Es ist nicht so einfach, Siegbert Schefke und Aram Radomski gemeinsam auf ein Bild zu bekommen. Und das nicht nur, weil der eine heute in Leipzig wohnt und der andere in Berlin. Sie sind noch immer eng befreundet, sagen sie, aber seit sie vor zwanzig Jahren als Chronisten der Montagsdemonstration in Leipzig Geschichte gemacht haben, wie man hier wirklich sagen kann, ist viel Zeit vergangen. Es gab für sie ein Davor, und jetzt gibt es ein Danach.Kürzlich hat Aram Radomski einen Blick in seine Vergangenheit geworfen, und das Überraschende daran ist, wie überrascht er von sich war. Denn als Zeuge seiner eigenen Erlebnisse ist ihm inzwischen jegliche Art von Retrospektive vertraut. Es gibt Tage, an denen er zu nichts anderem kommt, als davon zu erzählen, wie er alles erlebt hat, die Entscheidung in Leipzig, den Mauerfall, das Ende der DDR. Aber diesmal war es etwas Spezielles. Auf der Suche nach alten Fotos ist er auf ein Porträt von sich gestoßen, an das er sich gar nicht mehr erinnert konnte. "Da sieht mich so ein komischer, junger, zerbrechlicher Kerl an, und da ist mir so richtig klar geworden, wer wir damals waren."Hinter all den Reportagen, Dokudramen und Spielfilmen, die sich seiner Geschichte bemächtigt haben, erscheint das Gesicht eines Romantikers. Es ging ja damals auch darum, eine schwärmerische Idee von sich selbst zu verwirklichen. Radomski sagt, ihm sei wieder diese ganze Zeit bewusst geworden. Eine Zeit, deren Zeuge er ist. Und deren Gefangener.Er schätzt, dass er in den letzten Jahren 150 Interviews gegeben hat. "Ich hätte nicht gedacht, dass mich das Zeitzeugenbusiness so anstrengt", sagt Radomski. "Am schlimmsten ist dieser gesprochene Loop. Diese ewige Wiederkehr des immer Gleichen. Wenn du dich ständig wiederholst, kannst du deine Geschichte nie abschließen. Du steckst darin fest." Er ist jetzt 46 Jahre alt und wird ein bisschen rundlich, seit er nicht mehr raucht. Zwanzig Kilo in zwanzig Jahren, auch das ist eine Bilanz. Aus dem Romantiker ist ein Unternehmer geworden. Seit einer Weile betreibt er in Berlin ein Tapetengeschäft neuen Typs. Man reicht bei ihm das Muster seiner Wahl ein, und er lässt es in einer Manufaktur digital drucken. Er hat dafür das Label Berlintapete erfunden und online vermarktet. An seinem Ladenbüro im Bezirk Prenzlauer Berg kommt dann noch jene Kundschaft vorbei, die ihre Welt aus Raufaser gern hinter sich lassen möchte. "Ich kann nicht klagen", sagt Aram Radomski. Das ist nun sein Leben, und es würde ihm in dieser Form auch reichen.Aber die Vergangenheit lässt ihn nicht in Ruhe. Die Zeitschleife trägt ihn alle Jahre lang zurück ins Gestern. Der Wecker klingelt, und es geht von vorne los.Es ist mal wieder der 9. Oktober 1989. Gemeinsam mit Siegbert Schefke fährt Aram Radomski im Trabant von Berlin nach Leipzig, um die Demonstration zu beobachten, die nach dem montäglichen Friedensgebet in der Nikolaikirche durch die Innenstadt zieht. Im Gepäck haben sie eine Videokamera, eingewickelt in ein Handtuch, falls sie von der Polizei kontrolliert werden. Sie wollen nicht nur sehen, was geschieht, sie wollen es dokumentieren.Seit drei Jahren sind Schefke und Radomski gemeinsam in der DDR unterwegs, um heimlich Szenen aus dem verschlossenen Land aufzunehmen. Über westdeutsche Korrespondenten als Mittelsmänner wird das Material zum Sender Freies Berlin geschmuggelt, wo es in Beiträgen des Politmagazins "Kontraste" eingesetzt wird. So bekommen die Zuschauer im Osten über den Umweg des Westfernsehens zum ersten Mal Bilder der katastrophalen Umweltzerstörung in Bitterfeld und im Uranabbau zu sehen, sie erfahren von Skinheads in Ostberlin und lernen die Köpfe der Bürgerbewegung kennen. Saurer Regen, Verfall der Städte, das sind die Themen. Fast dreißig Beiträge entstehen so, und wenn man in der DDR 1989 von einer revolutionären Situation sprechen kann, dann wurde sie auch durch diese Berichte befördert. "Wir haben uns als investigative Journalisten verstanden", sagt Aram Radomski. Als sie hören, dass es den Westkorrespondenten am 9. Oktober verboten worden ist, sich nach Leipzig zu begeben, fassen sie ihren Entschluss.Die Atmosphäre in der Stadt ist gespenstisch. Es herrscht eine seltsame Ruhe. Alle haben Angst. In einem Aufruf, den die Leipziger Volkszeitung drei Tage zuvor abgedruckt hatte, kündigt ein Kommandeur der Kampfgruppen an: "Wir sind bereit und willens, das von uns mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen, um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand."Es gibt Gerüchte, jeder hat etwas gehört. Die Krankenhäuser sollen auf die Versorgung von Schussverletzungen vorbereitet worden sein, tausende Blutkonserven seien angefordert worden. Es geht um alles. Auch wenn sich die Lage am Abend durch eine Initiative Leipziger Bürger und Parteifunktionäre ein wenig beruhigt, droht jedem, der sich in der Stadt bewegt, Gefahr. Erst recht, wenn er eine Kamera dabei hat.Die beiden Videopiraten steigen auf den Turm der Reformierten Kirche und beziehen dort Position. Das Gebäude liegt direkt am Leipziger Ring, der Wegstrecke des Demonstrationszuges. "Wenn du da oben sitzt und die Leute auf dich zukommen siehst, dann weißt du, jetzt passiert etwas ganz, ganz Besonderes", sagt Radomski, "Das habe ich auch mit sechsundzwanzig begriffen." 70 000 Menschen sind auf der Straße.Als die Aufnahmen am nächsten Abend in der Tagesschau zu sehen sind, hört das Publikum im ganzen Land zum ersten Mal die Losung "Wir sind das Volk!". Bald hört sie die ganze Welt. Die Bilder, die Schefke und Radomski in jener Nacht gefilmt haben, laufen in der BBC, auf CNN, überall.Jetzt laufen sie wieder überall, zumindest im deutschen Fernsehen. Gerade hat Siegbert Schefke das Band an RTL verkauft. Jede angefangene Minute kostet tausend Euro, das ist vergleichsweise günstig, aber über die Jahre addiert es sich. Schefke sagt, dass er einen Teil an die Organisation "Reporter ohne Grenzen" spendet, aber nicht alles. Er arbeitet heute als freier Journalist für den Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig. Gemeinsam mit Aram Radomski hält er die Urheberrechte an dem Material. Insgesamt 21 Minuten haben sie an jenem 9. Oktober gedreht, eine Woche später waren sie nochmal in Leipzig, haben aus einer Aktentasche heraus gefilmt, aber für diese Bilder interessiert sich heute keiner mehr. So verdampft die Geschichte von Jahr zu Jahr, bis eines Tages nur noch zehn (Fortsetzung auf Seite 26) (Fortsetzung von Seite 25) Sekunden "Wir sind das Volk" übrig sind. Woher die Leute kamen und wohin sie gingen, wird sich kaum noch jemand fragen."Witzig, dass ich wieder in der Heldenstadt gelandet bin", sagt Siegbert Schefke. Er bittet in einer Sitzecke in der fünften Etage des MDR-Hochhauses in Leipzig zum Gespräch. In dem riesigen schwarzen Ledersessel richtet er sich in etwa so behaglich ein wie in seiner Funktion als Zeitzeuge. Er spricht gern über damals und klettert für ein Kamerateam auch nochmal auf das Dach jenes Wohnhauses in Berlin, über das er am 9. Oktober 1989 den Observateuren der Staatssicherheit entwischt ist. Auch er muss die Geschichte immer wieder erzählen. Bei ihm hat sie sich durch die ewige Wiederholung allmählich in eine Story verwandelt.Siegbert Schefke wurde 1959 in Eberswalde bei Berlin geboren. Anfang der 80er-Jahre war er an der Hochschule für Bauwesen in Cottbus immatrikuliert, zwischendurch musste er sein Studium ein halbes Jahr unterbrechen, weil er eine Petition gegen Atomraketen in Ost und West unterschrieben hatte. Nach der Ausbildung war er auf Baustellen in Marzahn und Hohenschönhausen an den Plattenbauten eingesetzt, spezialisiert auf die Fuge.Als er 1983 von einer Urlaubsreise aus Ungarn zurückkam, haben ihm die Grenzer ein Buch von Heinrich Böll abgenommen, "Ansichten eines Clowns". Ab 1985 durfte er die DDR nicht mehr verlassen, nicht mal in die Tschechoslowakei, 1986 hat er die Umweltbibliothek in Berlin mitgegründet, 1987 die Fernseharbeit für den SFB aufgenommen. Am Ende waren bis zu dreißig Stasi-Leute auf ihn angesetzt. Das ist die Kurzfassung seines Weges vom Bauingenieur zum Staatsfeind.Vor ein paar Tagen hat Schefke den ehemaligen Stasi-Oberleutnant Sven Schwanitz getroffen, der den "Operativen Vorgang Satan" koordiniert hat. Unter diesem Code wurde Schefke vom MfS geführt. Bei einer Talkshow sollten sie sich aussprechen. Am Ende fragte Schefke den reumütigen Mann, was er eigentlich privat von ihm gehalten habe, so als Mensch. "Außerhalb der Aktenlage haben wir uns gesagt, dass Sie ein verdammt cleverer Hund sind", erwiderte der Offizier.Nachdem die Grenze offen war, ist Siegbert Schefke für acht Monate auf Vortragsreise in die USA gegangen. Er hat an Universitäten gesprochen, deutschen Schulen, Goethe-Instituten. "Die einen wollten was über die Rolle der Künstler wissen, die anderen über die Opposition, die dritten über Wirtschaft. Da ist man flexibel", sagt er. Sie hatten wahrscheinlich noch nie einen Ostdeutschen gesehen. Lange Haare, Bart, das passte gut in die Vorstellung. So hat hat er den Amerikanern die DDR erklärt. Der Zeitzeuge hatte seine frühe Berufung gefunden.Neulich hat er mit Jugendlichen in Saarbrücken telefoniert, die sich beim Vereinigungsvolksfest in einem DDR-Bus versammelt hatten. Was wollten sie von ihnen wissen? "Wie das Leben in der DDR war." Was sagen Sie dazu einem Zwölfjährigen? "Ich erzähle dann immer die Geschichte mit dem Böll-Buch, das sie mir mal weggenommen haben."Als Siegbert Schefke aus Amerika zurückkam, habe es für ihn drei Alternativen gegeben, sagt er. Pressesprecher bei Greenpeace, Bauleiter oder Redakteur. Er ist zum MDR gegangen. Vorher hat er sich die langen Haare abgeschnitten, um seinen Intendanten nicht zu erschrecken. Jetzt lässt er sie sich wieder wachsen. Er ist fünfzig geworden, das ist ein Alter, in dem die Sehnsucht nach der Jugend besonders groß ist. Mit seiner Frau und den zwei Töchtern wohnt Siegbert Schefke in einem alten Schulgebäude am Rand von Leipzig. Die Kinder gehen auf die internationale Schule. Sie sollen Sprachen lernen, die Welt entdecken. Das sei ihm wichtig, sagt er, weil er es so bitter vermisst habe in seinem früheren Leben.Als es nichts mehr groß zu bereden gibt, sagt Siegbert Schefke in die Stille hinein: "Eine Frage haben Sie noch nicht gestellt."Welche wäre das?"Ob ich mich als Held fühle."Und, fühlen Sie sich als Held?"Wenn Leipzig eine Heldenstadt ist, muss es ja auch Helden geben."Muss es das wirklich? Schwer zu sagen, wenn man selber keiner ist.Auch Aram Radomski war nicht unbedingt zum Helden geboren. Die Liebe zu einem zauberhaften Mädchen hat seinem Leben einen Weg gewiesen, der ihn schließlich auf den Turm der Leipziger Kirche führte. Radomski ist auf einem Dorf in der Nähe von Neubrandenburg groß geworden. Seine Mutter hat ihn und die beiden Geschwister allein großgezogen. Sein Vater, der Schriftsteller Gert Neumann, 1969 aus der Partei aus geschlossen und in der DDR nie publiziert, lebte in Leipzig, wo ihn der Junge manchmal besuchte. Hier kommt schon Leipzig ins Spiel, aber bis 1989 ist es noch ein Stück hin. Aram Radomski lernt Agrotechniker, aber das ist nichts für ihn. Er fotografiert, will was mit Kunst machen und schlägt sich als Hilfsarbeiter im Krankenhaus von Neubrandenburg durch.Als er zwanzig ist, zieht er nach Plauen, Heimstatt des Blues, arbeitet als Heizer an der Fachschule für Ökonomie und lernt dort eine mongolische Studentin kennen, die Liebe seines Lebens, wie er heute sagt. "Blauschwarze Haare, eine Prinzessin, Sie wären umgefallen, wenn Sie diese Frau gesehen hätten." Was er damals nicht weiß: Seine Prinzessin ist verheiratet, und sie hat einflussreiche Eltern, denen die Beziehung ihrer Tochter zu dem langhaarigen Typen nicht gefällt. Er muss verschwinden. Aram Radomski wird beim Fasching aus dem Verkehr gezogen. Die Stasi-Leute schlagen ihn zusammen, treten ihn mit Füßen. Er wird weggesperrt und später zu sechs Monaten Haft verurteilt, wegen staatsfeindlicher Hetze.Bis zum letzten Tag sitzt er seine Strafe ab. Am 10. August 1983 wird er aus dem Gefängnis in Zeithain bei Riesa entlassen. "Als ich aus dem Knast kam, war ich schlecht gelaunt", sagt Radomski. Die Pointe kann den Schmerz nicht überspielen, selbst nach dieser langen Zeit nicht. Seine schöne Freundin sollte er nie wieder sehen. Irgendwann hat er aufgehört, nach ihr zu suchen. "Es ist besser, einen Abschluss mit seiner Vergangenheit zu finden, sonst wird es ungesund."Die Demütigungen haben Aram Radomski radikalisiert, wie er sagt. "Vorher war ich so ein linksdenkender Rebell, der sich nichts vorschreiben ließ." Danach wollte er es den Genossen heimzahlen.Am 23. Oktober 1989 war es dann damit vorbei. "Wir sind nochmal nach Leipzig gefahren, aber als ich dort den Übertragungswagen der Aktuellen Kamera gesehen habe, war mir klar, der Thrill ist raus. Ich habe zu Siggi gesagt, wir können abreisen."Jetzt bekommt das Bild der beiden Freunde, die nicht unzertrennlich sind, einen Riss. In den neunziger Jahren sehen sie sich kaum. Schefke geht nach Amerika, dann zum MDR. Radomski geht nirgends hin. "Ich war müde von dem, was war. Ich wollte ein ganz normales Leben führen." Er hat sich zunächst einmal verliebt, in eine Frau aus dem Westen. Sie haben sich nicht verstanden. Er hat sich noch öfter verliebt, seine vier Kinder sind von drei Frauen. Heute lebt er allein.Ihn haben sie auch gefragt, ob er am Vereinigungstag mit den Leuten in Saarbrücken telefonieren würde. "Ich habe gesagt, was wollen Sie von mir, dass ich so einen Telefonjoker mache? Einen Zeitzeugenjoker, den man überall einbauen kann?"Die Einladung zum Tigerentenklub hat er allerdings angenommen, und es gleich darauf bereut.Er kann sich nicht dagegen wehren, dass Geschichte immer stärker ins Anekdotische verkürzt wird. Er könnte nur schweigen. Aber das ist auch keine Lösung. Also spricht er weiter über sich und versucht zumindest seine Selbstwahrnehmung zu behaupten. "Man wird von außen zum Helden stilisiert. Aber man muss aufpassen, dass man nicht anfängt, daran zu glauben. Mir hat das früher nie gefallen, wenn Leute, die in ihrem Leben mal was richtig gemacht haben, ewig darauf herumgeritten sind."Am liebsten ist Aram Radomski im heimatlichen Mecklenburg. Er besitzt ein Haus bei Feldberg.Dort fotografiert er Bäume.------------------------------"Witzig, dass ich jetzt wieder in der Heldenstadt gelandet bin." Siegbert Schefke"Ich finde es wichtig, bescheiden den Blick zu wenden und zu sagen, jaja, dass war mal so ein Zeitabschnitt in meinem Leben." Aram RadomskiFoto: Leipzig am 9. Oktober 1989. Die Montagsdemonstration passiert das Centrum-Warenhaus unweit des Hauptbahnhofs.Foto: Zwanzig Jahre danach: Siegbert Schefke (l.) und Aram Radomski.