie viel brauchst du?", fragt Marciano. Er lockert seine Krawatte. "Achtzig", sagt er. Und meint Millionen. Marciano erzählt, wie er vor einem Jahr die sechs Millionen beschaffte, die er brauchte, um sein Unternehmen zu retten. "Die Zeiten sind vorbei", zischt der Finanzier und blickt in sein Glas. Es klingt, als sei es eine Ewigkeit her. Damals kreisten hier alle um Marciano. Er hatte ins Obeca Li geladen, um sein Überleben zu feiern. Hunderte kamen. "Die Leute beschwerten sich, dass sie ihre Drinks bezahlen mussten", erinnert er sich. Solche Zumutungen gehörten sich nicht im La-la-Land der Dotcoms. Eine Woche später stürzten an der Wall Street die Kurse.Auf dem Weg zum Ausgang trifft Marciano die Chefredakteurin eines Internetmagazins. Er küsst sie, ohne sie zu berühren. "Zum fünfjährigen Jubiläum solltest du was über die Gründer von Silicon Alley machen", sagt er im Vorbeigehen, "das wäre eine kurze Geschichte. " Draußen regnet es, in den Pfützen spiegeln sich die Lichter der Stadt. Er klappt sein Handy auf und wählt die Nummer seiner Freundin. Ihre Mailbox antwortet. "Hey Babe", sagt er, "ich bin unterwegs. Liebe dich. " Es ist kurz nach zehn. Er steigt die Stufen zur U-Bahn hinunter und nimmt die Linie 2 nach Brooklyn.Am nächsten Abend geht Marciano, Hände in den Hosentaschen, vorbei an einer Reihe von Computern im 23. Stock eines Bürogebäudes nahe der Wall Street. Er legt den Kopf in den Nacken und folgt einem armdicken Kabelstrang, der unter der Decke seine Bahn zieht und zu einer Wand schwarzer Metallkästen führt, aus denen Kabel wie farbige Spaghetti quellen. Es ist der Server, die magische Box, die sein Unternehmen antreibt. Außer Marciano ist nur noch die Sekretärin hier, die an ihrem Schreibtisch sitzt und darauf wartet, dass er sie nach Hause gehen lässt. An der Wand hinter ihr hängt eine weiße Tafel, auf der ihr Chef in großen Buchstaben seine Erwartungen für dieses Jahr notiert hat: "Sei unglaublich in 2001! Strebe nach Großartigem!".Marciano hat ein freundliches, jungenhaftes Gesicht, in dem sich Spuren seiner italienischen Vorfahren abzeichnen. Er spricht mit sanfter Stimme und beschleunigt seine Sätze, wenn etwas seine Neugier weckt. Er wartet auf diese Momente. Seine dunklen Augen erhellen sich dann, und er tippt pianistenhaft in seinen Computer oder ruft nach einem Mitarbeiter. Er vergisst dann, wo er stehen geblieben war in einem Satz. Manchmal, wenn er hier über die Flure geht, grübelnd, sieht er aus wie der Sohn, der die Firma des Vaters übernommen hat und noch nicht weiß, wohin er sie führen will.An diesem Abend trägt Marciano einen schwarzen Rollkragenpullover mit hochgeschobenen Ärmeln, eine graue Bundfaltenhose und schwarze, staubverhauchte Schuhe. Sein Schreibtisch sieht aus, als hätte er seinen Kopf darauf ausgeschüttet. Eine Marktanalyse, Visitenkarten, ausgedruckte E-Mails, eine Bewerbung, das Wall Street Journal, Zettel mit Telefonnummern. Dazwischen liegt ein Buch. Es heißt "Die Praktik der Einfachheit". Er hat sich nie nach Einfachheit gesehnt, vielleicht weil er in ihr aufgewachsen ist, jener Einfachheit eines wohlhabenden Elternhauses, in dem die Kinderzimmer und die Erwartungen etwas größer sind. Er ging von einer Eliteuniversität zur nächsten, von Dartmouth in New Hampshire nach Harvard in Massachusetts. Dann nach Los Angeles zu Anderson Consulting, einem der großen Namen in der Unternehmensberatung. Bis er es nicht länger ertragen konnte, Unternehmer zu beraten, die seine Strategien nicht verstanden oder anwandten. Er kündigte. "Es waren die schlimmsten Jahre meines Lebens", sagt er. "Ich bin ein Architekt, und ich baute nichts. " In der Nacht vor seinem 30. Geburtstag gab er sich ein Versprechen. Er würde nicht aufstehen, bis er wüsste, was er aus seinem Leben machen will. Er hatte 23 Ideen, er erinnert sich an die Zahl. "Was ist mit diesem Netzwerk für Absolventen von Eliteuniversitäten?", fragte sein Bruder. Marciano suchte im Internet. Er fand nichts. Da stand er auf. Und James Ludwig Marciano begann zu bauen. Verkaufte seinen Porsche. Löste seinen Rentenfonds auf. Verschob die Rückzahlung seiner Studiendarlehen. Lieh sich Geld von seiner Großmutter. Dann heuerte er seinen Cousin und einen zweiten Mitarbeiter an. Und wenige Monate später standen sie vor einem Bildschirm und sahen, was sie gebaut hatten: TheSquare. com, ein Ort für ausgewählte Menschen, die Karriere machen und Liebe finden wollen. Es war Januar 1997.Vier Jahre später sitzt Marciano an seinem Schreibtisch und sieht wieder auf einen Bildschirm. In diesem Moment, sagt er und klickt TheSquare. com an, hat er 48 905 Mitglieder von 23 Eliteuniversitäten. Sie sind sein Kapital, eine virtuelle Kleinstadt junger Menschen mit funkelnden Lebensläufen, und nur er kennt den Weg zu ihnen. Wenn er ein Unternehmen zu ihnen führt und einen Mitarbeiter mit einem Jahresgehalt von 100 000 Dollar vermittelt, kassiert er 25 Prozent davon als Prämie. Er baut noch immer. In drei Jahren will er eine Großstadt haben. "Diese Leute sind Milliarden wert", sagt er, "so viel wie ganze Länder. " Es wäre beinahe eine Geisterstadt geworden. Vergangenen Winter, als ihm das Geld ausging, zog er aus, neues Kapital zu beschaffen. Er brauchte sechs Millionen Dollar. Als der Frühling kam und an der Wall Street die Kurse ihre Schwerkraft verloren, war er am Ziel. Er unterzeichnete die letzten Verträge am Vormittag des 12. April. Am Nachmittag kaufte er ein Appartement. Es war Mittwoch, und er wurde das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte. Und es kam Bloody Friday, der Tag, an dem die Börse blutete.Als am New York Stock Exchange die Glocke den Tag ausläutete, standen die Händler mit hängenden Köpfen auf dem Parkett. Eine Billion Dollar war ihnen aus den Händen geglitten, war plötzlich nur noch das Papier, das sie immer war, und das nun in Schnipseln zu ihren Füßen lag und von den Putzfrauen zusammengekehrt wurde. Marciano saß an diesem Nachmittag auf den Stufen auf der anderen Straßenseite und sah die Händler, wie sie aus der Börse stürmten, vorbei an den Fernsehreportern, die mit Mikrofonen auf sie einstachen. "Es war mystisch. Die Leute waren zerstört", sagt er und schweigt einen Moment. "Es machte mir Angst. Hätten wir zwei Tage länger gebraucht, wir wären erledigt gewesen." Draußen ist es dunkel geworden. In Marcianos Fenster leuchten die Büros wie Puzzle auf den Glasfassaden der Wall Street. Dahinter bewegen sich gesichtslose Gestalten. Sie sehen aus wie Pantomimen. Starren auf Bildschirme. Kratzen sich, strecken sich, gähnen. Krümmen sich über Stapeln von Papier. Stehen mit schrägem Kopf am Fenster, Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter, und bewegen die Lippen. Marciano ist jetzt allein mit der Putzfrau, die um ihn herumwischt. Er trägt ihr den Papierkorb nach. Und für einen Moment, ohne ihn, sieht sein Büro evakuiert aus mit seinen nackten Wänden und dürren Möbeln. Als könnte man es mit ein paar Handgriffen auseinander schrauben.Einige Tage später ist die Tür zu Marcianos Büro geschlossen. Als er sie öffnet und heraustritt, sieht er blass aus. Er sinkt in seinen Stuhl und blickt aus dem Fenster. Er trägt ein gebügeltes weißes Hemd mit roter Krawatte. Seine Haare sind gekämmt. "Ich habe gerade vier Leute entlassen", sagt Marciano mit leiser Stimme. Er habe das nicht getan, weil die Firma in Schwierigkeiten sei; er habe drei erfahrenere Leute gefunden. Das sei der positive Effekt des großen Sterbens. Der Markt gibt wieder gute Leute frei, und sie können nicht mehr jedes Gehalt erpressen. "Die Starken", sagt er, "werden stärker. " Vor Marcianos Tür ist es an diesem Nachmittag so still, dass man die Computer flüstern hört. Die Mitarbeiter hocken vor ihren Bildschirmen, gekrümmt wie Fragezeichen und tauschen nervöse Blicke aus. Die Firma hat nur 20 Mitarbeiter, und jetzt müssen vier von ihnen gehen. Eine Frau zuckt, als ihr Telefon klingelt. Marciano will jetzt mit ihnen reden und versuchen, sie zu beruhigen. Er hat Pizza bestellt. Er will jetzt nicht beobachtet werden. Auf seinem Schreibtisch liegt ein neues Buch. Es heißt "Lebenszyklen eines Unternehmens".Eine Woche vergeht, bis Marciano wieder zu sprechen ist. Er sitzt dann abends allein in seinem Büro, unter einer summenden Neonröhre nachdenkend, und erinnert sich an die vergangenen vier Jahre. "Ich hatte niemals eine Pause", sagt er. "Mein Gehirn war ständig überlastet. Mein Erinnerungsvermögen ist zerschossen. " Er schlief immer weniger. Und immer unruhiger. Vergangenen Sommer, als er merkte, dass die Arbeit ihn verzehrte, nahm er Urlaub. Nach vier Jahren. Er schrieb sein Testament und fuhr nach Tibet. Es passierte auf der Straße von Lhasa nach Kathmandu. Er war mit Freunden unterwegs, auf Motorrädern. Auf einer Brücke verlor Marciano die Kontrolle und stürzte in ein Flussbett. "Ich war so müde nach diesen vier Jahren", erinnert er sich, "meine Reflexe waren langsamer geworden".Er lag im Wasser und konnte sich nicht bewegen. Seine Freunde fuhren ihn nach Kathmandu, wo ein Arzt ihm eine Halskrause anlegte und Salbe verschrieb. Tage später in New York betrachtete sein Arzt das Röntgenbild und sagte, er solle sich jetzt bitte nicht bewegen. Ein Halswirbel war gebrochen.Marciano blickt auf das Korsett, das er damals tragen musste und das nun wie eine Trophäe in seinem Büro steht. "Und der Sinn der Reise war, sich von vier Jahren Arbeit zu erholen", sagt er und schüttelt den Kopf. Er geht jetzt fünfmal die Woche zur Physiotherapie. "Ich habe einen hohen Preis bezahlt, um dahinzukommen, wo ich bin", sagt er. "Ich könnte 24 Stunden am Tag hier sitzen und versuchen, unser Produkt zu verbessern. Aber ich bin fertig. Ich habe nicht mehr die Kraft, die ich vor vier Jahren hatte. " Er ist 34. Er fährt jetzt wieder Porsche. Denselben, den er verkaufen musste, um die Firma zu gründen. Er klappt sein Portmonee auf und zeigt auf die Stelle, wo andere das Bild ihrer Frau tragen. "Ein 911", sagt er, "mechanisch das beste Auto, das Porsche je gebaut hat". Die Zeit kann er nicht zurückkaufen. Die Nächte, in denen er nicht geschlafen hat. Die Momente, die er nicht erlebt hat mit seiner Freundin. Er wollte es so. "Goethe hat mal geschrieben: Um zu sein, muss man kreieren", sagt er und tippt auf den Bildschirm, auf dem seine Internetseite leuchtet. "Ich habe diese Welt kreiert. " Manchmal zweifelt er. "TheSquare ist eine großartige Idee", sagt Marciano, "aber es gibt einen Unterschied zwischen einer großartigen Idee und einem großartigen Geschäft". Seine sechs Millionen werden nicht ewig reichen, und Ewigkeit ist eine Einheit, die in dieser Industrie in Wochen gemessen wird. Scheitern, das haben die vergangenen Monate ihn gelehrt, ist jetzt eine Möglichkeit. Er fürchtet sich nicht. Wenn der Tag kommt, an dem er die letzte Pizza bestellen muss, wird er sich an den Satz erinnern, den er zum Abschied in seine Abiturzeitung geschrieben hat: "Non-carborundum illegitimiti!" Er hat seine eigene Übersetzung dafür. "Lass dich von den Schweinehunden nicht fertig machen", sagt er. Verschränkt die Arme. Und grinst wie einer, der noch 22 andere Ideen hat.Es gibt einen Ort im Internet, an dem die Krise ihre eigene Seite hat, und ihr Name beschreibt präzise, wovon sie erzählt: www. fuckedcompany. com. Es sind nur Gerüchte, die dort verbreitet werden, aber bis jetzt ist noch jede Firma kaputtgegangen, deren Name auf der Seite erschien. Sie ist zum virtuellen Wallfahrtsort geworden für Dotcomer, die verblichener Firmen gedenken und wissen wollen, ob sie für das eigene Unternehmen beten müssen. Hunderte schicken jeden Tag E-Mails voller Verrat. Wenn eine Firma ihr Büro schließt und in den Keller eines Mitarbeiters zieht, steht es hier zuerst. Die Flut der Gerüchte schwemmt in das New-Yorker Appartement eines jungen Mannes namens Philip Kaplan. Er ist 25 und macht das nur nebenher. Bis er seine eigene Firma auf die Liste setzen muss.Wenn Allison Hemming wissen will, wer zu ihrer Pink-Slip-Party kommt, sieht sie auf Kaplans Internetseite nach. Sobald der Name einer Firma dort auftaucht, gehen bei ihr die Anmeldungen ein. Die erste Party organisierte sie, als sie die eigene Kündigung in Händen hielt. Jetzt leuchtet sie in einer pinkfarbenen Bluse inmitten ihrer Gäste, Bierflasche in der einen Hand, Visitenkarten in der anderen. "Es ist kathartisch", sagt sie und reckt den Hals, um ekstatische Begrüßungen und Wangenküsse zu empfangen. "Es zeigt all diesen egozentrischen Unternehmern, dass wir nicht am Ende sind. Wir waren hier, bevor das verrückte Geld da war, und wir sind hier, nachdem das verrückte Geld weg ist. " Sie breitet ihre Arme aus und zeichnet einen großen Kreis in die Luft. "Alles drehte sich um Übergrößen", sagt sie, "wie alles in diesem Land". Das ist das Problem mit aufgeblähten Träumen aus Silikon. Sie platzen irgendwann.Es ist vorbei. Es werden jetzt Fragen gestellt. Nach Umsatz. Nach Profit. Nach Cashreserven. Nach Wachstumsstrategien. Aber selbst jene, die Antworten haben, sind nicht mehr sicher. Der irrationale Überschwang hat sich ins Gegenteil verkehrt.Jason McCabe Calacanis steigt die Treppe hinauf in den zehnten Stock. Dort steht er in einer leeren Lagerhalle, in der zwei Arbeiter die Wände streichen. Es wird das neue Büro werden. Unter dem Fußboden aus Glas, auf dem er steht, sind die Titelbilder seines Magazins ausgelegt. "Ich baue an etwas", sagt der junge Mann ohne Hochschulabschluss. "Ich weiß nur noch nicht genau, was es ist. Vielleicht werde ich William Randolph Hearst sein, vielleicht werde ich einfach nur Bücher schreiben. " Vielleicht wird er nichts von beidem sein. Vielleicht wird er einer von denen sein, die geniale Ideen hatten, mit denen sich kein Geld verdienen ließ. Es ist nicht wichtig. Es ist etwas anderes, das ihn, das so viele antreibt in dieser Industrie. Er kann sagen, er ist dabei gewesen.In Appartement 2F, Broadway 519, sitzt Josh Harris vor einem Notebook und gähnt. Er hat sich länger nicht rasiert und seine Jeans und Haare nicht gewaschen. Von seinem linken Schuh löst sich die Sohle. Harris wohnt in einem Loft mit hohen Decken, Warholscher Popart an den Wänden und einem Fischteich im Gästeklo. Er hat einen Videoschneideraum, eine Küche aus Edelstahl und eine Putzfrau aus Lateinamerika. Er lebt also das durchschnittliche Leben eines mäßig reichen New-Yorkers. Doch etwas unterscheidet ihn. Menschen in China sehen nachts, in welcher Position er schläft.Harris hat in seinem Loft 32 Kameras und 50 Mikrofone installiert, die sein Leben aufnehmen und per Internet an 7 000 Menschen in aller Welt übertragen. Es gibt keinen Ort in dieser Wohnung, an dem Harris sich dem Blick seiner Beobachter entziehen kann. Wenn er in seinem Bett liegt und schläft, sehen sie, wie er in seinem Bett liegt und schläft. Wenn er unter der Dusche steht und duscht, sehen sie, wie er unter der Dusche steht und duscht. Wenn er in die Kloschüssel pinkelt, sehen sie, wie er in die Kloschüssel pinkelt. Von unten. Es sei denn, in diesem Moment gehen seine Katzen Neuffy und Loui in ihr Klohaus. Dann aktivieren sie den Bewegungsmelder ihrer eigenen Kamera. Und irgendwo in Fujian glotzt jemand.Hier also sitzt Harris vor seinem Notebook und beobachtet auf seiner Internetseite www. weliveinpublic. com, wie er vor seinem Notebook sitzt und sich auf seiner Internetseite beobachtet. "Die Katzen machen alle wahnsinnig", seufzt Harris. "Hühner", sagt er und meint Frauen, "stehen nackt unter der Dusche, wie gestern Abend, und dann gehen die Katzen aufs Klo und aktivieren ihre Kamera. Es ist unglaublich. Ich hatte keine Ahnung, wie oft Katzen aufs Klo gehen. Jede halbe Stunde ist eine von den beiden da drin. " Die Idee, die unerträgliche Banalität des Seins in die Welt zu übertragen, ist nicht neu. Aber vielleicht ist noch keiner so weit gegangen wie Harris in dem Versuch, Privatheit so minutiös zu dokumentieren und gleichzeitig so gnadenlos zu zerstören. "Dies ist wie ein Epizentrum des Lebens", sagt Harris. "Eines Tages wird das völlig normal sein, und dies wird der Ort sein, an dem zum ersten Mal erforscht wurde, was Big Brother wirklich bedeutet. " Er lebe hier in dem Bewusstsein, dass er sich in zehn Jahren sehen werde. Sagt Harris und erhebt sich. Dann stellt er sich vor eine Kamera, hält sein Gesicht dicht vor die Linse, knickt den Hals, winkt manisch und ruft: "Hallo Josh in zehn Jahren!".Harris war einer der ersten early true believers in Silicon Alley. Schon 1986, ein Jahrzehnt vor der Internet-Evolution, gründete er Jupiter Communications, eine Firma, die das Potenzial des Internets erforschte. Er experimentierte mit chat rooms und instant messaging, als der Rest der Welt Pacman auf Commodore-Computern spielte. 1994 startete Harris Pseudo, einen Fernsehsender für das Internet. Pseudo produzierte ein kunstvolles, schrilles Programm, für das in den großen Sendern kein Platz war. Damals drohte Harris Giganten wie CBS, es sei sein Ziel, "euch auszuschalten".Es war die Art von Sender, wie Andy Warhol ihn kreiert hätte. Junge Menschen mit farbigen Haaren und zu großen Sonnenbrillen summten auf Tretrollern über die Flure, der Duft von Marihuana wehte durch die Redaktion und irgendwie war irgendwo alles Kunst. Zur Jahrtausendwende lud Harris 80 Freunde ein und feierte mit ihnen eine zwei Wochen lange Party. Er ließ einen Schießstand für sie bauen, engagierte Boxer, die aufeinander einschlugen, und Pärchen, die ineinander eindrangen. Es kostete ihn eine Million Dollar. Harris brachte die Dekadenz der Achtziger zurück, und viele hassten ihn dafür in einer Branche, die sich nach Respekt sehnte.Neun Monate später war die Party vorbei. Harris hatte die 35 Millionen Dollar seiner Investoren verbrannt, und Gewinne waren nicht in Sicht. Pseudo war am Ende. Harris nicht. Der Vorturner einer Kaste, die gescheiterte Firmengründungen wie Auszeichnungen in ihre Lebensläufe schrieb, gründete We Live in Public und richtete die Kameras auf sich. Jetzt schlurft er mit einem Pappbecher kaltem Kaffee durch die surreale Welt von Appartement 2F. Es ist eine Welt der Widersprüche. Er hat eine Kamera über seinem Bett, aber Sex nur in seinem Landhaus. Er hat eine Wanze in seinem Telefon, aber niemand darf wissen, wo er wohnt. Er hat an alles gedacht. Sogar an die Infrarotkamera, die aus der Finsternis seines Kühlschranks ein Schwarzweißbild seiner Eier überträgt. Doch eine Frage hat er ausgeblendet. Ob er damit eigentlich Geld verdienen kann. Da muss er einen Moment nachdenken, als hätte er sich die Frage nie gestellt. "Ich glaube schon", sagt Harris dann. "Ich weiß, wie man Leute glücklich macht. Das ist mein Spiel. " Er hat verloren. Wenige Wochen später sitzt Harris auf seiner Couch in einem Appartement, das ihm nicht mehr gehört, vor Kameras, die nicht mehr laufen, mit Erinnerungen an eine Freundin, die nicht mehr hier wohnt. Sie ist vor den Augen der Kameras ausgezogen, wegen denen sie ausgezogen ist. Jetzt hat auch Harris gepackt. Er wird nach Kalifornien gehen. Einen Film drehen. Irgendwas mit Kunst im Internet machen. So genau weiß er das noch nicht.Eine Billion Dollar war plötzlich nur noch Papier, das nun in Schnipseln zu ihren Füßen lag.Es gibt einen Unterschied zwischen einer großartigen Idee und einem großartigen Geschäft.