NAILA/AUERBACH, im Februar. Gottfried Seidel weiß, dass ihm die Zeit zerrinnt. Vor wenigen Tagen haben ihn die Ärzte aus dem Krankenhaus entlassen. Er ist unheilbar krank, eine Operation würde er nicht überstehen. "Ich habe drei Tumore in der Leber", sagt der alte Mann. Seine Stimme stockt, er hat nur noch einen Wunsch: "Bevor ich sterbe, möchte ich noch erleben, dass es Gerechtigkeit gibt."Dies ist die Geschichte Gottfried Seidels, Sohn des Holzhändlers Kurt Seidel aus Auerbach im Vogtland. Es ist die Geschichte eines Mannes, der um seine Jugend und um sein Erbe betrogen wurde und dessen Schicksal weitab des Vogtlands, in Russland, großes Aufsehen erregte. "Die Russen", sagt der 70 Jahre alte Mann, "haben mich verschleppt, aber sie sind auch die Einzigen, die mir beigestanden haben." Seine Landsleute dagegen, "die Deutschen", hat Gottfried Seidel gelernt zu hassen.Nach Sibirien verschlepptWie vor hundert Jahren hält die Vogtlandbahn noch heute am Oberen Bahnhof der Kleinstadt Auerbach. Ein totes Gleis führt über die nahe Straße zu dem Gelände, auf dem sich einmal die Holzhandlung der Gebrüder Seidel befand. Dort steht jetzt ein modernes Lagerhaus mit der Aufschrift "Fruchthof Auerbach". Den Namen Seidel haben die Mitarbeiter des Fruchthofes noch nie gehört, ebenso wenig wie der Chef des Autohauses oder der Schrotthändler, die sich auch auf dem Areal eingemietet haben. Keiner von ihnen weiß, dass einst hier die Familie Seidel wohnte und keiner weiß, was mit ihr geschah. Damals, im Sommer des Jahres 1945."Ich war gerade im Haus, als die deutsche Polizei mich abholte", erzählt Gottfried Seidel, "ich war erst 16." Es war das Kriegsende in Auerbach. Und Gottfried Seidel wusste nicht mehr, wer Freund und wer Feind war. Auf dem Hof der Holzhandlung hatten sich russische Soldaten einquartiert; Seidel hat sie als Beschützer in Erinnerung. Denn diese Menschen standen ihm bei, als "die Deutschen" "die roten Polizisten", wie er sie nennt vorfuhren, um die elterlichen Möbel mitzunehmen. "Ein Russe hob sein Maschinengewehr und hat sie vertrieben", erinnert sich Seidel. Doch als die deutschen Polizisten am 30. Oktober 1945 wiederkamen, um ihn selbst zu holen, konnten ihm die russischen Soldaten nicht mehr helfen. Man überstellte den Jungen der sowjetischen Geheimpolizei, die ihm vorwarf, ein "Werwolf und Heckenschütze" zu sein. "Alles Unsinn", sagt Seidel. "Man brauchte einen Vorwand, um mich wegzufangen und unseren Hof zu enteignen." Er glaubt, dass die deutschen Kommunisten in Auerbach seine Verhaftung wollten und ihn deshalb als "Werwolf" anschwärzten. Der junge Mann wurde auf eine Odyssee durch die Zuchthäuser in Sachsen geschickt, zuletzt ins Lager Mühlberg bei Riesa. Seidel zeigt auf die Narben in seinem Gesicht. "Immer wieder haben sie mich geschlagen." Er verlor vier Zähne. Schließlich kam er auf einen Transport nach Sibirien. "Im Januar 1946 bin ich im Kuzbaz-Becken gelandet. Wir sind fast an den Waggons festgefroren." Wenn der alte Mann davon erzählt, zittern seine Mundwinkel. "Fünf Jahre Sibirien!" Der Bürgermeister als ZeugeSibirien, das hieß für den Jungen: Bergwerk, Kohlenmine, Tag für Tag. Einen Teller dünne Suppe morgens, einen Teller abends, dazu einen Brocken feuchtes Brot. Im Sommer war es brütend heiß, im Winter unerträglich kalt. Nachts wurde er zum Verhör geführt; und die Vernehmer waren Deutsche Wolgadeutsche, sagt er. Noch heute hat er die Stimme eines Inspektors Ochs im Ohr: "Seidel, ich werd dich schmeißen in den tiefen dunklen Schacht, bis dass dir dein Fleisch von den Knochen faule." Nie aber haben sie ihn nach seinem Vater und dessen Mitgliedschaft in der NSDAP gefragt. Doch es war gerade die nationalsozialistische Vergangenheit seines Vaters Kurt Seidel, mit der die Behörden in Sachsen die entschädigungslose Enteignung der Holzfirma begründeten. Kurt Seidel war Mitglied der NSDAP und der SS gewesen. Ein Kriegsverbrecher, so schien es, der bestraft werden musste. Aber so einfach liegen die Dinge nicht im Fall Seidel. Denn als der NSDAP-Kreisleiter Jordan 1941 von ihm verlangt habe, "Sozialdemokraten ans Messer zu liefern", wie der Sohn berichtet, war Kurt Seidel offenbar zur Besinnung gekommen. Er weigerte sich und stand daraufhin vor der Alternative: Gefängnis oder Front. Seidel meldete sich zur Wehrmacht und diente als Kraftfahrer in Italien. Sein Sohn besitzt Fotos, die den Vater in Wehrmachtsuniform bei Rom zeigen. Dann wurde er verwundet, geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde 1947 entlassen. Ein Jahr später stufte die Spruchkammer im fränkischen Wunsiedel Kurt Seidel im Entnazifizierungsverfahren als "unbelastet" und in der niedrigsten Kategorie "Mitläufer" ein. Es war kein "Persilschein", denn es gab acht Zeugen aus Auerbach, die ihm bescheinigten, ein Mann gewesen zu sein, der "die Politik aus seinem Betriebe fern hielt". Einer, der sogar Kommunisten wie den späteren Auerbacher Bürgermeister Bäderhänsel beschäftigt hatte. Bäderhänsel schrieb der Spruchkammer: "Ich habe von Seidel nie einen Vorwurf oder Nachteil erfahren, sogar nicht, wenn ich Gegenpolitik betrieb." Dennoch wurde die Holzhandlung enteignet. Gottfried Seidel wusste davon noch nichts, als er 1950 schwer krank zurück nach Deutschland kam. Er suchte seine Eltern und fand sie in Franken. "Meine Zahnwurzeln faulten, Leber und Niere waren kaputt", erinnert er sich; sein heutiges Krebsleiden, so glaubt er, ist eine Folge davon. Ende der fünfziger Jahre begann Seidel, beim Autokonzern MAN zu arbeiten, wo er es zum Verkaufschef für Nordostbayern brachte. Er konnte sich ein Haus und viele Reisen leisten; mit seiner Frau Emma bekam er drei Söhne. Er wurde ein geachteter Bürger der fränkischen Stadt Naila. Aber tatsächlich ist Gottfried Seidel nie wieder heimisch geworden in Deutschland. In seinem Haus hängt das Foto einer kleinen Hotelanlage. "Kanada", sagt er, "ich habe meinen Söhnen ein Motel gekauft. Ich habe ihnen gesagt: Man braucht immer ein zweites Bein, falls man eines verliert." Sowenig wie er je vergaß, dass ihn "die Deutschen" heimatlos machten, so wenig vergaß er, dass seine alte Heimat in Auerbach liegt. Kaum brach die DDR zusammen, fuhr Gottfried Seidel ins Vogtland. "Die Großeltern haben sich zu Tode gearbeitet, der Vater hat das Seine getan, und das soll alles umsonst gewesen sein?" Seidel wollte das Eigentum seiner Familie wiederbekommen. Er stellte einen Antrag auf Rückerstattung. Dem wurde nicht stattgegeben. Sein Fall wird von den Ämtern hin- und hergeschoben. "Sie warten darauf, dass ich sterbe. Denn sie fürchten den Präzedenzfall." So sieht es Gottfried Seidel.Und tatsächlich könnte die Akte Seidel einige Erschütterungen auslösen. Viele Enteignungen unter der sowjetischen Militäradministration bis 1949 könnten plötzlich wieder auf dem Prüfstand stehen; es gibt eine Reihe von Verfahren, die dem Fall Seidel gleichen. Eindeutige RechtslageDie Rechtslage ist eindeutig: Enteignungen von Kriegsverbrechern unter Besatzungsrecht, urteilte das Bundesverfassungsgericht 1991, können nicht revidiert werden. Wenn sie denn tatsächlich "Kriegsverbrecher" waren. Dies aber, sagt Gottfried Seidel, treffe unmöglich auf ihn und seinen Vater zu: "Wir waren keine Kriegsverbrecher!" Dennoch entschied das Sächsische Amt für offene Vermögensfragen im Jahr 1992, das Auerbacher Grundstück nicht zurückzugeben. Die Treuhand verkaufte das Areal; und die Geschichte schien beendet.Inzwischen hatte der Fall Seidel jedoch eine überraschende Wendung genommen. Seidels Berliner Anwältin Barbara Wilke gelang es 1991, die russische Justiz dafür zu interessieren. "Unser Ziel war es", sagt sie, "eine Rehabilitation der Familie Seidel in Russland zu erreichen" also eine offizielle Bestätigung, dass sie keine Kriegsverbrecher waren. Wilke wollte zudem erfahren, ob Kurt Seidel tatsächlich mit Billigung der Sowjets als Kriegsverbrecher enteignet worden war; denn nur dann wäre diese rechtmäßig erfolgt. Die Akten dazu sind voller Rätsel. So empfahl die Kommission zur "Enteignung von Nazi-Verbrechern" in Auerbach zwar im April 1946, die Firma Seidel "entschädigungslos zu enteignen", und sie stand auch in einer vorläufigen Enteignungsliste von Industriebetrieben in Sachsen. Tatsächlich aber ist bis heute weder in deutschen noch in russischen Archiven ein Papier aufgetaucht, das die rechtmäßige Enteignung der Familie hieb- und stichfest belegt. Beschluss der StaatsdumaStattdessen machte der Fall Justizgeschichte in Russland. In einem Buch wurde Seidels Schicksal vorgestellt, dann beschäftigte sich das russische Fernsehen mit der Familie. 1993 befasste sich sogar die Staatsduma mit der Akte Seidel und änderte daraufhin das Gesetz zur Rehabilitation stalinistisch Verfolgter; ein Passus über "Sippenverfolgung" erlaubt es nun, auch unbeteiligte Angehörige zu rehabilitieren, die schuldlos verhaftet wurden. Im Jahr 1994 wurden Seidel und seine Familie vom russischen Generalstaatsanwalt offiziell rehabilitiert. Die Moskauer Behörden erklärten ausdrücklich, dass Gottfried und Kurt Seidel "in den Listen der Kriegsverbrecher und Naziaktivisten nicht geführt" werden. Die Russen äußerten zugleich die Hoffnung, "dass der deutsche Staat Maßnahmen trifft, um die bürgerlichen Rechte der Erben wiederherzustellen", indem "das konfiszierte, entwendete oder auf anderem Wege entzogene Vermögen zurückgegeben oder sein Wert ersetzt wird." Es waren diese Sätze, die das Sächsische Amt für offene Vermögensfragen dazu brachten, die Akte Seidel wieder aufzuschnüren und im Dezember 1997 einen Beschlussentwurf zu schreiben, der Gottfried Seidel nun sein Erbe zuspricht. Die damaligen Behörden, so heißt es darin, hätten mit der Enteignung bewusst "gegen das geltende Recht der Alliierten" verstoßen. Doch gültig ist der Bescheid bislang nicht. "Das Amt schreckt vor seiner eigenen Courage zurück", sagt Seidels Anwältin Wilke. Immerhin hat der Behördensprecher Stefan Bastheim jetzt signalisiert, dass der Bescheid "in den nächsten sechs Monaten" ergehen werde. Es werde wohl ein positiver sein.Gottfried Seidel aber fürchtet, dass sich seine Geschichte nicht mehr zum Guten wendet. Weiß er doch, dass die Treuhandnachfolgerin BVS den Beschlussentwurf der sächsischen Behörde für "rechtswidrig" hält. Seidel wartet, doch ihm ist klar, dass es noch Jahre dauern kann, bis sein Fall entschieden ist. Jahre, die er nicht mehr hat.