Zuletzt war die junge Berliner Sopranistin Anna Prohaska zu hören in jenem unvergesslichen, tiefsinnig und erhellend um Mahler herum gruppierten Konzert der Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado am Freitag vor einer Woche. Auch wenn diese Sängerin mit ihrem Kindergesicht und ihren tiefschwarzen Haaren noch immer etwas von einer Gothic-Braut mit Zahnspange hat, eins steht fest: Sie wird die prägende Sängerin der nächsten Jahre sein. Nicht in dem Sinn, in dem Anna Netrebko als Sopran-Pin up feuchter Träume das Singen definierte. Aber in dem Sinn, in dem Christine Schäfer die zugleich stilbildende wie einzigartige Sängerin der späten Neunziger und frühen Nuller Jahre war."Ach, ich fühl's, es ist entschwunden" sang sie vor einer Woche, und wer das vergleicht mit der dünnen Korrektheit, mit der die ebenfalls junge Sopranistin Mojca Erdmann diese Arie aus der "Zauberflöte" auf ihrem Debütalbum "Mostly Mozart" eingespielt hat, bekommt einen Begriff vom Unterschied zwischen einer guten und einer epochalen Sängerin. Die historisch informierte Aufführung alter Musik hat auf ihrem Siegeszug auch durch das klassische und romantische Repertoire die Bedeutung des Individuellen beim Musikmachen stark relativiert. Bevor der Interpret auf die Noten zugreift, greift er zum Buch und zum CD-Archiv. Die Gewinne der Aufführungspraxis sind zweifellos gewaltig, und sie hat große Musiker nicht daran gehindert, ihre Persönlichkeit der Musik einzuprägen. Aber der spontane, subjektive Griff, der die Musik verwandelt und anverwandelt, ist selten geworden.Christine Schäfer wurde eine prägende Sängerin, indem ihre Coolness, die eigentümlich gläserne Melancholie ihrer eher kleinen Sopranstimme sich in allen stilistischen Kontexten durchsetzte, ob bei Bach, Mozart, Schubert oder Reimann. Indes war Schäfers Singen auch Anverwandlung durch Verweigerung: Obwohl sie mit Bewusstsein gestaltete, ging der größte Effekt schon allein von der Stimme aus, deren enges Farbspektrum die Darstellung bestimmte.Das ist bei Anna Prohaska anders. Sie hat eine dunkler timbrierte und daher auch farbenreichere, sinnlichere Stimme als Christine Schäfer; mit ihr scheint sie in allem, was sie singt, nach Facetten ihrer eigenen Person zu suchen. Ihr heute erscheinendes Debütalbum "Sirène" zeigt, wie weit gespannt diese Suche verläuft: Zwischen Schubert und Wolf, zwischen Debussy und Fauré, zwischen Szymanowski und Honegger, bis zurück zu Purcell und Dowland sucht sie nach Wasserfrauen, Zwittererscheinungen des Weiblichen, und am Ende wird im mittelalterlichen Hymnus "Ave maris stella" ("Meerstern, wir dich grüßen") sogar die Jungfrau Maria dieser Galerie von Wasserfrauen und Zwittererscheinungen des Weiblichen einverleibt.Achtminütiger GlücksmomentDerartige Stilpromiskuität kann furchtbar anbiedernd wirken, als sollte jedes Interesse bedient - Anna Prohaska wählt jedoch fast nur unbekannte Lieder aus, und macht damit vor allem dem neugierigen Hörer ein Angebot. Den stilistischen Anforderungen dieses bunten Repertoires ist sie souverän gewachsen: Lässig streut sie barocke Verzierungen ein oder lässt im Lied an den Mond aus Dvoraks "Rusalka" die Stimme strömen. Sie versteht sich auf die komplex vokalisierte Psychologie bei Szymanowksi ebenso wie auf die ins Kosmische geweitete Innigkeit von Schuberts "Fischers Liebesglück" - in ihrer Interpretation ein nächtlich-intimer Glücksmoment von acht Minuten Dauer. Aber dieses Stilgefühl ist noch gar nicht der Witz.Beeindruckend ist diese CD, weil sich hier das Bild eine künstlerische Persönlichkeit aus Bruchstücken der unterschiedlichsten Epochen sampelt, deren Unterschiede im expressiven Fokus dieser Sängerin an Bedeutung verlieren. Schön, dass die Deutsche Grammophon mit ihrer Marktmacht Anna Prohaska richtig berühmt machen kann - zu hoffen ist nur, dass das kommerzorientierte Label ihr weiterhin derart originelle Produktionen ermöglicht.-----------------------Anna Prohaska: Sirène. Eric Schneider, Klavier, Simon Martyn-Ellis, Laute (Deutsche Grammophon/Universal)------------------------------Foto: Anna Prohaska singt sich souverän durch alle Stile.

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